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Full text of "Sephardim, romanische Poesien der Juden in Spanien, ein Beitrag zur Literatur und Geschichte der spanisch-portugiesischen Juden"

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8EPHARDIM. 



ROMANISCHE POESIEN DER JUDEN IN SPANIEN. 






SEPHARDIM. 



ROMANISCHE POESIEN DER JUDEN 

IN SPANIEN. 

EIN BEITRAG ZUR LITERATUR UND GESCHICHTE DER 
SPANISCH-PORTUGIESISCHEN JUDEN. , 

VON 

DR M. KAYSERLING. 



DAS EECHT DER UEBERSETZUNG WIRD VORBEHALTEN. ^ y 

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1859. 



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DEN HERREN 



EMIL UND ISAAC PEREIRA 



IN PARIS. 



Vorwort. 



ton allen Forschungen, welche in unserer Zeit mit auf- 
opfern^der Mühe und seltenem Fleisse gepflegt werden, liegt 
keine unbebauter als die spanisch -jüdische Literatur. Das Ver- 
langen, einmal, wenn auch nur versuchsweise, zu zeigen, was die 
Juden auch auf dem Gebiete dieser Literatur geleistet und geboten, 
gedichtet und empfunden haben , wie auch sie haben bauen , er- 
richten und stützen helfen das grosse Gebäude dieser Sprach- 
elemente , wie auch sie trotz alles Druckes dem allgemeinen 
Bildungsgange gefolgt sind, wie sie, selbst heimathslos und um- 
herirrend, der Heimathssprache treu ergeben blieben , mit einem 
Worte, zu zeigen, welche Stellung die Juden in dem poetischen 
Theile der spanischen Literatur einnehmen — dieses Verlangen 
beseelte mich bei der Ausarbeitung dieser Schrift, welche ich 
hiermit als das Ergebniss mehrjähriger Forschung allen Freunden 
der romanischen und jüdischen Literatur, insbesondere aber den 
Nachkommen meiner spanisch -portugiesischen Glaubensgenossen 
tiberreiche. 

Nach guter alter Sitte benutze ich diese Stelle, um noch Man- 
ches vorzubringen, was weniger den grossen Leserkreis, welchen 
ich meinemBuche wünsche, als die Kritiker, die gelehrten Forscher, 
die Männer vom Fach angeht. Ich halte es für meine Pflicht, sowohl 
über den Plan , welchen ich in dieser Schrift verfolgte, als auch 
besonders über das Material, aus welchem sie entstanden, 
Rechenschaft abzulegen und gleichzeitig von dem Vielen , was mir 
sonst noch auf dem Herzen liegt, wenigstens Etwas hervorzuheben. 

Dem freundlichen Leser sollen hier Poesien, romanische Poesien, 
eineGeschichte derpoetischenLiteratur der spanisch- 



VllI 

portugiesischen Juden geboten werden. Der erste Tadel, 
der mich vielleicht treffen könnte, wäre, dass ich das mir gesteckte 
Ziel aus den Augen verloren und statt der versprochenen Poesien, 
deren Füsse und Silben man nicht zu zählen beliebe, und welche 
oft ja nicht einmal für solche gelten können , nicht seilen meine 
Leser mit Geschichte und Geschichten unterhalte. Etwas Anderes, 
höre ich sagen , ist Geschichte , etwas Anderes Literatur. Dieses 
wurde reiflich von mir überlegt. Meiner Ansicht nach ist der von 
mir in dieser Schrift eingeschlagene Weg , wenn auch nicht der 
einzig richtige , so doch schlechterdings der einzig mögliche. Ge- 
schichte lüsst sich eben so wenig von Literatur trennen, wie Lite- 
ratur von Geschichte: ein Grundsatz, welcher besonders von allen 
Historikern jüdischer Geschichte und Literatur beherzigt werden 
sollte. Hängt schon jede geistige Thätigkeit des Menschen mit 
seinen äusseren Verhältnissen und Lebensumständen aufs innigste 
zusammen, so treten diese bei dem Dichter um so merklicher her- 
vor. Der Dichter wird so sehr von der ihn umgebenden Lage 
bestimmt und geleitet, angeregt und gehoben, dass es vielmehr 
als ein Mangel erscheinen müsste, die einzelnen Männer der 
Muse ausser allem Zusammenhang mit dem grossen Getriebe der 
Geschichte und Zeiten behandelt und vorgeführt zu haben. Ich 
wollte in dieser Schrift, und wie weit es mir gelungen, überlasse 
ich der Beurtheilung der geneigten Leser, ein Gemälde liefern, auf 
welchem Geschichte die Grundfarbe und die Dichter gleichsam die 
Schattirungen bilden sollten. Meine Musensöhne sollten gruppen- 
weise aus dem historischen Hintergründe hervortreten und mit 
der Geschichte der Zeiten und Länder, in welchen sie lebten, 
ein Ganzes bilden. 

Was das zu der Schrift benutzte Material betrifft, so musste 
ich mir Alles aus Bibliotheken und Büchern mühsam zusam- 
menholen, denn der Vorarbeiten fand ich so wenig vor, dass ich, 
ohne der Bescheidenheit zu nahe treten zu wollen , wohl be- 
haupten darf, mir selbst den Weg gebahnt zu haben. Erst vor 
10 Jahren eröffnete sich durch einen gelehrten Spanier diesen 
Forschungen ein neues Feld. D. JoseAmadorde los Bios, 
der Verfasser der Estudios historicos , politicos y literarios sobre 
los Judios de Espana (Madrid 1 848] , machte in dem zweiten 
Theile dieser häufig von uns benutzten Schrift den immerhin 
schätzbaren und verdienstvollen Anfang , einige hervorragende 



IX 



Dichter jüdischen Geschlechts zusammenzustellen» Bei allen Vor- 
zügen , welche dieses seiner Art bis jetzt einzige Werk hat , bot 
es mir in den meisten Fällen dennoch weiter nichts als Producte 
und Proben aus Manuscripten und Büchern, welche hier zu Lande 
gar nicht oder nur sehr selten angetroffen werden. Viele der Per- 
sonen, welche de los Bios nur nennt, sind von mir in möglichster 
Ausführlichkeit behandelt, und eine nicht unbeträchtliche Anzahl 
ist neu hinzugekommen, von denen sich bei ihm keine Spur findet. 

Alle anderen dieses Gebiet berührenden Werke mussten — 
etwa Adolph de Castro und Ticknor ausgenommen — nicht 
ohne Bedauern bei Seile gelegt werden. Lindo's History of the 
Jews of Spain and Portugal (London 1848), ein Werk, über dessen 
geschichtlichen Werth oder Unwerth ich mich hier nicht auslassen 
will, ist hinsichtlich der Literatur ganz unbrauchbar. Jost, dessen 
Verdienst Niemand in Abrede stellen wird , konnte sich zur Zeit, 
als er eine Geschichte der Juden schrieb, den Männern der eigent- 
lich spanischen Literatur nicht zuwenden , und was er über sie 
vorbringt, ist, wie er selbst gesteht, dem unkritischen Compilator 
Rodr. de Castro entnommen. Noch eines Tümmlers auf dem 
Gebiete der historischen Wissenschaft habe ich hier zu gedenken : 
James Finn schrieb vor 1 7 Jahren eine Geschichte der spanischen 
Juden unter dem Titel »Sephardim, History of the Jews in Spain 
and Portugal« (London 1841) zusammen, eine Missionsschrift, ein 
elendes Machwerk , welches den Namen Geschichte in einer ab- 
scheulichen Weise entehrt. 

Sind auch die von mir benutzten Quellen und Bücher in den 
Noten genau und mit möglichster Sorgfalt angegeben worden, so 
will ich doch die mannigfache Freundlichkeit, Zuvorkommenheit 
und Hilfe nicht unerwähnt lassen, welche mir bei meinem Vor- 
haben zu Theil wurden. Meine Dankbarkeit würde aber fast 
ruhmredig herauskommen und einer Arbeit, die alle Ursache hat 
bescheiden aufzutreten , einen Anstrich geben , den sie und ihr 
seiner Schwäche sich bewusster Autor nicht ertragen möchten, 
wollte ich mich hier in Einzelheiten auslassen. 

Zu nicht wenigem Dank bin ich sowohl dem grossen Kenner 
der romanischen Literatur, dem trefüichen Ferdinand Wolf in 
Wien, durch seine mich wahrhaft beschämende Zuvorkommenheit 
und durch einzelne Mitlheilungen verpflichtet geworden , als auch 
dem gelehrten Bearbeiter der Bodlejana, unserem Steinschnei- 



% 



der, welcher mir Manuscriple und diesen an Seltenheit gleich- 
stehende Druckwerke mit vieler Freundlichkeit zur Benutzung 
Uberliess und zu jeder gewünschten Auskunft sich stets bereit 
fand. 

Auch der humanen Verwaltungder hiesigen königlichen Biblio- 
thek schulde ich meinen Dank. Es wurden mir nicht allein ihre 
eigenen Schätze zur freien Benutzung gestellt, sondern auch auf 
Verwenden des Herrn Ober-Biijüothekars Geheimrath Dr. Pertz 
seltene Werke anderer Bibliotheken verschafft, und es mögen 
namentlich die Herren DD. Gosche, Kon er. Kunstmann, 
Pfund, Sybel für die Güte, womit sie meinen häufigen Bitten 
und Wünschen nachzukommen bemüht waren, in wenigen Worten 
des Dankes ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit finden. 

Somit sei mein Buch allen Freunden und Pflegern der Literatur 
bestens empfohlen. Möge es bei Allen Beachtung finden, denen 
der Entwicklungsgang und Culturzustand der jüdischen Nation 
nicht gleichgültig ist; möge das Ganze so beifällig aufgenommen 
werden , wie die einzelnen Theile , welche ich in den letztver- 
flossenen Jahren in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte und 
die sich wohl weniger über Tadel als über allzu grosses Lob zu 
beklagen haben. 

Dem Heimathslande der Dichter und Märtyrer, welche in dieser 
Schrift vorgeführt und ins Leben zurückgerufen werden, dem lieb- 
lichen Spanien und dem gesegneten Portugal mit ihren reichen 
Bibliotheken und zum Theil unbenutzten Schätzen, den emsigen 
Pflegern der Literatur und Geschichte de los Bios, Gayangos, Pidal, 
Herculano u. A., sowie allen meinen Brüdern und Glaubensgenossen 
des spanisch -portugiesischen Geschlechts sende ich zum Schlüsse 
meinen Gruss ! 

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Berlin, den 10. August 1858. 

M. Eayserling. 



Inhalt. 



Erstes Capitel. 



Seile 



Uebersichtliche Geschichte der Juden in Spanien bis zum Tode 

AlphonsXI 1—17 

Zweites Capitel. 

Die spanische Literatur im 14. Jahrhundert. Rabbi Santob de 

Carrion 17 — 4 5 

Drittes Capitel. 

Die politische Lage der Juden in Spanien von der Mitte des 14. bis 
in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Ihre innern Verhältnisse. 
Die Familie Santa Maria. Das Dichterleben am Hofe Juan II. 46— 80 

Viertes Capitel. 

Heinrich IV. Ferdinand und Isabella. Die Neuen-Christen und 
ihre Leiden. Anton de Monloro, Juan Poeta u. A. Die Inqui- 
sition ; ein ungenannter Dichter über dieselbe. Vertreibung 
der Juden 80—108 

Fünftes Capitel. 

Wanderungen der spanischen Juden , Türkei, Berberei , Italien. 
Die Juden in Portugal. Sprache und Literatur der ausgewan- 
derten Juden. Die spanische Bibel-Uebersetzung. Die Familie 
üsque. Hebräisch-spanische Gedichte 109-144 



XII 



Sechstes Capitel. 

. Seite 
Rückblick auf Spanien. Carl V. Philipp II. Moses Pinto Delgado. 
Gongalo Delgado. Die Juden in Holland. David AbenalarMelo. 
Antonio Alvares Soares. Paul de Pina , David Jeschurun u. A. i 45—1 78 

Siebentes Capitel. 

Die Heldendichter: Jacob Usiel , Miguel de Silveyra. Abraham 
Gomez de Silveyra, Isaac Cardoso, Abraham Cardoso. Diego 
Beltran Hidalgo 4 78—196 

Achtes Capitel. 

Menasse ben Israel. Opfer der Inquisition. Jonas Abrabanel. 
Joseph Bueno. Immanuel Nehemiah. Emanuel Gomez, Ro- 
sales u. A. David Zarphati de Pina. Antonio Enriquez Gomez, 
Villa-Real, Diego Enriquez Basurto 197—244 

Neantes Capitel. 

Dichter in der Armee. Die jüdischen Dichterinnen. Miguel — 
Daniel Levi — de Barrios, Das poetische Marlyrologium. Die 
Familie Belmonte, die Akademie und die Akademiker. . . . 244 — 293 

Zehntes Capitel. 

Amerika. Daniel Israel Lopez Laguna u. A. Jacob de Castro Sar- 
mento. Hamburg: Joseph Frances, de Lara. Die Familie Leon. 

Joseph de la Vega. Antonio Joseph. Schluss 293 — 324 

/ 

Noten 325—364 

Register der Personennamen 365—370 



Erstes Capitel. 

üebersichlliche Geschichte der Juden in Spanien bis zum 
Tode Alphons XI. 

Wunderbar und unerforschlich sind die Bahnen, welche dem 
jüdischen Volke von der Vorsehung selbst vorgezeichnet sind. Auf 
dem ganzen Erdenrund zerstreut, gibt's keine Gegend, wohin die- 
ses seit Urzeit her zum Wandern bestimmte Nomadenvolk nicht 
gedrungen wäre. 

Nächst den beiden sich in der Weltherrschaft ablösenden 
Städten, Sparta und Rom, welche in den allerfrühesten Zeiten Ab- 
kömmlinge dieser orientalischen Familien in ihren Mauern als Ge- 
sandte oder vor den Triumphwagen der stürmischen Welterobe- 
rer erblickten, war es in Europa besonders die hesperische Halb- 
insel , welche wohl zuerst Juden zu Einwohnern hatte. Ob Sa- 
lomo dorthin seinen Schatzmeister schickte, um Steuern zu erhe- 
ben, wie ein mit jüdischer Inschrift versehener Denkstein es glau- 
ben machen will ; ob zur Makkabäerzeit die Juden dort schon 
weilten, wie die erst jüngst in dem alten Tarracona aufgefundenen 
Münzen vermuthen lassen und ob unter Herodes in Toledo schon 
eine jüdische Gemeinde sich gebildet hatte, welche in einem Briefe 
an den Hohenpriester Eleazar und den hohen Senat zu Jerusalem 
von der Kreuzigung des Stifters der christlichen Religion abgera- 
then haben soll, — diese Fragen lassen wir hier unbeantwortet 
und begnügen uns mit der Annahme, dassTitus, dass Hadrian die 
aus dem Vaterlande verjagten Juden dorthin verpflanzten. Genug, 
als asiatische Flüchtlinge oder als von den römischen Verwüstern 
der heiligen Zionsstadt verbannte Golonisten fanden sie früh un- 

Kayserling, Sephardim. j| 



ler dem sich selten wölkenden Himmel Spaniens, in diesem, ihrer 
einstigen geliebten Heimalh so ähnlichen Klima Ruhe und Erho- 
lung von ihrem Leiden. 

Erst als der Katholicismus auch in diesem Lande sein Panier 
erhob und mit ihm die den Juden stets furchtbare Geistlichkeit 
auch hier zu Macht und Ansehn gelangte, hörte diese im undurch- 
dringlichen Dunkel verhüllte Ruhe den Juden auf. 

Sobald der Gothenkönig Reccared ad fidem catholicam sich 
wandte und mit der Bekämpfung des Toleranz und Duldsamkeit 
predigenden und übenden Arianismus seine ihm willig folgenden 
Gothen der allein seligmachenden Kirche zuführte, sobald dieser 
selbst vom heiligen Vater beneidete Fürst durch die Religion auch 
die damals schon fehlende Einheit im Staate wie im Bekenntnisse 
einzuführen bestrebt war, wurden auch die Juden aus ihrer Ruhe 
aufgescheucht, fing auch ihr Leiden vom Neuen wieder an. In 
dieser barbarischen Zeit , in welcher die fanatischen , von Glau- 
benseifer und Geldgier entbrannten Könige der eben nicht unge- 
bildeten Gothen den Juden ihres Landes ein besonderes Augen- 
merk schenkten, wo Reccared sie von den Gläubigen trennte, Si- 
sebut sie gar aus dem Lande jagte, Receswinth, Chindaswinth 
und der von dem grossen, jüdischen Erzbischof *) und Staatsmann 
ganz geleitete Egica die sich wieder eingeschlichenen Juden mit 
den härtesten aller Beschlüsse bedrückte , in jener Zeit war es 
nicht allein die verworfene und gehetzte Menschenrace , welche 
nicht dichtete und nicht sang , auch die .Verfolger selbst hatten 
weder Harmonie, noch Poesie, ja die Sprache, das eigentliche 
Element des staatlichen Selbstbewusstseins, war ihnen als solche 
abhanden gekommen, und statt des schönen, kunst- und kraft- 
vollen Latein, dieses alten Bindemittels der occidentalischen Völ- 
kerschaften, hatten sich einzelne barbarische Dialekte in den ver- 
schiedenen Gegenden der Halbinsel eingebürgert. 

Und die Juden 1 Sie , die bei allen Verfolgungen und Leiden 
ihre Geistesfrische sich bewahrt und wie auch das Damokles- 
schwert immer über ihren Nacken schwebte, doch gedichtet und 
gesungen haben, sie, die für die von den grausamen Mitmenschen 
ihnen bereiteten Wehen in ihrem Geiste und mit ihrer Geistes- 
thätigkeit sich zu entschädigen verstanden , in dieser Epoche des 
politischen und religiösen Druckes befand sich auch ihr Culturle- 
ben in einem sehr argen, nie geahnten Zustande. 



3 

Fern von aller niihern Verbindung mit den beiden Lilnder- 
strichen , wohin die jüdische Gelehrsamkeit nach der Zerstörung 
der heiligen Stadt und nach der Einäscherung des gemeinschaft- 
lichen Heiligthums sich geflüchtet hatte , ohne alle Beziehung zu 
Palüstina und Babylon, in deren Schulen und Akademien zu jener 
Zeit die von der ganzen Welt angestaunte Sammlung lebendiger 
Discussionen als Gesetz und Norm sanctionirt worden , hatten die 
Juden der durch ihre natürliche Lage auf Abgeschlossenheit wir- 
kenden hesperischen Halbinsel selbst die ihnen geheiligle Sprache 
des Stammlandes verlernt , ihr eigenes Gesetz nicht zu befolgen 
gewusst und nur noch den blossen Rahmen ihrer Religion, die mit 
der Muttermilch eingesogene Liebe zum Judenthume, jene Liebe 
bewahrt, die noch gern jedes Opfer willig bringt. Auch ihr Cul- 
turleben war gleich dem der übrigen Völkerschaften gesunken und 
durch die Strenge der gegen sie decretirten Beschlüsse, die Grund- 
pfeiler der feuerschnaubenden Inquisition, in Verfall gerathen ^) . 

Eine stammverwandte Nation war berufen diesen jammerli- 
chen Zuständen ein Ende zu machen. 

Das einst mächtige Gothenreich lag im Todeskampf, innere 
Revolten, Unzufriedenheit des Adels und der Fürsten mit den 
Königen und der Geistlichkeit, die letzten Concilien mit ihren, aller 
Menschlichkeit hohnsprechenden Beschlüssen gegen die Juden be- 
schleunigten die Scheidestunde und die Araber waren durch den 
bedrücktesten Theil der Bevölkerung herbeigerufen, dem kraftlo- 
sen Reiche den letzten Stoss zu versetzen. 

Die Schlacht bei Xerez de la Frontera entschied über das Ge- 
schick des nunmehr aus der Völkergeschichte schwindenden Go- 
thenreiches. 

Die Siege der Tarek und Mouza brachten den Juden und ih- 
rer Geschichte eine neue Epoche, ihrem Cultur- und Geistesleben 
eine neue Blüthezeit. 

Schon wenige Jahre nach dem ersten Erscheinen der beschnit- 
tenen Christenfeinde war die ganze Halbinsel in ihrem Besitze. 
Ecija, Malaga, Elbira wurden genommen, Cordova wurde er- 
stürmt und den Juden zur Bewachung übergeben , Granada öff- 
nete seine Thore und Toledo's jüdische Bevölkerung jubelte dem 
sehnsuchtsvoll erwarteten Retter entgegen. Von einem christ- 
lichen Spanien war kaum noch die Rede, alle Provinzen huldigten 
den asiatischen Erol^erern. 



Nur ein winziges Häuflein mit dem sagenhaften , tapfern Pe- 
layo an der Spitze suchte hinter den vor Ueberfall sichernden 
Bergen Asturiens Schutz — um einst mit den in sich verwahr- 
ten Schätzen, der Freiheit und ihrem Glauben, hervorbrechen zu 
können. • 

So waren die Araber die Herren der Halbinsel , die Väter der 
Unterdrückten , die Befreier ihrer geknechteten Stammsgenossen ; 
sie wurden aber auch die Lehrmeister der unterworfenen Völker- 
schaften und sie die ersten, welche den in der Knechtschaft einge- 
schlafenen Geist der geistesthätigen Juden wieder weckten. 

Die neuen Herren Spaniens , welche in jener Zeit alle Vor- 
theile der von ihnen eroberten Länder sich zu Nutze machten, 
verflanzten auch, sobald sie diesem neu gewonnenen Erdstriche 
das Siegel ihrer Herrschaft aufgedrückt hatten , dorthin zugleich 
mit ihrer Religion ihre Gultur, ihre Sprache, ihre Wissenschaft, 
ihre Poesie. Sie waren ja die Inhaber der ältesten Schatzkammer 
menschlichen Wissens: das "lächelnde Klein-Asien, die Wiege aller 
Poesie und aller Künste , gehorchte ihrem Scepter und die Mee- 
resküste des durch den Gürtel der Glutzone von aller Verbindung 
abgeschlossenen Erdtheils, die Heiraath des feinsten Geistes und 
der ungestümsten Beredsamkeit war ihnen unterthänig. Dieses 
Nomaden volk, hundert Jahre vor dem Erscheinen auf spanischem 
Boden noch so grausam und geistesblind , dass es kein Bedenken 
trug, die grösste und schönste Bibliothek der damaligen Weltstadt 
den Flammen zu übergeben, war nun von der leidenschaftlichsten 
Liebe zu Künsten und Wissenschaften ergriffen und hatte sich mit 
aller Kraft auf die Veredlung und Verpflanzung der Geistespro- 
ducte geworfen. 

In den Hauptstädten entstanden Akademien, allenthalben 
wurde gelehrt, allenthalben geforscht; mehr als 70 Bibliotheken 
waren in den verschiedenen Städten Spaniens dem öflentlichen 
Gebrauche übergeben und das in einer Zeit , wo das übrige Eu- 
ropa in Finsterniss , ohne Gultur , ohne Bildung , in der grössten 
Unwissenheit lebte. 

Was wäre wohl aus Europa, was aus Italien, was aus Deutsch- 
land geworden , wenn nicht damals die Wissenschaft in Spanien 
eine neue Heimath gefunden hätte? 

Willig nahmen die Juden , welche als Lohn für die den Ara- 
bern bei der Eroberung des Landes geleistete Hilfe ihrem sie ganz 



beglückenden und beseligenden Glauben leben konnten, die ihnen 
aus geliebten Gegenden neu zugeführten Elemente in sich auf, mit 
neuer jugendlicher Kraft stürzten sie sich auf die ihnen gereich- 
ten, geistigen Schätze , verarbeiteten sie selbstständig und mach- 
ten sie zu ihrem Eigenthume. 

Auch in dieser Zeit des neuen Lebens trat die Religion und 
das religiöse Bedürfniss in den Vordergrund. 

Das Studium des Talmuds brach zuerst an allen Orten wie- 
der durch , und ehe noch der maurische Pirat den gelehrten R. 
Moses und dessen Söhnchen Chanoch nach Cordova brachte, hatte 
sich dort schon eine jüdische Akademie, eine Pflanzstätte des jü- 
dischen Lebens und Wissens gebildet. Aengstlich schaarte sich 
das jüdische Häuflein um das sie durch alle Zeiten und Stürme ge- 
führte Kleinod, ihr Gesetz, sorgsam waren sie bemüht, ihre Ge- 
bete zu ordnen und Gesänge und Dichtungen in dieser, ihnen 
Ruhe und Müsse zum Singen und Dichten gewährenden Zeit zum 
Lobe des Herrn zu verfassen. Da finden wir die vom göttlichen 
Geist getragenen Poötannim, einen Gabirol, Moses und Abraham 
ben Esra, Jehudah Hallewi, Isaac ibn Giat u. A. Alle waren 
Dichter, hohe Sänger heiliger Lieder, deren Productionen und die 
mit ihnen verwebten Melodien noch heute in Israels Tempeln zur 
Andacht stimmen. 

Sie dichteten in der hebräischen Sprache, in dem ihrem Ge- 
müthe wohlthuenden Idiom, in der Sprache, deren einzelne Laute 
sie an ihre Heimath zurückerinnerten und mit dem Heimathslande 
aufs engste verbanden. 

Mit gleichem Eifer pflegten sie die Wissenschaften, besonders 
die Philosophie. 

Der arabische Philosoph, bei dem gewaltigen Almansor in Un- 
gnade gefallen , flüchtete nach Lucena und suchte Schutz bei den 
dort nur noch in geringer Anzahl wohnenden Juden. Averroös, 
der 400 Jahre lang in den grossen Schlachten des menschlichen 
Geistes das Losungswort gewesen, fand nur unter den Juden seine 
Schüler und Anhänger, und dieser grosse Commentator des Sta- 
giriten wurde neben Maimonides ihre einzige philosophische Auto- 
rität. Die Philosophie wurde die Geliebte, die Schöne, die Gattin 
und eine grosse Anzahl der Juden jener Zeit sprach mit Joseph 
ben Jehudah ') : das junge Mädchen hat mir gefallen und ich habe 
mich mit ihr nach dem auf Sinai gegebenen Gesetze öffentlich ver- 



_ 6 

lobt, ich habe sie geheirathet, sie umfasst, wie der Jüngling seine 
Holde umfasst. Diese brennende Liebe zu einer dem Judenthume 
fremden Pflanze hat der Wissenschaft herrliche Früchte gebracht 
und eine Zeit erzeugt, die einzig ihrer Art in der Geschichte der 
Juden dasteht. 

Auch die mathematischen Wissenschaften, Astronomie und 
Astrologie, wurden von den Juden meisterhaft angebauet, und 
nur ein Blick in das so reiche Gebiet dieser Literatur genügt zu 
zeigen, was sie hierin geleistet. 

So gelangten Philosophie und Astronomie , Sprachkunde und 
Exegese , Naturwissenschaften und vor Allem die Medicin in der 
pyrenäischen Halbinsel zu neuer Blüthe. Die Juden waren es in 
Verbindung mit den Mauren, welche diese Halbinsel mit dem rei- 
nen Himmel, mit dem fruchtbaren Boden, mit dem freien Geiste, 
diesen Erdstrich, welcher seiner natürlichen Lage nach bestimmt 
zu sein schien , die Ktinste des Friedens zu pflegen , dieses jetzt 
von einer ganzen Kette innerer Kämpfe zerrissene Land zu einem 
Sitze ernster Forschung und hellen Denkens umgestalteten. 

Es war eine schöne Zeit, die Zeit der Ommajadenherrschaft ; 
nur zu schnell ging sie zu Ende. 

Wie in Rom der Zeit der Grösse, welche zugleich die des Auf- 
blühens der Wissenschaften war , die Epoche des Innern Verfalls 
folgte , wie Alles fiel , die Institutionen , die Sitten und die allge- 
meine Ruhe schwanden, so war auch hier der Tapferkeit die Wis- 
senschaft und der Glanz, diesem die Uneinigkeit im Innern, Schwel- 
gerei, Luxus und Erschlaffung gefolgt und schwache Chalifen Hes- 
sen sich von den christlichen , für Kirche und Ländergewinn mit 
Löwenmuth kämpfenden Königen die schönsten Besitzungen ent- 
reissen. 

Schon um Mitte des 1 1 . Jahrhunderts führte ein Nachfolger 
des Pelayo, ein devoter Fürst, von den Chronisten der Grosse ge- 
nannt, Ferdinand, der, um mit seinem Biographen zu sprechen, 
nichts sparte , um die Ruhe und das Wohlleben der Priester und 
Mönche zu befördern, die Pilger liebte und nicht zugab, dass die 
Juden ferner mit den Christen vereint wohnten *) , den ersten 
siegreichen Zug gegen die Mauren. Dieser heilige Ferdinand über- 
trug seinen Hass gegen die fremden Besitzer christlichen Landes 
auch auf die mit ihnen verbündeten und durch die Wissenschaft 
eng vereinten Juden. Die Hirten van Castroxerez tödteten 60 Ju- 



den — das war eine gottgefällige That und Ferdinand bestätigte 
tlafür ihre Privilegien *). 

Alphons VI., der trotz seiner 6 Frauen und 2 Concubinen 
dennoch keinen männlichen Erben hatte, eroberte den alten Con- 
ciliensitz Toledo; mit ihm kämpfte der alte Cid, der Campeador 
de Bivar, der Held mit seinem Furcht erregenden Blicke, der 
Schrecken der Mauren, derTypus aller Rittertugenden, dieser sa- 
genhafte Cid, dessen Leben ein maurischer Jude , Aben-Alfange, 
zuerst beschrieben hat ^^) . 

Die Alphonse und Ferdinande setzten die Eroberungen fort, 
bald war der grössteTheil der Halbinsel wieder christlich und die 
Juden wieder unter christlichen Herrschern. — 

Doch auch unter den christlichen Herrschern war jetzt die Lage 
der Juden, ihre Stellung zum Staate eine andere geworden. Freilich 
betrachteten Volk und Regenten dieselben noch als die alten Feinde, 
als die Mörder ihres vor Tausenden von Jahren gekreuzigten Mes- 
sias, als die hartnäckigen, unbeugsamen Juden , die sich um kei- 
nen Preis mit ihnen in dem Himmel vereinigen wollten und dafür 
auch von dem Genüsse der Rechte auf Erden ausgeschlossen wur- 
den, aber sie waren allmälig doch zu der Einsicht gelangt, dass 
man ihrer als ein noth wendiges Uebel nicht wohl entbehren 
konnte. In den Jahrhunderten, welche sie unter den maurischen 
Regenten in Ruhe und im Glauben verlebten, hatten sie ihrem 
Geiste eine Waffe zugeführt, womit sie dem sie hassenden, ihnen 
immerhin übelgesinnten Spanier kühn und ohne Zagen entgegen- 
treten konnten — die Wissenschaft , ihre Kennlniss in der medi- 
cinischen Kunst , ihre Klugheit oder wie von anderer Seite man 
dieses nennt, ihre Verschlagenheit und List, machten sie den 
Königen, wie dem ganzen Lande unentbehrlich. Sie waren jetzt 
die einzigen Bewohner der Halbinsel , welche sich auf dem Laby- 
rinthe der Sprachen und Dialekte verstanden , und sie die einzi- 
gen , welche sich eine gründliche Kenntniss der arabischen Spra- 
che, in der sie auch zum Theil ihre wissenschaftlichen Werke ab- 
fassten , angeeignet hatten. Wohl kann man von ihnen sagen, 
dass sie sich verständlich zu machen wussten von der Strasse 
Gibraltars bis zu den Pyrenäen, und von ihnen gilt, was in einem 
deutschen Volksliede von dem Juden Abryon von Trier behauptet 
wird : 



»He vorsteit alle Tungen und Sprachen dorch 
Von Pötrow an wente to Luneborch« ^) . 

Der obengenannte Eroberer der alten, auf einem hohen Fel- 
sen gelegenen Hauptstadt des Golhenreichs und mosarabischen 
Residenz Toledo war der erste christliche Monarch Spaniens, wel- 
cher die in arabischen und maurischen Schulen gebildeten Juden 
in seine Dienste nahm und sich ihre Kenntnisse zu Nutze machte. 
Sein Schatzmeister und Günstling war ein Jude, der mächtige und 
angesehene Ibn-Ghabib — er opferte sich in treuer Pflichterfül- 
lung für König und Vaterland. R. Moses Sephardi'^), der Verfas- 
ser der Disciplina clericalis, war sein Leibarzt, er legte sich spä- 
ter auch den Namen seines Königs bei, wofür er freilich einen 
weit ehrendem , von grösserm Adel entsprossenen aufzugeben 
leichtsinnig genug war, und noch der sterbende Alphons erfuhr 
die Vertraulichkeit seines jüdischen Freundes Cerillus^), welcher, 
als Niemand aus dem versammelten Adel es wagte, den König um 
seinen letzten Willen betreff des Thonerben zu befragen, als Spre- 
cher gewählt wurde, weil, wie Roderich von Toledo erzählt®), er 
mit dem Könige vertraut genug war, »wegen seiner Kenntniss und 
medicinischen Kunst«. 

An keinem Hofe-der spanischen Könige fehlten nunmehr die 
Juden und ihre Gelehrte. 

Es kann und darf unsere Absicht nicht sein, uns hier mit der 
Geschichte der Juden zu befassen, da wir mit diesem allgemeinen 
Ueberblicke uns nur den Weg zu unserm eigentlichen Ziele bah- 
nen wollen. Das Eine darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass 
bei aller Thätigkeit, welche die Juden Spaniens in den verschieden- 
sten Wissenschaften entfalteten, noch Niemand gefunden wird, der 
die Resultate seiner Forschungen in der eigentlichen Landesspra- 
che , der castilianischen , geschrieben hätte , aus dem einfachen 
Grunde, weil dieselbe noch nicht zur Literatur-Sprache ausgebil- 
det worden war. So lange die Kriegstrompete im Lande er- 
schallte und die Kriegsfahne als Heereszeichen flatterte , so lange 
des Landes edelste Kräfte von Kämpfen und Erobern in An- 
spruch genommen waren, ist von einer Literatur, einer spani- 
schen Literatur nicht die Rede, denn selbst die wenigen Gedichte, 
Gebete und Legenden, welche von den frommen Klosterbrüdern 
in ihren müssigen, dem Beten und Kartenspiel abgewonnenen 



9 

Stunden fabricirt worden sind, haben keinen Anspruch, der spa- 
nischen Literatur einverleibt zu werden. 

Erst mit dem Augenblicke, wo der tapfere Ferdinand III., 
dem bei der Eroberung des prächtigen Sevilla von den dortigen 
Juden goldene mit hebräischen Inschriften verzierte Schlüssel ent- 
gegengebracht worden sind, die ungläubigen Moslemen aufs Haupt 
schlug, Leon und Castilien unter seinem Scepter vereinte und so 
der eigentliche Gründer des christlichen Reiches in der Halbinsel 
wurde, erst da beginnt eine spanische Literatur, erst mit diesem, 
Reiche, Völkerschaften und Sprachen vereinigenden Monarchen, 
wie denn auch sein Grab mit dreien verschiedenen Sprachelemen- 
ten entlehnten Inschriften, hebräisch, arabisch, castilianisch, be- 
deckt ist *") , dämmert das Licht der Wissenschaften auch im 
christlichen Reiche. 

Ferdinand nannte sich im Selbstgefühl seiner Macht Impera- 
tor, die Kirche nannte ihn den Heiligen, wie sie seinem, von Ju- 
den unterrichteten und gebildeten , weisen Sohne den Ehrcnna- 
men Ketzer beilegte. 

Dieser Ketzer Alphons gehört zu den interessantesten Per- 
sönlichkeiten des dreizehnten Jahrhunderts. Mag er immerhin von 
den die Wissenschaften und die Juden hassenden Chronisten der 
Ketzer genannt werden, warum sollte er es auch nicht? Trat er 
doch schon damals mit Zweifel auf, um derentwillen noch 400 
Jahre später Galilei von der die Dunkelheit liebenden Geistlich-^ 
keit öffentlich verketzert und ins Gefängniss geworfen wurde 1 
Mag ihn auch der Tadel treffen, dass er wie Juan IL, wie Carl VII., 
wie Wallenstein seinen Astronomen hatte, dass ob seines Stu- 
diums der Himmelskörper und der Bewegung der Sterne er die 
Erde vergass , Mönche und Regierungsgeschäfte vernachlässigte 
— für Spanien hat er die schönsten Lorbeern errungen, er trat 
triumphirehd in das grosse Lager der Wissenschaften ein und hat 
sich einen Kranz von Immergrün gewunden, den kein Hqss ihm je 
wird entreissen können. 

Dieser weise und den Gelehrten titel mit Recht beanspru- 
chende Monarch blieb nicht dabei stehen , den Wissenschaften im 
Lande einen Sitz zu bereiten und seine Granden zu nöthigen sie 
zu erfassen , sondern legte , nachdem er schon bei Lebzeiten sei- 
nes, Wissenschaft und Kenntnisse begünstigenden Vaters Bered- 
samkeit, Geschichte und Naturwissenschaften eifrig studirt hatte. 



10 

selbst Hand ans Werk , er selbst vervollkommnete die Sprache in 
Poesie und Prosa und gehört zu den frühesten Autoren in der von 
ihm gleichsam geschaffenen Literatur. Sie hat den Vorzug, einen 
König an ihrer Spitze zu haben. 

Zu den grossen reformatorischen Werken , welche auszufüh- 
ren er unermüdlich bemüht vsar, bedurfte er der Hilfe. Nicht in 
den Räumen seiner Kirche fand der unglückliche , von all den 
Seinigen verlassene Monarch die Männer , die solche zu leisten im 
Stande gewesen wären, aus den grossen maurischen Akademien 
musste er sie herbeiholen, die gelehrten Juden musste er zu sich 
einladen und er trug kein Bedenken jüdische Astronomen und 
Mathematiker*) an seinen Hof zu ziehen und mit ihnen gemein- 
sam die Wissenschaften zu pflegen. 

Jetzt sollte auch nicht mehr das alte Cordova , diese reizend 
gelegene Stadt mit ihren Orangenwäldern, deren Parfüm schon in 
einer Entfernung von mehreren Stunden die Luft füllt, sich des 
Sitzes der Wissenschaften rühmen, diese alte Heimath der Litera- 
tur, die zwei Seneca und einen Lucan aus sich hervorgehen sah**) 
und lange Zeit die jüdische Akademie mit ihren grossen Meistern 
in sich beherbergte, verlor auch diesen Glanz, und nächst Sevilla, 
dem Lieblingssitze des weisen Königs, der einzig treuen Stadt, wie 
er sie in einem Klagebriefe an seinen Vetter nennt , war jetzt To- 
ledo der Sammelplatz jüdischer Grossen, jüdischer Gelehrten. Al- 
phons wollte so der alten Hauptstadt einen neuen Schmuck zu- 
führen und Toledo war nunmehr das Prächtige, die Metropole des 
Landes , der Wissenschaft und der Kunst. Jeder kennt das Bild, 
das Victor Hugo von dieser Stadt entworfen hat , mit ihren zahl- 
reichen Gebäuden, alle verschieden, alle bunt unter einander lie- 
gend : hier das Theater, dort im Mittelpunkt die grosse golhische 
Kathedrale , ein Gebäude wunderbarer Art und noch wunderba- 
rerer Geschichte, dort die von 1200 Jüngern besuchte jüdische 
Akademie, der Alphons, der Spanien so unendlich Vieles zu dan- 
ken hatte. 



*) Wie haben die Zeiten sich doch geändert! In der Residenz des deut- 
schen Kaiserstaats musste erst in diesem Jahre ein tüchtiger Mathematiker 
seiner Professur entsagen, weil sich herausgestellt hatte, dass der junge Ge- 
lehrte — ein Jude sei. Die jüdische Messungs- und Rechenkunst steht noch 
im argen Misscredit. 



— 11 — 

Dass dieser erleuchtete, gelehrte Juden achtende und be- 
nutzende Monarch sich auch der Gesammtheit dankbar bezeigte, 
brauchen wir nicht erst zu versichern. Nicht allein dass die Juden 
besonders geschützt, ihnen besondere Privilegien eingeräumt wur- 
den, er zog sie in nicht wenigen Füllen den Christen vor und 
wurde bei dem Papste verklagt, dem Rathe seiner vertrauten Ju- 
den gefolgt zu sein. Diese Begünstigung der Juden verschaffte 
ihm nicht allein den Hass der Kirche, den Beinamen Ketzer, son- 
dern stachelte seinen eigenen Sohn gegen ihn auf und entriss ihm, 
dem deutschen Interimskaiser, die Krone seines eigenen Landes. 

Er scheute es ja nicht, in Mitten seiner jüdischen und mau- 
rischen Astronomen Platz zu nehmen; da finden wir einen Jehu- 
dahHa-Gohen, Isaac ibn Sid, den Chasan der Synagoge zu Toledo, 
Joseph Aben Ali und Jakob Abvena aus Gordova, Aben Rajel und 
Alquibicio ; — regelmässig versammelten sie sich in dem Alcacer 
Galiana, der König führte selbst das Präsidium und leitete die 
Disputationen , denen die noch heute in der Kathedrale von Se- 
villa aufbewahrten alphonsinischen Tabellen ihr Entstehen ver- 
dankten*^). 

Sein Almorajif, Don Zag de Melea, war ein Jude, der seinem 
Könige treu diente, freilich in drückenden Geldverhältnissen von 
ihm auch einmal zum Tode verurtheilt worden war *'). 

Zu seinen Leibärzten gebrauchte er Juden, Don Mair war der 
eine, ihm schenkte er an einem schönen Decembertage ein Haus") ; 
R. JehudahMosca der andere. R. JehudahMosca, welcher von dem 
die Juden taufenden Castro und dem ihm hierin folgenden de los Rios 
zu einem Neophyten gemacht wird, war der Erste, der ein chaldäi- 
schesWerk im Auftrag seines Königs ins Castilianische übersetzte; 
ihm werden auch noch andere Uebersetzungen zugeschrieben. 

In einer überraschenden Weise nahmen die Juden an der 
Ausbildung der caslilianischen Sprache und der Begründung der 
spanischen Literatur in der Regierungszeit Alphons X., des astro- 
nomischen Königs, Theil und es ist nicht unwahrscheinlich, dass 
mehrere der dem Könige selbst zugeschriebenen Werke — wir nen- 
nen nur beispielshalber den Abriss der jüdischen Geschichte, die 
flores de Filosofia — von seinen gelehrten Juden verfasst wor- 
den sind. 

Wer weiss ob nicht auch sie wie ihr König schon damals der 



12 ■ 

Poesie in der Landessprache ihren Tribut zollten? Doch die Zeit 
war noch nicht da. 

Werfen wir zuvor noch einen kurzen Blick auf die politischen 
und innern Verhältnisse der Juden dieses Landes, bis zu dem Mo- 
mente, wo uns der erste grosse Troubadour mit Rathschljigen an 
seinen König entgegentritt. 

Alphons X. hatte sein kummervolles, segensreiches Leben 
beendet, sein eigener Sohn Sancho der Tapfere war, wie ein Ex- 
jesuit sich ausdrückt , als Werkzeug vom Himmel berufen , ihn 
bei Lebzeiten zu strafen. Dieser Sohn wurde sein Nachfolger. 

Ihm war es ein Leichtes, sich auf dem castilianischen Thron 
festzusetzen , hatte er ja die Kirche für sich und zeigte sich auch 
der, den weisen Vater verachtenden und hassenden Geistlichkeit 
nicht abgeneigt. Gleich im Anfange seiner Regierung bestätigte 
er ein altes Gesetz , das unter dem Vater wohl nicht mit aller 
Strenge mag gehandhabt worden sein. Es sollten nämlich die Ju- 
den , welche einige in dem Erzbisthum Sevilla belegene Erbgüter 
von den Christen erworben hatten, auch ferner den auf dieselben 
lastenden Zehnten der Kirche abführen *^). 

Der Hass der christlichen Bevölkerung gegen die Juden hatte sich 
schon unter dem Vater Sancho's in vollem Maasse und durch die die- 
sem von demselben gewordenen Begünstigungen und Auszeichnun- 
gen immer mehr gezeigt. Schon Alphons musste, um dem mürrischen 
Volke und den unzufriedenen Prälaten in Etwas nachzugeben, die 
gehasste Bevölkerung von dem nähern Umgang mit den Verfolgern 
und Angebern durch besondere Gesetze trennen. Auf nichts an- 
ders zielt das von ihm'erlassene Edict hin , dass die Christenkin- 
der nicht ferner von jüdischen Müttern genährt werden und auch 
Judenkinder nicht die Milch von der Christinnen Brust empfangen 
sollten*^). 

Dennoch blieben auch von Sancho's Hofe die .luden nicht 
fern : auch er hatte einen jüdischen Leibarzt, welcher seinen jun- 
gen Sohn Ferdinand von einem hitzigen mit Delirium begleiteten 
Fieber durch eine sehr einfache Cur rettete ") . 

Zum Unglück für Spanien regierte dieser König nur wenige 
Jahre. Da sein Sohn Ferdinand bei seinem Tode die Regierung 
seiner Jugend wegen nicht übernehmen konnte, verwaltete die 
ob ihrer Schönheit, Klugheit und Tugend vielgepriesene Donna 
Maria de Molina das Reich *^) . Die Königin Mutter zeigte sich wäh- 



13 

rend ihrer Reichsverwesung den Juden in keinerlei Weise gehiis- 
sig ; ihre Abneigung gegen sie fasste sie erst durch die Undank- 
barkeit ihres Sohnes, welcher darin dem Rathe seines jüdischen 
Freundes Samuel gefolgt sein soll. 

Wie des jungen Ferdinand IV. Rathgeber und Freund ein Jude 
gewesen, so bediente er sich auch während seiner Regierungszeit 
der Juden, aus ihnen nahm er seinen Finanzminister und ihnen 
vertraute er die wichtigsten Posten an. Er war so nachlässig mit 
der Eintreibung der ihnen von der Geistlichkeit auferlegten 
Steuern , dass die Bischöfe ihm neue Gesetze betreff der Einzah- 
lung abnöthigen mussten. 

Ferdinand starb plötzlich in der Blüthe seines Alters im Jahre 
1312; sein Sohn Alphons war bei seinem Tode erst wenige Mo- 
nate alt. — 

Wenn ein Staat von der Vorsehung zum Verderben bestimmt, 
wenn über ein Volk Unheil verhängt ist, so bringt nichts mehr das 
Verderben, führt nichts leichter das Unglück herbei, als schwache 
Regenten, als 'die Herrschaft einzelner Parteiführer, als Bürger- 
kriege. Der schnelle Regentenwechsel auf dem castilianischen 
Thron bahnte den Verfall des Landes an und bereitete den Juden 
unmerklich und allmälig das Verderben. 

Mit dem Tode ihres Sohnes hatte Maria de Molina die Einsam- 
keit verlassen und die Oeffentlichkeit wieder betreten. Sie über- 
nahm die Vormundschaft für ihren einjährigen, zum König bereits 
proclamirten Enkel und Hess jetzt ihren langgenährten Hass gegen 
die Juden entbrennen. Sie halte die Zügel der Regierung in einer 
sturmbeweglen Zeit übernommen ; jeder Infant wollte Vormund, 
wollte Herrscher sein, Niemand war zum Weichen zu bringen und 
auch nachdem schon die beiden Hauptführer an einem Tage ge- 
fallen waren , konnte die Ruhe im Lande nicht hergestellt wer- 
den*»). 

Auch die alte Grossmutter starb und das Schiff des Staa- 
tes, welches, wie ihr sie lobhudelnder Biograph bemerkt, durch 
eine Frau vomBruche gerettet war, ging jetzt in die unsichere Hand 
eines jungen, von einem Erzbischof erzogenen, von Maria de Mo- 
lina geleiteten Prinzen über. Spanien war trotz seiner erfochtenen 
Siege nicht glücklich , seine jüdische Bevölkerung nicht frei von 
Druck. 

Der Juden Glück und dennoch ihr grösstes Unglück bildete 



14 

ihr Reichthum, ihre Schätze machten sie zu den wichtigsten Per- 
sonen. 

Ihr Reichthum war ihr Glück, weil sie sich dadurch und na- 
mentlich in dieser Zeit der innern Unruhen unentbehrlich zu ma- 
chen verstanden. Jedermann kennt die Geschichte und den Eiu- 
fluss eines Yusaf de Ecija , eines Samuel Abenhuacar, Jedermann 
kennt das unglückliche Ende, welches ihnen ihrer mit neidischen 
Augen bewunderten Schätze wegen bereitet worden war. 

Der Juden Reichthum führte ihren Sturz , führte theilweise 
ihre Verbannung herbei. 

Nichts erregte zu allen Zeiten mehr den Neid und die Eifer- 
sucht der Menschen als das elende Metall, mit dem die verachtete 
asiatische Race so gesegnet war , über welches sie so willkürlich 
zu verfügen hatte. Spaniens schönste Resitzungen waren gegen 
Anfang des 14. Jahrhunderts den Juden veipfändet; die Edelleute 
waren ihnen verschuldet , die Gortes- Versammlungen bestanden 
damals , wo die Städte noch nicht zu solcher Geltung gekommen, 
dass ihre Deputirten hätten an den Rerathungen lebhaften Antheil 
nehmen können, aus den Edelleuten und der aus religiöser Oppo- 
sition die Juden hassenden Geistlichkeit. Auf einer solchen in 
Valladolid 1315 abgehaltenen Versammlung kam man überein, die 
Schulden der Juden auf zwei Drittel zu reduciren und wurde zu- 
gleich der Antrag gestellt, ihren übergrossen Zinsen Einhalt zu 
thun. Den christlichen Schuldnern standen ausserdem allerhand 
Mittel zu Gebole, sich von ihren Verbindlichkeiten frei zu machen. 
Wer nicht bezahlen und auch sein Gewissen beruhigen wollte; 
kannte den Weg nach Rom, wandte sich an den Papst oder an die 
Geistlichen seines Landes — nichts leichter als einen Freiheits- 
brief oder Ablass von den Schulden der Juden zu erhalten. 

Gegen solche Umtriebe tratAlphonsXI. auf V'eranlassung einer 
von den Juden ihm überreichten Vorstellung und ohne Zweifel der 
dringenden Ritten seines jüdischen Finanzministers in der Cortes- 
Versammlung zu Valladolid '1325 auf und erliess den ausdrückli- 
chen Refehl, alle Diejenigen, sowohl Geistliche als Laien in Haft 
zu nehmen , welche nicht freiwillig diese Rullen und päpstlichen 
Erlassbriefe zurückgeben und vernichten würden. 

Ein solcher königlicher Machtspruch genügte wohl für den 
Augenblick, aber die Klagen gegen die Juden hörten nicht auf, die 
Schulden wurden ihnen nur theilweise bezahlt, — hiess es ja eine 



15 

fromme That, i;ar nicht zu zahlen! — und doch blieb der Juden 
Keichthum unermessHch. 

Ihr Reichthum beförderte ihren Sturz, ihren Ruin. 

Nur zu bald vergassen sie, obwohl sie täglich und stündlich 
daran erinnert wurden, dass sie trotz ihrer sie anlächelnden Ki- 
sten und Kasten nur Geduldete, Knechte, Leibeigene der Könige 
wären. Ihr Luxus und, was gewöhnlich in seinem Gefolge ist, 
der Hochmuth kannten keine Grenzen. Sie kleideten sich in Sam- 
met und Seide gegen den hohen Befehl, »ihre Frauen gingen wie 
die Maulesel der Päpste«^®) und durch den Glanz der goldnen 
Ketten, durch das Funkeln der ihren Busen bedeckenden Dia- 
manten machten sie sich schon von fern bemerkbar ; ihre Kin- 
der wurden gleich Fürstenkindern im Fechten und Ringen un- 
terrichtet, wiewohl vom Militairdienst sie als Juden ausge- 
schlossen blieben. Nicht dachten sie mehr, dass an den Strömen 
Babels ihre Harfen sie gelessen hatten ; Musik und Tanz hörten in 
ihren von Luxus und Pracht strotzenden Häusern und fürstlichen 
Wohnungen nicht auf. Dass auch jüdische Sänger und Sängerin- 
nen sich vernehmen Hessen , erzählt uns der grösste Dichter sei- 
ner Zeit , der Erzpriester von Hita, welcher Tanzlieder und Gas- 
senhauer für sie verfasste ^^). 

Nirgends fehlte der Jude, allenthalben war er der erste, am 
Hofe der erste, in der Handelswelt und auf dem Markte der erste, 
an den öffentlichen Plätzen der erste, wo Vergnügen und Lust sich 
fand, war sicher auch der Jude zu finden. 

Diese Zustände, über welche wir uns hier nicht weiter ausspre- 
chen wollen, erzeugten auch noch ein anderes Uebel als den Neid 
und die Missgunst ihrer christlichen Mitmenschen. Durch sie 
wurden sie ihrem sie immer erhaltenden Glauben entfremdet und 
von ihrer Religion entfernt. Man muss sie nur lesen die Klagen, 
welche über die Zeiten des Unglaubens von den glaubensstarken 
Männern angestimmt worden sind I Dem jüdischen Gesetze, das 
Leiter und Führer und des Volkes einziger Trost aller Zeiten ge- 
wesen war, hatten die Juden dieser Zeit zum grössten Theil den 
Rücken gewandt — nur wenige Männer, die grossen Talmudisten 
ihres Jahrhunderts fanden in dem Studium und der Ausübung des 
Gesetzes ihre Beruhigung ; Philosophie und Humaniora waren an 
der Tagesordnung , füllten den Geist, bildeten ihre alleinige und 
ausschliessliche Beschäftigung. Nicht mehr galt das auf Sinai gege- 



' ■ 16 

bene Gesetz für die auf Sinai geoffen harte Lehre — es galt für 
das Werk menschlicher Erfindung, vonMenschen gegebene Satzung. 
Die abnormsten Zweifel wurden gegen Alles . was ihnen göttlich 
sein sollte, vorgebracht, Alles war Allegorie, Alles Symbolik, 
nichts blieb Gesetz, nichts trug noch den Stempel der Göttlichkeit 
an sich. Wie konnte es auch anders sein? Hatte ja die wahre 
Philosophie Spaniens Boden längst verlassen und sich jenseits der 
Pyrenäen, in Marseille und Lunel festgesetzt? Einzelne missver- 
standene und übel gedeutete Principien Aristotelischer Philoso- 
phie, einzelne Sätze des Averroös hatten bei dem Volke Eingang 
gefunden und auf dem Grundsatz des arabischen Commentators, 
»die Wissenschaft ist die Religion«, hatte es sein Luftgebäude, 
seinen Unglauben aufgeführt. Nur wahre Wissenschaft, wahres 
philosophisches Denken lässt sich mit dem Glauben und der Reli- 
gion vereinen ; nicht aber jenes schale Vernünfteln , welches das 
Gefühl, die Pflegerin und Wahrerin der Religion mit Leere er- 
füllt und jenen flachen Rationalismus erzeugt, der dem Juden- 
thume mehr als einmal Gefahr, aber dennoch nie Sturz brachte. 

In dieser dem altehrwürdigen Judenthume drohenden Gefahr 
erliessen zwei Männer, die Edeln ihres Volkes in dem Schmerze 
um den Verfall, das Edict, dass Niemand vor Ablauf des fünfund- 
zwanzigsten Jahres zu den Wissenschaften und dem Studium 
der Philosophie schreiten sollte und auch dann nur, wenn er sich 
zuvor mit den Satzungen der jüdischen Religion genau bekannt 
gemacht hätte. Wer wollte es den für ihr Judenthum und ihren 
Glauben Alles aufbietenden Männern wohl verargen, zu einem 
solchen freilich gefährlichen Schritte ihre Zuflucht genommen zu 
haben? Und doch fällt dieses Verbot schwer in die Geschichte der 
jüdischen Nation als solche. Sie haben der Vernunft gebieten und 
dem Alles niederstürzenden Geiste eine Schranke setzen wollen — 
Alles kennt eine Grenze, der menschliche Geist allein kennt kein 
Ziel. Mussten die Zweifel der kühnen Zweifelsüchtler nicht eben 
durch ein solches Verbot bestärkt werden? War ihnen dieses 
Verbot nicht ein neuer Beweis , dass Judenthum mit Vernunft im 
Widerspruch stehe? Die Pforten der Erkenntniss sollten ihnen 
geschlossen, die Frucht des Lebensbaumes ihnen verboten bleiben ! 
Was schmeckt süsser als die verbotene Frucht ? W^ohin sehnt sich das 
Auge des Menschen mehr als nach dem ihm verhüllten Gemach? 
Viele jener Zeit griff'en nach jener verbotenen Frucht und drangen 



17 

in (las ihnen versperrte Gehege, die Zweifel häuften sich, yie alle- 
gorisirten , deuteten und symbolisirten ; es gab einen Kampf um 
die beiden Elemente, um Bildung und Judenthum ; die Vernunft, 
oder vielmehr der unter ihrem Deckmantel geborgene Leichtsinn, 
die Ehrsucht und Wollust siegten ^^} — die Geringschätzung und 
Verachtung ihrer Religion war nur ein leichter Schritt ; Viele ha- 
ben ihn gewagt, haben sich von ihrem eigenen Blut , ihrem Mark 
und Bein entfernt und losgesagt. 

Jenes Edict der edeln Rabbinen hat nicht wenig zu der 
schauervollen Epoche beigetragen , in welcher die Scheiterhaufen 
die Verfolgung und Verbannung der Juden uns beschäftigen werden. 



Zweites Capitel, 



Die spanische Literatur im 1 i. Jahrhundert. Rabbi Sanlob 

de Carrion. 

Nachdem Alphons X. sich als königlicher Dichter der Welt 
bekannt gemacht und die spanische Literatur und Poesie einmal 
Pflege am königlichen Hofe gefunden hatte , blieb sie auch ferner 
ein Erblheil der königlichen Familie. Alphons Sohn und Nach- 
folger verfasste Rathschläge für seinen Enkel, und sein Neffe, der 
gefährlichste und unruhigste Baron seiner Zeit, Don Juan Manuel, 
vermachte seine zwölf sauber geschriebenen Werke dem von ihm 
gestifteten Kloster. Sonderbar ist , dass auch seine Berühmtheit, 
wie der Ruhm seines schriftstellerischen Oheims, sich auf die Ar- 
beit eines Juden gründet, denn sein durch den trelÜichen Adolph 
de Puibusque den dicken Klostermauern entrissener Conde Luca- 
nor ist grösstentheils eine Nachahmung der Schrift des obenge- 
nannten Moses Sephardi ^'). 

Zu den frühesten Autoren, welche sich in dieser Zeit der spa- 
nischen Literatur zuw andten, gehört auch ein Mann , den wir im 
Vorübergehen nicht unerwähnt lassen wollen. Er hatte überwun- 
den, sein besseres Selbst verleugnet, er war gegen seine eigene Mut- 
ter als Verrät^er und Spötter aufgetreten und suchte seine eigene 
Religion bei seinen neuen — nicht Glaubensbrüdern , denn der 

Kayserling, Sepliardim. ^ 



18 

abgefallene Jude glaubt nicht, weil, wie ein um Deutschland, um 
die Welt wohl verdienter Mönch, der die päpstliche Hierarchie mit 
einem Schlage zu Boden schmetterte, in seiner derben Weise so 
treffend und wahr bemerkt: »ein jüdisch Herz ist so stock-, 
stein-, eisern-, teufe 1-hart, dass es sich mit keiner 
Weise bewegen liisst«, — nicht Glaubensbrüdern , bei sei- 
nen ihm Rechte und Genüsse einräumenden Mitmenschen herab- 
zusetzen, gegen seine eigene Brüder zu kämpfen. 

Es war dieses R. Abner aus Burgos. Ein tüchtiger Talmu- 
dist, Schüler des R. Moses ben Nachman und ausgezeichneter 
Arzt , sagte er sich , nachdem er bereits einen Commentar über 
Ibn Esra's Erläuterung des Decalogs geschrieben hatte, im reiferen 
Alter von der jüdischen Religion los und trat unter dem in der 
Taufe empfangenen Namen Alphons ^*) gegen das Judenthum und 
seine Träger auf. Ausser seinen in hebräischer Sprache abgefass- 
ten anti-jüdischen Schriften floss auch ein spanisches, in der Na- 
tionalbibliothek zu Madrid ^^) aufbewahrtes Werk aus seiner Spott 
und Galle ausspritzenden Feder. Er starb als Sacristan der 
Kirche zu Valladolid. 

Noch andere Männer traten in dieser Zeit mit dem Bestreben 
auf, die spanische Literatur zu Ansehen zu bringen. Zu diesen 
gehören der viel gefeierte, söin Zeitalter geisselnde Erzpriester von 
Hita , welcher auf Befehl des auch in der Geschichte der Juden *^) 
genannten Erzbischofs Gil von Toledo dreizehn Jahre lang im Ge- 
fängnisse schmachtete und dort einen nicht geringen Theil sei- 
ner Gedichte verfasste. Auch Lope de Ayala, der Grosskanz- 
ler von Castilien, welcher sich freilich durch seine Chronik, die 
erste zusammenhängende der castilianischen Könige, unsterbli- 
cher gemacht , als durch seine handschriftlich vorhandenen Ge- 
dichte, gehört dieser Zeit an. 

Gleichzeitig mit diesen genannten Grössen, zu denen noch 
hauptsächlich Pero Gonzalez de Mendoza , der Grossvater des in 
der spanischen Literatur berühmten und von uns mehrfach ge- 
nannten Marquis de Santillana zu rechnen ist, erhob sich unter 
den castilianischen Sängern ein armer Jude in Carrion de los Con- 
des*'^), einer kleinen Stadt Alt-Castiliens, deren Juden besondere 
Privilegien eingeräumt waren , um an dem Wettlauf in der Poesie 
Theil zu nehmen. Im Vertrauen auf sein Dichtergenie Hess er sich 
nicht abschrecken, um die Sängerpalme mit ihnen zu streiten. Es 



19 — - 

war dieses der Rabbi Don Santo ^^j , wie er in dem einen Ma- 
nuscript genannt wird, oder San tob wie der Titel des andern an- 
gibt, aus einer Zusammenziehung seines eigentlicher» Namens 
Schem tob gebildet, Tir widmete sich den castilianischen Musen 
und wird als einer der vorzüglichsten Dichter , als der Trouba- 
dour im eigentlichen Sinne des Wortes nicht ohne Grund ge- 
nannt ^^). 

Die älteste Notiz über den Juden von Carrion gil)t uns einer 
der grössten Miinner seiner Zeit, Inigo Lope de Mendoza, bekann- 
ter unter dem Namen Marquis de Santillana ^"). Dass der Mar- 
quis R.Santob persönlich gekannt habe, ist höchst unwahrschein- 
lich, da dieser schon im Greisenalter stand , als er seine Consejos 
schrieb und wohl früher verschied, als der Marquis geboren wor- 
den war. Jedenfalls war er von dem Ruhme des Juden genau unter- 
richtet, da auch er in Carrion de los Condes, der Stadt, die zu 
den Erbgütern seiner Mutter gehörte — villa del patrimonio de su 
madre — das Licht der Welt erblickte und dort einen Theil sei- 
ner Jugend verlebte ^*) , bis er an den Hof Juan II. als Erzieher 
des jungen Prinzen berufen wurde. 

Dieser Marquis erwähnt des Juden Santob in seinem an den 
Connetable von Portugal, den spätem Sanchez I. gerichteten 
lehrreichen Briefe , welchen man füglich eine Abhandlung über 
den Ursprung der spanischen Poesie nennen könnte. Er geht 
auf den Ursprung aller Poesie und somit auch auf das erste Lie- 
derbuch los cinco libros del Psalterio , den Psalter Davids zurück 
und deutet darin auf den Umgang, welchen er mit den jüdischen 
Gelehrten pflog, hin, wenn er sagt: »Nicht mit Unrecht behaup- 
ten die Juden, dass dieUnserigen nicht so gut wie sie fühlen kön- 
nen el gusto de la su duiceza« ^'). Schön sind die Worte, welche 
der gelehrte Sanchez dieser Behauptung des Marquis als Erklärung 
und Rechtfertigung hinzufügt ^^). »Es lässt sich nicht in Abrede 
stellen , dass man das Wasser mit mehr Vergnügen und mit un- 
gleich mehr Nutzen an der Quelle trinkt, wo es entspringt, als an 
den Bächen, durch welche es fliesst, und dass man die Frucht 
mit mehr Ergötzen von dem Baume nimmt, auf welchem sie 
wächst, als aus den Händen dessen, der sie verkauft. Des- 
halb glauben wir«, fährt der gelehrte Bibliothekar fort, »dass 
auch Diejenigen irren, welche behaupten, dass das Studium der 
hebräischen Sprache jetzt unnütz sei, weil sich Alles übersetzt 

2* 



20 

vorfindet«. Zu derselben Ansicht ist auch jetzt — aber auch erst 
jetzt — die Könit^in von Spanien gekommen. Ueberzcugt von dem 
Nutzen , welchen das Studium der hebräischen Sprache und Li- 
teratur den sich dem geistlichen Stande Widmenden so wie allen 
Denjenigen gewährt, welche die Wissenschaft überhaupt pflegen, 
hat die Majestät laut Beeret vom 2. October ISob in der philo- 
sophischen Facullät der Hauptuniversität zwei Lehrstühle der hei- 
ligen sowohl als der profanen hebräischen Literatur errichtet'*). 

In dem ervvcihnten Briefe spendet der Marquis auch un- 
serm Santob ein Lob und spricht sich in folgender Weise 
über ihn aus: »In jener Zeit (seines Grossvaters) fand sich ein 
Jude, welcher sich Rabbi Santob nannte und viele gute Dinge 
schrieb und unter Andern Proverbios morales, in W^ahrheit em- 
pfehlcnswerthe Sentenzen. Unter der Zahl der berühmten Dich- 
ter gilt er für einen grossen Troubadour«''^). Sodann fügt er, 
sich gleichsam entschuldigend, dass er neben Männer von so ho- 
her Geburt einen Juden setze, folgenden, seine eigene Gesinnung 
nur zu sehr verrathenden Vers des Rabbi hinzu: 

Ist der Habicht minder werth 
Weil im schlechten Nest die Brut? 
Sind die Beispiel' minder gut, 
Weil der Jude Dich sie lehrt? *) 

Das Lob Santillana's ist um so höher anzuschlagen , als seine 
Zeit gerade eine an Dichtern und grossen Gelehrten sehr reiche 
war '") und sein Urtheil erscheint desto glaubwürdiger, da dieser 
Marquis , dessen Ruhm so gross gewesen , dass Männer aus den 
entferntesten Gegenden zu ihm kamen, nur um ihn zu sehen, aus- 
ser durch seine votrefflichen Dichtungen und seine für Enrique IV., 
den Sohn des Königs Juan IL, angelegte Spruchsammlung noch 
besonders dadurch sich auszeichnete, dass auch er dieVorurtheile 
des gemeinen Volkes theilte und einen ans Unglaubliche grenzen- 
den Hass nicht allein gegen die Juden hegte, welche ihrer Religion 
treu , alle Schmach und Beschimpfungen ruhig erduldeten , son- 
dern auch mit Hintenansetzung aller Menschlichkeit diejenigen zu 



Non val el agor menos 
Por nascer en vil nio, 
Non los enxemplos buenos 
Por los dezir judio. 



21 : 

vcrfüli»en und zu verhöhnen nicht unterliess, welche der frommen 
Bekehrungssucht zum Opfer fielen und ihrem väterlichen Glauben 
öffentlich entsagten. Und doch war Santillana der erste, welcher 
dem Juden Santo!) den ihm gebührenden Platz auf dem spani- 
schen Olymp einräumte, wie dieser auch iuuner als geschickter 
Versificator in der Geschichte der spanischen Poesie eine bedeu- 
tende Stellung einnimmt und seine Werke noch lange Zeit die Auf- 
merksamkeit spanischer und fremder Literaturen auf sich ziehen 
werden. 

Ehe wir an die Betrachtung der Leistungen unseres Rabbi 
und der sich uns aus seinem Werke ergebenden Lebensum- 
stande gehen , müssen w ir zuvor die Frage aufwerfen, ob^ er bis 
zu seinem Tode im Judenthum verblieb, oder ebenfalls von der 
in seiner Zeit grassirenden Seuche, dem Scheine nach sich zum 
Chrislenthurae zu bekennen, mit fortgerissen worden ist, mit 
einem Worte^ ob R, Santob die Taufe angenommen hat? 

Diese wichtige Frage fällt mit einer andern, die verschieden- 
sten Resultate bereits hervorgerufenen Untersuchung zusammen, 
welche Werke dem Rabbi von den ihm zugeschriebenen eigentlich 
gehören , da aus der endlichen Feststellung dieses Problems sich 
einzig und allein ergibt, welchem Glauben und welchem Bekennt- 
nisse der Rabbi sich zuneigte. Ueber beides herrscht trotz der 
vielfach vorgebrachten, sich einander widersprechenden Meinun- 
gen ein solches Dunkel , dass wir darauf näher einzugehen nicht 
unterlassen wollen. 

In der Bibliothek San Lorenzo del Escurial ^^), Gas. IV. Lit.B. 
Nr. 21 befindet sich einManuscript, ein Quartband aus dem l 4. oder 
15. Jahrhundert. In diesem Manuscript, dessen — wir möchten 
nicht sagen — Abschrift ^^) auch in der Nationalbibliothek zu 
Madrid vorhanden ist, sind folgende Poesien enthalten : 

1) Gonsejos y Documentos del Judio Rabi Don Santo al Rey 
Don Pedro (Rathschläge und Unterweisungen des Juden Rabbi Don 
Santo an den König Don Pedro). 

2) La Doctrina Christiana. 

3) Danza general en que entran todos los estados de gente 
(General- oder Todtentanz, an welchem alle Stände Theil neh- 
men) . 

Das ganze Buch, gewöhnlich Buch des Rabbi Santob genannt, 
wurde ausser einem vierten noch darin befindlichen Stücke, historia 



22 

del Conde Fernan Gonzalez , das bereits einen andern Verfasser 
gefunden hat und insofern auch hier nicht in Betracht kommt, 
von den verschiedenen spanischen Literarhistorikern bald ganz, 
bald nur theil weise dem Rabbi zugeschrieben. 

Wir übergehen vorläufig das erste und auch das zweite der 
genannten Producte und betrachten zuvörderst den Danza gene- 
ral, den General - oder Todtentanz, in welchem alle Classen und 
Stände vom Papst und Kaiser bis zum Alfaqui und Rabbi auftre- 
ten und tanzen müssen. 

Die Todtentänze gehören zu der Classe von Gedichten, welche 
vorzüglich seit der Mitte des 1 4. Jahrhunderts einen Theil der Li- 
teratur ausmachen. Durch eine äussere Veranlassung, eine Na- 
turerscheinung seltener Art, wurden diese Tänze ins Leben geru- 
fen. Wir wollen bei diesem auch die Geschichte der Juden be- 
rührenden Phänomen einen Augenblick verweilen. 

Zur Zeit nämlich . als die Stütze der Hierarchie in Avignon 
ihren Sitz genommen und in Rom ein junger Gelehrter, einer Wä- 
scherin Sohn , bei dem Studium des Livius und Cicero den küh- 
nen Gedanken gefasst hatte , die alte republikanische Freiheit 
durch Beredsamkeit und Pomp aus der Gruft desAlterthums her- 
aufzubeschwören, zog sich von China her ein Ungewitter über die 
Welt zusammen, das sich an allen Orten entlud — keine Stadt, 
kein Flecken, kein Dorf wurde von dieser unter dem Namen »der 
schwarze Tod« bekannten Seuche unberührt gelassen ; alle Stände, 
alle Geschlechter, alle Lebensalter, die Jungfrau und der Jüngling 
in der höchsten Blüthe erlagen ihrer Gewalt ; ganze Paläste wur- 
den menschenleer; über 124,000 Franziskaner raffte der Tod hin- 
weg; ganze Klöster starben aus ^^). Die Juden starben nicht, sie 
wurden statt dessen ermordet, von Thüringen und Friesland bis 
Catalonien und Gonstantinopel gefoltert, massacrirt und ver- 
brannt, denn die Gelegenheit, dem Judenhass und der Raubsucht 
zugleich zu fröhnen, war zu lockend, namentlich für die schwel- 
genden Junker und Reichsstädter, für verschuldete Mönche und 
liederliches Gesindel aller Art''"). Eben weil die Juden wegen 
ihrer »nationalen Beschaffenheit« mehr von den Verheerungen 
der Krankheit verschont blieben**), regte der Pöbel und Alles 
yvas zu diesem gerechnet wird , die Menge gegen sie auf und be- 
schuldigte sie, nicht allein die Brunnen, sondern auch die Flüsse 



23 — 

vergiftet zu haben, weil auch die Fische abstanden und schwarze 
Flecken bekamen. 

Gift, sie schreien, ist im Wasser 
Das habt ihr Ungläubige, Hasser, 
Hineingeworfen uns zu verderben ; 
Bleibt ihr Juden, müsst ihr sterben *^) , 

klagt ein jüdischer Dichter aus jener für die Juden schauervollen 
Zeit — und sie rief die Todtentänze hervor. 

Die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens , die sich damals 
mehr als je zuvor in der Welt zeigte, poetisch darzustellen, und bei 
den Theater und Schauspiel vertretenden Kirchenaufzügen den 
Papst und den Kaiser sein Sprüchlein sagen zu lassen , war da- 
mals unter dem Namen »Todtentanz« eingeführt worden. In 
Deutschland und besonders in Frankreich wurden die Todtentänze 
im folgenden Jahrhundert durch Holbein undMacaber berühmt*^), 
aber in dem Lande, in dessen Sprache unser Danza gescl)rieben 
ist. weiss man nichts von einer so frühen Einführung dieser Kunst- 
producte, obwohl die äussere, eben besprochene Veranlassung zu 
denselben auch hier nicht fehlte. Denn schon 1348 wurde Alme- 
ria von der Epidemie heimgesucht ; in Valencia starben täglich 
300 Menschen, in Barcelona wurden beinah Alle aus dem Rathe 
der Hundert vom Tode ergriffen , dafür aber auch an einem Sab- 
bat 20 Juden erschlagen, selbst König Alphons XL, der Held von 
RioSalado, konnte der Seuche nicht Widerstand leisten und wurde 
von ihr bei der Belagerung Gibraltars im Jahre 1350 mit fortge- 
rissen. 

Wie dem auch immerhin sei, jedenfalls gehört der uns vor- 
liegende Danza **) «u den merkwürdigsten und vielleicht auch äl- 
testen Producten in der überaus reichen Literatur der Todtentänze, 
wie schon vor 25 Jahren der gründlichste Kenner der spanischen 
Literatur in Deutschland behauptet hat. Fassen wir alles darü- 
ber Gesagte kurz zusammen, so ergibt sich uns als Resultat, dass 
der Danza general nicht Uebersetzung eines lateinischen oder fran- 
zösischen Gedichtes ist, wie man lange Zeit annahm, sondern ge- 
gen Ende des 14. Jahrhunderts von einem Spanier, — die Versi- 
cherungen eines Sanchez und Gastro, dass die Schriftzüge dieses 
Manuscripts nur aus dem 1 4. Jahrhunderte stammen können, sind 
gewichtig genug, als dass man an deren Echtheit zweifeln sdUte 
— nicht aber von Rabbi Santob verfasst worden sind. 



— - 24 

Die Selbstständigkeit der Beorbeitung dieses Gedichtes ergibt 
sich aus der eigenthümlichen Art und Weise, worin es sich so- 
wohl dem Inhalte als auch der Form nach von allen andern soge- 
nannten Todtentänzen der frühesten Zeit unterscheidet. Wahrend 
die meisten Todtentänze nur kurze, den Holzschnitten und Bildern 
beigegebene Sentenzen und Sprüche enthalten, finden wir hier 
ein aus 79 Stanzen bestehendes Ganze , das auch wohl nie von 
Holzschnitten und Bildern begleitet gewesen sein mag. Besonders 
aber ist es die in dem Gedieht herrschende freie, wahrhaft über- 
raschende Sprache, welche uns in der Vermuthung bestärkt, dass 
es in Spanien und zwar in der angegebenen Zeit verfasst worden 
ist, da es sich hiermit eng an die Decires des bereits erwähnten 
Lope de Ayala , so wie an die früheren Gedichte des Erzpriesters 
von Hita anschliesst, und, um des trefilichen Wolf s Worte zu 
gebrauchen, denselben Ideenkreis verfolgt, der in den Producten 
dieser spanischen Dichter vorgezeichnet ist. Voller Entrüstung 
zieht der Erzpriester, so wie der die Frauen mehr als gebührlich 
liebende Grosskanzler über die Sittenlosigkeit der damaligen Zeit 
her und besonders letzterer bedauert, dass das »Schiff des heili- 
gen Petrus « durch die Laster und Verbrechen der Priester seiner 
Zeit dem Untergange nahe sei. 

Wahrlich, gerecht waren ihre Klagen! Die Sittenlosigkeit war 
unter allen Ständen trotz der Grösse der damals von allen Seiten 
drohenden Gefahr allgemein und ebenso verbreitet wie die Seuche 
selbst. Leichtsinnig, wie einst zu Atheaund in den verschütte- 
ten Herculanum und Pompeji, beschäftigten sich selbst die Gebil- 
detsten mit lockern Vergnügungen. Statt ernstlich an eine Vor- 
bereitung auf den Tod zu denken , wozu ihnen oft nicht einmal 
Zeit gelassen wurde, galt es »Wonne und Freude, Binderwürgen 
und Schafeschlachten, Fleischfressen und Weintrinken«. »Lasst 
uns essen und trinken«, war ihr Wahlspruch, »denn morgen 
müssen wir sterben«. Scherzend und jubelnd erwarteten sie ih- 
ren letzten Tag und mit Ausgelassenheit und wilden Bachanalien 
erwiesen sie den eben verschiedenen Verwandten die letzten Lie- 
bespflichten. Alle Disciplin war gewichen, selbst in den Klöstern 
hatte alle Zucht aufgehört, auch die Geistlichen und Würdenträger 
der Kirche hatten sich einmal den weltlichen Genüssen ergeben. 
Sollte da das ihnen blindlings folgende, sie allein als Heilige 
verehrende Volk nicht getrost nachahmen? In so traurigen Zu- 



25 

ständen befand sich dnmnls Deutsehland und Frankreich. Nun 
gar in dem zu Genuss und Wohlleben einladenden Lande, in Spa- 
nien ! Die schwachen Regenten , die Kriege mit den Mauren hat- 
ten das ihrige zur Entartung beigetragen. In jener Zeit der Anar- 
chie war der Culturzustand in den tiefsten Abgrund gesunken. 
Die Geistlichkeit ging auch hier mit dem Beispiele voran. Die 
Klöster, und deren gab es schon damals eine ziemlich bedeutende 
Anzahl, waren nicht mehr, wie zur Zeit ihrer Gründung, die Sitze 
der unschuldigen Mönche, deren Lebensaufgabe es sein sollte, 
durch Gebet, Singen, Messelesen und andere fromme Handlungen 
sich das Himmelreich zu erwerben , auch diese Priester-Glasse 
stürzte sich in den Strudel der Wollust ; Mönchsklöster wurden 
die Lngerstiitten der Baragaiias, deren Luxus und Aufgeblasenheit 
die von den Cortes erlassenen Edicte nicht zu unterdrücken ver- 
mochten. )^Dem Schiffe des heiligen Petrus drohte der Unter- 
gang«. 

Dem diese Zustände geisselnden Lope de Ayala und dem Erz- 
priester vonHita schliesst sich der unbekannte Verfasser des Danza 
general mit seinen Moralpredigten an. 

Liegt es auch unserer eigentlichen Aufgabe fern, dieses für 
die Cultur und Geschichte der damaligen Zeit höchst wichtige 
Product im Einzelnen zu betrachten, so wollen wir es uns doch 
nicht versagen, mit unseren Lesern etwas näher darauf einzu- 
gehen. 

Nach einem kurzen , in Prosa geschriebenen Prolog lässt der 
Dichter den Tod mit folgenden Worten auftreten : 
Ich lieisse der Tod und bleibe nicht aus 
Bei Allen, die wohnen im Erdenhaus; 
Ich schau' in die Welt und finde allein 
Ein Leben, das kurz nur und stirbt und wird mein. 
Wo findet sich so ein gewaltiger Held 
Der meinen Gewalten entgegen sich stellt?*) 



*) Yo so la muerte cierta d todas criaturas 

Que son 6 seran en el mundo durante ; 

Demando y digo, o orbe, porque curas 

De vida tan breve en punto pasante ; 

Pues non ay tan fucrte nin rescio gigante 

Que deste mi arco se paede amparar. 
Gleich an Versmaass und ähnlich an Inhalt ist der erste Vers eines aus den 
letzten Jahren des 4 5. Jahrhunderts stammenden Todtontanzes : 



26 

Sodann lässt er durch einen Prediger — Predicador — Jeden 
zum Tanz auffordern und an jeden Einzelnen die Weisung erge- 
hen, sich von Sünden und Vergehen zu reinigen. 

Die Person , welche den Tanz eröffnet , ist der die Schlüssel 
zum Himmel verwahrende heilige Vater; ihn redet der Tod in fol- 
gender Weise an : 

Und weil man für heiligen Vater ihn hält, 
Und nicht seines Gleichen es gibt in der Welt, 
So soll er den Reigen mir führen auch ganz. 
Leg' ab den Mantel und spring' in den Tanz ! 
Jetzt ist nicht Zeit mehr zu Ablass und Mess' 
Und Feste zu feiern, das bitt' ich, vergess'. 
Der Schmerz nur dauert einen Augenblick, 
Tanz, heiliger Vater, und bleib' nicht zurück ! *) 

Mit Zetergeschrei folgt der heilige Vater dem Aufruf. 

Ich Elender ! 

Die Spitzen des Glanzes habe ich erstiegen, 

Kaiser und Könige könnt' durch mein Wort ich besiegen. 

Wer rettet mich nun aus Todesangst? — 

Ihm folgen der Kaiser, der Cardinal, diesem wankt der Kö- 
nig nach, welchen der Tod mit folgenden Worten begrüsst : 

Tyrann, der Du grausam hast verarmt 
Dein Reich und Deiner nur hast Dich erbarmt, 
Gerechtigkeit galt v^^ie der Wurm Dir im Sand, 
Wie's zeigt sich ersichtlich im elenden Land, 
Jetzt komme zu mir, denn nur ich bin Monarch, 
• Der Andre und Viele in Erde schon barg. 



Je suis la mort de natura ennemye s 

Qui tous vivans finablement consomme 

Annichilant en tous humains la via ; 

Reduis en terra et en cendra un homme. 

Je suis la mort qui dura me surnomme 

Pour ce qu'il faut qua maina tout ä fin 

Je n'ai ami, parant, frera ou affin 

Qua ma fasse tost radigar en pouldre. — 

Paignot, Dansas das morts (Paris 1826) 133. 

*) In einem in der Wiener k. k. Hofbibliothek befindlichen Todtentanz 
aus dem 15. Jahrhundert (Massmann, Literatur dar Todtentänze [Leipzig 18401 
24) wird der Papst angeredet: 

Ob Du gleich trägst dreyfache Cron 

Ich Deiner darumb nicht verschon, 

Weil ausgeloffeu ist Dein Stund, 

So musst Du auch in Todes Bund. 



27 

So treten denn nach einander der Patriarch, der Herzog, der 
Erzbischof, der Gonnetable, der Bischof , der Cavalier, der Abt 
und der Decan auf. Letzterer wird mit folgenden Worten em- 
pfangen : 

Sehr reicher und filziger Herr und Decan, 

Der Silber Du wechseltest um Dir zu Gold, 

Im Schlechten nur hast Du den Reichthum verthan, 

Den Waisen und Armen nie wärest Du hold. 

Nachdem sich nun auch der Advocat, der Canonicus, der 
Arzt, der Pfarrer, der Mönch, der Wucherer, der Einsiedler 
und der Sacristan dem Tanze angeschlossen, und alle Classen 
und Stände vertreten waren , drängt sich auch als zu den letzten 
Personen gehörig ein alter, bärtiger Rabbi durch die mit Geheul 
schon tanzende Menge und richtet sich zu seinem Elohim und 
flehet zu ihm und weint und betet : 

Elohim, o Abrahams Gott, 

Genade hast Du verheissen, 

treib' mich nicht mit so heissem Gebot, 

Ich sollte im Tanze noch kreisen! 

Nicht gibt's wohl ehi Geschöpf in der Welt, 

Das lebet wenn's dem Tod nicht gefällt *). 

Worauf ihm vom Tode die Erwiderung wird : 

Don Rabbi mit Deinem gewaHigen Bart, 
Der Talmud und seine Ausleger studiret 
Und Wahrheit zu suchen sich nimmer gerühret, 
Geh' hin und tanz' mit den Sängern entlang, 
Stimm Deine Berachah *'') mir an zum Gesang 
Und ruh gesellig mit Assa *^^) gepaart **). 



Heloim e Dies de Habrahan 

Que prometiste la redepfion ! 

Non s6 que me faga con tan grant afan ; 

Mandadme que dan^e, non entiendo el son. 

Non ha ome en el mundo de quantos y sson 

Que pueda fuyr de su mandamiento. 

Don Rrabi, Rrabi barbudo, qui siempre estudiastes 
En el talmud d en sus doctores, 
E de la verdad jamas non curastes 



Llegad vos acä con los dan^adores, 
E diredes per canto vuestra beraha, 
Dar vos han possada con Rrabi A^a. 



28 

Aus diesen wenigen Proben, welche wir aus diesem in- 
teressanten riodiicte mitzutheilen nicht für ül)erfliissig hielten, 
liisst sich der durch das Ganze sich ziehende Ton leicht erkennen; 
— eine überraschende Freimüthigkeit und eine bittere Satyre cha- 
rakterisiren diesen auch schon dadurch merkwürdigen Danza, 
und Kirche und Geistlichkeit werden eben so schonungslos be- 
handelt, wie König und Kaiser und alle übrigen Stände. Es ist 
dieses um so auffallender, wenn man erwägt, dass dieses Product 
an den Feiertagen, ehe man noch Theater und Schauspiet kannte, 
zur Belustigung des Volkes öffentlich aufgeführt wurde , wobei 
auch Instrumental-Musik sich vernehmen Hess, wie Schack '^•') 
vermuthet und de los Rios aus einzelnen Verslheilen hinlänglich 
bewiesen hat ^'^j. 

Abgesehen davon, dass die im Gedichte angewandte Versart 
von der in den Consejos gebrauchten weit verschieden ist, wie 
sich dieses im Verlaufe unserer Betrachtung noch zeigen wird, 
und schon diese die Form betrefiende Verschiedenheit Grund ge- 
nug bietet, dieses Produkt nicht dem Rabbi Sanlob zuzuschreiben, 
so liefert die Annahme , dass der Danza bei den mimischen Kir- 
chenaufzUgen gebraucht worden , einen Grund riiehr , einen an- 
dern Verfasser als Santob anzunehmen , da die Kirchenaufzüge 
erst mit dem Ende des 14. Jahrhunderts in Spanien ihren Anfang 
nahmen. 

Sehen wir uns nun nach den Gründen um , welche diejeni- 
gen aufstellen, die R. Santob als Verfasser des Danza annehmen, 
so sind sie im Wesentlichen sehr schwach. 

Der Hauptgrund mag wohl die bei Castro, der zuerst sich 
über das Manuscript ausgelassen hat, schon früher von anderer 
Seite gerügte Sucht sein , wie alle Juden der spanischen Literatur 
so auch R. Santob dem Ghristenthume zu vindiciren. Dass San- 
tob Christ werden musste war eine conditio sine qua non, eine 
Noth wendigkeit , ohne welche sich nichts anfangen liess, denn es 
ist klar, dass ein im Juden thume verharrender Jude nicht wohl 
Verfasser einer Doctrina christiana , eines christlichen Glaubens- 
bekenntnisses sein konnte, folglich musste der Verfasser der jüdi- 
schen Geist aushauchenden und den jüdischen Lehren entnom- 
menen Consejos getauft werden. Hiermit war aber auch Alles 
gewonnen : Santob war Jude, liess sich taufen, lieferte auch Be- 



29 

weise, dass er ein guter Christ geworden, schrieb die Gonsejos, 
die Doctrina chrisliana und folglich auch den Danza general , der 
ja mit den genannten Werken in einem und demselben Manuscript 
sich findet. 

Die Ungereimtheit dieser Behauptung fühlte schon de losRios. 
De los Rios' kommt, um sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen, 
auf den geistreichen Einfall , die Sache zu theilen. Die Gonsejos 
schrieb Santob als Jude, vor der Taufe, die Doctrina christiana 
und den Danza general, nachdem er das Wasser der Taufe em- 
pfangen hatte *^). Der geistreiche Spanier scheint aber bei dieser 
Ausgleichung auf gütlichem Wege vergessen zu haben , dass San- 
tob , als er die Gonsejos dichtete , schon Greis gewesen , wie der 
Rabbi selbst in einem Verse andeutet und wie sich auch aus der 
muthmaasslichen Angabe Rodr. de Gastro's über das Geburtsjahr 
Santob's — das Ende des iS. Jahrhunderts — leicht berechnen 
lüssl. In einem Alter von über 60 Jahren mit so durch und 
durch jüdischen Ansichten sich noch der Taufe zu unterziehen, 
verlohnt sich wohl nicht der Mühe und dass dieser Neuling der 
Kirche alsdann noch die jugendliche Frische besessen. Beweise 
seiner aufrichtigen Liebe zum Ghristenthume in einem poetisch 
geschriebenen Glaubensbekenntnisse abzulegen , auch noch den 
die Trjlger seines eben angenommenen Heiliglhums geisselnden 
Danza zu verfassen — begreife dieses Wunder, wer da will, wir 
und gewiss Viele mit uns können an die Wirklichkeit nicht den- 
ken! Welches ungeheure Alter müsste der Rabbi erreicht haben? 
Sollte das Wasser der Taufe ihm vielleicht eine Lebensessenz ge- 
wesen sein? 

Ausser den genannten Männern Gastro und de los Rios, wel- 
chen von den Spaniern der in diesem Punkte unkritische Adolf 
de Gastro sich anschliesst *^), ist es auchkeinemEinzigen von allen 
Denjenigen, welche diese Frage berührten, eingefallen, dem Juden 
von Garrion die ihm nicht gehörenden Schriften unterzuschieben 
und ihn dieserhalb der Kirche zuzuführen. Der mehrfach er- 
wähnte Sanchez W'ar der erste , welcher selbststündig und ohne 
Vorurtheil die Untersuchung aufnahm ; als Resultat stellte sich 
ihm heraus, dass R. Santob Jude geblieben, nur die Gonsejos, 
nicht aber alles Uebrige des Manuscripts von ihm lierrühre "*) . 
Derselben Meinung sind Sarmiento **) , Moratin , Wolf, Tick- 
nor*^*), Douce*^) und auch der neueste Untersucher''*) spricht 



30 

es mit Gewissheit aus, dass der Danza general und die Doctrina 
christiana unmöglich von R. Santob herrühren können. 

Wer der Verfasser dieser beiden Werke sei, ist eine Frage, 
die wohl noch lange einer gewissen Beantwortung harren wird. 
Wir wüssten nicht, dass von einem der Forscher, welche sie R. 
Santob mit Recht absprechen, auch nur Vermuthungen darüber 
aufgestellt wären ^^) und wollen daher unsere Meinung darüber 
zu äussern nicht unterlassen. Freuen würden wir uns , Andere 
dadurch angeregt zu haben, dieser Untersuchung ein ferneres Au- 
genmerk zu schenken. 

Sowohl der Danza general als auch die Doctrina scheinen ein 
und dieselbe Person zum Verfasser zu haben und zwar einen ge- 
tauften Juden aus dem letzten Decennium des 14. Jahrhun- 
derts, zu welcher Zeit von den Juden mit dem Artikel des Ueber- 
tritts recht gute Geschäfte gemacht worden sind. Wir kommen 
im Verlauf unserer Betrachtung bei der Begierungszeit Juan II. 
auch hierauf zurück. Solche Neophyten hielten es für ihre erste 
Pflicht, ihr neues Glaubensbekenntniss in Gedichten oder Dialo- 
gen dem Publicum zu übergeben, wie Beispiele dieser Art sich in 
nicht geringer Anzahl liefern Hessen. Ein Theil dieser Täuflinge 
gaben solchen Credo den ihren Inhalt genugsam verrathenden 
Titel Doctrina christiana , während Andere , wir nennen nur bei- 
spielsweise den Erzbischof Paul de Santa Maria , Johannes Bap- 
tista de Este , in Gesprächen zwischen Lehrling und Meisterlein, 
zwischen Paulus und Saulus ihren Ilass gegen dasJudenthum und 
seine Satzungen, wie ihre Liebe zu der Kirche und ihren Heiligen 
ausschütteten. Der hier vermuthete Apostat zog es, vielleicht sei- 
ner poetischen Begabung wegen, denn Dichtertalent lässt sich ihm 
durchaus nicht absprechen, vor, in einem »Doctrina christiana« 
genannten Gedichte die Aufrichtigkeit seiner Bekehrung zu ver- 
sichern. 

Unsere Vermuthung, dass von demselben getauften Juden 
auch der in Form und Reim von dem eben genannten Product frei- 
lich verschiedene Danza geschrieben sei , gründet sich sowohl auf 
die in demselben eingeführte Person des Rabbi selbst, als auch 
auf die Worte, welche der Dichter dem ihn anredenden Tode und 
dem diesem erwidernden Rabbi in den Mund legt. 

Einen Juden, ja einen Rabbi in irgend einem Todtentanze der 
frühesten Zeit zu treff"en , ist eine überraschende Erscheinung, 



31 

(lenu wie sie von allen Rechten und Begünstigungen in den Ltln- 
dern, in welchen die Todtentanze zuerst eingeführt wurden, aus- 
geschlossen blieben, so auch von der Gunst mit den übrigen Stän- 
den zu gleicher Zeit tanzen zu dürfen , und wäre es auch nur im 
Todtentanz. Erst auf späteren Bildern und Holzschnitten figuri- 
ren auch die schwarzen Juden und Jüdinnen. Nachdem es ein- 
mal ein Künstler des 15. Jahrhunderts gewagt hatte, eine solche 
Figur in seinem Werke anzubringen, erscheint der Jude erst wie- 
der auf einem vom dem Maler Afeyern in Zürich 1 650 entw orfenen 
Todtentanze zwischen dem Bettler und Wucherer ; ein für die da- 
malige Zeit charakteristischer Platz I So mag auch der vermuth- 
liche Verfasser unseres Danza auf den ironischen Einfall gekom- 
men sein, dem geistlichen Haupte seiner früheren Glaubensgenos- 
sen, einem »Rrabi barbudo, « die Ehre zu erweisen, ihn an dem 
Generaltanz Theil nehmen zu lassen. Das Vorführen einer sol- 
chen Person machte alles Andere wieder gut und trug nicht wenig 
zur Belustigung des spott- und schmähsüchtigen Publicums bei. 

Um seine Juden zu verspotten brachte der Dichter auch die aus 
der Synagoge stammenden technischen Redensarten und Ausdrücke 
in der Unterredung des Todes mit dem Rabbi an. Es war im- 
mer ein Lieblingsschwank der jüdischen Täuflinge , nicht allein 
der deutsch-polnischen , sondern auch der spanischen , ihr jüdi- 
sches Wissen bei solchen Gelegenheiten zu zeigen ; sie konnten 
ja des besten Erfolgs und des ungetheilten Beifalls gewär- 
tig sein. 

Wir wollen uns bei dem aus wohlmeinenderFrömmigkeit er- 
zeugten 137 Strophen langen Credo hier nicht aufhalten und nur 
noch, ehe wir zur Betrachtung des Kunstproductes , welches R. 
Santob's Namen rechtmässig an der Stirn trägt, übergehen, bei 
einem ihm ebenfalls zugeschriebenen Werke, der »Revelacion« 
oder dem » Traumgesichte eines Einsiedlers « , einige Augenblicke 
verweilen. 

Der Inhalt dieses in gleichem Versmaass mit dem Danza ver- 
fassten Gedichtes ist in aller Kürze folgender. 

Der Dichter führt uns in die armselige Hütte eines Einsied- 
lers. In einer langen Rede bereitet dieser sich zum Tode vor. 
Sobald die Mitternachtsstunde schlägt, gibt er den Geist auf. So- 
dann umflattert ein immer mehr und mehr die Höhe erstreben- 
der , blendend w eisser Vogel , womit die Alten ^^') häufig und in 



32 

sehr geeigneter Weise die Seele symbolisirten, den todten Körper. 
Mit ihm eröffnet nach einer kurzen Pause die durch <len Leib 
verunreinigte Seele ein Zwiegespräch. Sie verflucht und ver- 
wünscht die sterbliche Hülle, durch deren Schuld sie sich zu 
den Strafen der Hölle verdammt fühlt und bereut es in ihrer Be- 
gleitung so nachgiebig gegen alle ihre Wünsche gewesen zu sein. 
Auch der seiner Vergehen sich bewusste Körper bricht in nicht 
weniger schreckliche Klagen aus darüber, dass er nicht Stärke 
genug besessen, den lüsternen Empfindungen und lockenden Ver- 
führungen Widerstand geleistet zu haben. Mitten in diesem von 
Körper und Seele mit Bitterkeit geführten Dialoge führt der Dich- 
ter einen Engel ein, welcher ebenfalls die Gebrechen des mensch- 
lichen Körpers zum Gegenstand seiner Rede macht und der Welt 
ihre Thorheiten und Vergehen vorwirft. Dann zieht dieser die 
Seele mit sich zur Reinigung fort und lässt den elenden Körper 
zur Verwesung auf Erden zurück. 

Diese poetische Fiction , welche der Dichter geschickt in eine 
dramatische^Form kleidet, gehört ebenso wenig wie die beiden 
obengenannten Producte R. Santob an, wie Wolf und Ticknor ^'^) 
sich hierüber mit Bestinmitheil ausgesprochen haben. Aus dem 
die »Revelacion« einleitenden Verse ergibt sich, dass dieses Pro- 
duct wahrscheinlich im Jahre 1420 der spanischen oder 1382 
der gewöhnlichen Zeitrechnung geschrieben sei. Uebrigens sind 
solche Dichtungsarten, die auch den Namen » Moralitäten « führen, 
in der spanischen Literatur sehr alt und fanden auch noch im 17. 
Jahrhundert ihre Bearbeiter. Noch der grosse Lope de Vega ver- 
fasste eine solche unter dem Titel »die Heirath der Seele mit der 
göttlichen Liehe«, welche bei Gelegenheit der Vermählung Phi- 
lipp HL von Spanien mit Margaretha von Oeslerreich in Valencia 
aufgeführt worden ist. . Ob auch dieses iledicht mit den vorigen 
beiden denselben Verfasser hat, müssen wir dahin gestellt sein 
lassen. 

Nachdeu) wir vielleicht etwas zu lange bei den unserm Rabbi 
nicht gehörenden Kunslproducten verweilt haben, gehen wir zu 
den merkwürdigen Consejos und ihrem Meisler selbst über. 

Dass dieser grosse Troubadour, w elcher schon Greis war, als 
er seine »Consejos« oder »Untierweisungen« schrieb, unter Al- 
phonsXL im Staatsdienste verwandt worden, deutet er im letzten 
Verse des Gedichtes selbst an : 



33 

Und den Dank, den einst gelobet 
Dein Erzeuger hehr und gut, 
Seh' erfüllet und erprobet 
Santob der Carrioner Jud *) . 

AlphonsXL, der ehebrecherische, Unheil stiftende, aber sieg- 
reiche Monarch , der Held von Rio-Salado , der Eroberer von Al- 
gesiras , hatte in der Kraft des Mannesalters den von seinen Vor- 
fahren schon gehegten Plan mit neuer Gluth erfasst, die christ- 
liche Macht auch in dem Theilc der Halbinsel zu begründen, wo 
noch Chalifen herrschten. In demselben Jahre , in welchem in 
Toledo ein grauenhaftes Gemetzel verübt worden ist und der Sohn 
des grossen , aus Deutschland nach Toledo übergesiedelten Mei- 
sters von ganz Spanien (principal maestre de toda Espana) sich 
dem Märtyrthume weihte , sich mit Weib und Kindern den Tod 
mit eigener Hand gab ^^), rückte Alphons mit seinen genuesischen 
Söldlingen und ihrem tapfern Admiral vor das feste Gibraltar. Es 
war ein trauriges Unternehmen, berichten die arabischen Quellen, 
die christlichen Erzählungen sprechen nur von dem Tode des Kö- 
nigs. Er fiel als Opfer der allgemein verheerenden Pest. Auf den 
Mauern der uneinnehmbaren Bergfestung standen die Jahre lang 
eingeschlossenen Feinde und schauten beim Fackelscheine dem 
langsam und still sich bewegenden Leichenzuge des Urhebers ih- 
rer Leiden, des Islam und Muselmänner hassenden Königs nach — 
Spanien trauerte, auch die Moslemen weinten; es war ein sieg- 
reicher Held, ein glücklicher Kämpfer, ein frommer König, wie die 
judische Historie ihn nennt, heimgegangen. 

Ein unglücklicher Sohn war ihm gefolgt. Die Schuld des 
Vaters rächte sich an dem »einzigen« Pedro. 

Don Pedro's Regierungszeit bildet einen Glanzpunkt in der 
Geschichte der Juden. ^^) Sie hatten sich unter diesem mit den be- 
sten Anlagen versehenen, doch in der Erziehung vernachlässigten 
Monarchen eines besondern Schutzes zu erfreuen , und nahmen 
wichtige Posten im Staatsdienste ein. Ein jüdischer Arzt rettete 
ihm das Leben , ehe er noch das Weltenlicht erblickte ; Samuel 
Lewi, der Freund seiner geliebten Maria de Padilla, diente ihm als 
Finanzminister und Schatzmeister; eine prächtige, die Bewunde- 

*) E la mercet que el noble 

Su padre prometio 
La terrna como cumple 
AI Santob el Judio. 
Kayserling, Sephardim. . 3 



34 

rung der Künstler noch heute erregende Synagoge erhob sich mit 
seiner Erlaubniss in Toledo; sein Leibarzt Abraham Aben Zarzal 
tröstete ihn gegen Ende seines Lebens ob seines trüben Schick- 
sals und gegen Anfang seiner Regierung näherte sich ein alter 
jüdischer Rabbi, der treue Diener seines Vaters, der grössle 
Troubadour seiner Zeit, seinem Throne mit einem Buche voller 
Rathschläge und Unterweisungen. 

Wer auch nur einmal einen flüchtigen Blick in dieses merk- 
würdige »Buch des Rabbi Santob« geworfen hat, kann wohl nicht 
mehr den geringsten Zweifel hegen, dass Santob Jude gewesen 
und nie von seinem Judenthume gewichen sei. Wir wollen die 
einzelnen Gründe nicht noch einmal wiederholen. Wundern müs- 
sen wir uns , dass von allen Denjenigen, welche ihr Auge auf das 
Manuscript geworfen haben , kein Einziger wahrgenommen , wie 
seine sämmtlichen Reden und Sittensprüche den Schriften der Bi- 
bel und dem Talmud entnommen sind. 

Um dieses darzulhun , wollen wir das Buch etwas näher 
betrachten, und damit unsere Leser selbst urtheilen können, einen 
Theil desselben in freier Uebersetzung mittheilen, ohne jedoch im- 
mer auf die betreffende Stelle, welche dem Rabbi als Grundlage 
diente, zu verweisen. Der Kundige wird den richtigen Beleg von 
selbst finden. 

Den aus 628 Stanzen bestehenden »Unterweisungen und Rath- 
schlägen an den König Don Pedro a geht eine in Prosa von ande- 
rer Hand geschriebene Erklärung der Absicht des »Rabi Don San- 
tob el Judio de Carrion« voran, in welcher der Schreiber den Vers 
aus dem Prediger Salomonis »quien -acrecienta ciencia, acrescienta 
dolor«, »wer an Wissen zunimmt, nimmt an Schmerz zu« (C. 1, 
Vers 1 8) in sinnreicher Weise deutet und auf die Nothwendigkeit 
des mündlichen Gesetzes verweist. Sodann nimmt das Gedicht 
selbst seinen Anfang. 

. Die ersten 52 Strophen®") bilden einen Prolog, welcher beginnt: 
Mächt' ger König und edler Mann 

Neige meiner Rede Dein Ohr, 

Es redet Dich Santob der Jude an, 

Der Jude von Carrion' s Thor*). 



*) Senor Rey, noble, alto, 

Oy este sermon, 
Que vyene desyr Santob, 
Judio de Carrion. (V. 4.) 



35 

Ich Sprech' was ich denke in Versen aus, 
Moralisch ist meine Tendenz, 
Und Weisheit, die sucht' ich zu sammehi auf. 
Wollt' nur, dass auch Du sie drin fand' st. * 

Nach einer kurzen Erwähnung des königlichen Vaters 

Als Alphons der König endete 
Jammerte kläglich das Volk u. s. w. 

weist er in altjüdischer Weise den jungen Monarchen auf die Allmacht 
und Grösse Gottes hin, wie aus seiner Hand er Alles empfange, wie 
er, der machtige König, im Vergleich zu dem allmächtigen Gotte ein 
ohnmächtiges Wesen sei, wie bei dem sündhaften Menschen Ver- 
gehen, bei Gott allein Verzeihung und Gnade walte. 

Wie von der Erde der Himmel ist 
Erhaben und ohne Vergleich, 
So ist auch seine Verzeihung gross, 
Nicht bist Du an Fehlern so reich *) . 

Wie seine Macht so gewaltig ist. 
So ist auch gewaltig sein Werk, 
Doch Deine Werke nur winzig sind. 
Weil winzig nur ist Deine Stärk'. 

Er Iheilt in der Folge selbst mit, was ihn zu dem Entschlüsse 
geführt habe , Rathschläge und Unterweisungen an den König zu 
richten. Diese wenigen Verse gönnen uns einen Blick in seine Le- 
bensverhältnisse. 

Nichts vermag er dem Könige im Staatsdienste ferner zu lei- 
sten, das Alter und seine Gebrechen verhindern ihn daran, mit 
Kummer und Sorgen hat er zu kämpfen , denn er rechnet sich 
nicht zu den reichen Juden , welche vom Monarchen Güter und 
Schätze empfangen. Aermlich gekleidet schreitet er einher und 
war seinem Geschäfte nach im Aller vielleicht ein armer Händler, 
wie .wir aus wenigen Versen vermuthen. 

Den Weisen fragte eines Tags 
Sein Schüler unerfahren. 
Warum er sich befassen mag 
• Mit irgend welchen Waaren? 



L 



Bien comuio es mas alte 
El cielo que la tierra, 
El SU perdon es tanto 
Mayor que la tu yerra. (V. <3.) 



3 



36 

Warum er geVi', warum er schrei' 
Von einem Ort zum andern hin? 
Ob dieses ihm wahres Glück verleih? 
Ob dieses ihm brächte auch Gewinn? 

Worauf der Weis' ihm gab die Lehr', 
Dass, wenn man was erlangen will, 
Die Schand' uns nie und nimmer stör', 
Dass uns entging ein and' res Ziel. 

Trotz dieser ärmlichen Stellung will er nicht, wie Viele seines 
Volkes , knechtisch schweigen und Alles gutheissen — eines hö- 
hern Berufs ist er sich bewusst , er will von seinem Wissen sei- 
nem Monarchen mittheilen und mit seinen Kenntnissen ihm einen 
Dienst erweisen. 

Weil der Kummer mich verzehret 
Und mein Sinn des Ernstes voll, 
Möcht' ich, dass mein Vers Dich lehret, 
Was aus Wissens Born mir quoll. 

Wenn auch nicht ist, was ich will, 
Will ich doch, was ist im Sein, 
Wenn ich leide, leid' ich still, 
Freude folgt des Leidens Pein. 

Sollten And're grösser sein 
Meines Volkes als ich bin, 
Weil vom Könige sie allein 
Zogen Gut und viel Gewinn? 

Sollte gut sein meine Red' 
Hör' sie nicht verächtlich an. 
Weil der Autor niedr'ger steht, 
Als wohl mancher Rittersmann. 

Ist die Rose minder schön. 
Weil ihr steht der Dorn zunächst? 
Ist die Rebe zu verschmäh' n 
Etwa weil aus Holz sie wächst? 

Ist der Habicht minder werth 
Weil im schlechten Nest die Brut? 
Weil der Jude Dich es lehrt 
Ist das Beispiel minder gut? 

Nein, man acht' mich nicht für dumm. 
Weil nach vieler Juden Lust 
Ich nicht knechtisch schweige stumm, 
Da ich Bess'res mir bewusst? 



37 

Manchmal liegt ein tiefer Sinn 
In dem Vers, der winzig klein, 
Oft ist kein Atom Gewinn 
In Quartanten, schwer wie Stein. 

Mancher Mann mit Denkerfalten, 
Weil er schamhaft ehrlich fühlt. 
Wird für schlecht und dumm gehalten. 
Weil ihm Gram im Herzen wühlt. 
Mit dem 53. Verse beginnt das eigentliche Gedicht: 
Jetzt will ich aber von der Welt 
Dir reden und von ihrer Art, 
Wie der Zweifel ist bestellt. 
Der dem Glauben stets sich paart. 
Einen eigentlichen Plan hat R. Santob in diesem Gedichte 
eben so wenig verfolgt , wie eine Verbindung der einzelnen Verse 
zu erzielen gesucht. Der Dichter greift einzelne Ideen , wie sie 
ihm gerade einfallen, auf, und man sieht recht deutlich, wie die 
Fülle der Gedanken ihn von einem Rathschlusse und einer Unter- 
weisung zur andern treibt. Dabei lässt sich nicht in Abrede stel- 
len, dass manche Partien wie über Freundschaft und Einsamkeit, 
Reden und Schweigen u. a. m. ausführlich und zusammenhän- 
gend behandelt worden sind. , 

Aus doppelten Gründen lassen wir den bereits mitgetheilten 
Versen noch eine grössere Anzahl folgen. Hallen wir es einer- 
seits für wichtig genug, dieses durch Ticknor's Remühung erst 
seit wenigen Jahren zugänglich gewordene Product in weiteren 
Kreisen bekannt zu machen, so beabsichtigen wir andererseits 
damit, auch durch die in dem Werke niedergelegte religiöse An- 
schauung der irrigen Meinung entgegenzutreten, als wäre R. Santob 
nicht im Judenthume verblieben. Unsere Leser werden in der 
Folge nicht selten an des weisen Königs und der Propheten Sprü- 
che, an Talmud und Midrasch erinnert werden. 

Dem eben vernommenen Verse lässt der Dichter einige an- 
dere über die Verschiedenheit des Geschmacks und der mensch- 
lichen Ansichten folgen, wie er auch bald nachher über die Wan- 
delbarkeit des Schicksals und die Unbeständigkeit des Glücks sei- 
nem jungen Monarchen Vortrag hält. 

Was der Eine achtet grob. 
Scheint dem Andern werth ein Lob, 
Was der Eine rühmet sehr, 
Scheint dem Andern krumm und quer. 



38 

Die Stoffe, die der Kunde 
Verächtlich nennet schlecht, 
Die preist mit lautem Munde 
Der Kaufmann ihm zurecht. 

Sodann ruft er dem Monarchen zu, auf sein eignes Selbst be- 
dacht zu sein und besonders die Gier im Zaume zu halten. Der 
Dichter berührt hiermit die empfindlichste Seite des Königs. Es 
ist nicht die Grausamkeit, die man diesem jungen, von Kirche 
und Geistlichkeit gehassten , unglücklichen Don Pedro vorwer- 
fen kann ; nicht die Tyrannei hat ihn zu Thaten veranlasst, 
die seinen Namen verdunkeln und alle seine Handlungen in ein 
schlechtes Licht setzen, sondern der Argwohn, der ihn in Je- 
dem einen Feind und Verfolger erblicken lasst, und mehr noch 
als Alles die unersättliche Habgier, welche durch den immer 
wiederkehrenden Mangel stets neue Nahrung erhalt, Sind die 
Beweggründe zu den übereilten, seinen Charakter verdächti- 
genden Handlungen. Brachte doch die Habgier und sie allein 
seinen treuen Geführten, seinen klugen Schatzmeister auf die Fol- 
terbank ! Rabbi Santob scheute es nicht, dieses grösste aller Laster 
in seinen Unterweisungen zu berühren und zeigt damit, wie ge- 
nau er den jungen Pedro durchschaut hatte. 

Mit Habgier kommet immer schwer 
Der Mensch zum festen Stand, 
Sie ist so tief wie tief das Meer, 
Ohn' Hafen, ohne Strand. 

Der Mangel, wenn er quälet, 
Erreget Sucht und Gier, 
Und auch wenn nichts ihehr fehlet, 
Die Gier bleibt im Quartier. 

Interessant wäre es, den Dichter auf seinen einzelnen Gängen 
zu begleiten, wir würden ihn nicht selten in des Talmuds duften- 
den Gärten lustwandeln sehen und finden, wie oft er dort Blumen 
für seinen Kranz gebrochen hat. So werden wir, wenn der Rabbi 
einmal sagt: 

Du täuschest in der Welt 
Wohl zwei und auch nicht mehr, 
Beim Dritten schwer es fällt — 
Den täuschst Du nimmermehr. 



39 

unwillkürlich an den bekannten Spruch der Rabbinen erinnert: 
Sagt Dir Einer, Du hast Eselsohren, kümmere Dich nicht darum, 
sagen's Dir Zwei, leg' Dir einen Halfter um (Jalkut Genesis Nr, 79, 
Genesis Rabba iS*"). 

Ebenso ist auch der Satz : 

Arm ist, wenn selbst reich, 
Der gierig immer strebt, 
Nur Der ist wahrhaft reich, 
Der freudig dabei lebt, *) 

den Sentenzen der Rabbinen, wie: Reich ist Derjenige, der Ver- 
gnügen von seinem Reichthum hat (Talmud babli , Sabbat 25''), 
oder: Derjenige ist reich, welcher mit dem ihm beschiedenen 
Theile zufrieden ist (Abot IV, 1), entnommen. 
Dass der Gedanke : 

So lang der Mensch zu leben hat, "* 

Macht er es Jedem schlecht, 
Doch liegt er erst im Sarge platt, 
So war er sehr gerecht**), 

eine blosse Umschreibung des bekannten, von Immanuel aus Rom 
in dem Mechabberot (1328) angewandten Sprüchworts mü "»"iriN 

Liegt der Mensch nur erst im Sarg, 
Ist mit Lob man nicht mehr karg, 

ist, wird Jedermann leicht einsehen. 

In einem Verse führt der Dichter sogar die Quelle selbst an : 



Der Weis e spricht : Mir sei gegeben 
Gesellschaft oder sonst der Tod***), 

Que non ya omen pobre 
Synon el cobdi^ioso, 
Nin rrico synon ome 
Con lo que tiene gozoso. (V. 78.) 

Del omen uyuo dizen 
Las gentes sus maidades, 
E desque muerte fazen 
Cuenta de sus bondades. (V. 388.) 



Por ende e 1 s a b i o dize, 

Compania o muerte. (V. 489.) 



40 

womit er auf Raba , der diesen Gedanken als Sprilchwort an- 
wendet: Nrnn^^a nN Nrnnsn in "'ü33'^« '''iafi<i li-'-'M (Wie die Leute 
sagen : Freundschaft oder der Tod) [Talmud babli , Ta'anit 23*] 
hindeutet. 

In folgenden künstlich gebauten Versen stellt der Dichter Be- 
trachtungen über die Wandelbarkeit des Schicksals an : 

Heute wild, morgen mild, 
Heut' in Noth, morgen Brod, 
Heute Graf, morgen Sclav, 
Heut' in Freud', morgen Leid. *) 

Heut' ertragend Demuth, 
Morgen machend Wehmuth, 
Heut' in Rache lebend, 
Morgen Nachsicht gebend. 

Den ziert Nachsicht herrlich. 
Der sich rächen kann, 
Kränkung fällt beschwerKch 
Nicht dem biedern Mann. 

Ohne Schatten keine Sonne, 
Ohne Saal nicht Erndtewonne, 
Ohne Luft gibt's keinen Rauch, 
Wer da lacht, der weinet auch. **) 

Zum Lobe der Weisheit schrieb er folgende Verse nieder: 

Es kann des Wissens wenig geben. 
Das nicht mit Gottesfurcht beginnt. 
Der Reichthum lässt nicht reich Den leben, 
Der nicht auf Beistand Andrer sinnt. 

Es gibt kein Gut in dieser Welt, 
Das besser ist, als Wissen, 
Möcht' Mancher nicht ererbtes Geld 
Um dies Besitzthum missen? 



Oy bravo, cras manso ; 
Oy simple, cras lozano ; 
Oy largo, cras escaso ; 
Oy en cerro, cras en llano. (V. 12^3. 

Non syn noche dia 
Nin segar nyn senbrar, 
Ni ha fumo syn fuego, 
Ni reyr syn llorar. (V. 1 49. 



I 



41 

Das Wissen ist eine Gab' von Gott, 
Von himmlisch hehrem Glänze, 
Es gibt kein schöneres Kleinod, 
Kein Ruhm mit besserm Kranze. 

Als blosser Interpret und üebersetzer rabbinischer Sprüche 
erscheint R. Santob in seiner Betrachtung über die Gerechtigkeit 
und das Gesetz : 

Die Welt, so wie sie ist hienieden, 
Beruhet auf der Dinge drei, 
Auf Recht, Wahrhaftigkeit und Frieden — 
Das letzte folgt den andern zwei. *) 

Das Erste, die Gerechtigkeit, 
Hat einen Fuss von Eisen stark, 
Sie hat die grösste Wichtigkeit 
Und ist des Weltlaufs Lebensmark. 

Verehr' und üb' Gesetz und Recht, 
Mit ihm der Wahrheit Quell, 
Denn suchst Du Wahrheit schlicht und echt, 
So lohnt auch Freundschaft Dir zur Stell' . 

Und weil die Welt Recht und Gericht 
Gesund zusammen hält, 
Darf auch des Rechtes Stütze nicht 
Je werden umgefällt. 

Umgeh' nicht um den höchsten Pieis 
Gesetz und Billigkeit, 
Denn Gott und König boten weis', 
Dass herrsch' Gerechtigkeit. 

Zu den am weitesten ausgeführten und sowohl in Form als 
Gedankenfülle herrlichsten Partien der »Unterweisungen« gehören 
die Betrachtungen , welche der Dichter Über Schrift und Wort, 
Schweigen und Reden anstellt. 

Wenn vor Gefahr und Armuth Du 
In Sicherheit willst leben. 
So halte Deine Zung' in Ruh', 
Beschränk' des Geistes Streben, 



EI mundo, en verdat, 
De tres cosas se mantyen, 
De juyzio, e de verdat, 
E paz, que dellos vyen. (V. 829.) 



42 — 

Durch eine Rede gut und wahr 
Kann schon der Tod entstehen, 
Aus einem Blicke hell und klar 
Hervor die Liebe gehen. 

Der Worte Laute werden bald 
Im Zeitenraum vergessen, 
Die Schrift hat ewige Gestalt 
Und lässt sich fort nicht pressen. 

Es gibt nicht Lanz' , es gibt nicht Speer, 
Der seinen Schild nicht findet, 
Doch Nichts ist abgesperrt so sehr. 
Das nicht die Schrift ergründet. 

Der Pfeil vermag nur zu erreichen, 
Der in des Schützen Nähe weilt, 
Die Schrift ist ein bekanntes Zeichen, 
Die selbst zum fernsten Osten eilt. 

Der Mensch vermag sich vor den Pfeilen 
Die Brust zu schützen mit dem Schild, 
Doch schützen keine tausend Meilen 
Ihn vor des Buchstabs kleinem Bild. 



Ist es auch übel viel zu sprechen, 
So ist's noch schlechter stumm zu sein, 
Denn nicht zur Mehrung unsrer Schwächen 
Sollt' dienen Sprechen nur zur Pein. 

So wie zur rechten Zeit Nichtschweigen 
Gleich Silber ist, das wohl geziert, 
So ist zur Zeit sich stumm verneigen, 
Gleich Gold, dem feinster Preis gebührt. 

Wie Schweigen gibt von allen Gütern 
Den Frieden Dir auf jeden Fall, 
So ist das Bitterste des Bittern 
Der Zank, erzeugt durch Worte-Schwall. 

Der heute schweigt aus klug Bedenken, 
Kann morgen reden wohlbedacht, 
Doch wird auch morgen uns beschenken 
Mit Worten, der sie heute macht. 



43 



Was 'mal gesagt, ist nicht mehr eig«n, 
Und das was heut' nicht ist gesagt, 
Kann ja für später gut sich zeigen, 
Wenn auch nicht heut', den nächsten Tag.* 



Und weil bisher nur bloss wir haben 
Vom Schweigen Gutes vorgebracht 
Und von des Redens Übeln Gaben ; 
Werd' auch dem Reden Lob gebracht. 

Wenn schweigen stets der Weise wollte. 
So müsste Wissen untergehn, 
Wenn nicht der Weise reden wollte, 
Wer würde dann noch was verstehn? 

Reden ist sonnenklar, 
Schweigen so blind wie Staar, 
Reden ist freies Recht, 
Schweigen gebührt dem Knecht. 

Ist Reden unbesonnen? 
Ist Schweigen Weisheit nicht? 
Wer redet hat gewonnen. 
Wer schweiget — armer Wicht ! 

Das Schweigen ist dumm, 
Das Reden erfreut, 
Rlind jenes darum 
Und dieses gescheut. 

Der Körper ist das stumme Schweigen, 
Für's Wissen nur die Seel' ich hab'. 
Man kann sich nur im Reden zeigen, 
Das Schweigen ist lebendig Grab. 

Es kommt das Reden schnell, 
Das Schweigen spät zur Stell' ; 
Das Reden ist das Schwert, 
Das Schweigen — Feige ehrt. 



*) Könnte man hier nicht vermuthen , dass dem Dichter die Spruch- 
sammlung des Samuel Hannagid aus Cordova (gest. 1055) [vgl. Dukes, Blu- 
menlese. Hannover 1844. 55 fT] vorgelegen habe? In dieser Sammlung findet 
sich folgende der unserigen ähnliche Sentenz : 

Hast Du geschwiegen , kannst Du ja noch reden nach dem Schweigen ; 
hast Du gesprochen, so kannst Du nicht rückgängig machen, was Du hast ge- 
sprochen. 



44 

Schön und ganz das orientalische Gepräge an sich tragend 
sind die Verse über die Freundschaft: 

Kein ^rössrer Schatz kann sem beschieden, 
Als wem ein Freund zur Seite steht, 
Doch gibt's nichts Aermeres hienieden, 
Als wenn für sich man einsam geht. 

Denn es erweckt das einsam' Leben 
Die traurigste Gedankennoth, 
Der Weise spricht : »Mir sei gegeben, 
Gesellschaft oder sonst der Tod.« 

Doch wenn die Einsamkeit auch trübe, 
Ist Nachbarschaft weit trüber noch, 
Von Einem, der von Wahrheitsliebe 
Abweichet und auf Lügen geht. 

Das Ganze ^chliesst mit einem kurzen Gebet ftir den König : 

Gott erhalte unsern Herrn, 
, Wie er gnädig uns erhält, 
Dass das Unrecht bleibe fern 
Und das Recht in Schutz bestellt. 

Deines Reiches Völker Alle 
Gott zu seinem Dienste leiht, 
Hut' es, dass es nie verfalle 
In Verderben, Pest und Streit. 

Und der Dank, den einst gelobet 
Dein Erzeuger hehr und gut. 
Seh' erfüllet und erprobet 
Santob der Carrioner Jud' . 



Hier endigte der Rab Don Santob 
Gott sei gelobt. *) 



bilden die Schlussworte des Buches , welche , nach der Schreib- 
weise zu urtheilen, wohl spätrer Zusatz sind. 

Aus diesen hier mitgetheilten Proben , welche wir noch um 
ein Bedeutendes vermehren könnten, ergibt sich zur Genüge, dass 
Rabbi Santob seine Unterweisungen aus jüdischen Quellen ge- 



Aqui acaba el Rab Don Santob 
Dies sea loado. 



45 

schöpft und seinem Könige im Grunde genommen nur orientalische 
Früchte und BlUthen in einen zierlichen Kranz geflochten hat. 
Ist ja das Wesen und der Begriff der Spruchsammlungen an sich 
schon orientalisch , jüdisch ! Die sogenannten Sprüche Salomons, 
diese Weisheit Salomonis und der ganzen orientalischen Weltan- 
schauung sind vorzugsweise sententiöse, sprüchwörtliche Wen- 
dungen. Das Sprüchwort ersetzt die Kathederweisheit, es ist 
gleichsam eine figürliche und anschauliche Logik des praktischen 
Lebens; der Sinn des SprUchworts deutet schlechthin auf ein All- 
gemeines, wenn wir so sagen dürfen, Metaphysisches, obwohl die 
Form dem Realen , Seienden entnommen ist. Jedes SprUchwort, 
selbst die prosaische Lebensregel hat einen gewissen dichterischen 
Beigeschmack , und wie die Unterweisungen Santob's Poesie und 
Reim. 

Ob der Rabbi Don Santob de Carrion einer allgemeinen Ach- 
tung sich zu erfreuen hatte , wie man aus den doppelten Titeln 
Rabbi und Don zu schliessen sich für berechtigt hielt; ob er aus- 
ser den Unterweisungen noch andre jetzt verloren gegangene Werke 
verfasste, zu welcher Annahme uns die oben (S. 20) mitgetheilten 
Worte des Marquis von Santillana wohl verleiten könnten ; ja ob 
dieser unser Dichter zu den Poötannim gerechnet werden kann, 
wie Dukes®*) aus einer Stelle vermuthet; ob ihm der Lohn für 
seine Mühe ward und sein König ihm sein Alter versüsste; ob 
schliesslich der würdige Rabbi noch viele Jahre nach Abfassung 
dieses Werkes lebte — alle diese Fragen sind mit einem undurch- 
dringlichen Schleier, den vielleicht die Zeiten noch lüften werden, 
verhüllt. Wir wissen nichts Sicheres darüber zu sagen. Aber so 
viel wissen wir, dass des alten Juden Gebet für seinen König, 
seine Wünsche für des Vaterlandes Ruhe und Sicherheit nicht er- 
hört worden sind — Gott erhielt nicht den unglücklichen Herrn, 
und das Unrecht blieb nicht fern; Spanien glich unter Pedro einem 
aufgewühlten Meer, und Bruder- und Bürgerkriege tobten gleich 
des Sturmes wüthendem Brausen. 

Der Juden Ruh und Glück war auf castilianischem Boden für 
immer dahin. 



46 



Drittes Capitel. 



Die politische Lage der Juden in Spanien von der Mitte des 

14. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Ihre innern 

Verhältnisse. Die Familie Santa Maria. Das Dichterleben 

am Hofe Juan II. 

Auch die Geschichte verfolgt ihren natürlichen Gang. Die Ge- 
schichte der Juden, so wunderbar sie auch scheint, nimmt allent- 
halben einen natürlichen Verlauf. 

Der kurzen Zeit des äussern Glücks, welches die Juden un- 
ter Pedro genossen, waren Plagen gefolgt und Jahre, die ihres 
Gleichen auf der Halbinsel nicht aufzuweisen haben. 

Das unglückliche Concubinenverhältniss, in welchem der Vater 
Pedro's zu der schönen Wittwe Leonore de Guzman stand , rächte 
sich fürchterlich an den Kindern und entlud sich gleich einem 
mächtigen Wolkenbruche über Spaniens Bevölkerung. 

Neun Kinder hatte der ehebrecherische König mit der tugendhaft 
genannten Leonore gezeugt, Pedro war der einzige, aus geweihter 
Ehe entsprossene Sohn, der Erbe des Thrones. Sein Baslardhruder 
Heinrich von Trastamare, der Liel)ling seines Vaters, glaubte we- 
gen seiner persönlichen Tapferkeit, von der er an Alphons Seite, 
schon als Jüngling Bev^eise abgelegt hatte , und wegen der Erst- 
geJDurt mehr Rechte an die alle castilianische Krone zu haben, 
als der echte Sprössling der Königsfamilie. Mit neidischem Auge 
schielte er beständig nach der Krone; bald ti'at er in heimliche 
Verbindung mit den Gegnern des Königs, bald suchte er die un- 
zufriedene Adelspartei für sich zu gewinnen, l)is er endlich, von 
der, Pedro verketzernden Geistlichkeit dazu bewogen, den offenen 
Kampf wählte , um mit fremder Hilfe das Ziel seiner W^ünsche zu 
erreichen. 

Schrecken und Entsetzen verbreitete sich im ganzen Lande 
bei der Nachricht, dass eine wilde, in Frankreich und Italien ge- 
fürchtete Horde das Gebirge überschreiten wollte. Die grosse Com- 
pagnie war im Anzüge. Wie in der Wüste Afrikas das Geschrei 
der um eine Beute sich zerrenden Thiere beim fernen Gebrüll des 



47 

Löwen plötzlich aufhört und das noch vor wenigen Augenblicken 
sich streitende Wild von Furcht getrieben die Schlupfwinkel sucht 
und so dem seine Mähne schüttelnden Könige die schuldige Ehr- 
furcht zollt, so folgte jetzt in Spanien eine heilige Stille den schon 
Jahre lang dauernden Feindseligkeilen, die Brüder und ihr An- 
hang traten voll banger Hoffnungen vom Tummelplatz und fast 
konnte man glauben in das Land des Friedens versetzt zu sein. — 
Dem Tiger hatte man die Pforten des Kerkers geöffnet, damit er 
nach Herzenslust die zitternde Menge verschlingen könne. Bertrand 
du Guesclin, ein von der Sonne geschwärztes Gesicht mit grossen, 
dunkeln, beständig rollenden Augen, »eine gute Lanze, ein alter er- 
fahrener Krieger^ Löwe und Fuchs zugleich«, war mit seiner gros- 
sen Compagnie als Schiedsrichter von Traslamare herbeigerufen. 

Dieser Schrecken des Mittelalters stürzte sich nach einem 
kurzen Besuche am päpstlichen Hofe zu Avignon , wo er statt des 
verlangten Soldes Ablass für sich und seine Soldaten erhalten 
hatte, auf das durch Fruchtbarkelt gesegnete Spanien. Folget mir 
rasch ! rief er seiner ihn vergötternden Schaar zu. Auf nach Spa- 
nien I Dort findet ihr einen reichen , ketzerischen , geizigen König. 
Unserem alten Gefährten Trastamare wollen wir ein Land, einen 
Thron erobern helfen ! Juden und Ketzer könnt ihr plündern und 
»faisons ci Dieu l'honneur et laissons le diable«, wie es in einer 
Reimchronik heisst. 

Der kühne Führer hat seiner Armee seine Pläne offen genug 
dargelegt und wir wissen , was wir zu erwarten haben. Juden 
und Ketzer plündern und tödten ! Was bedurfte es mehr für eine 
von Raubsucht und religiösem Fanatismus getriebene Horde? Wo- 
hin immer ihr Ruf: Castilien! Caslilien ! Für den König Don Hein- 
rich! drang, wurde auch das Webgeschrei und das Röcheln der 
Juden vernommen. 

Trastamare hatte die Compagnie an der Grenze begrüssl und 
sich mit seiner Armee ihr angeschlossen. Die Wiege des Cid^ 
Burgos mit seinen schon in der Ferne sich zeigenden golhischen 
ThUrmchen, war ihr Zielpunkt, denn dorthin hatte sich Pedro be- 
geben. Briviesca •''''), nur wenige Meilen von Burgos gelegen, erfuhr 
zuerst den Besuch des Feindes »und auch nicht Einer blieb da- 
selbst von den 200 jüdischen Familienvätern übrig, welche dort 
wohnten, und ihre Leichname dienten den Vögeln des Himmels 
und dem Gewilde der Erde zum Frasseö^^j. Am 31. März 1366 



48 

hielt Heinrich seinen feierlichen Einzug in Burgos — er Hess sich 
zum König und seinen jungen Sohn Juan zum Nachfolger procla- 
miren. Jetzt war er grossmlUhig, freigebig bis zum Excess, ganz 
wie es die Politik eines Usurpators erfordert. Um seinen Genossen 
schenken zu können , plünderte er allenthalben die Juden , denen 
von Burgos allein nahm er eine Million Maravedis ab. 

Mit Blitzesschnelle richtete sich nun der neue König gegen 
Toledo. Nach kurzem Bedenken Öffnete die Stadt die vom Gothen- 
könig Wamba erbauten Thore, nur die ihrem legitimen Könige treu 
gebliebenen Juden versperrten ihm die Äljama. Sie hatten ihre 
Anhänglichkeit schwer zu bUssen, zum Lohne wurde ihnen die 
Versorgung der Truppen und die Zahlung einer Million Maravedis 
Gontributionsgelder auferlegt. 

Monate lang irrte der unglückliche Pedro gleich einem aufge- 
scheuchten Reh in den Gebirgen Galiciens. Endlich wandte er sich 
an England um Hilfeund der schwarze Prinz ^^) , der Sieger von Grecy 
und Poitiers, benutzte freudig eine Gelegenheit, seiner Klinge und 
seinem Waffenruhm neue Bewunderung zu verschaffen. 

Es kam zur Schlacht — Nayera an der kleinen Nayerilla, de- 
ren Gewässer kurz zuvor mit Judenblut gefärbt worden, ward 
der Wahlplatz. Pedro siegte, »die Lanze der Compagnie« wurde 
gefangen fortgeführt, Heinrich floh, um bald wieder vor den 
Thoren Toledos als Belagerer zu erscheinen. 

Ein Jahr später sah diese viel geprüfte Stadt den starken 
Trastamare mit entfalteten Fahnen heranziehen. iO% Monate hielt 
er sie eingeschlossen, der Hunger und die Noth waren aufs Aeus- 
serste gestiegen , Brod war um keinen Preis zu erlangen , Pferde 
und Maulesel dienten den armen Bewohnern als Nahrung. R. Sa- 
muel Zarza schildert in einem zur selben Zeit verfassten , hand- 
schriftlich vorhandenen Werke, Michlal Jophi, den traurigen Zu- 
stand Toledos in folgender Weise : 

Die Majestät Gottes waltet nicht unter Trauer und Trägheit, 
sondern unter Freuden , um so weniger aber in unserer Zeit d. i. 
im Jahre 5129 (1369 christlicher Zeitrechnung) in der Provinz 
Valencia, wo ich dieses Werk verfasste, während alle Gemeinden 
in den Reichen Castilien und Leon in grossem Drangsale sich be- 
finden und alle im dritten und fünften Buche Moses enthaltenen 
Flüche leider an uns in Erfüllung gegangen sind. In der heiligen 
und reinen Gemeinde Toledo, welche die Krone Israels war, star- 



r 



49 

ben innerhalb zwei Monaten mehr als 10,000 Menschen, während 
König Heinrich die Stadt belagerte; mitleidige Frauen kochten ihre 
Kinder, um sie zu verspeisen, vor Hunger wurden sämmtliche Ge- 
selzroUen , alle übrigen Bücher und lederne Geräthschaften ver- 
zehrt, man sengte die Wolle an und ass sie. Viele zogen es vor, 
in das königliche Lager hinauszugehen , denn sie dachten , besser 
durch das Schwert umkommen , als sich dem Hungertode preis- 
geben. Viele heilige Gemeinden wurden niedergemetzelt, so 

dass wegen der Menge der Leiden viele Israeliten die Gemeinschaft 
verliessen ; wahrlich Noth und Armseligkeit haben den höchsten 
Grad erreicht , alle Seelen der Körper sind dahin, aber der Sohn 
Davids ist nicht gekommen«*'*). 

Der in der Schlacht bei Montiel am 14. März 1369 erfolgte 
Tod Pedro's halte eine bedeutende Umgestaltung der Verhältnisse 
des Landes zur Folge, setzte eine neue, eine Bastarddynastie auf 
den Thron der Ferdinande und Alphonse und führte ein neues Re- 
giment, das der Geistlichkeit, in Spanien wieder ein. 

Die Juden traten einer schwarzen Zukunft entgegen I 

Mit Pedro hatten sie ihren letzten Haltepunkt verloren, und 
wie sie von ihm bei Lebzeiten beschützt worden, so haben sie 
seinetwegen nach seinem Tode die schwersten Leiden zu ertragen 
gehabt. Der neue König konnte es ihnen nie vergessen , dass sie 
einst gegen ihn die Waffen erhoben hatten , und wenn er auch ihr 
treues Festhalten an den legitimen Monarchen geachtet und ausge- 
rufen haben soU^^) , dass auf solche Unterthanen die Könige wohl 
bauen könnten, so ist er doch nicht grossmüthig genug gewesen, 
als dass er ihnen die dem Pedro bewiesene Treue und Anhänglich- 
keit nicht hätte vergelten sollen. 

Heinrich war ein frommer Monarch , sein Testament trägt 
deutliche Spuren seiner frommen Denk- und Handlungsweise an 
sich. Jedem Orden der Stadt Toledo, welcher für sein Seelenheil 
betete, vermachte er tausend Maravedis , eine neue Capelle wurde 
in der Residenz nach seinem Wunsche erbaut, deren Wächter, 
Sacrislane und übrige Diener ihren Sold aus der den Juden in 
Toledo auferlegten Steuer zogen. Die Geistlichkeit, das Werkzeug 
seiner Thronbesteigung, musste er natürlich lieben, und, wollte er 
es mit ihr nicht verderben, ihr auch, ob gern oder ungern, in der 
Bedrückung der Juden zu Willen sein. 

So gelangten die von Pedro Vernachlässigten , die Kirche und 

KayserÜDg, Sephardim. 4 



50 

ihre Träger, mit Trastaraare wieder auf den Thron und es war 
ihnen ein Leichtes, sich auch unter den schwachen Nachfolgern in 
der Herrschaft zu behaupten. 

Mit Heinrich, mit dem Priesterregiment, beginnt für die Juden 
der pyrenäischen Halbinsel eine neue Epoche, in welcher sie die- 
selben Phasen durchlaufen , die ihre Vorfahren unter den Gothen 
durchgemacht haben. Wie damals mit dem Sturze des Arianis- 
mus der Unduldsamkeit predigende Katholicismus zur Herrschaft 
erhoben wurde, so hatte jetzt, nachdem der Ketzer Pedro aus dem 
Wege geschafft war, sein Bruder Heinrich der Geistlichkeit ein 
neues Feld eingeräumt. Heinrich von Trastamare ist in der Ge- 
schichle der Juden gleichsam ein zweiter Reccared. Dieser unter- 
nahm nichts anders, als die Juden erst einmal aus dem Staats- 
dienste , von der Oeffentlichkeit zu entfernen ; darauf deuten 
alle Gesetze, welche von ihm betreff der Sclaven, der Ehe mit 
Christinnen u. s. w. erlassen worden sind. Denselben Plan ver- 
folgte auch Heinrich. Er wollte sie kenntlich machen , von der 
Gesammtheit absperren , und befahl , dass sie auf ihren Kleidern 
ein Signum distinctionis, diesen auch Deutschland nicht unbe- 
kannten gelben Fleck, tragen sollten ^^). Für alles Weitere Hess er 
die Geistlichkeit, welche Sisebut in dem ganzen Jahrhundert per- 
sonificirt, sorgen. 

Alle Kränkungen und Verfolgungen, welche den Juden in den 
letzten hundert Jahren ihres Verweilens auf spanischem Boden 
zugefügt worden sind, gingen, und wer könnte es in Abrede stel- 
len ! grösstentheils von der fanatischen Geistlichkeit aus. Es war 
ein langer Todeskampf — die eigenen Kinder drückten endlich 
dem ohnmächtigen und entstellten Körper die Augen zu. Juda's 
eigene, abtrünnige Kinder vollführten den letzten Schlag und wie 
700 Jahre früher die beschnittenen Araber berufen waren , den 
Juden Heil und Licht zu bringen , so geleiteten die beschnittenen 
Judensöhne ihre eigenen Brüder aus dem Lande. 

Wir wollen jedoch der Geschichte nicht vorgreifen und die 
Phasen mit unseren Lesern selbst durchlaufen. 

Am Pfingstsonntage des Jahres 1374 schloss Heinrich von 
Trastamare die Augen ; sein Sohn Juan , ein schwächlicher 
Jüngling, mit weissem, geistlich würdigem Gesichte und engelhaf- 
tem Charakter war zu seinem Nachfolger bestimmt. 

Obgleich Juan, der erste König dieses Namens auf dem casti- 



51 

lianischen Thron, einen jüdischen, nachmals von seinen neidischen 
Glaubensgenossen zum Tode geführten Schatzmeister in der Person 
des Yucuph Picho hatte, so arbeitete er, ein Spielball der Prälaten, 
dennoch an dem vom Vater begonnenen Werke mit gleichem Eifer 
fort. Nicht allein, dass ihnen die die Entfernung vom Staatsdienst 
betreffenden Gesetze noch einmal eingeschärft wurden ; auch die 
Jahrhunderte lang von ihnen gehandhabte eigene Gerichtsbarkeit 
wurde aufgehoben und harte Strafen über diejenigen verhängt, 
welche es sich einfallen Hessen, ihre Religion um eine Christen- 
seele zu bereichern^'). 

Damals erregten fanatische Reden der Geistlichkeit die Wuth 
des Volkes, persönlicher Hass Einzelner wurde zu Nationalhass 
gestempelt, Missgunst gegen die übrigens durch die verheerenden 
Bürgerkriege, durch die drückenden Steuern und Contributions- 
gelder bedeutend zusammengeschmolzenen Reichlhümer der Juden 
Eifer für die Religion genannt. 

Das erste Gemetzel, welches unter Juan I. durch einen from- 
men Priester, einen würdigen Erzdiacon hervorgerufen wurde, 
fand in Sevilla statt. Hernando Martinez war der Name des von 
dem Erzbischof zu Sevilla freilich zu spät zur Ruh verwiese- 
nen, beredten Volksaufwieglers: er war fromm und gut und ganze 
Ströme Blut flössen durch seine , christlichen Eifer verbreitenden 
Reden in den Strassen Sevilla's ; die fromme Königin Leonore 
stellte ihn als ihren Beichtvater an. Der König schwieg zu Allem 
und liess Alles geschehen, er war schwach und starb bald in der 
ßlüthe des Alters, in seinem 32sten Jahre. 

Ein eilfjähriger Prinz , der dritte Heinrich wurde als sein 
Nachfolger König genannt. 

Ein Kind auf dem Thron , eine immer predigende und auf- 
regende Geistlichkeit, ein aufgeregtes, gereiztes, wüthendes Volk 
und geduldige, an Leiden gewöhnte, dem Tode geweihte Juden ! 
Die Unruhen und Metzeleien, die unter Juan glücklich und unge- 
straft durchgeführt worden waren, wurden unter Heinrich im 
verstärkten Maasse fortgesetzt. 

Dem Bischöfe von Ecija waren die Räume der Kirche schon 
zu eng, er stand auf dem grossen Markte zu Sevilla im Priester- 
talare, um mit gen Himmel gehobenen Händen Fluch und Ver- 
wünschung auf das Volk herabzurufen , das einst vom Herrn war 
gesegnet worden. Der Geistliche selbst führte die losgelassenen 

4* 



52 

wilden Thieren gleichende Menge an^ Mord war ihre Lust und »sie 
plagten die Juden mit grossen und schrecklichen Plagen , wie 
solche nicht gehört wurden, seitdem die Israeliten sich in den 
Städten anderer Länder niedergelassen hatten. « Nicht der Graf 
von Niebla, nicht der Präsident der Stadt, Don Älvar Perez de 
Guzman vermochten dem Blutstrome einen Damm entgegenzusetzen ; 
durch eine an den jungen König abgesandte Deputation erlangten 
die Juden Schutz und Beistand — doch es war zu spät; Tausende 
von ihnen waren bereits niedergemacht und noch tausend Andere 
demselben Loose bestimmt. Von den drei ihnen einst geschenkten 
Synagogen wurden zwei in Kirchen verwandelt, man liess ihnen 
nur noch eine; Bartholomäus-Kirche wurde sie nach der Vertrei- 
bung genannt. 

Mehrere Städte folgten dem Beispiele Sevilla's : Cordova, Bur- 
gos , Toledo, Logrono, Barcelona, Valencia u. a. griffen die jüdi- 
sche Bevölkerung an , plünderten und zerstörten die zahlreichen 
Judenhäuser; wer nur den mindesten Widerstand zeigte , wurde 
schonungslos, wess Alters und Geschlechts es auch sein mochte, 
in der grausamsten Weise massacrirt®^). Der Trauermonat — An- 
fang August 1391 — hatte so das trauernde Volk wieder erreicht. 

Die gläubige Volksmenge war von der sie ermunternden, 
Muth einflössenden Stimme der Prediger, ohne Gewissenspein zu 
rauben und zu plündern, so sehr eingenommen, dass sie ohne Ach- 
tung vor Gesetz , ohne Furcht vor Strafe plünderte , raubte, 
mordete. Es war ein schrecklicher Anblick. Jede Stadt war an 
jenem Tage ein zweites Troja. Die Klagetöne, das Jammern und 
die Seufzer Derjenigen, welche ohne irgend ein Verbrechen dem 
Tode geweiht wurden, vermehrten die Wuth und die Grausamkeit. 
Nur wer Christ werden wollte und bittend das Wasser der Taufe 
verlangte, wurde verschont ; um diesen billigen Preis retteten da- 
mals Tausende ihr dem Henker und der Volkswuth schon verfalle- 
nes Leben *'^). 

Trotz aller Schätze^ welche bei diesen Aufständen in den Ju- 
denstädten den rechtmässigen Besitzern abgenommen wurden, 
war das Land verarmt. Was war geworden aus den zahlreichen 
Werkstätten Toledo's und Sevilla's? Wo waren nun die vollen und 
reichen Marktplätze, auf welchen die Juden die kostbaren Erzeug- 
nisse des Ostens und Westens aufspeicherten, wo Seide von Per- 
sien und Damaskus, Pelze von Tafelete und Edelsteine von Ära- 



53 

bien bunt unter einander lagen? Sie verbrannten die Kaufläden 
der Älcana von Valencia, Toledo, Burgos, C4ordova , Sevilla und 
Barcelona. Ihre Strassen waren verödet, die Einkünfte der Könige 
und der Kirche litten '^"), und wenn die spanischen yistoriker be- 
richten, dass Heinrich III. eines Abends, vom Jagen erijiüdet, sei- 
nen Palast betrat und keine Mahlzeit vorfand , weil sein Rent- 
meister sich weder Geld noch Credit hat verschaffen können , so 
zeigt diese sagenhaft klingende Geschichte doch deutlich die jäm- 
merliche Lage des Staatshaushaltes. 

So energisch der junge kränkliche König auch immerhin ge- 
wesen sein mag, in dem Beschlüsse, die Juden von allen Staats- 
ämtern auszuschliessen, zeigte er seine Energie nicht. Juden wa- 
ren wieder königliche Pächter; einen Juden schickte der König 
mit Heirathsanträgen zu dem König Davis von PortugaF') und es 
lag gewiss nicht in dem Mangel an Beredsamkeit des Gesandten, 
dass Davis seinem Nachbar die Tochter nicht geben wollte. Die 
Aerzte, deren der König so sehr bedurfte, waren Juden : R. Don 
Mair Alguades, der grosse Lehrer Castiliens, der fleissige Bearbei- 
ter des Aristoteles ^^) , und noch ein anderer R. Mair werden als 
solche genannt. Obwohl der Tod, welcher den kranken König im 
28sten Jahre seines Alters fortraffte, ihm schon lange auf dem Ge- 
sicht lag, so soll ihn doch sein jüdischer Arzt durch Gift aus dem 
Wege geschafft haben, der Jude, sein Arzt, wurde unschuldig '^') 
gemartert, zum Bekenntniss gebracht, getödtet und ein neuer Auf- 
stand gegen die Juden angezettelt. 

Unter den Leibärzten Heinrichs wird auch des Don Moses 
Zarzal Erwähnung gethan'^*). Er war der Sohn des mit Pedro 
von Castilien vertrauten Leibarztes Don Abraham Aben Zarzal und 
derselbe Don Moses, welcher sich auch als castilianischer Dichter 
versucht hat. In dem Gancioncro de Baena^^), von welchem wir 
später reden werden, befindet sich nämlich ein Gedicht, verfasst 
zur Geburt Juan IL, in der Stadt Toro am 6. März 1405. Die 
Ueberschrift lautet : 

»Dieses Gedicht verfertigte Don Messe, Leibarzt des Kö- 
nigs Don Heinrich, als der König unser Herr in der Stadt 
Toro geboren wurde*). « 

*) Esle decir fiso Don Mossö, gurgiano del Rey Don Enrrique, quando 
nasfiö el Rrey nostro ssenor en la gibdat de Toro. 



54 

Obwohl nun der gelehrte Herausgeber dieses seltenen Schatzes 
behauptet '^^j, dass die Person dieses Don Mosse sich nicht bestim- 
men lasse, so nehmen wir doch keinen Anstand, Don Moses Aben 
Zarzal als Verfasser dieses Gedichtes zu bezeichnen. Neben den 
Dichtern Mices Francisco Imperial , Diego de Valencia , Bartolonie 
Garcia de Cördova und anderen Männern seiner Zeit besingt auch 
Rabbi Don Moses dieses freudige Ereigniss in nachstehenden 
Versen : 

Aufgegangen ist ein Stern 

In Castilla glanzvoll schon, 

Jubel ruft von nah und fern : 

Lang noch werde er gesehn. 

Sicher ward durch Gott zu Theile 
Jenem Tage hohe Ehr', 
Wo er schenkte uns zum Heile 
Jenen König stark und hehr. 

Durch des Himmels grosse Güte 
Ward Dir, was Du wünschtest gern, 
Hast aus fürstlichem Geblüte, 
Hast jetzt einen edeln Herrn.*) 

Kaum wohl lebt von Herrschern Einer 
Jenem ähnlich von Natur, 
Solche Majestät hat Keiner, 
Wer auch lebt auf Erden nur. 

Wann ward solcher Schönheit Pracht 
Je gesehn in unserm Lande? 
Wann hat so das Glück gelacht? 
Hut' nur Gott, dass es nicht strande ! 

Aragon und Catalona 
Seien Diener Deinem Thron, 
Gib den Kriegern von Gascona 
Und Navarra Sold und Lohn. 



Una estrella es nasQida 
Rn Castilla rrelu^iente, 
Con plaser loda la gente 
Rroguemos por la su vida. 

De Dlos fu6 muy vertuoso 
Aquel dia syn dubdan^a 
En cobrar tal alegran?a 
Deste Rrey lan poderoso. 



I 



55 

Portugal zu grosser Schande 
Zittere, Granada' s Gau 
Werd' gezählt zu Deinem Lande, 
Und Cerdenna's ferne Au. *) 

Juan II. war noch nicht zwei Jahre alt, als sein Vater ajn 
Weihnachtstage I 406 sein schwaches Leben beendete und mit sei- 
nem Tode das Land in die grösslen Unruhen stürzte. 

Es hat wohl kaum in Europa eine Regierung gegeben, die mehr 
einem beständig schwankenden Schiffe glich, als die Juan II. Eine 
fast 14jährige Minderjährigkeit rief tausend Streitigkeiten, tausend 
sich gegenseitig bedrohende Factionen hervor. Donna Galharina, 
die Mutter des königlichen Kindes, eine arge Feindin jüdischen 
Volks, und sein Oheim, Don Ferdinand, hatten freilich die Zügel 
der Regierung in die Hände genommen , wurden aber selbst von 
dem mächtigen Clerus dermaassen gegängelt, dass die sogenannte 
Königsmacht gleichsam nur die Ausführung kirchlicher Verfügungen 
übernahm. Der Hof war mit Priestern und Mönchen gefüllt, Ca- 
tharina fromm und der Kirche ergeben und Juan von Erzbischöfen 
erzogen. Zum Glück für die Juden, deren Zahl sich in dieser Zeit 
auf über 100,000 Familien belaufen haben soll, war die Politik 
einige Jahre in den Vordergrund getreten. Streitigkeiten zwischen 
den vier nochtnicht vereinten Königreichen der Halbinsel , die in- 
neren Kämpfe zwischen Castilien, Aragonien , Navarra und Por- 
tugal, die Kriege mit den Mauren, die Aufstände der Granden, 
andere Zwistigkeiten und Rebellionen, deren es ja in einem Staate, 
dem der Steuermann fehlt, so viele gibt, hatten die Juden einige 
Jahre sich selbst überlassen. Die ihnen beigebrachten Wunden 
konnten inzwischen vernarben, ihr inneres getrübtes GemUth den 
Strahl freudiger Hoffnung aufnehmen und Kraft und Stärkung sam- 
meln. Ihr Reichthum mehrte sich trotz aller erlassenen und er- 
neuerten Ausschliessungsgesetze, ja trotz der Cortes-Beschlüsse, 



En Aragon 6 en Cataluena, 
Tenderä la su espada, 
Con la SU rreal mesnada ; 
Navarra con la Gascuena 
Tremerä con grant verguena ; 
El rreyno de Portogal 
E Granada otro que tal 
Pasta alleade la ^erdena. 



56 

die ihnen alle Erwerbszweige nahmen, und auch Luxus und 
Prunksucht entfalteten sich wieder. Einige Jahre der Ruhe waren 
ihnen vergönnt, bis sie durch ihre unversöhnlichen Feinde, die 
Dominicaner und Franciscaner wieder aufgeschreckt worden 
sind. 

Es war im Jahre 1411. Der Hof befand sich in Ayllon. Da 
kam auf einem Esel geritten ein Mönchlein , das ein sehr heiliges 
Leben führte und' die Würde eines päpstlichen Gaplans bekleidete, 
ein 70jähriger Franciscaner. Immer reiste er auf seinem Esel und 
predigte und las auch lagtäglich selbst Messe. Als der König, die 
Königin und der ganze Hofstaat diesen Heiligen von fern erblick- 
ten, fielen sie auf die Knie und auch die nie knieenden Juden san- 
ken zusammen, denn Fray Vincente Ferrer, so hiess der Mönch, 
aus Valencia, war das Muster seiner Genossen, ein zungenfertiger 
Gesell, und der Schrecken der Juden. Ehrfurchtsvoll nahte er 
dem königlichen Hofe und erbat sich vom Könige und der Königin 
die Erlaubniss , in allen Staaten und Städten ihrer Herrschaft den 
Juden predigen zu dürfen. Gleichzeitig machte er seinen könig- 
lichen Gebietern den Vorschlag, tias alte Gesetz zu erneuern, dass 
das Judenvolk Zeichen trage und abgeschlossen von den Christen 
lebe , weil diesen durch den beständigen Umgang und die allzu 
nahe Berührung mit den Verhassten grosser Nachtheil erwachse. 
Alles wurde in Gnaden bewilligt — das Mönchlein trat seine mis- 
sionsschwere Reise nach Rom an^^). 

Fray Vincente Ferrer ist nicht ohne Bedeutung in der Ge- 
schichte , und es ist auch nicht zufällig, dass auf dem Bilde, wel- 
ches die Königsfamilie gruppirt und der Chronik Juan II. beigege- 
ben ist, auch der kleine Bruder mit einer Krone auf dem Haupte 
und einem recht muntern Gesichtchen seinen Platz gefunden hat. 
Seine Meinung war entscheidend in den geheimen Cabinetssilzun- 
gen, wie ja auch er mit seinem Bruder Bonifacius zu den 24 ge- 
hörte, welche berufen waren, die Innern Streitigkeiten Arago- 
niens beizulegen und einen neuen Regenten zu wählen '^^j ; seiner 
Wahl schlössen sich alle Uebrigen an und der von ihm Gewählte, 
Don Ferdinand, verehrte Ferrer wie einen Heiligen. 

Wie furchtbar wurde nicht Fray Vincente's Name in der Ge- 
schichte der Juden I 

Die in dem heut' zerfallenen Toledo noch bestehende alle Sy- 
nagoge, welche unter dem Namen S. Maria la Bianca-Kirche we- 



57 

gen ihrer Pracht die allgemeine Bewunderung auf sich zieht, weiss 
Zeugniss abzulegen von seinen in ihr verüblen wüthenden Tauf- 
operationen''). InAragonien, wo er unter dem Schutze des von 
ihm erhobenen Königs ganz nach Willkür schalten und walten 
konnte, ging er, das Crucifix in der einen, die Bibel in der an- 
dern Hand, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und bekehrte 
'gewaltsam. Die ihn begleitende bewaffnete Mannschaft stand ihm 
hilfeleistend zur Seite. Tod oder Bekehrung ! war sein Losungs- 
wort; welches von beiden Uebeln wählten die so bedrängten 
Juden? 

Diese Frage führt uns in ihre innern Angelegenheiten , ja ich 
möchte sagen in die innersten Kammern ihres Herzens, den eigent- 
lichen Sitz der Religion. 

Das Judenlhum hatte auch damals, und besonders damals, seine 
glaubensstarken, nur für ihr Judenthum lebenden und deshalb 
auch gern dafür sterbenden Männer in nicht geringer Anzahl. Je 
grösser die Noth , je drohender die Verhängnisse , desto fester 
drückten sie ihr geliebtes Kind, den Glauben, an und in ihr Herz. 
Krampfhaft umfingen sie ihr Judenthum , wie ein Vater das letzte 
ihm von vielen Kindern gebliebene umfasst, dass keine Gewalt es 
ihm entreisse. Sie Hessen Alles über sich ergehen und fanden die 
grössle Seligkeit in einem Tode für ihr göttlich Gesetz. R. Isaac 
Campanton, der grosse Rabbiner von ganz Spanien, R, Joseph Albo, 
der gründliche Moralphilosoph, der gefeierte Redner R. Vidal Ben- 
veniste , die Familie Duran mit ihren gelehrten Schösslingen wa- 
ren die glanzvollen Sterne an ihrem Firmamente. Sie traten als 
Eiferer gegen die Mängel ihrer Zeit in Wort und Schrift auf, sie 
ermahnten und ermuthigten , lieber den Tod durch Frevlerhand 
zu erleiden , mit dem letzten Einheitsrufe den Märtyrern früherer 
Jahrhunderte eher zu folgen , als sich vor Menschenwerk zu beu- 
gen, Erdenkinder Götter zu nennen. Viele folgten ihren Worten, 
dem eignen Beispiele der Ermahner , und mehrere Tausende er- 
warben sich in dieser verhängnissvollen Zeit den immerhin ehren- 
haften Namen Märtyrer für das göttliche Gesetz. 

Diesen selig Entschlafenen gegenüber stand eine andre Partei, 
wir würden sie, um auch ein Wort unserer Tage zu gebrauchen, 
die Indifferenten nennen. Besonders Diese und eigentlich nur Diese 
traf die Frage, — denn die von der Göttlichkeit ihrer Lehre durch- 
drungenen Männer hatten sieb immer entschieden, — Tod oderBe- 



58 

kehrung 1 Aus Liebe zum Leben, aus Liebe zu den Ihrigen, aus 
Liebe zu ihren Schätzen und aus vielen andern Gründen wählten 
sie das letztere — ; es war ja, so fanden sie sich mit ihrem Innern 
ab, nur ein äusseres Belfenntniss ; dem Glauben lässt sich ja nicht 
gebieten; Niemand kann mich zwingen zu glauben und für wahr 
anzunehmen, was nun einmal nicht wahr sein kann. Dieses in der 
Geschichte der Juden Spaniens so sehr wichtige Thema können wir 
hier nicht weiter behandeln und verschieben es auf eine passendere 
Gelegenheit. Genug, die grosse Schaar jener Juden, welche öflFent-' 
lieh das Bekenntniss ablegten, Christen zu sein, waren, wir bedie- 
nen uns eines gelinden Ausdrucks, schwach und charakterlos ge- 
nug, sich selbst und Andre zu betrügen ; sie gaben jenem Lug und 
Trug nach , der schmählicher für den Betrogenen als für den Be- 
trüger war. Sie wollten durch 4ieses leichte Mittel ihr Leben und 
Alles retten, was sonst wohl ihr Leben hiess. O bittre Täuschung 1 
Statt unter des Pöbels Fäusten zu enden , erlitten sie den Tod 
durch Feuersgewalt. Wurde nicht die Inquisition für sie errichtet? 

Den schwachen , lebenssüchtigen Juden erschien Fray Vin- 
cente als ein vom Himmel gesandter Engel, als Retter ihres kost- 
baren Lebens. 

Und diese Taufen, diese gewaltsamen Bekehrungen, dieses 
Uebergreifen der niederem Geistlichen, welche die Aussprüche 
ihrer Väter und Meister, eines Isidor, Leander u. A. vergessen 
hatten, ereigneten sich in einer Zeit, wo Rom nicht mehrRom, der 
Glanz der Hierarchie gewichen, und das Papstthum selbst in 
Schwäche und Verirrung gerathen war. 

Es war die Zeit des Schisma. Damals gab es , wie ein fran- 
zösischer Historiker sich ausdrückt, drei Häupter für eins, und 
jedes seinerseits behauptete das einzige Haupt, das unfehlbare 
Haupt zu sein. Das eine dieser Häupter war ein aragonisches 
Kind, Pedro de Luna , als Papst Benedict XIII. genannt, der Sohn 
einer gewissen Maria de Ganete, — muger muy comun nennt sie 
die Chronik^''). Als ihn einst die Lust anwandelte, sein Ge- 
burtsland wieder zu sehen, um von seinem damals nicht paradies- 
ähnlichen Sitze Avignon einige Jahre fern zu sein, verstand es 
sein Leibarzt, ein gelehrter Täufling aus Lorca, ihn auch fern vom 
Stuhle kirchlich zu beschäftigen und ihn zu bewegen , die gelehr- 
testen Juden Spaniens nach Tortosa zu einer Disputation zu be- 
rufen — er wollte, er allein allen gelehrten Rabbinern gegenüber, 



59 

in seiner Gegenwart das am meisten bestrittene und bezweifelte 
Grunddogma aus dem Talmud selbst beweisen. So wollte man 
Gewalt rechtskräftig machen und den ferneren Bemühungen, Ju- 
denseelen zu gewinnen, eine scheinbar rechtmässige Unterlage 
geben. Maestro Geronimo de Santa Fe, das war der Name des 
Eck's zu Tortosa, hatte, wie konnte es auch anders sein ! gesiegt 
und diese nicht vereinzelt in der Geschichte dastehende Theologen- 
Versammlung hatte Verfolgungen und Bekehrungen in Masse zur 
Folge. Viele Juden von Calatayud , Daroca , Fraga, Barbastro, Al- 
caiiiz, Caspe, Maella , Lerida, Tamarit, Segovia, Toledo, Burgos 
u. A. nahmen die Taufe an und so könnte man füglich die Regie- 
rungszeit Juan II. die Zeit der gewaltsamen Judenbekehrung nennen. 

Das wäre der zweite Act im grossen Drama mit seinem tragi- 
schen Ende. 

Die spanische Geistlichkeit stand im Zenith, die Königsgewalt 
lag darnieder. 

König Juan selbst war eben so wenig wie sein allmächtiger 
Minister Freund dieses Pfaffentreibens; er bot den Juden Schutz, 
als er sich ermannte, aber die Hilfe kam wieder zu spät; der 
Hass gegen das gläubige und ungläubige Volk hatte durch die Be- 
mühungen der Kirchendiener bereits zu tiefe Wurzeln geschlagen. 

Hass und Neid , die Eifersucht eines schwangern Weibes be- 
reiteten dem mächtigen Luna, ein zweiter Wolsey, das Ende. Ein 
getaufter Beichtvater, Alphons de Espina, begleitete ihn auf dem 
letzten Gange und leistete ihm den geistlichen Beistand. 

Nur dreizehn Monate überlebte der König seinen Freund und 
Günstling. 

Juan II, war schwach, wie ein Kind gegängelt, wie ein Weib 
beherrscht, sein Leben lang König und nie Regent. Er führte durch 
seine Unthätigkeit Spanien bis zum Verfall und Spaniens Juden 
an die Stufen des Scheiterhaufens, an die Grenzen des Landes. 
Isabella war seine grosse Tochter. 

Während so die Politik Spaniens unter Juan das traurigste 
Bild liefert , beginnt mit ihm das goldne Zeitalter der spanischen 
Literatur, die Glanzperiode der Poesie. Man vergleicht seinen Hof 
nicht selten mit dem des Musagetes und wahrlich, es war ein Mu- 
sensitz, bei welchem der König selbst das Präsidium führte. 

Ist es überhaupt den Königen des Mittelalters eigen gewesen, 
Minnesänger und Troubadoure um sich zu sammeln, so gebührt in 



60 

diesem Streben den Höfen der iberischen Halbinsel ein ganz be- 
sondrer Vorzug. Wir haben bereits Alphons X. als den eifrigsten 
Pfleger der Wissenschaften , als den Dichter kennen lernen; alle 
kleineren Höfe Spaniens ahmten seinem Beispiele mit gleich gros- 
ser Rührigkeit nach. Alphons H. , Pedro III. und Pedro IV. von 
Aragonien waren Dichter , Ramon Berenguel und seine geistreiche 
Gemahlin versuchten sich nicht ohne Glück im Versemachen und 
die Könige Portugals Dionis, Pedro I. und Don Duarle standen 
ihren Genossen vom fürstlichen Geblüte in dieser Kunst nicht 
nach. Theobald von Navarra ist durch seine Gesänge nicht minder 
berühmt als durch seine Kriege und Abenteuer. War doch Fer- 
dinand I. von Aragonien auf seinem Feldzuge gegen Saragossa von 
einem ganzen Heere Troubadoure und Jongleurs umgeben , wie 
denn auch sein gefeierter Sohn Alphons sich auf einem Zuge gegen 
Neapel von einer Dichlertruppe begleiten Hess. 

Den Königen in poetischen Leistungen es gleich zu thun, wa- 
ren die Aristokraten , der Adel und der höhere Clerus stets be- 
müht: die grossen Herren und die Ritter zeigten gleichen Ge- 
schmack ; die Tapferkeit allein machte nicht den Ritter, wer Ritter 
heissen und die Gunst erlangen wollte, das zarte Händchen seiner 
Dame küssen zu dürfen, durfte in derDichtkunst kein Neuling sein. 
Die Höfe waren die Tummel- und Sammelplätze des dichtenden 
Adels, und bei Gelagen und Hoffesten durfte die Würze der Poesie 
nie fehlen. 

Einer der Poesie ergebenen Zeit, ähnlich der des 12. und 13. 
Jahrhunderts in Deutschland, begegnen wir am Hofe Juan II. Der 
König selbst war kein grosser König, aber ein grosser Musen- 
freund : er war ein trefflicher Beurtheiler poetischer Erzeugnisse, 
er liebte die Wissenschaft über Alles, spielte, sang und tanzte 
gut, sprach und schrieb mit einer gewissen Gewandtheit latei- 
nisch , machte Verse und Hess sich auch herab, an die seiner Un- 
tergebenen die letzte Feile anzulegen*). Jeder Dichter fand am 
Hofe freundliche Aufnahme und Jeder konnte auf Schutz und Be- 



*) Fue el Rey D. Juan dotado de muchas gracias unas naturales y otras 
adquiridas por su buena industria. Hermoso de rostro, y bien dispuesto y de 
una presencia verdaderamente Real. Tania y cantava y hazia versos con 
muy buena gracia. Sabia muy bien la lengua latina y ordinariamente leya 
Poelas y Philosophos. Illescas, historia pontifical y catholica, (Barcelona 
1606), Fol. 891». 



61 

gUnsligung rechnen , der sich durch Verse und Cancionen zu em- 
pfehlen vvussle. 

Altadlige Familienhaupter wie die Villenas, Sanlillanas, Guz- 
man , die Lunas , Manriques und Glieder anderer Häuser waren 
Versificatoren mit mehr oder weniger Erfolg. Auf ihren Berg- 
schlössern, in ihren Villen und Palästen fand man sie beim Firne- 
wein ihre poetischen Producte der Beifall klatschenden Menge vor- 
lesen. Dort versammelten sich die grossen Genies , die berühm- 
testen Personen, die von der Natur bevorzugten Poeten, und den 
vagabundirenden Jongleurs mit ihren Gesängen und Romanzen 
öffneten sich leicht die sonst geschlossenen Thore. 

Auch mancher Jude hatte sich unter der Maske bei dem Adel 
und an den Höfen Zutritt und Eingang zu verschaffen gewusst. 

Unter den Juden, welche an dem Dichterhofe Juan H. Parade 
machten, nehmen die Glieder der Familie Santa Maria den ersten 
Rang ein. 

Der Aelteste und auch Bekannteste aus dieser Apostatenfa- 
milie ist Schelomo Halewi. Seine Eltern, vielleicht mit dem Schatz- 
meister und Finanzminister Pedro's von Castilien, aus dem glei- 
chen Stamme, verwandt, waren gegen Anfang des vierzehnten 
Jahrhunderts aus Aragonien, n. A. ausNavarra, ausgewandert, und 
hatten sich in Burgos niedergelassen. Hier wurde Schelomo 1350 
— sein Geburtsjahr steht nicht ganz fest — geboren. Er hatte 
sich durch eminente talmudische Kenntnisse einen guten Namen 
bei den Seinigen verschafft. In seinem 26. Jahre ging er mit einer 
Verwandten, Namens Johanna, ein Ehebündniss ein, aus welchem 
eine Tochter, Maria, und drei Söhne hervorgingen. Diese werden 
wir im Verlaufe unserer Betrachtung näher kennen lernen. Sche- 
lomo war Rabbiner und bekleidete auch als solcher ein nicht un- 
bedeutendes Stantsamt; wie wir aus einzelnen Andeutungen ver- 
muthen, war er Steuerpächter. In einer solchen Lage traf den die 
Seinen zum frommen Wandel anhaltenden Schelomo das Jahr 
1 390 , dessen Charakter und Ereignisse wir zu zeichnen ver- 
suchten. 

Leben , Staatsamt und Reichthum standen auf dem Spiele — 
was war zu thun? Schelomo Halewi hielt es in dieser Zeilkrisis 
für das Beste, dem geistlichen Wunsche nachzugeben und so Hess er 
sich in seinem 40. Jahre am 21. Juli 1390 in seiner Vaterstadt 



62 

Burgos taufen. Paul de Santa Maria wurde er genannt. Man hat 
viel gefabelt , was ihn, den eifrigen Pharisäer, zu diesem seinen 
frühern Ansichten diametral widersprechenden Schritt mochte ge- 
führt haben und Einige waren nicht abgeneigt, seinen Uebertritt 
einem Wunder zuzuschreiben. Sie erzählen, die Jungfrau sei ihm 
in einer schlaflosen Nacht im Traume erschienen und habe ihm 
den Rath ertheilt, Christ, Erzbischof zu werden. Wir wollen 
hier keineswegs Wunder rationalistisch erklären und deuten ; dass 
er aber vielleicht schon am Taufbecken sich eine Zukunft aus- 
malte, die ganze bunte Reihe wirklich erstiegener Würden , seine 
ganze Carriere an sich vorüberziehen Hess, ist eben nicht sehr 
unwahrscheinlich. Hat doch ein würdiger Kirchenlehrer unserer 
Zeit im traulichen Gespräche einmal allen Ernstes behauptet, Paul 
de Santa Maria sei nur deshalb Christ, ja wir möchten beinah sa- 
gen, nur deshalb Erzbischof geworden, um den damals mächtigen 
Katholicismus zu stürzen. So grossartig dieser Gedanke auch im- 
merhin ist, so können wir uns doch noch nicht bereden, dass 
auch Wahrheit in ihm liege. Diejenigen Männer, welche nichts 
mehr den Wundern zuschreiben wollen, sind der Meinung, dass 
die Schriften des Scholastikers Thomas von Aquino die Augen und 
den Geist Pauls erleuchtet haben. Es lässt sich nicht in Abrede 
stellen , dass er in philosophischen Systemen sich schon als Rab- 
biner umgesehen hatte und vielleicht von dem System des »doctor 
angelicus« besonders angezogen sein mag, denn Thomas' Ruf 
drang, wie Jellinek in seiner kleinen Schrift »Thomas von Aquino« 
erörtert, insoweit zu den jüdischen Gelehrten, dass einzelne seiner 
Schriften hebräisch übersetzt wurden und sein Streben , gewisse 
Dogmen und Anschauungen der Religion auf philosophischer Basis 
zu erörtern , auch bei den von den Dominicanern bedrängten Ju- 
den Anklang fand. Ob Paul aber durch die in seiner Zeit schon 
in Misscredit gefallene Lehre des Scholastikers sich zur Taufe an- 
schickte, ist eben so unwahrscheinlich wie die Wirkung des Wun- 
ders. Was hindert uns denn , den uns zunächst liegenden, natür- 
lichen als einzig stichhaltigen Grund anzunehmen? Er wollte Amt 
und Leben nicht lassen , wollte als Jude eine Rolle in der Welt 
spielen und kümmerte sich sehr wenig um Erkenntniss dessen, 
was fernerhin sein Glauben war. Machte er ja, als Erzbischof am 
Ziele seiner Wünsche angelangt, sein Zeitalter selbst darauf auf- 
merksam, dass die übergetretenen Juden gewöhnlich nicht fest im 



63 

Glauben seien , weil das Judenthum überhaupt das Glauben nicht 
kenne und lehre. 

Ob Paul glaubte oder nicht glaubte, kann uns an diesem 
Orte gleichgUllig sein. Er verliess mit seinem Bruder Alvar 
Garcia de Santa Maria , dem Geheimschreiber und Chronisten 
Juan II.*'), seiner alten Mutter und seinen drei Söhnen das Juden- 
thum. Nur seine Frau Johanna weigerte sich standhaft, gleiches 
Bekenntniss mit ihm abzulegen, so dass er sie endlich, da alle 
Bitten und Ermahnungen vergeblich waren, ihrer Hartnäckigkeit 
Uberliess. Johanna blieb ihrem Judenthum treu, obwohl berichtet 
wird, dass sie, die immer geliebte Gefährtin, ihren Gemahl im 
erzbischöflichen Palaste begrüsste, als er seinen feierlichen Einzug 
in Burgos hielt. Erst nach dem Tode wurde Johanna mit ihrem 
Gatten wieder vereint, sie wurde nach ihrem i 420 erfolgten 
Tode in die von Paul errichtete Klosterkirche S. Pablo auf Veran- 
staltung ihrer Söhne beigesetzt und auf dem ihr errichteten Epita- 
phium wird noch gelesen: »Hier ruht die Sefiora Donna Johanna, 
die Mutter der Herren D. Gonzalo , u. s. w. « Die Beharrlichkeit 
Johanna's wird Niemanden überraschen ; die Eindrücke , welche 
das weibliche Gemüth einmal aufgenommen hat, sind weit dau- 
ernder, als bei dem mehr vom Verstände geleiteten Manne, welcher 
von den gewinn- und ehrsüchtigen Einflüsterungen nur zu oft 
ganz geleitet wird. 

Doch wir kehren zu dem zurück , der sich jetzt mit dem Na- 
men des griechischen Juden Paulus schmückte , wie er auch bei 
der Taufe ausgerufen haben soll : »Paulus me ad fidem converlit, 
Pauli mihi indelibile nomen.« Er trat mit seinen feindseligen Ge- 
sinnungen gegen die Mullerreligion ganz in die Fusslapfen des er- 
sten Stifters christlicher Gemeinden und bildet in der grossen 
Kelle jüdischer Erzbischöfe, welche mit dem grossen Diplomaten 
und Staatsmann Julian, einem zweiten Richelieu und Mazarin, be- 
ginnt und mit dem Staatskanzler Ximenes noch nicht endet, ein 
wichtiges Glied. 

Nachdem sich Paul de Santa Maria von der Gemeinde Jakobs 
äusserlich getrennt hatte , ging er als 40jähriger junger Priester, 
die Kinder der Grossmutter zur Erziehung überlassend, nach Pa- 
ris , wo er sich neben dem ihn beständig quälenden Gedanken, 
dass sein geliebtes Weib nicht die Seligkeit mit ihm theilen wollte, 
vornehmlich mit dem Studium der Bibel und ihrer Commenlato- 



64 

ren, so wie mit dem der Kirchenväter eifrig beschäftigte. Dort 
zum Magister und Theologen promovirt, begab er sich nach dem 
päpstlichen Sitze zu Avignon und zog durch Beredsamkeit, Frei- 
gebigkeit, Kenntnisse und Liebenswürdigkeit die Aufmerksamkeit 
des Papstes so sehr auf sich , dass dieser ihn mit dem Archidiaco- 
nat von Trevino belehnte. Nur kurze Zeit verblieb er in diesem 
Amte, bald wurde er Decan von Segovia und einige Jahre später 
Bischof von Carthagena. Der Mann verstand es, die Höhen zu er- 
klimmen. Es wird Vieles an ihm gerühmt, er war Doctor, Arzt, 
Vater der Armen und Dürftigen und eifriger Verfolger seiner frü- 
hem Glaubensgenossen. Es ist charakteristisch für alle Neophyten, 
welche einem geistlichen Orden angehören oder in Kirchenangele- 
genheiten Sitz und Stimme haben, dass sie Niemanden mehr has- 
sen als den , mit welchem sie früher durch das religiöse Bekennt- 
niss verbunden waren. Gehen wir sie durch, die Schriften aller 
Derjenigen , welche aus Juden Christen geworden , fragen wir in 
den Kammern und Häusern die Herren , welche das Judenthura 
verlassen haben , wir finden immer wieder den alten Hass , die 
Verhöhnung ihrer Brüder aus der Synagoge. Wir glauben in den 
Worten eines grossen Kirchenlichtes unseres Jahrhunderts eine Er- 
klärung dieser Erscheinung gefunden zu haben, Neander, dessen 
Leben wohl Jedem bekannt genug ist, sagt einmal ; »die Kirche 
und namentlich das Christenthum ist eine Macht, welche auch das 
Gemüth dessen, der sich ihrer zuerst nur als Mittel be- 
dienen will, ergreifen und überwältigen kann, wovon 
es in dieser Zeit an Beispielen wohl nicht fehlt. « 

Paul legt in einer betrübenden Weise Zeugniss ab , wie sehr 
er von dem Gemülhe ergriffen und überwältigt worden war, oder 
anders verstanden , mit welcher Kraft er sein Gefühl bestürmte 
und niederdrückte. Man sieht es seinen Schriften an, mit welcher 
Gewalt er das zu beweisen versucht, was das Amt, was die Kirche 
von ihm fordert, und wir möchten nicht seinen Geist befragen, 
ob er in seinen theologischen Kämpfen gegen die immer genannten 
B. Levi ben Gerson, B. Moses Aegyplus und Nachmanides seiner 
Innern Ueberzeugung , der in ihm tönenden Stimme der Wahrheit 
gefolgt sei. Es war ein gewaltsames Heraufbeschwören, ein durch 
die Würde bedingter, erkünstelter Eifer, seine Juden zu verläum- 
den und Decrete gehässigster Art gegen sie zu bewirken. An Ge- 
legenheit hierzu fehlte es ihm nicht. Beim Könige Heinrich HL 



. 65 

stand er in grossem Ansehen und \vurde von ihm zum Testaments- 
vollstrecker, zum Erzieher und Vormund des jungen Juan ernannt. 
Durch diesen wurde er auch '1 41 4 zum Erzbischof von Burgos 
befördert. Paul weigerte sich standhaft, diese Würde anzunehmen 
und gab nur den wiedcrliolten Bitten des Hofes nach, sich seiner 
Geburtsstadt als Erzbischof, als Primas von Spanien zu zeigen. Der 
Tag seines Einzüge^ war ein Feiertag für die ganze Sladt, die 
ganze Bevölkerung ging ihm entgegen , seine betagte Muller und 
sein geliebtes Weib begrüsstcn ihn zuerst im erzbischöflichen 
Palast. 

Paul war als Erzbischof gross und berühmt, grösser aber noch 
als Staatsmann. Er, der Grosskanzler von Caslilien, übte auf die 
Person des Königs einen so mächtigen Fünfluss, dass dieser, ob- 
wohl von Alvaro de Luna ganz lieherrschl, doch keine wichtige 
Angelegenheit ausführte , ohne zuvor seinen Paul um Rath gefragt 
zu haben. 

Seiner theologischen Schriften können wir hier nur vorüber- 
gehend gedenken, wie auch die hier gelieferte Biographie nur als 
Skizze betrachtet werden soll. Vielleicht wird eine kundigere 
Hand über «Leben und Werke der Familie Santa Maria« in nächster 
Zeit ausführlicher sein. Dass Paul's Werk »Scrulinium Scriptura- 
rum«, welches in der Mille des 16. Jahrhunderts so selten und 
so geschätzt war, dass es auf päpstlichen Erlass 1591 zu Burgos neu 
aufgelegt worden ist, die jüdische Religion bekämpft und in Form 
eines Dialogs zwischen Saulus und Paulus einen Convertiten in die 
Geheimnisse der Religion einführt, haben wir bereits oben erwähnt. 
Grosses Ansehen genossen lange Zeit seine Addiciones ad Lyram, 
Bemerkungen zu dem Werke jenes Franciscaners aus der Norman- 
die, welcher, nachdem er in jüdischen Schulen rabbinische Kennt- 
nisse gesammelt hatte, sich dem Christenthume zuwandte und 
durch seine Erläuterungen der Bibel ein Vorläufer Luther's gewor- 
den ist, nach dem bekannten Sprich worte : Si Lyra non lirasset, 
Lutherus non saltasset^^). Ausserdem verfasste er noch ein Werk 
unter dem Titel Coena Domini u. a. , welche wohl nie dem 
Drucke übergeben, vielleicht noch alsManuscriple im Staube irgend 
eines Klosterarchivs modern. 

Mehr Interesse hat für uns an diesem Orte sein poetisches 
Werk. Der Erzbischof, von dem handschriftlich noch hebräische 
Gedichte vorhanden sind®^) , zollte auch der caslilianischen Muse 

Kayserling, Sephardim. 5 



66 , 

seinen Tribut und schrieb eine » historia universal « in Versen, welche 
den übrigen poetischen Producten seiner Zeit an Schönheit nicht 
nachstehen. Auffallend ist, dass er diese aus 322 Octaven bestehende 
Geschichte aller Begebenheiten von Adam bis zu Juan IL, welche 
Kenntniss der hebräischen Sprache und der jüdischen Connnen- 
tatoren verräth , kurz vor seinem Tode geschrieben hat. Nach den 
wenigen Proben, welche uns von de los Rios mugetheilt sind, zu ur- 
theilen, war Paul de Santa Maria ein nicht eben unbedeutender Dich- 
ter seiner Zeit und wir wollen nur noch als charakteristisch her- 
vorheben, dass er das in der hebräische^ Poesie so oft gebrauchte 
achtsilbige Versmaass stets in seiner Reim-Geschichte zur Anwen- 
dung bringt. *) Er konnte sich von dieser Eigenthümlichkeit eben 
so wenig wie von dem Gedanken frei machen , dass er von hoher 
Abkunft und einer edeln Familie entsprossen sei. 

Paul de Santa Maria , oder wie nach seinem Erzbisthum er 
gewöhnlich genannt wird, Paul de Burgos, starb am 29. August 
1435, nach Einigen 83^) , nach Andern 85 Jahr alt. Er wurde 
in der von ihm erbauten Kirche mit grossem Pomp beigesetzt, und 
ruht dort neben seiner von den Söhnen später dorthin geschleppten 
Gemahlin. 



*) Als Probe mögen folgende Verse dienen, in welchen er die Erzähluns 
von Genesis 3, 9 ff. wiedergibt: 

Despues que peccara de Dios fu6 llamado 
E dixol : ^dö estäs?;, por qu6 te escondisle? . . , 
Respondiö : Sennior, mugier que me diste 
Me fizo que fuera contra tu mandado : 
E como del todo me vi despojado 
E of la tu voz, la quäl me espantara, 
Por esto, Sennior, me escondi de tu cara 
Desnudo, con miedo, muy avergonzado. 

iQuö fu6, dixo Dios, porque tu temiesses 
De estar en logar que yo te mandö? 
iQvLG despues, al tiempo que yo te llam6 
Buscaste corriendo donde te scondiesses? ... 
i, Quien te dixo que desnudo stuviesses 
quien te mostro estar despojado 
Sinon que comistes del fruto vedado, 
Del cual yo mandö que nunca comlesses? . . . 

Man vergleiche mit dieser Versart Verse wie : 

Adah w'zillah schmaan koli 

N'sch^ lemech, haasenah imrati u. a. 



67 

Sein Sohn Alonso folgte ihm auf dem erzbischöflichen Stuhle. 
Ehe Alonso noch verstand was Sünde heisst und wie Paul, der 
Vater, selbst sich ausdrückt, priusquam literas nominare novisset, 
wurde er als fünfjähriges Kind der Kirche und ihrem Dienste ge- 
weiht. In Burgos von der Grossmutter erzogen , widmete er sich 
dem Studium der Philosophie, der Geschichte und des canonischen 
Rechtes ; er war, wie Pulgar sagt, in allen Zweigen ausgezeichnet^^). 
Seine Kenntnisse , die Tugenden , deren Ausübung sein Ergötzen 
bildeten, seine von ihm gerühmte Charakterstärke und auch wohl 
die Fürsprache seines Vaters verschafften ihm bald die Würde eines 
Decans von Segovia , der später der Titel als Decan von Santiago 
beigegeben wurde. Alonso gereichte dem königlichen Hofe zum be- 
sondern Schmuck. Galt es einen Frieden zu vermitteln, so be- 
diente man sich am liebsten d«s feinen Alonso. In einer solchen 
Friedensangelegenheit wurde er von Juan in den Jahren 1421, 22 
und 23 nach Portugal gesandt^*') und durch seine Bemühungen 
wurde das freundschaftliche Verhältniss zwischen den beiden Nach- 
barstaaten auf einige Zeit wieder hergestellt. Auf dem denkwür- 
digen Baseler Concilium vertrat Alonso die Rechte Castiliens und 
bewährte sich als einer der gewandtesten Sprecher und als eifriger 
Vertheidiger der Würde seines Vaterlandes gegen Englands Ge- 
sandte, so dass der Papst ihn die Perle Spaniens und den Spiegel 
wahrer Weisheit nannte. Während Alonso, schon damals Bischof 
von Carthagena — mit welchem Beinamen er auch meistens ge- 
nannt wird, Alonso de Carthagena -=^ sich in Basel aufhielt, 
starb sein Vater; Paul hatte diesen hoffnungsvollen Sohn vor seinem 
Tode nicht mehr gesehen. Kein Andrer als Alonso wurde von Juan 
zum Erzbischof von Burgos bestimmt. Bevor er jedoch in sein Va- 
terland zurückkehrte und sein hohes Amt übernahm, reiste er zum 
Kaiser Albert, um Misshelligkeiten zwischen .dem deutschen Reiche 
und Polen auszugleichen, so dass er erst 1440 sein Vaterland und 
seine Vaterstadt Burgos wiedersah. Alonso war der grösste und 
angesehenste aller spanischen Erzbischöfe. Rief doch Papst Eu- 
gen IV. einmal freudig aus : » Ganz gewiss , wenn Burgos' Bischof 
an unsern Hof käme, wir würden mit Schande zurücktreten und 
ihm den Stuhl Peters überlassen «'^'^). Er galt aber auch als ge- 
schickter Diplomat und seine Staatsklugheil hat dem Lande man- 
chen Dienst erwiesen. 

Als Erzbischof zeigte sich Alonso de Carthagena eben so eifrig 

5* 



68 

in frommen Handlungen wie sein Vater. Das von diesem gegrün- 
dete Kloster S. Paul beschenkte er reichlich und seiner Freigebig- 
keit verdanken nicht allein viele Kirchen ihre Reichthümer, son- 
dern auch das Augustinerkloster S. Ildefonso sein Bestehen, Ebenso 
soll nach einem im Archiv zu Burgos vorhandenen Memorium 
das Convent de la Merced zu Burgos von ihm erbaut worden 
sein^). 

Alonso hat trotz aller diplomatischen und kirchlichen Ange- 
legenheiten die Literatur und Wissenschaft nicht vernachlässigt. 

Mehr als 15 Werke werden von Rodr. de tlastro aufgezählt, 
als deren Verfasser D. Alonso angegeben wird. Auf Wunsch seiner 
Königin schrieb er ein Buch über die berühmten Frauen (libro de 
mugieres ilustres) ; er übersetzte einzelne Schriften Cicero's, schrieb 
mehrere geschichtliche Werke und andre Tractate theologischen 
und philosophischen Inhalts , mit deren Aufzählung wir hier nicht 
beginnen und deren Charakteristik wir hier nicht liefern können. 
Sie bekunden seine tiefe Gelehrsamkeit. 

Auch unter den Dichtern des castilianischen Hofes war Alonso 
eine nicht unbedeutende Person. Er ist in seinen Poesien nicht der 
fromme Theologe, man vernimmt darin nichts von der Gluth für 
die Kirche, welche den Vater entzündete, sie hatte beim Sohn 
schon bedeutend nachgelassen. Nicht ungern erwähnen wir, dass 
er nicht allein nichts unternahm, die .luden zu verfolgen, sondern 
auch die schon in seiner Zeit gequälten Scheinchristen in einer 
handschriftlich vorhandenen Juan H. gewidmeten Denkschrift ver- 
theidigte. 

Alonso, der Theologe und Primas von Spanien, schrieb so gut 
wie der Marquis von Santillana, sein Freund Hernan Perez de Guz- 
man u. A. Dialoge und Lieder, welche die Liebe zum Gegenstand 
hatten : Alonso war ein Liebesdichter. 

Als Probe seiner Poesien diene folgendes Compliment an eine 
Dame, deren Liebhaber sich wegen der von seiner Geliebten ihm 
gezeigten Kälte den Tod gewünscht hat. Wir theilen dieses Ge- 
dicht in der schönen englischen Uebersetzung Ticknor's mit*^) : 

I know not why flrst I drew breath, 

Since living is only a strife, 
Where I am rejeeted of Death, 

And would gladly reject my own life. 



69 

For all the days 1 may live 

Can only be filled with grief ; 
With Death I niust ever strive 

And iiever froni Death find relief, 
So tliat Ilope must desert me at last, 

Since Death has not failed to see, 
The life will rovive in me 

The nioment his arrow is casl. *) 

Alonso de Cartliagena starb am 22. Juli 4456 im 71. Jahre seines 
Lebens. Sein genannter Freund Guzman tat seinen Tod in einer 
Ode besungen. 

Gleich den genannten Gliedern der Familie S. Maria , denen 
wir noch zwei gelehrte Brüder Alonso's hinzuzufügen haben, glänz- 
ten unter den Dichtern des Hofes Juan II. neben dem Marquis de 
Süutillana, den Guzmans, dem Marquis de Villena und dem über- 
aus fruchtbaren Alvarez de Villa Sandino, diesen bedeutenden 
Trägern der spanischen Literatur des 15. Jahrhunderts, auch noch 
einige andere Poeten aus jüdischem Geschlechte, welche nicht mit 
Stillschweigen übergangen werden dürfen. 

JuanAlfonsodeBaena, ein Mann jüdischer Abkunft, ein 
königlicher Geheimschreiber, unternahm in der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts das verdienstvolle Werk, mit vieler Mühe und Arbeit und 
mit grossem Fleisso die Producte der gefeiertsten Dichter seiner 
Zeil , der »Brüder und Mönche, der Meister in der Theologie, der 
Killer und Knappen und verschiedener Andrer, welche sich in 
der damals eifrig gepflegten fröhlichen Kunst, der gaya sciencia 
vorsucht hatten«, zu sammeln, um wie es in dem Prolog zum 
»Gancionero« — so nannte er die Sammlung — heisst, dem Könige 
seinem Herrn zu gefallen und auch der Königin, so wie dem gan- 



No se para que nasci, 
Ques en tal estremo esto 
Que ei moiiiiio quiere a ml, 
Y et vivir no quiero yo. 
Todo el tiempo que viviere 
Terne muy jusla querella 
De la niuerle, pues no quiere 
A nii, quenendo yo a ella. 
Que tiri espero daqui, 
Pues la uiueite rae negö 
Pues que ciaramente viö 
Quera vida pars mi. 



70 

zen Hole damit einen nicht unangenehmen Dienst zu erweisen. Die 
ganze Sammlung besteht aus 576 grösseren und kleineren Gedich- 
ten und führt den Titel : » Cancioncro del Judino Juan Alfonso de 
Baena. « Sie gehört zu den merkwürdigsten und ältesten aller die- 
sen Namen führenden Liederbücher. Die grossen Kenner ihrer 
Literatur, Gayangos und Pidal , haben vor wenigen Jahren voq der 
früher im Escurial , jetzt in der kaiserlichen Bibliothek zu Paris 
befindlichen Handschrift einen herrlichen Abdruck veranstaltet und 
sich durch Veröffentlichung dieses ältesten, in einem fremden Lande 
weilenden Monuments spanischer Dichtkunst, so wie durch die 
vorausgeschickte treffliche Einleitung den Dank aller Literatur-, 
freunde erworben. 

Juan Alfonso, dieser Jude aus Baena, nimmt eine nicht unbe- 
deutende Stellung in der Literatur ein und gehört zu den hervor- 
ragendsten Dichtern des Hofes. Von seinem Leben wissen wir nicht 
mehr, aJs was er uns selbst theils im Prolog, theils in einzelnen 
seiner im Liederbuche vorhandenen Gedichte mittheilt. Sein Ge- 
burtsort lässt sich nicht genau bestimmen , da er selbst verschie- 
dene Städte als solchen nennt. Bald sagt er , dass er in der Nähe 
von Marchena, bald, dass er in der Nähe von Osuna das Licht der 
Welt erblickt habe. Amallerwahrscheinlichsten wurde er in Baena, 
in der Provinz Cordova geboren und lebte vor seiner Berufung an 
den Hof Heinrich III. in Andalusien oder nach seiner eigenen An- 
gabe in der Stadt 9aeza. Als Scheinchrist hatte er wie Andre sei- 
nes Stammes, welche wir später noch vorführen werden, von den 
»alten« christlichen Dichtern — wurde er ja als »neuer« Christ 
betrachtet — vielerlei Kränkungen zu erfahren und sich gegen 
manchen Angriff zu verlheidigen. W^ie er, war auch sein im Can- 
cionero (105) genannter Bruder Francisco Dichter und Secretär 
im Dienste des Gouverneurs Diego de Bibera. 

Weder über den Cancionero, noch über die einzelnen Poesien 
unseres Compilators wollen wir uns hier aussprechen. Wie der 
grösste Theil der in diesem Liederbuche enthaltenen Gedichte 
eigentlich poetischen Werths entbehrt, so sind auch die Producte 
Baena's selbst, welche sich auf Uber^ 80 theils Gelegenheitsgedichte, 
theils sogenannte Erwiderungen belaufen, nicht so vorzüglicher 
Art, dass wir unseren Lesern mehrere derselben mitzutheilen für 
angemessen hielten. Es fehlt den meisten an poetischem Schwung 
und oft können seine Poesien für nichts weiter als Reimversuche 



71 

gellen. Den Ton der Elegie weiss er nicht zu treffen und statt 
Rührung und sentimentale Stimmung hervorzurufen, verfällt er 
nicht seilen ins Komische und Lächerliche. In einer Elegie auf den 
Tod Heinrich III. findet sich folgender Vers, welchem wir bei- 
spielshalber hier einen Platz gönnen : 

Fagan grant llanto los sus contadores, 
Con ellos consistan los sus tesoreros, 
Porleros e guardas e sus despenseros : 
Maestres de sala, aposentadores, 
Con estos reclamen sus recabdadores, 
£ otrosi Hören los sus camareros, 
Tanibien eso mesmo los sus reposteros 
D' estrados e plata e sus tanedores,. 

Meisterhaftes leistete er in der Satyre oder was gewöhnlich 
mit derselben zusammenhängt, in den poetischen Briefen und 
durch seine beissenden und originellen Einfälle , durch seine ge- 
wählte Sprache und durch die verschiedensten zur Anwendung 
gebrachten kunstvollen Metra hat er nicht selten den Sieg über die 
gefeiertsten Dichter seinerzeit davongetragen. Folgendes Gedicht 
war gegen den Sevillaner Poeten Manuel de Lande und gegen 
den schon genannten Älvarez de Villa Sandino, welche in grosser 
Gunst bei Hofe standen und unserm Baena die Ehrenbezeugungen, 
womit sein Herr ihn überhäufte, nrcht gönnten, an den König ge- 
richtet : 

Mein Herr und hoher Fürst von Ebro's Aue*n. 
Um zu zerstreuen Euch und zu erbauen, 
Um einen Liebesdienst Euch zu erweisen, 
Will ich des schweren Amts mich unterziehn, 
Im Streit mit jenen Sängern mich bemühn, 
Die Beide sind als liebenswerth, 
Als weise Troubadour verehrt. 
In ganz Caslilien auch die Besten heissen. 
Sei Du mein Hort, o heil'ge Susanna, 
Vor Beiden und ihrer würd'gen Curapanna. 

Mein Herr und hoher Fürst von Ebro's Auen, 
Da Illescas, der schon sich neigt dem Grauen, 
Und Manuel, der Sevillaner, 
Beide wollen am Zeuge mir flicken, 

Ob meiner Sichelzung' auf mich blicken, * 

Obgleich ich hab' vollgültig Beweis, 



72 



Ich doch nimnierinehr Chronisle heiss — 

So schwör' ich bei Golt, dass ich's ihnen will zeigen, 

Eingehüllt in hochroth Gewand ; 

Dann will ich doch sehen, wess ist nun die Schand'. 

Mein Herr und hoher Fürst von Ebro's Auen, 
Weil solche Richter auf uns schauen, 
Bewundernd unsre Dichtung loben, 
Als kämen -wir von AUemana, 
Von Cypern her oder Cu(;ana, 
So sei Eure grosse Hoheit gebeten, 
Melancholie aus Eurem Herzen auszujäten 
Und finden geistig Wohlgefallen. 
Verdruss und Langweil schwind' aus dem Gesicht, 
Der frohe Scherz erfreut und beisset nicht.*) 



*) Petition que tizö e ordenö el dicho Juan Allonso de baena para el rey 
nosti'o seiior. 

Seiior, ?»llo rey de Espana, 
Por vos dar plaser e vi^-io 
E faser vos grant servi^no, 
Yo touie carga taiuana 
De entrar en lal montana 
Contra dos tan sabidores 
E muy lindos trobadores, 
De Gastilla los mejores, 
Libre me santa Ssusana 
Destos dos e su conpana 

Senor, alto rey de Espaiia, 
Pues Ulescas, viejo cano, 
E Manuel el sevillano 
Arnos tienen de nii ssaiia, 
Con milengua de guadaiia, 
Maguer tengo fea vista 
E non so grant coronista, 
Juro ä Dios que yo los visla 
Del paiio de tyrytafia, 
E viamos quien regana. 

Senor, alto rey de Espana, 
Pues tenemos tales jueses 
Que nairen noslros jaheses, 
Sy venimos de Alimana, 
de Chipre 6 de Gucana, 
Mande vuestra grant Seiioiia 
Que pierdan malenconia 
^ E tomen plasenteria 

Syn enojo e ssyn sisana 

Ca la burla non rascaiia. Canc. de Baena, 357. 



i 



73 

Producte eigenlhUmlicher Art treten unseren Lesern in folgen- 
den Gedichten entgegen. 

Ein gewisser getaufter Judo, Pero Fcrrus, — schon der 
Name lässt erkennen, dass er ein Täufling gewesen ist : Ferrus gleich 
dem hebräischen UJTnc, der Von der Gemeinde Getrennte— dessen 
Lebensumstände gänzlich unbekannt sind, halte nach seinem Schei- 
den aus der Synagoge ein besondres Vergnügen darin gefunden, die 
Juden zu verspotten. Vier Gedichte sind von ihm im » Cancionero 
de Baena« enthalten. Das eine ist an eine Freundin gerichtet, das 
andre an den König Heinrich III., das dritte, in welchem er eine 
gute Kenntniss der spanischen Geschichte und Literatur entfaltet, 
an den Grosskanzler und Chronisten Ayala , und das vierte an die 
Rabbiner von Alcala. In diesem erzählt er, wie er eines Tages 
nach Alcala gekommen sei und sich das neben der Synagoge be- 
lindliche Lehrhaus , in welcher vermuthlich auch der FrUhgottes- 
dienst verrichtet wurde, zur Schlafstelle ausgesucht habe. Als aber 
am anderen Morgen die Rabbiner kamen, nöthigten sie den unge- 
ladenen Gast, das Haus zu verlassen. Voller Zorn über diese Be- 
leidigung richtete er an die Alcaler Rabbiner folgendes sarkastische 
Gedicht: 

Trübsein mid Verdriesslichkert 
Liess mich ob mein Missgeschick' 
Finden keinen Augenblick 
Ruhe während langer Zeit. 
Bis ich hinkam nach Alcal', 
Wo ich R«he endlich 'mal 
Fand von meiner grossen Qual, 

Dort ist eine Synagoge 
Schön und prächtig situirt, 
Dorlen lebt' ich, wie ein Doge 
Kaum ein besseres Leben führt. 
Morgens kam ein Rabbi, pflückte 
Seinen langen Bart und blickte 
Auf mich schielend hin und nickte. 

Früher noch aJs alle Andern 
Kam einäugig an zu wandern 
Schmutzbedeckt ein langer Jud', 
Für den Teufel noch zu gut. 
Schreit mich an mit Hundsgebell, 
Dass ich unverzüglich schnell 
An die andre Seit' mich stell'. 



74 -— 

Rab Jehud' als Nummer Drei 
Macht mit meinem Tello Geschrei, 
Seiner Epiglottis Bänder 
Haben starke, stramme Ränder. 
Dieser drei vereintes Singen 
Wird, mich graut vor dem Gelingen, 
Manch' Gebäud' zum Sturze bringen. *) 

Die Rabbiner von A 1 o-a 1 a ®'''') Hessen nicht lange auf Ant- 
wort warten. Ihr an Pero Ferrus gerichtetes Gedicht lässt auf eine 
hohe Stufe von Bildung schliessen und gibt deutlich zu erkennen, 
dass auch sie in der castilianischen Sprache, ja in der Poesie es zu 
derselben Vollkommenheit gebracht hatten, wie die professionirten 
Hofdichter selbst. 

In würdiger Weise antworteten sie dem Spötter : 

Wir Rabbis wollen im Verein 
Bescheid Don Ferrus geben. 
Nur mög' er so verständig sein 
Und zu verstehn sie streben. 

Bewiesen ist's für alle Zeit : 
Es währt nicht alle Ewigkeit 
Das Erdenglück, das Dich erfreut. 

Ob heiter auch Dein Aug' jetzt blickt, 
Da Trübsal Dich verlassen. 
So ist doch gar zu ungeschickt 
Dein närrisch gottlos Spassen, 

Mach' über Gott nur Deinen Witz ! 
1 Wozu ist auch er sonst wohl nütz, 

Wenn man in Amt und Reichthum sitzt ? 



*) Con tristesa 6 con enojos 

Que tengo de mi fortuna, 
Non pueden dormir mis ojos 
De veynte noches la una ; 
Mas desque Alcalä llegue, 
Luego dormi 6 ffolgue 
Conamo los ninos en ciina. 

Entre las sygnogas amas 
Estö bien aposentado, 
Do nie dan rauy buenas caraas 
E plaser 6 gasajado ; 
Mas quando vyene el alva 
Un rraby de una grant barva 
Oygolo al mi diestro lado. 



Caocion. de Baena, 302. 



75 



Gemeinde und Chasanim stehen 
Vereinigt hier im Gotteshaus, 
So schlecht es auch uns mag ergehen, 
Es geht das Gottvertrau' n nicht aus. 

Wir sind ihm ganz ergeben, 
Um Gnade zu erstreben, 
Und jenseits besseres Leben. 

Wir pflegen früh am Tag zu sammeln 
Uns Klein und Gross in frommer Eil' , 
Um Gott Gebete herzustammeln, 
Der war und ist Israels Heil. *) 



Zu den Genossen des erwähnten Pero Ferrus ist auch noch 
der Dichter Fray Diego de Valencia de Leon zu rechnen. 

Das Kinzige, was wir von diesem Manne wissen, ist, dass er 
Franciscaner Mönch und Doclor der Theologie gewesen und auch 



Los rrabyes nos junlamos 
Don Pero Ferrus ä rresponder, 
E la rrepuesta que damos 
Quercd la bien entender, 
E dezimos que es provado 
Que non dura en un eslado 
La rriquesa nin raenester. 

Pues alegrad vuestra cara 
E parlid de vos tristeza, 
A vuestra lengua juglara 
Non le dedes tat provesa : 
E aun cred en Adonay 
Que '1 vos sanarä de ay 
E vos darä grant rriquesa. 

El pueblo 6 los hasanes 
Que nos aqui ayunlamos, 
Con todos nostros afanes 
En el Dio sienpre esperamos 
Con muy buena devo^-ion, 
Que nos lleve ä rremission 
Por que seguros bivamos. 

Venimos de madrugada 
Ayuntados en grant Iropel, 
A faser la matynada ' 
AI Dios Santo de Israel. 



Gancion. de Baena, 308. 



76 

durch andre Künste und Wissenschaften sich ausgezeichnet hat. 
Ais Geburts- und Wohnort bezeichnet er selbst Valencia de D, 
Juan, das alte Coyanza. 1406 hat er den Tod Heinrich IH. be- 
klagt und im Jahre vorher die Geburt Juan II. besungen. Wie der 
Mönch es nun überhaupt liebte, jüdische Ausdrücke in seinen Ge- 
dichten; von denen über 40 in unserm Cancionero enthalten sind, 
zu gebrauchen , so findet er auch ein ganz besonderes Vergnügen 
daran , mit den dem Talmud und den späteren rabbinischen 
Schriften entlehnten Wörtern zu spielen und so der Juden uijd 
seiner selbst zu spotten. 

Zur Zielscheibe seines Witzes wählte er einen seiner Unglau- 
bensgenossen Juan de Espana. 

Dieser Juan de Espana , ein und dieselbe Person mit dem 
auch zuweilen el Viejo genannten Juan, wurde in der Mitte des 
14. Jahrhunderts zu Villa-Martin geboren und verliess seine Reli- 
gion, der er als eifriger Rabbinist zugethan war, als Vincente 
Ferrer, der oben besprochene Mönch auf dem Esel, das Evange- 
lium predigte. Später wohnte er in Toledo, wo er, schon im 
Alter vorgerückt, 1416 ein Memorial über seinen Austritt veröffent- 
lichte und auch ein Tractätlein über den 72. Psalm schrieb. Da 
Juan für einen ausgezeichneten Talmudisten galt, so kramte auch 
Diejo de Valencia sein Wissen auf diesem Gebiete aus und die bei- 
den geistlichen Herren amüsirten sich mit den Witzen , die ihnen 
doch nur ein gezwungenes Lächeln abgewannen. Obwohl wir un- 
seren Lesern dieses seiner Art einzige Product nicht vorenthalten 
wollen, so gebieten uns doch innere Gründe den grössten Theil 
desselben nicht zu übersetzen. Der Anfang lautet : 

Johann de Espana, ein wichtiges Glied 
Von Adonai wurde bestürmet, 
Weil sehr die Aljama in Schrecken gerieth 
Da Barselai Sünden aufthürmet. 

Es waren wir Alle vor Staunen voll 
So Kohanim, wie Rabbis und Herren 
Sie wurden ja Alle vor Sünden toll, 
Es ergriff sogar auch die Sopherim. *) 



Johan de Espana, muy gtant sana 
Fue aquesta de A d o n a y , 
Piies la aljama se derrarna 
Por culpa deBargelay. 



77 

Anständiger verfuhr unser üoctor der Theologie mit einem an- 
dern Juden aus Aslorga, Don Samuel Dios-Ayuda (Gotthilf), 
welcher als einer der freigebigsten und wohlthätigsten Männer be- 
kannt, von Fray Diego oft um Hilfe und Almosen angegangen wor- 
den war. In dem an ihn gerichteten Gedichte nennt er ih'h »die 
Lust und den Schmuck der Judenstadt a und vergleicht ihn mit 
Joseph, dem Retter vieler Leidenden. ^ 

Aber nicht allein die geborenen Juden verspotteten ihre mit 
ihnen gleiches Schicksal theilenden Genossen, sondern auch Ritler 



Todosfuemos espantados, 
Maestros, Rrabies, Coen im, 
Ca les ffueron sus pecados 
Desto s f a r a li c n i m ; 
Piies que non tenien h a ? i n 
Quiso infinta fascr, 
Hora fynque por in a n s e 1 
Pues tan mal pertrecho tray. 

E los sabios del Talmud 
A que liaman C e d a q u i n 
Disen que non ha salud 
El que non tiene b e^ i m ; 
AnleS tienen por rroyn 
El que no trae m i I a , 
Quien no puede bahela , 
Non le cuinple m a l a n a y. 

Failamos en el p e 1 1 i m 
Por Pecu quen e por glosa , 
El que non tiene be^im 
Non tome muger fermosa : 
E pues vos en esta cosa 
Non quisysles ca h a m , 
Yredes con el g u e h y n a m 
Con la yra de Saday. 

B a r s e I a y en este fecho 
Contra vos fu6 el ni a g u a I , 
E non corria por derecho 
La rueda de g uy gal ; 
Sofa r fino natural 
Vos diran 6 co adat, 
Pues se fiso m isomal 
Vuestra muger per ta n a y. 

Cancion de Baena, 501 

Die in den Ueberselzungen beibehaltenen fremden Ausdrücke sind in 
Note 90 erklärt. 



78 

und Dichter christlichen Glaubens machten sie zum Gegenstande 
ihres Witzes und richteten an sie Satyren, in welchen ihr Schein- 
christenthum nicht leer ausging. 

So unterliess es der seine zweite Heirath bitter bereuende Al- 
fonso Alvarez de Villa Sandino, welchen wir als den fruchtbarsten 
und vorzüglichsten Dichterdes Hofes Juan II. bezeichnet haben, nicht, 
sich an einem in sfeinem 40. Jahre übergetretenen Juden Alfonso 
Samuel Fernandes in einer lustigen Weise zu rächen. Villa San- 
dino war trotz seines Verweilens am Hofe bestandig ein armer Teufel 
und schickte, von der Noth getrieben, sowohl dem Könige als ande- 
ren ihm bekannten Personen Reim-Gesuche und Bettelgedichte um 
Geld und selbst um Kleider. Mit einem solchen »Decir« hatte er sich 
auch einmal an den Juden Samuel, »den galantesten und filzigsten 
Narren, welcher in der Welt zu finden war«, gewandt, war aber von 
ihm abschläglich beschieden worden, da dieser sein Geld nicht den 
bettelnden Dichtern aufhängen wollte. Aus Dankbarkeit übernahm 
es Villa Sandino für Samuel ein Testament zu machen und mit 
noch einem andern Gedichte ihn zu beehren. 

Folgende Verse genügen uns ein Bild der so verspotteten Juden 
zu entwerfen : 

Da man zu den grossen Käthen 
Leider Gottes mich niclit zählet, 
Kann, ohne Dir zu nah zu treten, 
Ich erzählen, was Dich quälet. 
Alle Menschen wollen meinen, 
Dass solch Meschümad hätte nie 
Gelebet, könnt' auch nie erscheinen, 
Vom Neuen irgend wo und wie. *) 

Du hast jetzt sechszig bitt're Jahre 
In diesem Leben hingebracht, 
Der Habgier folgten graue Haare, 
Mit ihr hast Reichthum Du erjagt. 



Todos deven bien creer, 
Que quanlo en aquesla hedat 
Non iiaciö tal m e s u m a d 
Nin creo que ha de nascer. 



79 

Gewiss hast wieder Du empfangen, 
Was man Maulschellen tropisch nennt. 
Mich dauern Deine blauen Wangen 
Und wie die Nase schmerzlich brennt. *) 

Das für Alfonso Samuel verfertigte Testament lesen wir in 
folgenden Versen : 

Ihr Freunde, die Ihr an Alfonso Euch habet 
Belustigt, so lang er am Leben, 
Zieht krause die Stirne, er liegt bald im Grab, * 
Er will sich des Blödsinns begeben. 
Doch eins noch zum Lachen vergönnet er Euch, 
Er schrieb als Vermächtniss sich folgendes Zeug, 
Doch hört es und lachet noch einmal. 

Sein Tod mag sein ob heut' oder morgen, 
Gleichviel, er lässt für die Nachtmütze sorgen, 
Sie soll ein Schammess zu Salamanc' 
Dann erben für ihn zum Nutzen und Dank, 
Doch müsse im Humasch er lesen dafür 
Lnd singen dabei, wie's wäre Gebühr, 
Von Pysmon und T'chinnot beträchtlich viel 
Und wohl geordnet im heiligen Stil. **) 



Ein Jud', der Jakob Cidaryo hiess. 
Ein Jud', der gut es meinte, liess 
Um nichts zu versäumen vor seinem End', 
Sich machen dies folgende Testament. 



Res§ibiendo fiertamenle 
De palos 6 bofetadas 
Sy padesgen tus quixadas 
Tu naryz lo repressenta. 



Cancion. de Baena, 140. 



Sy moriere oy 6 cras 
Manda su opa la t)lanca 
Qua la den en Salamanca 
aqui algunt s s a m a s , 
Per quel reze en el h o m a s 
E le canten con buen son 
Una huynna, un pysmon, 
Bien planidos per compas. 



80 

Sein Schwoisstuch vermacht' er als herrlich Geschenk 
Dem Schrank der Zod;ikah wohl eingedenk, 
Damit sie TefiUah andächtig ihm thun, 
Sobald er gebettet im Grabe zu ruhn. *) 

Solche Gedichte sind wichtige Zeichen der Zeit, die für den 
Historiker von grosser Bedeutung sind , denn auch die poetischen 
Erzeugnisse aller Völkerschaften tragen ebenfalls nicht wenig dazu 
bei, die Lage des jüdischen Volkes in der Zerstreuung richtig be- 
iirtheilen zu können. Die ungläubigen Juden oder Scheinchrislen 
wurden vers'pottet, und "wie die Gläubigen der Menge, so dienten' 
die Ungläubigen einzelnen bevorzugten Geistern zur Belustigung 
und zum Ergötzen. 

Die Zeit, wo der Jude auf dem Theater figurirte, war nicht 
mehr fern. 

Wir verlassen jedoch einstweilen Theater und Schauspiel und 
wenden uns wieder zu unserer dramatischen Historie oder wenn 
man will, dem historischen Drama, in welchem die heldenmülhigen 
Juden und ihre Märlyrerheroen, in welchem Isabella und Tor- 
quemada die Hauptrollen übernommen haben. 



Viertes Capitel. 

Heinrich IV. Ferdinand und Isabella. Die Neuen Christen 
und ihre Leiden. Anton de Montoro, Juan Poeta u. A. Die 
Inquisition; ein ungenannter Dichter über dieselbe. . 
Vertreibung der Juden. 

An gewissen Stellen der Weltgeschichte fühlt man sich be- 
sonders versucht den Planen der Vorsehung nachzuforsdien und 



Ffase SU testamentario 
Para complir tocio aqueslo 
Un judiö de buan gesto, 
Que llaman Jacob Qidaryo 
AI quäl manda ssu sudario 
En seiial de c e d a q u ä 
Porque rreze T e f y 1 ö 
Desque ffuere en su fonsario. 



Gancion. de Baena, U2. 



81 ■ 

namentlich bei der Geschichte des von einer göttlichen Macht ge- 
leiteten und von ihr zur Strafe gezogenen Volkes drängt sich un- 
willkürlich die Frage auf: Was ergeht nicht Alles über die Gottes- 
kinder? 

Die zahlreichen Juden der Halbinsel haben wir in zwei Lager 
getheilt in unserem' vorigen Capitel verlassen. Ein nicht eben klei- 
ner Haufen war den eifrigen , wunderthätigen Predigten der zelo- 
tischen Geistlichkeit unterlegen; sie hatten ihr Leben retten wol- 
len und sich dem ihnen aufgedrungenen Glauben dem Scheine 
nach unterworfen. Der andre Theil, bei weitem der zahlreichere, 
war der Verhöhnung , dem äussern Drucke und der Zudringlich- 
keit der Prälaten preisgegeben; sie hatten Alles lieber ertragen als 
ihr Inneres von Gewissensbissen und von dem Schmerze des Glau- 
benszwangs durchwühlen zu lassen. 

Diesen war auch noch eine Zeit lang die traurigste Lage be- 
schieden. Der Pöbel raubte, mordete und massacrirte, so oft sich 
Gelegenheit dazu bot, die Gesetze leisteten den Bedrückten keiner- 
lei Schulz, die Richter der Tribunalien waren ihre ausgemachten 
Feinde, die sich von ihnen entfernten vom Eifer getriebenen Brü- 
der grollten ihnen und traten als ihre Ankliiger auf. Kinderaub, 
Kindermord , Hostienschändung wurden ihnen vorgeworfen — 
häufle doch Alphons de Rspina in seinem »Fortalitium Fidei« eine 
ganze Anzahl der abscheulichsten Beschuldigungen ! und ein junger, 
unerfah^-ener , ausschweifender und ohnmächtiger König, Hein- 
rich IV., sass auf einem unsichern, wankenden Thron. 

In Nebel^ verhüllt war die Zukunft des Reiches und unabseh- 
bar der Abgrund, in welchen es fallen sollte. 

Der von Juan IL geschlossene und von dem Sohne erneuerle 
Freundschaftsbund mit dem benachbarten Aragonien war gebro- 
chen, ein fremder Monarch, der tolle Ludwig XL von Frankreich, 
dessen Charakter Delavigne so treffend gezeichnet hat, zum Schieds- 
richter herbeigerufen ; allenthalben bildeten sich Parteien des mit 
dem Könige und der Regierung unzufriedenen Adels und der hohen 
Geistlichkeit, im Königshause selbst Streit und Zwist, eine lebens- 
lustige Königin, eine zweite Marie Antoinotte, gab zu verschiedenen 
Gerüchten Anlass, Beitran de la Cueva war ihr Günstling, ja nach 
Einigen noch mehr : ihre Tochter wurde Beltraneja vom Volke ge- 
nannt ; der König wurde öffentlich verspottet , von seinen Unter- 
thanen verlassen, des Thrones entsetzt. 

Kayserliag, Sepliardim. 6 



82 

Seine Schwester Isabella zog alle Blicke auf sieh. Von diesem 
sechszehnjührigen Mädchen erwartete man die Sonne einer bessern 
Zeit : die ihr angebotene Krone schlug sie grossmüthig aus und ein 
Bürgerkrieg war die nächste Folge. Jede Stadt, jede Familie war 
in sich zertheilt, die Bewohner der einen Strasse lagen mit denen 
der andern im offenen Kampfe, der Mandel stockte, der Ackerbau 
lag darnieder, das Volk war dem Aberglauben ergeben wie nie zuvor, 
jede Naturerscheinung wurde als ein Omen gedeutet und nur der 
Tod Ileinrich's endete Trübsal , von welchem das Land seit dem 
Einfall der Mauren nicht heimgesucht worden war. 

Nun wurde Isabella als Königin proclamirt, dem bigotten ara- 
gonischen Ferdinand hatte sie bereits ihre Hand gereicht. Arago- 
nien wurde mit Gastilien zu dem spanischen Königreiche vereinigt 
und die glänzende Regierungszeit des katholischen Königspaars 
beginnt. 

Wohl wahr! Isabella's und Ferdinand's Regierung bildet einen 
Glanzpunkt in Spaniens Geschichte, eine Zeit, glanzvoll erleuchtet 
durch ein furchtbares, Schrecken und Besorgniss verbreitendes 
Tribunal, dessen Scheiterhaufen länger unterhalten wurden , als 
der Glanz des gepriesenen Zeitalters selbst dauerte. 

Durch die Einführung der Inquisition und die Vertreibung 
der Juden hat sich Isabella , hat sich Ferdinand unsterblich ge- 
macht. 

Ehe wir beide eng mit einander verbundene denkwürdige 
Thaten näher betrachten, müssen wir uns nach denjenigen unserer 
Brüder umsehen, welche immerhin noch unsere Brüder heissen, 
obgleich sie unter die Säulen der Kirchenkuppeln sich gebeugt 
haben, nach den Juden , welche im Drange der Zeiten aufgehört 
hatten, für die Welt Juden zu sein, welche für die Welt als Christen 
gelten wollten. 

Ueber 90 Jahre hatten die gewaltsamen Bekehrungen schon in 
Spanien gewüthet; Hunderttausende waren dem Valencianer Mönch 
und dem zelotischen Seelenarzt aus Lorca zum Opfer gefallen. 
Ihre Zahl hatte eine solche Höhe erreicht , dass sie in der That ein 
Volk im Volke bildeten und auch den Versuch gemacht haben sollen, 
Gibraltar, den Schlüssel Spaniens, in ihre Hände zu bringen^*). 

Diese Unglücklichen , welche das christliche Bekenntniss auf 
der Zunge und den jüdichen Glauben im Herzen trugen, wurden 
nicht schlechthin Christen genannt: »Nuovos-Christianos, Neue- 



83 

Christen« nannte man sie, nicht allein deshalb, weil sie erst kurze 
Zeit der Gesammtheit sicti angeschlossen hatten , sondern auch, 
weil sie eine neue Secte im Ghristenthum bildeten. Wusste man 
ja allgemein , dass die Furcht vor dem Tode das eigentliche Motiv 
ihrer Bekehrung war und dass nur die allerwenigsten aus in- 
nerer Ueberzeugung , aus wahrer Liebe zum Glauben die Taufe 
empfangen hatten ; war es ja augenscheinlich , dass nur durch die 
Aussicht, jetzt Staats- und Kirchenämter bekleiden zu können, sie 
zu diesem Schritt bewogen worden waren. Im Innern und in 
ihren geheimsten Gemächern , wo der Spähenden Blicke sie nicht 
trelTen konnten, waren sie Juden, lebten zum Theil in den Juden- 
Vierteln und übten , wir reden natürlich von der grossen Menge, 
die jüdischen Gebräuche mit der grösslen Pünktlichkeit. Nach 
dem sie vom Gebete und ihren religiösen Handlungen schrecken- 
den Rufe »der Herr kommt (Maran atha)«, wurden sie von den 
öflenllichen, sich nicht verleugnenden Juden «Maranos« genannt. 

Diese Maranos , welche ein intoleranter Caplan aus Sevilla in 
seiner nur handschriftlich vorhandenen Chronik schildert, »brach- 
ten entweder die Kinder nicht zur Taufe, oder, wenn sie es thaten, 
so wuschen sie den Makel ab, sobald sie nach Hause kamen. 
Sie bereiteten ihr Schmorfleisch und andre Gerichte mit Oel 
anstatt mit Speck ; sie assen kein Schweinefleisch ; sie feierten 
das Passahfest; sie assen Fleisch in der Fastenzeit und sandten 
Oel, die Lampen ihrer Synagogen zu füllen. Auch an vielen ver- 
abscheuungswürdigen Ceremonien ihrer Religion hielten sie fest. 
Sie hatten keine Achtung vor dem Mönchsleben und entweihten 
häufig die Heiligkeit frommer Häuser durch Verführung ihrer Ein- 
wohner. Sie waren ein ausserordentlich kluges und ehrgeiziges 
Volk, welches die gewinnbringendsten Staats-Aemter an sich zog; 
sie erwarben sich ihren Lebensunterhalt lieber durch Handel als 
durch Handwerk oder Künste. Durch ihre nichtswürdigen Be- 
trügereien häuften sie grosse ReichthUmer auf und dadurch gelang 
es ihnen, Heirathsverbindungen mit edeln christlichen Familien zu 
schliessen « **) . 

In neuerer Zeit, wo man diese Schein- oder gezwungenen 
Christen häufig besprochen hat, wollte man gefunden haben, dass 
sie die spanische Nationalität wie den christlichen Glauben be- 
droht und ihre Reichthümer, ihre wichtigen Aemler, welche sie im 
Staat und in der Kirche bekleideten, dazu benutzt hätten, dem 

6* 



84 

Judenthum den Sieg über die spanische Nationalität und den Ka- 
thoiicisnius zu verschaffen. So absurd und geistlich gehässig eine 
solche Behauptung auch immerhin klingt, so lässt sich doch nicht in 
Abrede stellen , dass etwas Wahres darin liegt. Hat auch wohl 
kein Einziger in jener Zeit der Gefahr daran gedacht, das Juden- 
thum in die spanische Nationalität zu verpflanzen, geschweige denn 
mit ihm den mächtigen Katholicismus zu verdrängen, so ist erstere 
von dem Einflüsse der Juden doch nicht verchont geblieben. Der 
verarmte Adel vermählte sich mit reichen Jüdinnen, um seine Ver- 
mögensumstände zu verbessern, die Arias Davila, die Grafen von 
Pugnonrostro, fast alle Granden des Königreichs, der grösslc Theil 
der hohen Geistlichkeit, Erzbischöfe und Bischöfe, ja selbst Gross- 
inquisitoren stammten von den Juden ab^^). »Es war kaum eine 
bedeutende Familie im Lande, deren Blut nicht durch Vermischung 
mit dem mala sangre des Hauses Juda besudelt worden wäre«, 
sagt der fanatische Bernaldez^*). Aehnlich wie in Spanien gestal- 
teten sich diese Verhältnisse in dem benachbarten Portugal, 

Charakteristisch für diese Familien-Verbindungen ist die be- 
kannte Erzählung aus der neueren Geschichte. Als noch in den 
siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der König Joseph 
von Portugal den Befehl hat ergehen lassen, dass alle seine Unter- 
thanen, welche von Juden abstammten, gelbe Hüte tragen sollten, 
erschien sein mächtiger Minister, der Marquis von Pombal, dem es 
gar nicht recht ernst um die Kirche gewesen , mit drei gelben Hü- 
ten unter dem Arm bei seinem Könige. Lächelnd fragte ihn der 
Monarch, was er denn mit diesen machen wolle? Worauf ihm der 
die Jesuiten hassende Minister allen Ernstes erwiderte : den einen 
Hut habe ich für mich , den andern für den Gross-Inquisilor und 
den dritten für den Fall , dass Ew. Majestät selbst sich bedecken 
wollen«. Es würde nicht allzu schwer fallen, aus dem geheim ge- 
haltenen »spanischen Brand« den Nachweis zu führen, dass auch 
die spanisch-portugiesische Königsfamilie von dem mala sangre 
des Hauses Juda nicht frei sei. 

Nicht mit ruhigem Blicke konnten die im Glauben alt und grau 
gewordenen Christen es mit ansehen, dass diese Scheinchristen, 
diese Parvenüs der Kirche, die vi^ichtigsten staatlichen Aemter be- 
kleideten, die Lehrstühle der Universitäten besetzten, zu'den höch- 
sten geistlichen Würden stiegen , während sie selbst ihrer Unwis- 
senheit wegen denen nachstehen mussten, welche sich noch immer 



85 

durch Halsstarrigkeit und Festhallen an das jüdische Gesetz so sehr 
auszeichneten, dass der eifrige f3ischof von Sevilla einen eigenen 
Katechismus für sie verfasstc und seinen untergebenen Hirten die 
Weisung ertheiltc , sie in dem katholischen Glauben zu unterrich- 
ten und zu frommen Werken anzuhalten. 

So hatten diese Unglücklichen bei all der Seelenmarter und 
Gevvissensfoller auch noch die schauderhaftesten Verfolgungen zu 
erdulden. Unter Heinrich IV. hatten sie begonnen, unter Isabella 
waren sie allgemein geworden , erst die Inquisition bildete den 
Schlussstein. 

An demselben Orte, wo die fanatischen Bekehrungsreden zuerst 
vernommen wurden, brachen auch die Verfolgungen der gewonne- 
nen Neuen-Christen zuerstaus. Sevilla machte mit der Hetzjagd den 
Anfang, Gordova ahmte seinem Beispiele nach und in Jaen er- 
dolchte das wüthende Volk den Connetabte von Castilien , Don 
Miguel Lucas, in den geweihten Räumen der Kirche , weil er die 
Juden vor Mord geschützt hatte. Andujar, Montoro , Bujalance, 
Ramla und andere Städte thaten das ihrige und blieben mit den 
Verfolgungen nicht zurück. 

Dass auch die Literatur und besonders die Poesie bei diesen 
Excessen nicht theilnahmlos blieb und mehr als blosse Notiz davon 
nahm, haben wir bereits im vorigen Capitel zu bemerken Gelegen- 
heit gehabt. Diego de Valencia, Villa Sandino, Pero Ferrus such- 
ten die übergetretenen Juden zu verspotten, Andere bemühten 
sich durch ihre Gedichte das schon wüthende, unbändige Volk 
noch mehr aufzuwiegeln. 

Unter den Dichtern , welche aus dieser Zeit unsere besondre 
Aufmerksamkeit verdienen , nimmt der bis jetzt nur zu sehr ver- 
nachlässigte Anton de Montoro den ersten Platz ein. Er ist 
der letzte grosse Troubadour, und mit ihm verschwinden die Dich- 
ter der »fröhlichen Lust« von den Höfen der Könige der Halbinsel. 

Anton war ein Jude aus Montoro und seines Handwerks 
Schneider, oder genau genommen Kleiderhändler, eine Beschäf- 
tigung, die ihm auch den Beinamen »elRopero« verschaffte. Neu- 
ere spanische Literatoren wollten , mit seinem Handwerke unzu- 
frieden, Anton der alt-adligen Familie der Guzman unterschieben 
und auch ihn , den Cordover Trödcljuden — in Gordova hatte er 
sich häuslich niedergelassen — zum nobeln Ritter machen. Man 
hat nämlich Zweifel gehegt, ob ein armer jüdischer Schneider, als 



86 

welchen er sich in seinen Gedichten oit genug präsenlirt, obeinKlei- 
derhändlersich in seinem Geiste so hat erheben und mit so eleganten 
Gedichten hat auftreten können ! Liegt der Grund dieses Zweifeis in 
seinem Handwerk, so erinnern wir nur, dass in allen Literaturen sich 
wohl Poeten und Dichter finden, welche nicht eben Ritter und stu- 
dirte Männer gewesen sind. Wer kennt nicht den ehrsamen Nürn- 
berger Schuhmachermeister? Wer nicht den holperigen Vers : 

Hans Sachs war ein Schuh- 
Macher imd Poet dazu — ? 

Versorgt doch Jean Reboul seine Vaterstadt Nimes mit Brod 
und die Franzosen mit seinen lyrischen Dichtungen! Wurde nicht 
der originellste und volksthümlichste Dichter Frankreichs, dessen 
sterbliche Hülle halb Paris vor wenigen Monaten zur Ruhe beglei- 
tete , von einem Grossvater erzogen , der gleich Anton Schneider 
gewesen ist? War er doch selbst ein armer Ruchdruckerlehrling, 
der von der Literatur nichts weiter wusste, als was er vor dem 
Schriftkasten und der Druckerpresse von literarischen Dingen ge- 
lernt hatte ! Jaquou Jauscmin's Vater war ein ehrlicher Schneider, 
sein Grossvater ein vagabundirender Rettier, er selbst ein höflicher 
Friseur und ist dennoch der berühmteste Patois-Dichter unserer Zeit. 
Wir wollen diese Reispiele hier nicht mehren und nur noch an den 
Görlitzer Schuhmachermeister und Theosophen , an den Amster- 
damer jüdischen Gläserschleifer und Vater unseres neuern Idealis- 
mus, sowie an den Meister deutscher Prosa, den Buchhalter und 
philosophischen Seidenfabrikanten in Berlin erinnern. 

Das Schneiderhandwerk würde demnach Anton de Montoro 
und seinen Dichtungen in keiner Hinsicht Abbruch thun. Und 
doch steht er allen anderen dichtenden Genossen seiner Zunft noch 
nach : er war ja ein jüdischer Schneider , wie Santob de Carrion 
ein Händler jüdischer Nation. So sehr man auch lange Zeit geneigt 
gewesen ist, den Juden Abneigung gegen Handwerk vorzuwerfen 
und sie ganz der Schachergilde zu überweisen, so ist es dochXhat- 
sache, dass sich unter ihnen zu allen Zeiten die geistesthätigsten 
Menschen befanden, die nicht in otio literario, im literarischen 
Müssiggang leben wollten, sondern von ihrer Hände Arbeit Weib und 
Kind ernährten. Nur sehr wenige der grossen Geister, welche das 
grossartigste , seit Tausenden von Jahren angestaunte Werk , des- 
gleichen sich in keiner Literatur findet, compilirt haben , waren 



87- 

reiche Herren; die Meisten von ihnen legten Nadel und Pfriem, 
Hacke und Spaten ab , um sich zweimal jährlich nach den grossen 
Akademien in Judäa und Babylon zu bogeben. 

Was hindert uns noch Anton de Montoro, den Juden, auf sei- 
nem Schneidertisch zu lassen? Mit welchen Produclen er die spa- 
nische Literatur bereicherte, sollen unsere Leser bald erfahren. 

Obwohl Anton bis in die Zelt Juan H. zurückreicht, so fällt 
seine Glanzperiode dennoch erst unter Isabella. Er war durch die 
Feinheit und Eleganz seines Stils , sowie durch die Kenntniss und 
Gelehrsamkeit, welche einige seiner Poesien verrathen , früh eine 
Berühmtheit geworden und hatte sich der Lobeserhebungen man- 
cher Zeitgenossen zu erfreuen. 

Suero de Ribera, ein Dichterling am Hofe Juan H,, von wel- 
chem sich auch in dem mehrfach genannten Cancionero de Baena 
(575) ein Product findet, erwähnt seiner mit folgenden Worten : 

Da ist ein sehr berülimter Mann, 
Der äusserst fruchtbar dichten kann, 
Anton de Montoro ist sein Nam' . *) 

Alvarez Gato, Staatsmann und vertrauter Freund Juan H., 
ein fruchtbarer Versificator , rühmt Anton und meint, dass trotz 
seiner Armuth einzig und allein seiner Kunst wegen er sehr reich 
genannt werden könne. 

Ein andrer Zeitgenosse, Gonzalo Moron, weist auf seine poeti- 
sche Begabung und seinen Ruhm hin. Ihm sei, meint Moron, eine 
Gottesgabe zu Theil geworden , womit er alle Troubadoure über- 
flügele. 

Andrerseits hatte auch Anton, wie viele Andereseines Stammes, 
welche ihren Glauben wechselten und wie Anton sich zum Schein- 
christenthume bekannten, viele Sarkasmcn anderer Troubadoure 
und dichtenden Herren zu erfahren. Solche Angriffe wurden mit 
nicht wenig Bitterkeit und Frcimüthigkeit von ihm erwidert. Einer 
solchen Entgegnung verdanken wir die Mittheilung einiger Lebens- 
umstände unseres Dichters. 

In einem Dialoge zwischen ihm und einem Ritter deutet An- 



Ese hombre muy famoso 

Poeta inuy copioso 

Llamado Anton de Montoro. (Canc. de Burlas, 100.) 



88 

ton selbst auf seine Aniiulli, seine jüdische tlerkunt't und niedrige 
Beschäftigung hin. Der giossmiilhige Cavallero hielt ihm nämlich 
einmal sein Judenthum vor und redet ihn an : 

Du schuftiger Cohen, 
Du elender Judensohn, 
Du Wucherer ! *) 

Worauf Montoro ihtn erwidert: 

Meine Ehre wollt Ihr schmähen. 
Rede muss darum ich Euch stehen, 
Ich habe Söhne und Enkel, 
Einen armen, sehr alten Vater, 
Meine Mutler, Donna Jamila, 
Eine noch ledige Tochter, eine Schwester. **) 



Ein Theil seiner Gedichte besieht aus solchen »Respuestas, 
Reim-Erwiderungen«, von denen die alten Cancioneros voll sind; 
andere seiner Producte sind freudiger und scherzhafter Art, auch 
erhebt er sich nicht selten zu Satiren und Epigrammen. In seiner 
alle Bewunderung verdienenden Freimüthigkeit wagt er es sogar, 
die Verschwendungssucht Heinrich IV., so wie die Schwäche seiner 
Regierung öfl'entlich zu tadeln : 

Der edle und leidende König 
Liebt Frieden und zeiget sich gütig ; 
Doch kümmert den Diener das wenig, 
Der stolz ist imd rauh und hochmüthig. 
Erst später l^ierkt er den Fehler, 
Will setzen die Sippschaft in Zucht, 
Er glaubet, nur er sei Befehler, 
Doch krümmt ihn der Listigen Wucht. 
So raubt dem Herrn man die Waffen, 
Und er, der an Tugend so gross, 
Um Ruhe der Menge zu schaffen, 
Muss stellen mit Trübsal sich bloss. 



Y vos malvado Cohen, 
Judio, zofio, logrero. 

Tengo hijos y nietos, 

Y padre pobre y muy yiejo, 

Y madre Dona Jamila 

Y hija moza y hornnana 



(Canc. deBmi., 94.) 



89 

Die folgten, erhebt er zu Lenkern, 
Macht grösser, die gross so schon sind, 
Sie gleichen nun vornelimen Schenkern, 
Und er einem betlehulen Kind. *) 

Die Haupllhätigkeit Anton's de Montoro fällt, wie bereits er- 
wähnt, in die Regierungszeit des katholischen Herrscherpaars. 
Alles , was dem schon im Aller vorgerückten Troubadour zu Ge- 
bote stand, bot er auf, in jener schrecklichen Zeit der Verfolgun- 
gen seine Stamms- und Glaubensgenossen zu schützen. Er raffte 
alle seine Kraft und alles Ansehen, welches er bei den Adligen ge- 
noss, zusanmien, um die getauften und ungetauften Juden vor der 
Volkswuth zu bergen und es verdient dieses, seinen Charakter in 
das reinste Licht setzende Betragen alle Anerkennung. Nicht trat er 
zu den übergetretenen dichtenden Juden , um mit ihnen die Ma- 
rannen zu verfolgen ; er richtet sich an die Grossen des Reiches, 
nähert sich seinem Könige Ferdinand selbst und berichtet, frei- 
lich nicht ohne eine gewisse Bitterkeit, über die Excesse, welche 
zu Garmona gegen die Neuen-Christen stattgefunden hatten. In- 
ständigst und wiederholentlich bittet er den frommen Monarchen 
die Rädelsführer zur Strafe zu ziehen ^^). Seine Bitten haben zu- 
versichtlich kein willig Ohr gefunden. 

In seinem Eifer wirft er dem Don Alonso de Aguilar, einer 
Magistratsperson von Gordova , vor , dass er in seiner Stadt wenig 



El amo noble sufriente 
Pacifico, dadivoso 
Cria mozo inobediente, 
Soberbio, ludo, pomposo, 

Y a tiempo luego pasado 
Cuando Ic siente el error, 
Quierelo haver castigado 
Piensa fallarle mandado 
Fallalo ser raandador. 
Asy fio el virtiioso 

Seiior, nuestro rey muy alto. 
Por dar ä muchos reposo 
Diö asi grau sobresalto. 
Fiso de siervos senores 
Con leda cara de anior, 
Fiso de grandes majores, 
Fisoles ricos dadores 

Y ä si mismo pedidor. (Obr. Ms.) 



90 

zu Gunsten der Verfolgten gelhan habe und schildert in dem an 
ihn gerichteten Gedichte zugleich die traurige Lage, in welchem 
die Convertirten sich befänden : 

Der Ritter, treu und gut 
Von königlichem Blut 
Auf schlechtem Wege wandelt. 
Das Volk, obgleich bekehret 
Und besser nun belehret. 
Wird doch von ihm misshandelt. *) 

Auch an die katholische Königin wandte er sich mit seinen 
Gedichten und Bitten. Er beklagt sich bei ihr, dass trotz der fast 
unglaublich scheinenden Zeit von sechszig Jahren , welche er im 
Glauben verharre, er »el reato de su origen« nicht habe abwischen 
und die den Convertirten beigelegten Nichtswürdigkeiten nicht 
habe verlieren können : 

Ropero, so trüb' und traurig 
Fühlst Du Deinen Schmerz so schaurig? 
Bis sechszig Du wurdest an Jahren 
Sagtest Du immer den Schaaren : 
Mir ist nichts Schlimmes widerfahren. 
Doch jetzo zum Christen bekehret, 
Ein Credo man rufen ihn höret ; 
Will nun auch verehren den Geber 
Von Klauen gemästeter Eber, * 

Will nun mit den Augen hinblinken 
Nach halb nur gesalzenen Schinken, 
Will Messe ja hören. 
Die Kirche verehren 
Und Kreuze viel machen 
Nebst ähnlichen Sachen, 
Darf nun auch ja tödten 
Jenen Haufen — voll Nöthen ! 

Zur Erde geworfen, .gebeuget das Knie, 
So alt er ist, war er devoter wohl nie. 
Erzählend von Tagen, die festlich er nennet, 
Sehr fromm von Maria und höchstihrem Sohn, 
Erfreut er sich, dass zu erzählen vergönnet, 
Ihm ward die Geschichte der Kreuzespassion, 



Buen Caballero leal, 
Que los defectos .olvida, 
De sangre pura real, 
Os ha parecido mal 
Desta gente convertida. (Monluro, Poes, varias. Ms) 



91 

Verehret in Golt den Menschen zugleich 

Als seinen erhabenen Herrn, 

Doch kann er nicht sülinen den sünd'gen Streich, 

Er heisset noch jetzt und heisset noch fern 

Der alte verwerfliche Jud' . 

Es bringt unsre Königin voll Majestät 
Zu Ansehn den heiligen Glauben, 
Doch will unser Herrgott nicht bloss Gebet, 
Nicht gleich des Rosses wüthend Schnauben, 
Den Tod des elenden Sünders hienieden ; 
Leben sei ihm mit der Reue beschieden. *) 

Dieses Gedicht, welches trotz seines ernsten religiösen Inhalts 
mehr Aehulichkeit mit einer Satire als mit einem Glaubensbe- 



A la reyna D. Isabel : 

Ropero, amargo, triste 
Que no sientes tu dolor ; 
Setenla anos que naciste 

Y en todos siempre dixiste 
Inviolata pcnnansiste; 
Nunca jure al criador, 

Hice el credo, y adorar 
Ollas de tocino grueso, 
Torreznos a medio asar, 
Oir misas y rezar, 
Santiguar y persinar, 

Y nunca pude nsatar 
Este rastro de confeso. 

Los inojos encorbados, 

Y con muy gran debocion 
En los dias seilalados 

Con gran devocion contados, 

Y rezados 

Los nudos de la Pasion, 
Adorando a Dios y Hombre 
Por muy alto senor raio, 
Por do ml culpa se escombre, 
No pude perder el nombre 
De viejo, puto, judio .... 

Pues Reyna de gran valor, 
Que la Santa fe acrecienla, 
No quiero Nuestro Senor 
Con furor 

La muerte del pecador, 
Mas que vjva y se arripienta. 

(Montoro Poes, varias. Ms.) 



92 

kenntnisse und einer Bitte an die streng-katholische Isabella hat, 
liefert den Beweis , wie wenig Ernst es dem Dichter mit seinem 
Glauben gewesen ist. Kaum findet sich noch ein zweiler Trouba- 
dour aus der Zeit, in welcher unser Anton lebte, welcher mit einer 
solchen Kühnheit und Rücksichtslosigkeit den Regenten und fürst- 
lichen Personen entgegenzutreten den Muth hatte. Machte er doch 
sogar auf Heinrich IV. eine Satire , in welcher er ziemlich direct^ 
auf das Liebesverhältniss des ohnmächtigen Königs zu der Portu- 
giesin Castro, dem schönen Kammermädchen seiner, Beitran de la 
Gueva zugethanen Gemahlin anspielt. 

Eine Satire voller Gift und Galle schleuderte Anton gegen Ro- 
drigo Gota. Gota, der wie Anton de Montoro jüdischer Abkunft 
ist , führt uns zuerst auf die Bretter des spanischen Theaters : ihn 
begrüssen wir als den ersten Theaterdichter in der spanischen 
Literatur. 

Obwohl die dramatische Poesie diejenige ist, deren Anbau, wie 
Deutsch richtig bemerkt, durch den Geist des Isrealitismus und den 
Hass des Orienlalismus von den Juden sehr wenig begünstigt wurde, 
so zeigt sich dennoch dasEigenthümliche, dass die Literaturen älte- 
rer und neuerer Sprachen, zu deren Hebung und Pflege die Juden 
beigetragen haben , auch einzelne dramatische Producte besitzen, 
welche von Juden verfasst worden sind. Wie der jüdische Tra- 
giker Ezekielos^''), die merkwürdigste Erscheinung ihrer Art, wel- 
cher 100 Jahre vor Ghristi Geburt den Auszug aus Egypten in 
einer griechischen Tragödie darstellte, die Reihe aller jüdischen 
Theaterdichter bis auf den Verfasser der »Deborah« und den der 
»Makkabäer« eröfl'net, so legt der genannt« Gota den Grund zu der 
spanischen Bühne. Das Theater , der Widerhall des Hasses und 
der Liebe einzelner Stände und Ränge , dieses Thermometer der 
Sitten , verwahrt ein bedeutendes Stück Geschichte ; auch das 
Theater zeigt uns das Steigen und Fallen, die Achtung und 
Verhöhnung des jüdischen Volkes. Von diesem Gesichtspunkte 
aus verweilen wir einige Augenblicke auf der spanischen Bühne, 
auch sie bildet eine Quelle zur Geschichte der Juden dieses 
Landes. 

Wie bereits oben bemerkt, vertraten das ganze Mittelalter 
hindurch die Todtenlänze die Stelle der Theatervorstellungen ; sie 
dienten an Fest- und Feiertagen der Bevölkerung zur Belustigung 



Ö3 

und zum Ergötzen. Dieses waren aber auch die einzigen öffent- 
lichen Vorstellungen , die Processionen und Kirchenaufzüge abge- 
rechnet, welche von der Geistlichkeit zugelassen worden sind. 
Von einem eigentlichen Theater in unserm Sinne war bis auf 
Isabella keine Rede. Freilich soll des Marquis von Santillana 
Grossvater, der Zeitgenosse desR. Santob de Carrion schon Thea- 
terstücke nach Art desPlautus undTerenz, und der Marquis selbst 
die »Comoediete de Ponze« verfasst haben — alle diese noch un- 
sichern und unbegründeten Vei'suche sind als blosse Gedichte di- 
daktischer Art, keineswegs aber als Theaterstücke zu betrachten. 
Den ersten Anlauf zu einem dem Drama ähnlichen Geislesproducte 
nahm ein armer Jude von niedrer Herkunft, Rodrigo Cota, aus Se- 
villa oder wie Andere meinen aus Toledo ^'^j, in der von ihm begon- 
nenen und von Rojas vollendeten , aus 21 Acten oder Theilen be- 
stehenden »Gelestina«, auch wohl »Calisto und Meliboea« genannt. 

Dieser erste Theaterdichter der spanischen Nation hatte sehr 
bald seine Stammreligion vergessen und sich als offner Gegner 
herausgestellt. Nicht in der Celestina finden sich die Spuren sei- 
ner judenfeindlichen Absichten^ wohl aber in Satiren und Ge- 
dichten, in welchen er die Neuen-Christen verspottet und sich so 
den Verfolgern des unschuldigen Volkes beigesellt. Dafür ward er 
von Montoro gezüchtigt ^^). 

Obgleich der biedre Anton de Montoro mit den grössten und 
angesehensten Herren und Rittern seiner Zeit in Verbindung ge- 
standen und sich auch eines nicht unbedeutenden Ruhmes zu er- 
freuen hatte, so strebte er dennoch nie, seine niedre Beschäftigung 
mit einem höhern Stande zu vertauschen. Er hatte die Nadel nur 
aus den Händen gelegt, um die Feder zu ergreifen und blieb bis 
an sein Ende ein dichtender Schneider und Händler '*'"'). 

Ein noch weniger bekannter Zeitgenosse Anton's de Montoro 
war der Dichter Juan de VaUadolid. Die poetische Kunst war 
seine Profession, sein Dichtertalent schaffte ihm Brod und den Bei- 
namen »Poeta«. Schenken wir dem Zeugniss seiner der Poesie 
lebenden Zeitgenossen Glauben, so war Juan von der Königin und 
den Grossen beschlUzt, und auch im Staatsdienst verwandt. Auch 
er war armer EMorn Sohn und von niederm Stande. Anlon de 
Montoro scheint von seinem Ursprünge genau unterrichtet gewesen 
zu sein **") : 



94 

Wisst Ihr, wer sein Vater ist gewesen? 
Ausrufer auf der Strass' und Henker. 
Und seine Mutter? Lacht nicht! ein Wesen 
Bei irgend einem Weinausschenker. *) 

Als letzten Genossen der genannten Dichter nennen wirGarci 
Fernandez de Jerena. Ein sonderbarer Mensch ! Aus Liebe 
zu einer hausirenden maurischen Gauklerin verliess er dasJuden- 
Ihum und wandte sich dem Islam zu. Mit der Liebe zu ihr schwand 
auch sein Glaube und er vertauschte diesen nach einem abenteuer- 
lichen Leben mit dem Ghristenthume. Als Christ zog er sich in 
ein Kloster zu Jerena zurück. Es dauerte jedoch nicht lange, so 
verliebte er sich wieder in eine Schwester seiner ersten Frau und 
es ist nicht unwahrscheinlich, dass, nachdem er aus dem Kloster 
geworfen wurde, er es nochmals mit dem Mosaismus versucht hat. 

Seine Gedichte bestehen aus Oden und Hymnen und befinden 
sich im Cancionero de Baena. 



Die von Dichtern und Gebildeten , Staatsmännern und Kir- 
chendienern gespielte Rolle der Verstellung legte den Grund zu dem 
Tribunal, welches das herrliche Spanion zur Hölle machte: das 
Scheinchristenthum bot Veranlassung, den Ehrgeiz und die Geld- 
gier des aragonischen Königs rege zu machen. 

Der Albingenserkrieg \^ar der erste Vorwand, dessen die 
Päpste sich bedienten , die alte Inquisition einzuführen ; es war 
eine kirchliche Institution. 

Die Nothwendigkeit, die zahlreichen, in ganz Spanien ver- 
breiteten Scheinchristen zu bestrafen , veranlasste das spanische 
Königspaar, die neue Inquisition ins Leben zu rufen. Die Inqui- 
sition der neuern Zeit war königlich und kirchlich zugleich. 

Was war natürlicher, als dass Ferdinand ein Gericht begün- 
stigte, welches seinem Ehrgeiz unter dem Deckmantel der Religion 
und Frömmigkeit neue Nahrung verschalfle? Er, aus einem klei- 



Pues sabeis quien es su padre? 
ün verdugo y pregonero 
Y quereis reir? su madre 
Criada de un raesonero. 

(Moiitoro [a JuanPoeta] Ms.) 



95 

nen Fürsten der Regent eines grossen Reiches geworden, war 
fromm und bigott; als Werkzeug der Kirche erscheint er der 
Geistlichkeit , welche er zu seinem Werkzeuge machte. Er war 
der Regründer, der Wiederhersteller der Glaubenseinheit , weil er 
Juden und maurisch Volk aus dem Lande jagte. Er war, wie man 
auch immerhin über ihn urtheilen mag, dermassen von Ehrgeiz 
und Geldgier gefoltert, dass alle Thaten, welche zum Heil und Ver- 
derben des Landes von ihm unternommen worden sind, auf diese 
beiden Laster zurückgeführt werden können. De^Ehrgeiz stachelte 
ihn auf, die letzten Reste maurischer^Iacht zu vernichten, Granada 
mit seinem Reiche zu vereinen ; Geldgier und die Lust nach frem- 
dem Resitz waren die Motive, die Scheinchristen zu bestrafen, die 
Juden zu verjagen und die Scheiterhaufen für sie anzuzünden. 

Seine Schatzkammern waren geleert , mit ungeheuren Lasten 
bedrückte er das Volk ; um Geld zu schaffen , verkaufte er das 
Eigen thum der Kirche, schickte Kirchengut in die Münzen, und 
was nie zuvor der Fall gewesen, selbst die Geistlichkeit wurde 
besteuert. 

Da brachte ein kluger und verschmitzter Rruder, Alphons 
de Hojeda , der Prior eines Dominicanerklosters zu Sevilla, den 
schrecklichen Gedanken in Anregung, — die Juden zu plündern? 
Keineswegs! Seit Hunderten von Jahren hatte man in der spani- 
schen Politik dieses Mittel angewandt, um die zerrütteten Finan- 
zen zu heben. Alphons de Hojeda erschien als geistlicher Rath : er 
ersuchte die Majestät, die Abtrünnigkeit und den Rückfall der Ju- 
denchristen zu bestrafen, und Hess die Absicht, ihr Vermögen für 
den Fiscus, zum Wohle des Staatshaushaltes einzuziehen, auf nicht 
unfruchtbaren Roden fallen. 

Der König war für seinen Plan gewonnen, er lag ganz im In- 
teresse seiner Politik. Nur die Königin Isabella, welche ihrem 
Reichtvater, dem toleranten Mendoza folgte, wollte ihre Zustim- 
mung nicht zu einem Beschlüsse geben, der mit ihrem bessern Ich 
im Widerstreit stand. Es bedurfte aber auch bei ihr nur der Ver- 
sicherung, dass die That fromm und gottgefällig wäre , dass sie 
engelrein und unschuldig wie die Jungfrau in den Himmel ein- 
ziehen würde, und auch sie hatte ihr Gewissen beruhigt; sie gab 
freudig die Erlaubniss zur Einführung jenes martervollen, Gedan- 
ken und Meinungen erforschenden und züchtigenden Tribunals. 

Die Restätigung des Papstes musste noch eingeholt werden. 



96 

Mit der Nachricht, dass das spanische Köngspaar zur Ver- 
herrlichung des Glaubens das maurische Troja in Angriff nehmen 
wolle , gelangte auch zum heiligen Vater das Gesuch , die Inquisi- 
tion in Spanien zu bestätigen und über die neue Anstalt die Weihe 
zu sprechen. 

Sixtus IV. , der mehr weltlicher Fürst als geistlicher Vater 
gewesen, der den Verdacht auf sich lud, um einen vor dem Altar 
einer Cathedrale ausgeführten Mordanfall gewusst zu haben, schrieb 
der Königin Isabella, er gebe sich der Hoffnung hin, dass nicht der 
Ehrgeiz und das Streben nach weltlichen Gütern sie mehr veran- 
lasse, die Errichtung des Tribunals zu wünschen, als der Eifer für 
den katholischen Glauben. Niemand hatte wie der Papst die Ab- 
sicht der katholischen Königin durchschaut ! Die Bulle gelangte 
nach Spanien und am 17. September 1480 wurden die ersten In- 
quisitoren ernannt. 

Sevilla zündete zuerst die Scheiterhaufen an, Sevilla ver- 
brannte jetzt die ersten Juden. 

Das fast dreihundert Jahre Schrecken und Entsetzen verbrei- 
tende Tribunal, dieses wüthende Ungeheuer von so seltsam fürch- 
terlicher Gestalt, dass bei seinem blossen Namen ganz Europa er- 
zitterte, schildert der Trostredner seines Volkes, Samuel IJsque, 
der geschickte Maler jüdischen Leids, im folgenden Bilde : 

»Sein Körper, bedeckt mit Schuppen härter als Stahl, besieht 
aus rohem Eisen und giftigen Stoffen. Tausend Flügel von schwar- 
zen Federn erheben es vom Boden und tausend missgestaltele 
Füsse bringen es weiter. Seine Gestalt gleicht der Wildheil des 
Löwen und ähnelt der Schlange in der Wüste Afrika's. Die Grösse 
seiner Zähne ist die des stärksten Elephanten. Sein Athem tödtet 
schneller als der des Basilisken. Sein Mund speit wie sein Auge 
unaufhörlich verzehrende Flammen ; es nährt sich von nichts als 
menschlichen Körpern. Die Schnelligkeit seines Fluges übertrifft 
die des Adlers. Wie hell und glanzvoll die Sonne auch scheinen 
mag, wo es hinkommt, verursacht es eine Furcht einflössende 
Dunkelheit und lässt auf seinem Wege eine Finsterniss zurück, 
welche der Egyptischen nicht nachsteht. Wohin auch immer sei- 
nen Flug es nimmt, jedes Grün tritt es nieder und jeder belaubte 
Baum wird entblältert. Gleich einem krebsartigen Wurm zerstört 
es durch sein Gift die Wurzeln und vernichtet Alles ähnlich wie der 
trockne Sand Syrien's«^"*). 



97 

Die grauenhafteste Epoche der jüdischen Geschichte bildet 
die der Inquisition. Tausende von Juden gaben in den Auto da Fes 
ihren Geist auf. Was Wunder, dass Diejenigen, welche dem 
Feuergericht glücklich entwischt waren, das Bild der Gewalt nicht 
los werden konnten! Ein ungenannter Dichter, welcher mit 
dem von uns später vorgeführten Antonio Enriquez Gomez 
im Gefangnisse schmachtete, entwirft in einem poetischen Briefe *"^) 
an seinen Freund und Leidensgefährten eine meisterhafte Schilde- 
rung des heiligen Officiums und seiner Diener. 

Solche poetische Briefe haben sich in der spanischen Literatur 
nie eines grossen Erfolges zu erfreuen gehabt und treten auch erst 
in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts mit Mendoza und Bos- 
can in horazischer Weise auf. Dass sie auch alsdann nur wenig 
angebaut wurden, dafür einen Grund zu suchen, dürfte nicht 
allzu schwer fallen. Die poetischen Briefe haben gemeinhin mehr 
oder weniger Satire oder Klage zum Gegenstande ihres Inhalts und 
fik" beide war der spanische Boden der schaifen, geräuschlosen 
Wachsamkeit der Inquisition wegen wenig geeignet. Die ängst- 
liche Natur der spanischen Tyrannen Hess solche Herzensergüsse 
selten passiren. 

Von desto grösserm Werth ist daher dieser Brief, welcher 
einen ungenannten , in Spanien gefangen gehaltenen Juden zum 
Verfasser hat. Lange und oft staunte man die FreimUthigkeit des 
philosophischen , skeptischen Franzosen an, der es einmal wagte, 
die Inquisition in wenigen Zeilen zu charakterisiren : 

Ce sanglant tribunal, 
Ce monument affreux du pouvoir monacal, 
Que l'Espagne a regu, mais qu'elle nieme abhorre : 
Qui venge les autels mais qui les deshonore, 
Qui tout couvert du sang, de flamraes entoure 
Egorge les morlels avec un fer sacre. 

Welche Bewunderung verdient erst der Be^^ohncr eines fin- 
slern Inquisitions- Gewölbes, der Verfasser des Briefes, welchen 
wir hier in Uebersetzung mittheilen : 

Brief Danteo' s an seinen Freund Albano. 

Mit Freude schreibt, Albano, meine Feder nieder 
Was ein ihr gibt ein Herz das klar und bieder ; 
In mir ist Hilfe noch, denn HotTnung lebet wieder. 

Kayserling, Sephardim. 7 



98 

Der Tag wird mir gewaltig lang zum Jalir, 
WoiHi ich mir sag' dass Du mir nicht mehr nah, 
Und wie Du lebhaft denkst an Deines Freund' s Gefahr. 

Fern ist die Zeit, wo ich zum Leben ward erkoren, 
Entfernt von Dir und Deinen heitern Hören 
Ist meine Ruhe hin, ist meine Seel' verloren. 

Zur Mehrung meines Leid's kommt heut' zurück die Stunde, 
Wo Du, Albano, einst vom Abschied gabst mir Kunde, 
Zu schafTen Heilung Deiner eig'nen Wunde. 

Den strengen Norden *) , den zum Ruhpunkt Du gewählet, 
Wie lieb ich ihn ! Dem Meeresschlund**), bei Dir verfehlet, 
Hat man auf ewig, ewig mich vermählet. 

Du hast der Qual zu flieh'n Gelegenheit genommen. 
Was könnt' mein Lob der grossen That noch frommen ? 
Es ist die Wahrheit wieder Dir, Gefahr bist Du entkommen. 

Seitdem zum Glück für Dich Du mir bist fortgezogen, . 
Hat sich das Meer zu solchem Sturme vollgesogen, 
Dass ich. Elender, nicht ertrag' sein grimmig Wogen. 

Nicht ist's die Heimath mehr, nicht mehr des Friedens Glanz, 
Es ist ein brausend Meer, im wilden Wellen-Tanz ; 
Die Ruh' ist hin, verscheucht, dem Sturm gebührt der Kranz. 

Gefahrvoll, fast unendlich ist des Leidens Abgrund, 
Der Freunde sind nicht mehr, stumm ist der Freundschaft Mund, 
Zerrissen wird selbst auch der Besten, Treusten Bund. 

Ein jedes Wort gelangt zu unsrer Feinde Ohren, 
Verräth'risch lässt man keine Ursach' unverloren, 
Kein trautes Wort gibt's ohne Delatoren.***) 

Tyrannisch streben sie nach Herrschsucht und nach Ruhm, 
Und sind so sehr der Falschheit Eigenthum, 
Dass sie sich brüsten noch mit ihrem Heiligthum. 

Sie sind Tyrannen, die vom Schmerze nicht gerühret. 
Im Labyrinthe von unsättlicher Begier geführet, 
Worin die Seele gänzlich sich verirrt, verlieret, f) 



*) Sein Freund hatte sich nach Amsterdam begeben. 
**) Mit Ausdrücken wie Meeresschlund, Meer u. dgl. bezeichnet der 
Dichter, wie dieses auch von Anderen geschehen, die Inquisition. 

**») Gada palabra alcanza un enemigo, 

Todos buscan aleves ocasiones, 
Y no hay conversacion sin un testigo. 

^) Aiidan tiranizadas ambiciones, 



99 

Es zeugen die Versprechen stets von bosheitsvollen Saaten, 
Was man verheisst, wird nie gebracht zu Thaten, 
Ohn' mit dem Rechte stets in Feindschaft zu gerathen. 

Der stirbt, der Wahrheit spricht, hofft auf Gesetz vergebens, 
Wer nicht sie spricht, ist Ritter ehrenwerthen Strebens, 
Beweist zugleich dabei den Adel seines Lebens. 

Betrüger nennt man weis' und brav mit Freuden, 
Und wird's geschätzt für richtig, klug, bescheiden, 
Das Falsche mit der Wahrheit-Larve zu bekleiden. 

Jetzt suchst nicht Du vergebens redliche Cumpane ! 
Ihr Wappen ist auf feine Art die Spielerfahne 
Und Heuchelei, sich drehend gleich dem Wetterhahne. 

Stets treiben sie mit Pomp ein Spiel gar fein und listig, *) 
Dem Obern spiegeln sie das Falsche vor als richtig 
Und schmücken's aus mehr als mit Frühlingspracht gewichtig. 

Es sind die eingefleischten Teufel und Verräther, 
Der Mutter Vericinta gläubige Anbeter, 
Nein, fern von dem Vergleich! Das sind nicht Roma's Väter! **) 

Denn bloss mit zwei geheimen Federzügen fachen 
Sie Unheü an mehr als des Tigers gier'ger Rachen 
Als selbst die Hydra wild im Stande ist zu machen.***) 

Der höhern Ordnung Priester sie sich nennen 
Und dennoch suchen sie mit aller Macht zu trennen 
Der Friedens-Bande — Vernunft sie gar nicht kennen. 



Y son de tat manera conquistadas 
Que se alcanzan con eiias bendiciones. 

Todas son Troyas, pero no abrasadas : 
Todos son laberinlos de codicia, 
Donde se pierden almas depravadas. 

*) Der Dichter spielt hiermit auf das von der Geistlichkeit und den 
Dienern der Inquisition emsig getriebene Kartenspiel "hin. Ihre Leidenschail 
für dasselbe war so gross, dass, als sie in St. Domingo keine Karlen hatten, 
sie sich der Baumblätter zum Spiele bedienten. 

(Peignot, sur i'origine des cartes ä jouer [Paris <826] 223.) 

**) Son diablos encarnados y traidores, 

Devotos de la madre Vericinta, 
No siendo, no, romanos senadores. 

***) Con dos renglones de secreta linta 

Hacen mas mal que la langosta fiera : 
Hidra que iala cuanto el Mayo pinta. 



100 

Im schlaffen, trägen Gange schreiten sie einher, 
Dciinocli um allen Preis versuchen sie Verkehr 
Mit dem geheimnissvolien Thron der Gottesehr' ! 

Die Freundin schmachtete nach Deines Schmerzes Thräne, 
Doch lehrte Dich zum Glück Medea jene Tone, 
Wie sie am Tajo singt die listige Sirene. 

Das ist kein Wunder, Freund, dass sie die auf Dich gab, 
Dafür nach Anderen ausstreckt den milden Richterstab 
Und gierig haschte einzuziehen der Treusten beste Hab'. 

Was Dir denn noch die Streng'? Was Dir noch die Erkaltung? 
Versprach ich niQlit dem wichtigsten Kleinod Erhaltung? 
Nicht soll in ihre Hand es fallen zur Verwaltung ! 

Wenn es behutsam ist und eine That des Weisen, 
Der Venus zu erwähnen heut' und sie zu preisen 
So wirst verzeih'n Du mein Gefühl, es edel heissen. 

Mit Rachesinn, doch sehr geschickt und mit Routine, 
Weiss sie zu nähren sich wie von der Rlum' die Biene, 
Verschenkt die fettsten Pfründen mit der frömmsten Miene. 

Beschieden war seit jener Zeil dem theuern Vaterlande 
Von jener edlen Dame grausam schwere Bande. 
0, schleunig führt sie es zu des Verderbens Rande!*) 

Auf Fittichen des Ruhms — Fortuna wollt' Dich schonen — 
Enteiltest Du, Albano, nach anderen Regionen 
Und kannst vor Jener Grausamkeit dort ruhig wohnen. 

0, lehre Klugheit mich, zu folgen Deinem Schritte, 
Dann fliehe rasch ich fort aus der Verräther Mitte 
Und geb' mit Freuden auf des Occidentes Sitte. 

Dein Sinn, der klug sich sehnte nach dem fernen Lande, 
Zog sich aus jenes Teufels Zauberbande 
Der seine Gottheit rühmt zu aller Gottheit Schande. 

Mir wünsch' ich Deinen Frieden und Dein stilles Leben, 
Gar selten hat in dem Exile es gegeben 
Ein Herz, das nach der Heimath suchte nicht zu streben. 

Die Welt erstaunt, erstarrt und naht sich ihrem Ende — 
Nicht bin ich mehr der Erste, der freudig ab sich wende. 
Für seinen Freund von Haus und Vaterland, behende. 



Alimentada fue desde la cuna 
De liranias esta noble dama, 
Y no hay seguridad en ella alguna. 



101 

Gleich dem Freunde des Dramatikers Gomcz schildern an- 
dere Dichter , mit denen wir uns in den folgenden Capiteln be- 
scheiftigen werden, dieses Glaubensgericht, welches Freiheit und 
Leben eines Jeden in Händen halte. 

Die Inquisition und alle ihre Gräuel an diesem Orte niiher zu 
betrachten, alle die Opfer aufzuführen, welche von ihr während 
ihres dreihundertjährigen Bestehens verschlungen worden , kann 
nicht in unserer Absicht liegen. Ueberhaupt kann nach unserm 
Dafürhalten eine vollständige Geschichte der Inquisition erst dann 
geliefert werden, wenn die achtzig Centner Acten, welche erst vor 
einigen Jahren von Barcelona nach dem auf Rath des Cardinal Xi- 
menez erbauten Staatsarchiv Simancas gebracht wurden, gelichtet 
und gesichtet worden sind. So lange dieses nicht geschehen, bleibt 
die Geschichte, welche der wackre, vorurtheilsfreie , heute von 
Unwürdigen angefeindete Llorente von dem Glaubensgericht ent- 
worfen hat, die einzige glaubwürdige Quelle. 

Sevilla war dazu ausersehen worden, das grauenhafte Heilig- 
thum zuerst in seinen Mauern zu erblicken. Aber auch dort, wo 
seit geraumer Zeit die fanatischen Priester für Nahrung der Feuer- 
schlünde gesorgt hatten, ging die Einführung nicht so leicht von 
Stalten, wie man vielleicht anzunehmen geneigt wäre. War auch 
der Hass gegen die Juden eben in dieser Stadt allgemein, wünschte 
auch wohl der von der Geistlichkeit aufgewiegelte und von ihr 
durch fromme Reden gewonnene grosse Haufe die Vernichtung der 
»jüdischen Treulosigkeit«, so war doch andrerseits die Zahl der Ju- 
daisirenden zu gross, hallen sich die Familien der Neuen-Chrislon 
zu sehr mit dem alten Adel verschwägert und vermischt, als dass 
nicht auch die gläubigen Christen selbst mit Schrecken an diese neue 
Marteranstalt hätten denken sollen. Als sich daher die Kunde in 
der Stadt verbreitete, dass die ersten Inquisitoren Miguel de Morillo 
und Juan de San Martin , beide Dominicaner, mit ihren Ofßcialen 
im Anzüge seien, war ganz Sevilla in Aufruhr: die Parteien stan- 
den einander gegenüber, die mächtigsten und angesehensten Per- 
sonen, die einflussreichsten Bürger hallen sich laut gegen das Ge- 
richt erklärt. Andere betrachteten es freilich als ein göttlich Ge- 
schenk, als eine heilige Glaubensache, und zogen voller Begeisterung 
den königlichen Dienern der Kirche entgegen, bis nach Carmona 
hin, um sie zu begrüssen und feierlich einzuholen. 

In der Stadt angekommen , es war am 2!. Januar 1 481 , ver- 



102 

sammelten sich die Inquisitoren in der Cathedrale und verlasen 
die königlichen und päpstlichen Erlasse. Es wurde ihnen nicht 
schwer, sich die nöthige Hilfe zu verschaffen , um ihre Functionen 
beginnen zu können ; in Procession durchzogen sie die Stadt und 
eine wilde Menge jauchzte ihnen zu. 

Zur selben Zeit, so erzählt ein Anonymus in einer Hand- 
schrift ^^^), vereinigten sich Suson, der Vater der schönen Susanna, 
»la fermosa fembra«, Benadeva, der Vater des Ganonicus gleichen 
Namens, Abalofia el perfumado, Hofwechsler der Majestäten , ein 
Aleman , die Adalfes de Triana , Cristobal Lopez Mondadura ä San 
Salvador und viele andere reiche und mächtige Männer aus Utrera 
und Carmona. 

Diese sprachen unter sich : Es scheint ja beinah, als ob Diese 
gegen uns kämen? Sind wir nicht die Häupter dieser Stadt und 
angesehen beim Volke? Lasst uns zusammentreten! Ihr haltet 
solche Personen für Euresgleichen? Lasst uns Waffen vertheilen, 
das Volk durch Gold gewinnen ! Kommen sie dann, uns zii ergrei- 
fen, so werden wir ihnen Widerstand leisten; wir wollen sie nie- 
dermachen und uns so an unseren Feinden rächen. 

Ein alter Jude, welcher sich unter ihnen befand, richtete an 
sie das Wort: »Kinder, das Volk scheint geneigt zu sein. Bei 
meinem Leben! »los corazones donde estan? Dadme corazoues ! « 
(Wo ist der Muth? Muth ! Muth I) 

Diese Verschwörung wurde im Keime erstickt. Sämmtliche 
Verschworenen wurden in die Gefängnisse abgeführt. 

Während die Inquisitoren diesen , ihrer Haut sich wehrenden 
Neuen-Christen den Prozess machten, feierte die Natur den Jahres- 
tag des Officiums. Die ganze Natur erhob sich ob der Einführung 
eines so barbarischen, dem Menschengeschlechte so feindseligen 
Tribunals. Der Guadalquivir überschritt seine Ufer und bedrohte 
die an ihm gelegenen Städte und Oerter. Ganz Sevilla stand unter 
Wässer, üböV die Zinnen war es in die Stadt gedrungen und drei 
Tage war das prächtige Sevilla in grosser Furcht und Angst , von 
den Fluthen verheert zu werden. 

Viele Opfer forderte diese Ueberschweramung , mehr aber 
noch die schreckliche Pest, welche zu gleicher Zeit ausbrach und 
in ganz Andalusien bis zum Jahre 1488 w^üthete. In Sevilla allein 
erlagen dem hohläugigen Tode über 15,000 Menschen, ebensoviel 
in Gordova; Ecija hatte gegen 9000 Todte"*). 



103 

Dergestalt feierte die Stimme des Weltgerichts die Einführung 
des ganz Spanien erhellenden Tribunals. 

Die Gefängnisse füllten sich schnell. Obwohl viele Neue-'Chri- 
sten zur freiwilligen Verbannung ihre Zuflucht nahmen und in die 
Ländereien des Adels, des Herzogs von Medina-Sidonia , des Mar- 
quis von Cadiz, des Grafen von Arcos flüchteten, so war die Zahl 
der Eingekerkerten schon beim Beginn zu einer solchen Höhe her- 
angewachsen , dass die ersten Inquisitoren darauf bedacht waren, 
ein permanentes Schaff"ot in einer der Vorstädte Sevilla's — Ta- 
blada — zu errichten. Dieses Denkmal menschlichen Wahnes 
reichte bis in unser Jahrhundert. Erst 1809, als der Alles nieder- 
stürzende Weltgeist, Napoleon, diese Weltseele zu Pferde, Spanien 
unterjochte, wurde das »Quemadero«, so nannten sie das Heilig- 
thum, von den französischen Truppen zerstört und sein Material zur 
Befestigung der Stadt verwandt. Eine unschuldige Frau, eine An- 
hängerin des Molina, wurde diesem Feuerschlunde 1782 als letztes 
Opfer vorgeworfen; sechs Juden boten ihm die erste Nahrung. 
Alonso de Hojeda hielt die Weihrede. 

Einige Tage später wurden drei der vornehmsten und reich- 
sten Bewohner der Stadt zum Tode geführt: Diego de Suson, »ein 
grosser Rabbi que valia lo suyo diez cuentos«, wie Bernaldez sich 
ausdrückt, welcher die ihm umgeworfene Toga mit Verachtung 
von sich schleuderte, Manuel Sauli und Bartholomäus Torralba. 
Mit ihnen wanderten auch die übrigen Häupter der Verschwörung 
den letzten Gang : Pedro Fernandez Benadeva, der Sohn des Oben- 
genannten, Mayordomus der Kirche de los Senores , welcher Waf- 
fen für hundert Mann in seinem Hause versteckt hielt, Juan Fer- 
nandez Abalasia , ein grosser Gelehrter und lange Zeit Alcalde der 
Justiz, wurden mit vielen Anderen verbrnnnt und ihreReichthUmer 
als Ketzergut für den Fiscus eingezogen. 

Gegen Ende des Jahres 1 481 hatten schon 418 Ungläubige die 
Todesstrafe erlitten ; 79 sahen sich der Freiheit auf immer beraubt 
und dieses Alles in der Stadt Sevilla allein**"*). 

Bald hatte jede Sladt in Andalusien ihr jährliches Fest; in 
Cadiz, Gordova, Jaen und anderen Orten wurden die Neuen-Chri- 
sten mit einer tollen Wuth verbrannt. 

Nach zwei Jahren des Bestehens und höllischen Wirkens 
wurde dem Gericht ein Gross-Inquisitor vorgesetzt , und Thomas 
Torquemada mit dieser Würde bekleidet. Einen willigern Diener 



104 

hatten Ferdinand und der Pnpst kaum finden können :. er genUgte 
allen Anforderungen, welche man an ihn gestellt hatte, er war 
unablässig bemüht, die Schlitze seiner Herren und die Stufen des 
Santo-Officiums mit Brandopfern zu füllen. Er war der Gross- 
Inquisitor, er der Robespierre der Kirche, welcher statt der rothen 
Mütze das Dorainicanerkäppchen trug. Unterstützt A'on eisernen 
Henkern, predigte er bei dem Scheine der hellen Flammen und 
auf den Leichnamen der Juden allen Ketzern den Tod. Seine 
Gründe waren die Richtplatze, seine Beredsamkeil die Confiscation, 
seine Ueberredungskunst die ewigen Höllenstrafen, seine Kraft der 
üeberzeugung lag in den noch nicht beerdigten Leichnamen und 
den lebendigen Körpern der unglücklichen, gedrückten und ge- 
knechteten Juden *^^). 

Bald war es der Wunsch des mächtigen, blutdürstigen Torque- 
mada, der Inquisition einen weitern Spielraum zu verschafTen. Dem 
Königspaar und Rom konnte solches Begehren natürlich nur lieb 
sein. Nächst Andalusien war Aragonien der Theil des Landes, wo 
sich die meisten Neuen-Christen befanden. Auch dorthin wurde 
die Höllenmaschine verpflanzt, aber auch dort stiess sie auf Wi- 
dersland. Das unglückliche Ende, welches die Verschworenen in 
Sevilla genommen hatten, hielt die Aragonier, nachdem sie sahen, 
dass alle Bemühungen , die Einführung der Inquisition zu verhin- 
dern , vergeblich waren, nicht ab, sich zu erheben, einen oder 
zwei Inquisitoren zu opfern. Sie gaben sich der irrigen Meinung 
hin , dass nach einer solchen Thal Niemand es mehr wage , das 
Amt eines Henkers zu übernehmen und dass der König selbst 
von seinem Plane abstehen würde. 

Eine Verschwörung hatte sich gebildet, welche nichts anders 
zu ihrem Zwecke hatte, als den Inquisitor Arbues d'Epila und 
mehrere seines Gleichen zu ermorden. Alle Neuen-Christen Ara- 
gönien's s^chossen eine bedeutende Summe zusammen , um die 
Mörder in ehrenhafter Weise zu belohnen. Juan de la Abadia, ein 
aragonischer Adliger, dessen Mutter Jüdin gewesen, stellte sich an 
die Spitze der Verschworenen. Juan d'Esperaindeo bewaffnete 
sich mit dem Mordstahl , drang mit seinen Genossen in die Haupt- 
kirche zu Saragossa und versetzte dem zur Zeit knieenden und be- 
tenden Arbues den ersten tödtlichen Stoss. Zwei Tage darauf gab 
der Priester seinen Geist auf. Kaum war dieser Mord in der Stadt 
ruchbar geworden, als auch schon die Christen, welche nicht von 



105 

jüdischer Abkunft waren , sich zusammenrotteten , um Arbues an 
den iNeuen-Christen und den allen Juden zu rächen. Das Gemetzel 
war fltrchterlich und nur die Dazwischenkunft des jungen Erz- 
bischofs vernioehle die Volkswuth zu stillen. 

Bedarfes wohl der besonderen Erwähnung, dass sämmtliche 
Glieder der Verschwörung in der gnisslichsen Weise dem Tode 
geweiht \^urdon? Ferdinand und Isabella zogen auch aus diesem 
misslungenen Versuch ihren Vortheil, sie verfuhren mit verdoppel- 
ter Strenge gegen Alle, die im Verdacht standen, dem Stamme der 
Verworfenen anzugehören. Arbues wurde heilig gesprochen, vom 
Könige wurde ihm ein Denkmal gesetzt und auf seinem prächtigen 
Grabe las man lange den Vers : 

Quis jacet hoc tumulo? Alter forfissimus lapis, 
Qui arcet virtute cunctos a se Judaeos : 
Est enim Petrus sacer firmissima pelra 
Supra quam Deus ediflca\ it opus : 
Caesar augustct, gaude beata quae 
Martirum decus ibi sepiiltum habes. 
Fugite hinc retro, fugHe cito Judaei. 
Nam fugat pretiosus pestem hyacinthus lapis '"^). . 

Alle die Unglücklichert , welche früher zu einer unausgesetz- 
ten Seelenmarter verdammt waren, verfielen jetzt den Marterin- 
strumenten der Inquisition. Ganz Aragonien war in die tiefste 
Trauer versetzt; kaum gab es eine vornehme Familie, welche nicht 
einen theuern Verwandten beweinte, ein Glied vermisste, das des 
Glaubens oder Unglaubens wegen zum Tode oder zur ewigen Ker- 
kerstrafe verurtheilt worden war. 

Auch in GastiliensaltehrwUrdiger StadtToledo schlug der Areo- 
pag, wie der gelehrte Thomas de Pinedo das Tribunal spöttischer 
Weise nennt, seinen Sitz auf. Von Ciudad-Real wurde die Inquisition 
gegen Ende des Jahres 1486 dorthin verlegt. Wie unabsehbaK der 
Pfad menschlicher Verirrungen ist, wie der Fanalismus jedes na- 
türliche Gefühl erstickt, zeigte sich recht deutlieh bei der Ein- 
führung des Gerichts in Toledo. Seine Diener versammelten näm- 
lich die Rabbiner der Stadt und drangen ihnen den Eid ab , alle 
Juden, welche die Religion verlassen und sich ihr später wieder 
zugewandt hätten, dem heiligen Officium zu überliefern und alle 
Gläubigen mit dem Banne zu belegen, welche solche, die Kirche 
nicht mehr verehrende Juden nicht zur Anzeige brächten. die 
Unmenschen ! Der Bruder sollte für den Bruder das Dilatorenamt 



106 

übernehmen und der Sohn vom eigenen Vater zum Schaffot geführt 
werden ! Auf Diener solchen Schlages beruhte das Heil Spaniens, 
in den Händen solcher Heiligen lag das Geschick der armen und 
elenden Juden. 

Mit dem sich immer mehr steigernden Argwohn mehrten sich 
die Anstrengungen der Glaubenshelden und wurde andererseits 
die Liebe zum Judenthum bei den in ihm Geborenen zu neuer 
Gluth angefacht. Tausende wurden verbrannt, Tausende der 
öffentlichen Beschimpfung preisgegeben , das Vermögen aller 
Verdächtigen eingezogen und so die immer leeren Schatzkam- 
mern Ferdinand's von Zeit zu Zeit gefüllt. Letzteres allein lag 
dem bigotten König am Herzen. Er kümmerte sich wenig um 
die Zukunft, um den Verfall des Landes; ihm war es darum 
zu thun, eine grosse, ihm ewigen Ruhm sichernde That zur 
Ausführung zu bringen: er bedurfte der Juden Gelder, um den 
begonnenen Krieg zu beenden und den letzten Funken maurischer 
Macht zu erlöschen. 

Während man an allen Enden der spanischen Herrschaft 
Scheiterhaufen für die Neuen-Christen errichtete, durchzog das 
Heer mit entfalteten Fahnen die gesegneten Gefilde des maurischen 
Königreich.«. 

Zu welchem Zustande der Erbärmlichkeit war das einst mäch- 
tige maurische Reich gesunken? Waren das noch die Abkömm- 
linge derselben Mauren, deren Führer die Tarek und Mouza ge- 
wesen? Waren ihre Regenten die Nachfolger des Al-Hakem , des 
Abd-el-Rahman , des Al-Mansur? Mit dem Tode dieses letzten 
grossen Oinajaden hatte die eigentliche Herrschaft aufgehört und 
existirte wie ihre Geschichte nur noch dem Namen nach. Das 
maurische Spanien lag in einem 500 Jahre langen Todeskampfe; 
Isabella und Ferdinand feierten sein Leichenbegängniss. 

Siegreich durchzogen die christlichen Banner die von den Mos- 
lemen bewohnten Länderstriche: Zahara, Ronda, seit undenklichen 
Zeiten »del Judios« genannt, Cambil undAlhabar fielen in die Ge- 
walt der Spanier; Malaga wurde genommen und eine Zahl reuiger 
Marannen lebendig verbrannt. Bald stand die Armee unter dem 
tapfern Ponce de Leon , welchen seine Zeitgenossen als espejo de 
la caballeria rühmten, vor den Thoren des starken Granada. Fer- 
dinand und Isabella hatten sich dorthin begeben und warfen sehn- 
suchtsvolle Liebesblicke auf den alten prächtigen Maurensitz. Gleich 



107 

einem zweiten Troja verlheidigte sich die feste Stadt; mit Löwen- 
muth und dem Rufe für Alah und dem Propheten fochten die Un- 
gläubigen den letzten Kampf. Granada fiel. Die Sonnenstrahlen 
des 2, Januar 1492 beschienen zum letzten Male den Halbmond 
aufspanischem Boden *"^). 

Spanien hatte nun nur ein einziges Königspaar, ein einziges 
Princip , ein einziges Interesse. Ein Gedanke beseelte das Volk. 
König, Volk und Geistlichkeit bildeten die heilige Dreieinigkeit, sie 
wollten Einheit und Einigkeit im Glauben, eine einzige Kirche. 

In den Gemächern der jetzt verfallenen Alhambra sass die 
fromme Isabella , trunken ob des zum Heil der Kirche erfochtenen 
Sieges. Das Königspaar dachte an die Grösse seines Reiches, sann 
auf Mittel, sann auf Quellen, die Herrschaft zu befestigen. 

Die Mittel waren im Eifer für die Kirche und den Glauben ge- 
funden. 

In den Gemächern der Alhambra veröffentlichten die Maje- 
stäten ein denkwürdiges, unglückseliges Edict. 

Mit derselben Feder, mit welcher die glorreiche Capitulalion 
Granada's unterschrieben wurde, unterzeichneten sie am 31. März 
H92 das grauenhafte Decret, dass alle Juden das spani- 
sche Reich verlassen sollten. 

Wie ein Donnerschlag traf dieses Edict die Menge der elend 
Preisgegebenen. Hatte auch die Strenge, mit welcher das heillose, 
die Menschheit entehrende Ketzergericht gegen die Neuen-Christen 
wüthete, die standhaft beim Judenthume Verharrenden auf ein 
solches Verhängniss wohl vorbereitet, denn die Inquisition war 
nur die Vorläuferin der Vertreibung, so kam der Befehl doch zu 
plötzlich, zu unerwartet; genossen doch eben sie in den zehn 
Jahren vor der Vertreibung der ungestörten Ruhe, gleich dem 
letzten Aufflackern eines für immer schwindenden Geistes. 

Sobald der Schreckenserlass bekannt geworden war, wurden 
Vorkehrungen getroff'en, ihn zu hintertreiben. Die Juden, welche Fer- 
dinand tief durchforscht und seine Absichten besser durchschaut 
hatten, als die mit der Rechtfertigung des Edictes sich abmühenden 
Historiker, schlugen denselben Weg ein, welchen ihre Vorfahren 
im westgothischen Reiche genommen hatten. Wie sie es damals 
versuchten , die Gradheit des königlichen Sinnes durch Darbrin- 
gung einer Summe Geldes zu beugen , so niachten sie auch jetzt 
durch den am königlichen Hofe im hohen Ansehen stehenden 



108 

FTnanzbeamten Don Isaac Abrahanel das Anerbieten die enorme 
Summe von 600,000 Dublonen aulzubringen, wenn das Gesetz 
würde zurückgenommen werden. Der gierige Ferdinand stutzte 
und war nicht abgeneigt, vor der Hand wenigstens, auf den Vor- 
schlag einzugehen, als der WUthrich Torquemada mit seinem wil- 
den Blick und dem Crucifix in der H.ind in das königliche Gemach 
stürzte und, das Heiligenbild auf den Tisch werfend , voller Wuth 
ausrief: »Da nehmt ihn, den Judas für 30 Silberstücke verkaufte. 
Verkauft ihn nun um einen höheren Preis«. Der lockere Sinn Fer- 
dinand's war umgestimmt und das Edict blieb in Kraft. 

Nur noch vier Monate waren den Juden vergönnt aufspani- 
schem Boden zu weilen. Kaum halten sie sich versehen und, wie 
der trauernde Prophet sich ausdrückt, der Monat hatte sie wieder 
erreicht. 

Wer könnte die Qualen schildern, welche die Herzen der 
unglücklichen Juden drückten! Aengstlich schauten sie sich um 
nach den geliebten Gegenden , trauernd und klagend sandten sie 
ihre Blicke nach den Orten, wo die Heimgegangenen in seliger 
Huhe lagen und gedachten mit Wehmuth und Seufzen der trüben, 
verschleierten Zukunft. 

Doch für die Zukunft hatte der nie schlummernde Hüter Israels 
gesorgt, ehe noch der Schlag erfolgte. 

»Am 3. August 1492, am 10. Ab, schiffte Columbus sich ein, 
um eine neue Welt und eine neue Freiheit zu entdecken«*"^). 

Tages zuvor, am Unglückstage der Juden, war die ihnen be- 
willigte Frist abgelaufen, und es wurden verjagt »alle jene scheuss- 
lichen pestverbreitenden, wüthigen, mit Recht vogelfreien jüdischen 
Horden, die gänzlich auszurotten weise gewesen vsäre; die Alles 
durch ihre Berührung beschmutzen, durch ihren Blick verderben, 
durch ihre Rede verwüsten ; die Göttliches und Menschliches 
verwirren, anstecken, zertreten, — welche die unglücklichen 
Nachbarn ausphindern mit Lug und Hinterlist und Geld erpressen 
durch Meineid und Prozesse. Wen kann das Loos eines solchen 
verworfenen Geschlechtes kümmern?«"") 

Die Juden traten nun wieder ihre Wanderungen an, auf denen 
wir sie im folgenden Capilel begleiten werden. 



109 



Fünftes Capitel. 

Wanderungen der spanischen Juden, Türkei, ßerberei, 

Italien. Die Juden in Portugal. Sprache und Literatur der 

ausge'wanderten Juden. Die spanische Bibel-Uebersetzung. 

Die Familie Usque. Hebräisch-spanische Gedichte, 

Solche Leiden wie das jüdische Volk hat kein anderes ertragen ! 
Solche Wanderungen waren über keine andere Nation verhängt! 

Um den Juden den Auszug aus ihrem geliebten Ileimathslande 
nocli zu erschweren, hatte Torquemada, dieser Auswurf der Hölle, 
seine verpesteten Edicte gegen sie geschleudert. Niemandem sollte 
es gestattet sein, den abziehenden Juden irgend einen Dienst der 
Menschlichkeit zu erweisen , nach der Frist irgend einen Juden 
unter Dach zu nehmen , sie als Menschen zu behandeln. Stand es 
den Exulanten nach allerhöchstem Befehl auch frei, ihre liegenden 
Gründe zu veräussern, und, o welche Gnade I ihre schweren 
Möbel mit auf die Reise zu nehmen , so war es ihnen doch streng 
untersagt, ihr Gold und Silber, mit einem Worte ihre Schätze aus 
dem Lande zu führen^**). 

So von aller Welt verlassen, mit Sclaverei und dem Tode be- 
droht, stand ihnen nur ein Weg offen, schleunigst das Land zu 
räumen. Exil war der einzige Anker der Rettung. Konnten sie 
denn nicht wieder wie oft zuvor die Maske der Verstellung an- 
legen? Nicht wieder einmal ihr Leben und ihr Bleiben mit der 
Heuchelei im Bekenntnisse erkaufen? Standen ja in den Wochen 
vor dem Auszuge aus dem neuen Egypten alle Kirchenthüren offen, 
um die Schwachen unter den Starken hereinzulocken 1 Nur sehr 
wenige Schwächlinge griffen leichtsinnig und unüberlegt zu dem 
Rettungsmittel, sich dem Schulze der Heiligen anzuvertrauen, nur 
sehr Wenige erkauften ein Leben, das nach einerlangen Gewissens- 
marter den Flammen der Inquisition geopfert werden musste. 

Vorbereitet, ihren Gott im Herzen, ihre Habe auf den Schul- 
tern, ihre grossen Lehrer an der Spitze, standen 600,000"^) Men- 
schen, Väter und Mutter mit ihren zarten Säuglingen an der Brust, 
reisefertig. Noch einmal betraten sie die heiligen Räume und beteten 
zum letzten Male in ihren allen Synagogen, diesen stumme^ Zeugen 



110 

ihrer erduldeten Drangsale, zu dem so oft und so schwer sie prü- 
fenden Gott. Noch einmal erschallte aus ihrem gepressten Herzen 
jener Scheideruf, womit der Jude sein theuerstes Erdenbesitz auf 
immer entlässt, womit er selbst von hinnen scheidet. Noch ein- 
mal schaarten sich die Schüler um ihre geliebten scheidenden Leh- 
rer, aus deren Munde sie das Wort des Herrn nicht mehr vernehmen 
sollten. Tage lang, so erzählt ein Zeitgenosse, verweilten sie, den 
Wanderslab in der Hand, auf den Gräbern ihrer Väter, rissen die 
Leichensteine aus und nahmen unter Jammer und Geschrei Ab- 
schied von den in Frieden und Seligkeit dort Ruhenden. 

0, weinet nicht um die Todten, weinet um die Wandernden, 
die nicht wieder zurückkehren und das Land ihrer Geburt sehen ! 

Als der Tag der Wanderung herankam , es war der National- 
trauertag seit uralten Zelten, waren alle Hauptstrassen des Landes 
mit den Exulanten bedeckt. Alt und jung. Arme und Reiche, 
Kranke und Hilflose, Männer ^ Frauen und Kinder eilten bunt 
unter einander, einige auf Pferden und Eseln, der grössteTheil zu 
Fuss , Jeder mit dem theuersten Gute , und war es auch nur der 
Leichenstein der geliebten Mutter bedeckt, Alle eilten den ver- 
schiedenen Häfen des Landes zu. 

600,000 Menschen waren forlgezogen, der Kern der spani- 
schen Industrie, die Rasis des Handels, die gelehrteste und ge- 
bildetste Classe der Bevölkerung. 

Eine im Verhältniss zu den Ausgetriebenen freilich geringe, 
immer aber noch bedeutende Anzahl Juden war zurückgeblieben. 
Viele von ihnen erlagen der mit unübertroffener Meisterschaft von 
den Spaniern getriebenen Kunst der Marter, Viele endeten auf den 
Scheiterhaufen der Inquisition, Viele wanderten ihren vorangegan- 
genen Brüdern nach , Einige von diesen , die emsigen Pfleger der 
castilianischen Muse, werden wir in der Folge näher kennen lernen. 

Zuvörderst bringen wir jedoch die abziehenden Juden an den 
Ort ihrer Bestimmung. 



Indem wir nun die spanischen Exulanten auf ihren Zügen und 
Wanderungen verfolgen , begleiten wir zuerst Diejenigen , welche 
nicht allein Spanien , sondern ganz Europa verliessen und ihren 
Weg nach den Ländern einschlugen , wo ihre Vorfahren , frei vom 
Joch einer herrschenden Kirche und des Glaubenszwangs , vor 
Jahrtausenden weilten, nämlich nach Asien, nach der Türkei. 



— 111 — 

Sie gedachten der Glanzperiode , welche ihnen unter mauri- 
schen Chnlifen beschieden war; sie halten sich in ihren Erwar- 
tungen und Hoffnungen nicht getäuscht. Daher bildete die Türkei 
auch einen Hauplsitz der spanischen Juden, und die Gründe, wes- 
halb sich Viele gerade hierher zurückzogen, liegen nicht sehr fern. 
Sie waren überzeugt , dass ihnen freie ReligionsUbung würde ge- 
stattet werden , da sich ausserdem eine Anzahl Griechen und An- 
hänger anderer Religionen im Reiche befanden. Sie hatten keinen 
Neid und Zwapg zu befürchten, da die Türken sich mit den ver- 
schiedensten Künsten und Handwerken beschäftigten. *'') Die 
türkische Politik erkannte auch den Nutzen, welchen die jüdische 
Bevölkerung der Industrie und dem Handel bringen würde. Soll 
doch Bajazet IL, der tapfere Eroberer von Constantinopel, im Tone 
der Verwunderung ausgerufen haben : »Ich begreife nicht, wie die 
katholischen Majestäten so unklug handeln können ! Sie hatten 
in ihren Ländern solche Diener, die Juden, und vertrieben sie«***). 

Spanische Geistliche, in der Fabrikation verdächtigender Ma- 
nuscripte gar nicht ungeschickt, benutzten die günstige Aufnahme, 
welche ihre Juden bei dem Gross-Sultan fanden und verfertigten 
eine Anfrage"') der spanischen Juden bei ihren Brüdern in Con- 
stantinopel , mit deren Inhalt wir unsere Leser bekannt machen 
wollen. 

Brief der Juden Spaniens an die Gonstantinopels. 

Geehrte Juden, Heil und Gnade I Wisset, dass uns der 
König von Spanien durch öffentlichen Befehl zu Christen machen, 
uns unser Vermögen und Leben nehmen will, unsere Synagogen 
zerstört und uns noch andere Plagen bereitet, welche uns ver- 
wirren, so dass wir nicht wissen, was wir thun sollen. Nach 
dem Gesetze Mosis (!) fragen wir Euch , was Ihr für recht haltet, 
und bitten , uns in aller Eile wissen zu lassen den Beschluss, 
welchen Ihr gefasst habt. 

Ghamorro, 
Haupt der Juden in Spanien. ♦) 

*) »Carla de los Judios de Espana ä los Judios 
de Con sta n tinopla. 

»Judios honrados , salud e gracia : Sepades quo el rey de Espana por 
»pregon publico nos hace volver cristianos y nos quiere quitar las haciendas 



112 

Hierauf mussten nun die Juden Constantinopels antworten : 

Geliebte Brüder in Moses! Euren Brief, in welchem Ihr 
uns das Elend und die Unglücksfälle, welche Ihr leidet, anzeiget, 
haben wir erhalten und wir fühlen den Schmerz darüber, wie 
Ihr selbst. Die Meinung der grossen Satrapen und Rabbis ist : 
betreff Eurer Aussage, dass der König von Spanien Euch zu 
Christen machen will , willigt ein , da Ihr nichts andres thun 
könnet. Betreff Eurer Aussage, dass man Euch Euer Vermögen 
nimmt, lasset Eure Kinder Kaufleute werden, dass sie ihnen das 
ihrige nehmen. In dem was Ihr sagt, dass sie Euch das Leben 
rauben, lasset Eure Söhne Aerzte und Apotheker w^erden, dann 
können sie ihnen das Leben nehmen. Was Eure Rede betrifft, 
dass sie Eure Synagogen zerstören, machet Eure Söhne zu Geist- 
lichen, dass sie entweihen und zerstören ihre Religion und ihre 
Tempel. Sie quälen Euch noch in anderer Weise — , sorget 
dafür, dass Eure Söhne in den Staatsdienst eintreten, dann 
könnet Ihr sie unterjochen und Euch an ihnen rächen. Gehet nicht 
ab von dem Rath, welchen wir Euch geben und Ihr werdet aus 
Erfahrung wahrnehmen, dass aus Verachteten Ihr Hochgeschätzte 

werdet. 

Usuff, 

Haupt der Juden Constantinopels. 



»y nos quita las vidas, y nos destruye nuestras sinagogas y nos hace otras 
«vejaciones, las cuales nos tienen confusos e incierlos de lo que debemos 
»hacer. Per la ley de Moysen es rogamos y suplicamos tengais per bien de 
»hacer ayuntanoiento 6 inviarnos con toda brevedad la deliberacion que en 
»ello habeis hecho. 

Channorro, 
principe de los Judios de Espana.« 

Wir halten es nicht für überflüssig , einige Worte zur Erklärung dieses 
mysteriösen »principe de los Judios« hinzuzufügen. Dass es ein lingirter Name 
mit injuriöser Bedeutung ist, sieht Jeder leicht ein. ChBmorro ist nach Pidal, 
(Cancionero de Baeua, 652) ein epitelo injurioso, mit welchem die Castiliaiier 
das portugiesische Volk zu bezeichnen pflegten. So heisst es in dem Supple- 
ment zur Chronik Heinrich HI. (Jahr 1397) in dem Berichte von einem Siege, 
welchen die castilianischen Truppen über die der Portugiesen erfochten: »Sie 
tödteten alle Chamorros (Portugiesen) und warfen sie in's Meer (e mataron 
a todos los Chamorros e echaron losen la mar;. Nach Nunes d« Leao 
(Chr. del Rey D. Juan II de Portugal) scheinen sich die Portugiesen selbst 



113 / 

Solche unter das Volk verbreitete AclenstUcke, welche sich 
dem berühmten Toledaner Judenbriefe und anderen so gern be- 
nutzten Juden-Eingaben an Werth und Aechtheit anreihen, waren 
ganz geeignet, den Hass der Menge gegen die Judaisirenden zu 
erregen. 

Unstreitig hatten die nach der Türkei und Levante ausgewan- 
derten Juden das beste Loos getroffen. In Ruhe und ohne Störung 
konnten die mit ihnen dorthin gelangten rabbinischen Grössen den 
talmudischen Studien nachhangen und Gemeinden wie Constan- 



unter einander diesen Titel gegeben zu haben. Im Castilianischen wird ausser- 
denn Jeder Chamorro genannt, der das Haupt kahl und kurz geschoren hat, 
und da im Mittelalter, besonders im ritterlichen Spanien, das lange Haar 
Zeichen des Adels war, und nur der niedre Stand , la gente plebeya, dieses 
natürlichen Schmuckes entbehrte, so wurde Chamorro gleichbedeutend mit 
«niedrig, schlecht, gemein«. Dem gelehrten Pidal scheint bei dieser auf 
geschichtlicher Basis beruhenden Erklärung dennoch der eigentliche Ursprung 
des Wortes .entgangen zu sein. Chamorro ist unserer Meinung nach nichts 
anderes als das chaldäische a-^tzh (vgl. die chaldäische üebersetzung des On- 
kilos zu 2. B. Mos. 13, 13), »Esel«, ein Wort, welches seinem Begriffe nach 
mit dem castil. Chamorro vollkommen übereinstimmt. Dass die spanische 
Sprachein nicht unbedeutender Anzahl Wörter besitzt, welche erst mit der 
Invasion der Araber Eingang gefunden haben und semitischen Ursprungs sind, 
ist längst bekannt und auch Chamorro dürfte hierzu gerechnet werden. 

»Respuesta de los Judios. 

»Amados hermanos en Moysen : Vuestra carta recebimos, en la cual nos 
»significais los Irabajos 6 infortunios que padeceis, de los cuales nos ha cabido 
»tanla parte como a vosotros. El parecer de los grandes satrapas y rabies es 
»el siguiente : A lo que decis que el rey de Espana os hace volver crtstianos, 
»que lo hagais, pues no podeis hacer otro. A lo que decis que os manda quitar 
»vuestras haciendas, haced vuestros hijos mercaderes para que les quiten 
»las suyas; y a lo que decis que os quitan la vida, haced vuestros hijos m6di- 
»cos 6 apotecarios para que les quiten las suyas; ya lo que decis que os 
»destruyen vuestras sinagogas, haced vuestros hijos clörigos para que les 
»profanen y destruyan su religion y templo. A lo que decis que os hacen otras 
»vejaciones, procurad que vuestros hijos entren en oficios de republica para 
»que sugetandola os podais vengar de ellos. Y no salgais de esta orden que 
»os damos, porque por esperiencla vereis que de abatidos vendreis a ser 
»tenidos en algo. 

Usuff, 
principe de los Judios de Constantinopla. « 
Kayserling, Sephardim. 8 



114 

tinopel, Adrianopel, Saloniki, Damaskus u. Ä. wurden Sammel- 
plälze jüdischer Gelehrten. 

Von den türkischen Niederlassungen aus wanderten viele spa- 
nische Emigranten nach ihrem Ursitze und suchten im Slammlande 
eine neue Heimalh. Viele zogen in das Land der »rührendsten Er- 
innerung«, in die »warme Zone religiöser Ueberzeugung«, um in 
heiliger Erde sich ein Grab zu bestellen. 

Aus den Häfen von Carthagena , S. Maria und Cadiz schiffte 
sich eine nicht unbedeutende Menge nach dem gegenüberliegenden 
Afrika ein. Tanger und Tituan boten den Ankömmlingen freund- 
liche Aufnahme, Algier und Constantine wiesen sie von ihren 
Thoren nicht ab. Noch lastete auf Oran nicht das spanische Joch 
und seine Juden bereiteten ihren aus Spanien verjagten Brüdern 
gastlichen Empfang. Der Arzt und Rabbiner R. Ephraim Aluncawi 
führte eine Gemeinde vertriebener Spanier nach Tlemesan. An- 
fangs verweigerten ihnen die Bewohner den Einlass, als aber die 
Tochter des Scheiks das Elend der Bittenden gewahrte, wurde das 
edle Frauenherz von Mitleid bewegt und ihrer Verwendung ver- 
dankten die Juden die Erlaubniss, sich dort niederlassen zu 
dürfen. 

Diejenigen, welche nach Fez ausgewandert waren, wurden 
von dem Strafgerichte des Hochgelobten betroffen , besonders von 
der schweren Hungersnoth. Die Einwohner erlaubten ihnen nicht 
den Zutritt in die Städte, aus Furcht vor einer Theurung der 
Lebensmittel. Auf dem freien Felde schlugen sie ihre Hütten auf, 
sie sättigten sich vom Grase, froh genug, wenn sie solches nur 
fanden. Am Sabbalh pflückten sie es mit dem Munde ab und 
trösteten sich damit, dass sie es nicht mit der Hand abgeflückt 
hätten. Viele starben auf dem Felde und Niemand begrub sie, den 
sie Ueberlebenden fehlte die Kraft , ihnen den letzten Liebesdienst 
zu erweisen. Nachdem die Hungersnoth vorüber war, räumte der 
damals regierende , menschenfreundliche König den Juden Wohn- 
sitze ein^*^), undauch Fez wurde ein Sammelplatz spanischer Ge- 
lehrten. Dort lebte und wirkte Jacob Berab, dort fanden die gelehr- 
ten Usiel eine neue Heimath. 

Die ganze Küste des mittelländischen Meeres, die Berberei bis 
nach Egypten hin, Egypten selbst wurden von den spanischen 
Exulanten bevölkert und noch heute trifft man in diesen Gegen- 
den kaum eine grössere Stadt , ohne auch ihre durch Religiosität 



115 

und strenges Festhalten an das Gesetz , so wie durch talmudische 
Gelehrsamkeit sieh auszeichnende Nachkommen zu finden. Viele 
von ihnen erlangten Berühmtheit in der Geschichte und wurden 
als Staatsdiener, als Consuln und Gesandte von ihren Fürsten 
verwandt. 

Auch China und Indien wurden auf dieser grossen Wande- 
rung jüdischen Volks nicht unberührt gelassen. 

Rühmen sich doch selbst die schwarzen Juden in Cochin spa- 
nischer Abkunft ! 

Ein Schiff voll jüdischer Auswanderer steuerte Griechenland 
zu. Von den im nördlichen Theile Spaniens wohnenden Juden 
begaben sich Viele nach Frankreich ; auf einige der dort Einge- 
wanderten werden wir später zurückkommen. 

Selbst nach dem eigentlichen Hauptsitze des Katholicismus, 
nach dem Orte, von dessen Capitol aus Edicte und Bullen so oft 
gegen sie geschleudert wurden, nach Italien, nach Rom flohen die 
Unglücklichen. 

Ihre Reise dorthin war eine schreckliche. Ein Gemälde des Un- 
glücks dieser Auswanderer ist durch einen Genueser Historiker *^'^), 
einen Augenzeugen, geliefert worden. Eine grosse Menge, die zar- 
ten Kinder insbesondere, starben vor Hunger. Mütter, denen kaum 
die Kraft blieb, ihre Säuglinge an ihr Herz zu drücken, trugen 
sie in ihren Armen und starben mit ihnen. Viele erlagen der Kälte, 
Viele dem Durst. In Genua angekommen^ wurden sie kaum in die 
Stadt gelassen und ihnen nur gewährt, von der beschwerlichen Reise 
auszuruhen. Man hätte sie für Gespenster gehalten : leichenblass 
war ihr Gesicht, tief gesunken ihr Auge; nur durch die Bewegung 
unterschieden sie sich von den Todten. 

Von Hunger und Durst verzehrt, krank und schwach, kamen 
sie endlich am Neumondstage des EIul , am 23. August 1492, in 
dem Hafen von Neapel an. Dort regierte damals der weise Ferdi- 
nand I. , »der fromme König« , wie ihn der jüdische Chronist be- 
zeichnet. Er freute sich , die unglücklichen Vertriebenen in seinen 
Staaten aufnehmen zu können; ganze Schaaren von Juden betraten 
das neapolitanische Gebiet. Was haben sie aber nicht ertragen 
müssen, nachdem ihrFuss schon einen Ruhepunkt gefunden hatte? 
Sie sanken hin, verdorrt wie das Gras des Feldes. Gross war das 
Sterben unter den eingewanderten Juden : 6 Monate nach ihrer 
Ankunft brach eine verheerende Pest in Neapel aus , welche nicht 

8» 



.^ 1J6 

allein den grössten Theil der Bevölkerung fortraffte , sondern auch 
bewirkte, dass die von der Krankheit und dem Würgengel verschont 
Gebliebenen mit der Verbannung bedrohet wurden. Nur die Men- 
schenfreundlichkeit des Königs hielt dieses neue Elend von ihnen ab. 

Nach dem Tode Ferdinand's (1494) hatten die Juden Neapels, 
trotz der Milde , womit sie von seinem Nachfolger behandelt wur- 
den, durch die Invasionen der Franzosen Entsetzliches zu leiden. 
Doch dieses gehört nicht in den Kreis unserer Betrachtung. 

Ob Mailand, Venedig und andere italienische Städte schon von 
den aus Spanien wie später von den aus Portugal verjagten Juden 
zu Wohnsitzen ausersehen worden, soll hier nicht erörtert werden. 
Sicher ist, dass die venetianische Republik die geflüchteten Ma- 
rannen 1497 verwiesen hat"^). 

Die freundlichste Aufnahme fanden die spanischen Juden in 
Rom. Der Sitz der Hierarchie hatte damals weltliche Macht er- 
strebt. Durch eine wunderbare Fügung der Gottheit öffnete sich 
den heimathlos Uerumirrenden ein neues Pförtchen, in einer Zeit, 
wo so viele Thore ihnen geschlossen blieben. 

Sixtus IV. war gestorben , Alexander VI. hatte am 11. August 
die Statthalterschaft des Himmels auf Erden übernommen. 

Alexander, der Vater des berüchtigten CesarBorgia, dieses Vir- 
tuosen des Verbrechens, hatte sein ganzes Leben hindurch nur ge- 
trachtet, die Weit zu geniessen, vergnügt zu leben, seine Gelüste, sei- 
nen Ehrgeiz zu befriedigen. In dem glückseligen Gefühle, endlich die 
oberste geistliche Würde errungen zu haben, schien er täglich jünger 
zu werden, so alt er auch war. Sein ganzes Sinnen und Denken 
war daraufgerichtet, wie er seine Söhne zuAemtern und Würden 
bringen^ was ihm Nutzen verschaffen könne ^*^). Was leistete wohl 
mehr Vorschub seine Zwecke zu erreichen, als die Aufnahme der 
mit Gold beladenen spanischen Juden ! Er erkannte den Werth des 
Geldes und die Handelserfahrungen Derjenigen, welche es brach- 
ten , und nicht vermochten die tausend Goldstücke , welche die 
einheimischen Juden Rom's dem heiligen Vater boten, ihre bitten- 
den Brüder von der Stadt abzuv^'eisen , seinen Entschluss zu än- 
dern. Bereitwillig wies er ihnen Quartiere an und die Unheil im 
Schilde führenden römischen Juden mussten 2000 Goldslücke er- 
legen, um selbst in dem alten Rom bleiben zu dürfen*^"). 

So bildeten sich in Neapel, Rom, Ancona, Mantua und Ferrara 
Gemeinden spanischer Juden. Unter Italiens lächelndem Himmel 



117 

erheiterte sich ihr Gemüth, fand ihr llandelsgeist neuen Boden und 
die Literatur durch sie eine neue Pflege. 

Wir verlassen einstweilen -Italien , um bald wieder dorthin 
zurückzukehren und wenden uns auf einige Augenblicke nach dem 
Nachbarlande Spaniens, nach Portugal. 

Die Politik dieses mit dem Reiche der Unduldsamkeit durch 
natürliche Lage eng verwandten Landes war eine ihm ähnliche. Wie 
konnte es anders sein , als dass auch die inneren und iiusseren 
Zustände der hier ansässigen Juden sich ziemlich gleich gestaltet 
hatten? 

Die Juden zeichneten sich auch in Portugal durch Fleiss und 
Thätigkeit vor den übrigen Bewohnern des Landes aus, sie halten 
sich auch hier durch ihren Handelsgeist grosse Reichthümer er- 
worben und Viele von ihnen Würden und Staatsämter erlangt. 
Auch hier lag das Finanzwesen und die medicinische Kunst fast 
ganz in ihren Händen.' Die in den Judarias eingeschlossenen, unter 
eigener Gerichtsbarkeit stehenden Juden nahmen somit immer eine 
nicht unbedeutende Stellung im Staate ein und erregten dadurch, 
wie in Spanien, den Neid des Volkes und den Hass der Geistlich- 
keit. Es ist daher nicht sehr überraschend, dass unter den An- 
klagen, welche der hohe Clerus gegen den mit der Kirche in Zwist 
und Uneinigkeit lebenden Sancho H. erhob, auch ein besondres 
Gewicht auf seine Begünstigung der Juden gelegt wurde. 

Der allgemeine Fanatismus, welcher von den 90er Jahren des 
14. Jahrhunderts an in Spanien loderte, diese Tauflust der spani- 
schen Geistlichkeit musste selbstverständlich die Grenze über- 
schreiten und auch Portugal mit Schrecken erfüllen. An Tumulten 
fehlte es auch hier nicht, i 449 erregten einzelne den Juden stark 
verschuldete Christen einen Aufruhr in Lissabon und tödteten viele 
ihrer lästigen Gläubiger. Das Gemetzel ward mit solcher Wuth 
getrieben, dass der König Affonso V. , welcher von Evora herbei- 
eile, nicht im Stande war, ihm Schranken zu setzen. 

Je mehr die Juden mit irdischen Gütern gesegnet waren , je 
mehr sie ihren Reichthum entfalteten , desto grösser wurde der 
Hass der Gesammtbevölkerung. Besonders waren es auch hier die 
Geistlichen, welche die Herrscher beständig angingen, die Frei- 
heiten der ungläubigen Juden zu beschränken und die wenigen 
zugestandenen Rechte ihnen wieder zu nehmen. Ein Mönch 
von Sanct Marcus machte dem König den Vorschlag, ihnen den 



118 

Handel zu entziehen und bemerkte in seiner Petition , dass dieses 
einRemedium sei, welches, als heilsam für den Staat, schon oft von 
der Majestät gefordert worden wäre. Es entspriesse dem Monarchen 
mehr Ehre und Vortheil daraus, meinte der mönchische Diplomat, 
seine eingeborenen Unterthanen reich zu machen, als wenn sich 
die Schätze in den Händen der Fremden befänden, die dem Lande 
doch wohl keinen Nutzen brächten. 

Gestattete es das uns gesteckte Ziel, die Geschichte der Juden 
in Portugal in allen ihren Einzelnheiten zu verfolgen, wir würden 
wahrnehmen, dass sie dieselben Phasen durchlaufen haben , wie 
in dem Nachbarlande. Immer dieselben Klagen über den Luxus, 
über ihre fürstlichen Wohnungen, dieselben Verläumdungen, die- 
selben aufrührerischen Reden! Es ist dem verarmten Adel ein 
Dorn im Auge , dass die Juden auf Pferden und reich behangenen 
Maulthieren als Reiter erscheinen und in prächtigen Gewändern 
sich zeigen, dass sie Herren sind, da sie doch eigentlich wie Knechte 
behandelt werden sollten ^^*). 

Joäo n. , der Nachfolger Affonso V., war den Juden nicht ab- 
geneigt, und auch bemüht, sie vor den Plagen des Volkes und den 
Bestrebungen derCortes in Schutz zu nehmen. Sie von dem Amte, 
die Steuern einzuziehen, auszuschliessen, konnten ihn die wieder- 
holten Bitten der Cortes nicht bewegen , er begnügte sich damit, 
ihnen alle sonstigen Staatsämter zu entziehen. 

Der ewig denkwürdige letzte Märztag des Jahres 1 492 bildet 
den Anfang einer neuen Epoche in der Geschichte der Juden Por- 
tugals. Viele der spanischen Juden , welche ihr Heil nicht im 
Weiten suchen wollten, richteten ihren Blick nach diesem schmalen 
Küstenstriche. Portugal lag ihnen ja so nah, ihrer Brüder und Ge- 
nossen gab es ja dort in grosser Menge ! 

Dreissig der edelsten Familien der spanischen Juden hatten 
gleich anfangs, als der Befehl vom 31. März publicirt worden war, 
den König Joao um die Erlaubniss gebeten, bei ihm Zuflucht suchen 
zu dürfen. Diese dreissig Familien, ihren alten Lehrer, den letzten 
Gaon von Castilien , R. Isaac Aboab an der Spitze , zogen mit kö- 
niglicher Bewilligung nach Porto , wo ihnen in einer besondern 
Strasse, S. Miguel-Strasse genannt, gegen eine bestimmte Summe 
von den Bürgern Wohnsitze eingeräumt werden mussten. Unter ihren 
mit P, dem Buchstaben der Stadt, decorirten Häusern ragte bald 
nach ihrer Ankunft eine Synagoge hervor*''^). 



119 

Ob diese dreissig vorangegangenen Familienväter auch die 
übrigen Genossen haben kommen lassen? Zu den vielen Fabeln, 
welche die Bosheit und Verläumdung über die Juden in allen Zei- 
ten ausgesprengt haben , gehört auch die von vielen Historikern 
berichtete Gesandtschaft der spanischen FlUchllinge nach Portugal, 
so wie die Antwort , welche die als Spione und Kundschafter ge- 
schilderten Deputirten Uberbracht haben sollen. Kommt nur! Das 
Land ist gut, das Volk dumm und das Wasser (der Seehandel) ge- 
hört uns. 

Sie kamen. Mit des Königs Erlaubniss betraten sie das Land, 
gegen den Willen des Volkes. In einer zu Gintra anberaumten 
geheimen Rathssitzung rechtfertigte der Monarch seine, der Menge 
missbeliebige Handlungsweise. Er erklärte ganz offen , dass die 
politischen, die finanziellen Verhältnisse ihn zu diesem Zuge der 
Menschlichkeit bewogen hätten und dass er beabsichtige, mit den 
von den Juden zu zahlenden Einzugsgeldern einen Krieg gegen 
Afrika zu unternehmen. Gaben auch einige Mitglieder des Rathes 
dem Könige ihren vollen Beifall zu erkennen, so erhoben doch an- 
dere, von Fanatismus und Judenhass inspirirte Herren heftige 
Gegenrede und legten ihrem Herrscher die Frage vor, ob denn Por- 
tugal im Glaubenseifer hinler Castilien zurückstehen dürfe? Joäo H. 
war jedoch nicht der Mann , welcher sich von einem einmal 
gefassten Entschlüsse so leicht abbringen liess und hundert- 
tausend der aus Spanien Verjagten überschritten die Grenzen seines 
Königreichs. 

Binnen acht Monaten sollten diese Flüchtlinge gegen eine Steuer 
von acht Crusaden eingeschifi't werden , wohin ihr Herz begehrte. 
Das hatte ihnen der König versprochen. Olivenca, Arronches, Ca- 
stello-Rodrigo, Braganca und Melgaco waren ihnen als Aufenthaltsorte 
angewiesen. Alle Arten von Beschimpfungen undGewaltthäligkeiten 
halten die, acht Monate geduldeten Juden von dem sie hassenden 
portugiesischen Volke zu ertragen. Ein Unglück kommt selten 
allein ! Die Volkswulh fand neuen Stoff. Eine Pest brach im Lande 
aus und raffte Tausende der Bevölkerung fort. Wie die nach Rom 
geflüchteten Juden die sonderbarer Weise im päpstlichen Palaste 
zuerst bemerkte Luslseuche^^^) — Papst Alexander und seine galan- 
ten Söhne, die Brüder Borgia sind zuerst davon befallen worden — 
sollten mitgebracht haben , so wurden auch die in Portugal Auf- 
enthalt Genommenen beschuldigt, die Pest im Lande verbreitet 



120 

zu haben. An allem Elend sollten die Juden Schuld haben. Mit 
Ungestüm verlangte die Menge ihre Entfernung, so dass den 
ewig Gehetzten und Verfolgten nichts anders übrig blieb , als in 
aller Hast auf die vor Anker liegenden Schiffe zu fliehen und noch 
vor der abgelaufenen Frist das Land zu verlassen. Von Tanger 
und Arzilla aus traten sie die unselige Reise nach Afrika an; nur 
Wenige betraten das Land , die Meisten wurden in der grauenhaf- 
testen Weise auf den Schiffen massacrirt und ins Meer geworfen. 
Andere, welche aus Furcht vor gleichem Schicksale abgehalten 
wurden, sich den Wogen anzuvertrauen, wurden als Sclaven ver- 
kauft. Die Söhne rissen die Unmenschen aus dem Schoosse der 
Eltern ; Joäo hatte kein Ohr für die um ihre Kinder fussfallig Bit- 
tenden und schickte die geraubten Jünglinge nach der kurz zuvor 
entdeckten S. Thomas-Insel. »Dort wurden sie zum Theil von den 
Lagartos , einer Eidechsen- oder Seefisch-Art, verzehrt, zum Theil 
starben sie aus Mangel an allen Erfordernissen des Lebens«*'^*). 

»DomAffonso, der älteste Sohn des Königs Joäo«, fährt die 
jüdische Chronik in der Erzählung fort, »heirathete die Tochter des 
spanischen Königs Ferdinand und liebte sie sehr. Als er aber an 
seinem Freudentage auf einem schnellfUssigen Rosse ritt, strafte ihn 
der Herr, Affonso stürzte zu Boden und starb am folgenden Tage, 
worauf ihn sein Vater beweinte. Nach einiger Zeit starb auch der 
König Joäo , da man ihn vergiftet hatte, ohne dass er einen Erben 
seines Reiches hinterliess, und es folgte ihm Manuel«, der Herzog 
von Beja , berühmt durch seine glanzvolle Regierung. Der neue 
Monarch, das Glied einer verfolgten Familie, hatte es in den Tagen 
seines eigenen Unglücks gelernt, menschlich zu fühlen. Mit einem 
Gnadenacte begann er seine Regierung : er befreite die von seinem 
Vorgänger zu Sclaven verkauften Juden und wurde für diesen Zug 
von Menschlichkeit mit einem reichen Geschenke belohnt. 

Aber auch Manuel's Gesinnung wurde durch eine Herzens-, 
oder genau genommen Staatsangelegenheit vom höchsten Interesse 
geändert. Manuel woljte die Tochter dfes katholischen Königpaars 
heimführen und trat dadurch in die engste Verbindung mit dem 
castilianischen Hofe. Diese auf Ländervereinigung und Machter- 
hebung berechnete Heirath bereitete den aach Portugal geflüchteten 
Juden eine schreckliche Feier. Die Königin Isabella hatte nämlich 
dem jungen Könige auf seine Bewerbung die Antwort ertheilt, dass 
er nicht früher daran denken könne, die Hand ihrer Tochter zu er- 



121 

halten, als bis er mit ihr in ein Bündniss gegen Frankreich trete und 
— alle Juden aus seinem Lande verjage. Gegen Ende 
des Oetoher 1 i96 schickte Manuel seinen ersten Minister D. Alvaro 
an den castilianischen Hof, um Unterhandlungen wegen Ausgleich 
der gestellten Bedingungen anzuknüpfen, denn zu der von ihm ge- 
forderten gänzlichen Vertreibung der Juden konnte er sich nicht so 
leicht entschliessen und doch wollte selbst Isabella, seine Braut, nicht 
früher seine Gemahlin vserden, bis das Edict der Verjagung publi- 
cirt worden wäre. Der König brachte auch die Angelegenheit vor 
seinen Rath. Hier waren die Meinungen getheilt. Sei esNationalhass 
gegen die spanische Nation , sei es die religiöse Duldsamkeit, 
welche den Sinn der Räthe lenkte, sei es wirklich die Ueberzeu- 
gung, dass durch eine solche That dem ganzen Staatskörper Ver- 
derben drohe, — die Majorität des Raths war gegen diesen ihnen 
zur Annahme vorgelegten Beschluss. Die Räthe wiesen darauf hin, 
dass viele andere katholische Nationen die Juden in ihren Staaten 
duldeten , dass der Papst selbst sie in seinem Gebiete aufgenom- 
men habe; sie machten den König aufmerksam, dass die Juden 
durch den Verkehr mit der christlichen Bevölkerung endlich wohl 
zum wahren Lichte könnten geführt werden ; sie gaben ihm zu 
bedenken , dass die Verstossenen von den maurischen Herrschern 
bereitwillig aufgenommen und die muselmännischen Feinde von 
dem Reichthurae und Speculationsgeist der Eingewanderten würden 
Nutzen ziehen und gefährlich werden. Alle Nachtheile, welche dem 
Staate aus dem Verluste so vieler gewerbthätiger Menschen erwach- 
sen konnten und mussten , sah der König sehr wohl ein und doch 
fühlte er die Kraft nicht in sich, sie zu verhüten. Sein Verhältniss 
zu Spanien war schon zu weit gediehen, der Gedanke, einst die 
ganze Halbinsel unter einem Scepter zu vereinen^ halte zu mächtig 
auf ihn gewirkt. 

Am 20. December 1 496 erliess Manuel in Muge, einem kleinen 
Orte in der Nähe Lissabon's , vorläufig das Edict, dass alle nicht 
getauften Juden und der Gonsequenz wegen auch alle Mauren 
innerhalb einer Frist von 10 Monaten das Land verlassen sollten. 
Wer von ihnen nach dieser Zeit noch auf portugiesischem Gebiete 
angetroffen würde, sollte mit Verlust des Vermögens bestraft wer- 
den. Der König machte sich auch anheischig, um zu zeigen, dass 
noch nicht alles menschliche Gefühl in ihm erstorben sei , ihnen 
selbst bei der Abreise behilflich zu sein ; er wollte sie hinbringen 



122 

lassen, wohin sie wünschten, wollte ihnen dienen, so viel er 
könnte, wollte ihnen die Reise erleichtern, so viel als möglich. 

Die Vertreibung der Juden aus Portugal basirt nicht auf Fana- 
tismus , wenngleich das Volk sich gegen sie erhob , nicht auf In- 
toleranz, wiewohl] die Geistlichkeit gegen sie wüthete, nicht auf 
einer falschen Politik, — die Cortes erklärten sich laut genug da- 
gegen — ; diese Vertreibung ist ein Verbrechen, wobei Manuel nur 
den Henker spielte : der spanischen Isabella und der ihr ähnlichen 
Tochter gebührt der Ruhm der Erklüglung. 

Ohne Schutz, ohne Vaterland, ohne Freunde mussten die 
Juden, eben angelangt, den Wanderstab wieder ergreifen. Der 
grösste Theil , von dem hehren Glauben beseelt, dass auch dieses 
Verhängniss göttlich Werk sei, ertrug mit Ergebung in den Willen 
des Höchsten das Schicksal, sie traten mit gen Himmel gerichtetem 
Rlicke dig Reise wieder an und wanderten. Anderen, welche aus 
Liebe zum Vaterlande so sehr gefesselt waren , dass sie zum Exil 
sich nicht enlschliessen konnten, blieb nichts anders übrig, als 
sich unter den Säulen der Kirchenkuppeln zu beugen. Ein alter 
Rath Joäo iL uöd Manuel's , D. Fernando Goutinho, Rischof von 
Silves (Algarve), welcher mit aller Kraft gegen die Vertreibung und 
mehr noch gegen die gezwungenen Taufen gekämpft hatte, wie- 
derholte damals den Ausspruch eines Isidor von Sevilla: »Sie — 
die zur Taufe genöthigten Juden — können wohl characterem sed 
non rem sacramenti habere. Alle Gelehrten und auch ich, weni- 
ger weise als Alle, haben aus mehreren Autoritäten und Rechts- 
sprüchen bewiesen, dass sie nicht gezwungen werden dürfen, den 
christlichen Glauben anzunehmen. Freiheit will und begehrt er, 
nicht aber Gewalt «*'^^). 

Wie wenig beherzigte der von Liebe geblendete Manuel den 
Rath seines ehrwürdigen Rischofs ! Er liess die Söhne und Töch- 
ter, welche das vierzehnte Jahr noch nicht überschritten hatten, 
den Eltern gewaltsam entreissen und schickte sie zur Erziehung in 
dem christlichen Glauben nach allen Städten, Flecken und Dörfern 
seiner Monarchie. Die Kunde von diesem in Estramoz beschlosse- 
nen und auf den heiligen Ostertag festgesetzten Kinderraub ver- 
breitete sich bald durch das ganze Land und erfüllte selbst die 
christliche Revölkerung mit Staunen und Schrecken. Hat die Ge- 
schichte wohl eine That grauenhafterer Art aufzuweisen? Die 
Klagen der Mütter, von deren Rrüsten die kleinen Kinder gerissen 



123 

wurden, die Seufzer und das Geschrei der Väter, das Schluchzen 
und Gew insel der auf fremden Armen gewaltsam fortgeschleppten 
Säuglinge verwandelten so das Königreich in ein Theater, auf wel- 
chem ein phantastisches, teuflisches Drama aufgeführt worden ist. 
Wer das Schluchzen und das Geschrei der Frauen nicht vernom- 
men hat, bemerkt die jüdische Chronik bei dieser Erzählung**^), hat 
nie in seinem Leben Jammer und Kummer und Unheil wahrgenom- 
men. Die zur Verzweiflung getriebenen, gleich Wahnsinnigen um- 
herirrenden Ellern leisteten Widerstand, und wie Löwinnen, denen 
ihre Jungen genommen werden, setzten die Frauen sich zur Wehr. 
Viele zogen vor, ihre geliebten Kinder mit eigener Hand zu tödlen ; 
sie erstickten sie und warfen sie in Brunnen oder Flüsse. Ich habe 
mit eigenen Augen gesehen , sagt der biedere Coutinho , wie ein 
Vater mit verhülltem Haupte in Zeichen der grössten Trauer und 
des Schmerzes seinen Sohn zum Taufbecken führte und sich nie- 
derwerfend, den Allgewaltigen zum Zeugen anrief, dass sie, Vater 
und Sohn , im mosaischen Gesetze , als Märtyrer fürs Judenthum 
sterben wollten. 0, er hat noch viel Schlimmeres gesehen! *^') 

Manuel wollte die Juden nicht von sich lassen. Alle seine 
Operationen zeigen deutlich , dass er sie im Lande behalten wollte 
und doch musste er sie vertreiben , denn die Geliebte seines Her- 
zens wollte es so. 

Schlecht hielt der Verbrecher aus blinder Liebe die gross- 
artigen, den abziehenden Juden gemachten Versprechen. Anfangs 
hatte er ihnen drei Häfen , Porto, Lissabon und Algarve zur Ein- 
schiffung angewiesen. Bald änderte er seinen Plan dahin , dass 
iille Juden sich nach Lissabon verfügen sollten. Gegen 20,000 kamen 
dort zusammen, und was nun geschah? Leset die Chroniken, leset 
die Geschichten ! Sie wurden in die tiefsten Kerker geworfen, 
man ergriff sie bei den Armen und an den Locken ihres Hauptes, 
schleppte sie in die Kirche *^^) und — »die Thaten, die dort voll- 
führt wurden«, ruft der wackere Herculano aus, »sind ein 
Schandfleck des Chrislenthums«*'^^). 

Nicht lange nach diesen Gräuelthaten wurde auch das Herz des 
dennoch nicht grausamen Königs von Gewissensbissen gequält. Er 
glaubte das von ihm ausgeführte Verbrechen dadurch bedecken zu 
können, dass er die mit Taufwasser gewaltsam besprengten Juden, 
welche auch hier wie in Spanien »Neue-Christen, Christaos-novos« 
genannt wurden , in Schutz nahm und ihnen gestattete, als abge- 



124 

schlossene Race, als Parias zu leben, wenn sie sich nur äusser- 
lich zum Christenthume bekennen wollten. Neu bekehrte Aerzle 
und Chirurgen durften nun auch \\ieder hebräische Bücher zu 
ihrer Belehrung in die Hand nehmen. 

Diese Gnade bot allerdings vielen A^erstellung hassenden Juden 
Gelegenheit zur Rettung. In den wenigen Jährender Ruhe bereiteten 
sie sich vor, dem letzten Ruin zu entgehen. Heimlich verwertheten 
sie ihr Vermögen und gingen nach Italien , dem Orient und Flan- 
dern; veo sie religiöse Duldung und ein Asyl zu finden hofften, 
dorthin trug sie ihr matter Fuss. 

Diese Gnade bahnte aber auch denWeg zur Einführungdes Glau- 
bensgerichts in Portugal. Es gab bald keine eigentliche Juden mehr 
im Lande und doch war die Zahl derer, welche nach jüdischem Ge- 
setze lebten, mit einem Worte ihrer lautern, innern Ueberzeugung 
und ihrer äussern Handlungsweise nach dem Judenthume, ihrer 
Mutterreligion, angehörten, unendlich gross. Zwanzig Jahre wollte 
man diesen durch die Noth und Gewalt zu Betrügern gewordenen, 
grundehrlichen Menschen ein Leben im Judenthume nachsehen, 
ohne sie zu beunruhigen ; zwanzig Jahre sollte keine Untersuchung 
über ihren Glauben stattfinden : ein Toleranz-Edict auf zwanzig 
Jahre war proclamirt worden. Kaum dass dieser königliche Wille 
in Kraft trat! Auch diese Verheissung wurde nicht erfüllt. 

Eins der denk- und merkwürdigsten Jahrhunderte, eins der 
gewichtigsten , thatenreichsten der Weltgeschichte hatte seinen 
Lauf beendet. In dem ersten Jahre des neuen, die Epoche des 
finstern Mittelalters schliessenden Jahrhunderts, wandten sich die 
Neuen-Christen mit Beschwerden nach Rom. Predigende Mönche, 
wie gewöhnlich Dominicaner, hatten das Volk wieder belehrt. Es 
gährte im Volke, bis sich endlich der schwarze Krater öffnete und 
allenthalben Verderben und Jammer anrichtete. Die Zeichen zu 
einem neuen Ausbruche der Volkswulh kündigten sich an. Am 
25. Mai 1504, es war am Pfingsttage, hatte eine Schaar frommer 
Burschen ihren sie weihenden Priester an der Spitze, das Signal 
gegeben, die Neuen-Christen zu überfallen. Viele von ihnen wurden 
niedergemetzelt. Die Gerechtigkeit des Königs schickte vierzig der 
fünfzehnjährigen Rädelsführer zum Lohne nach der Thomas-Insel. 

Das war nur der Vorläufer zu einem noch grösseren Er- 
eignisse. Der Hass gegen die geheimen Juden schlummerte nicht 
und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, sich in seiner 



125 

vollen Wuth zeigen zu können. Diesesmal kam die Natur und ihre 
Erzeugnisse ihnen zu Statten. 

Eine Pest brach im Anfange des Jahres 4 506 in der Haupt- 
stadt wieder aus. Der König verliess aus Furcht, von dem Würg- 
engel ergriffen zu werden, eiligst Lissabon und suchte sich in nahe 
gelegenen Städten zu bergen. Nirgends sicher, tiberschritt er 
den Tajo und nahm seinen Sitz in Beja , vertauschte aber auch 
diesen Aufenthalt bald mit Setubal. Allenthalben wülhete die 
Seuche. Sie trat so verheerend auf, dass bis zum April fast täg- 
lich 130 Menschen fortgeralTt wurden Oeffentliche Gebete wurden 
in allen Kirchen angestellt, in grossen Processionen durchzogen die 
Geistlichen die Städte und recitirten Klagelieder und Psalmen ; 
das Sterben hörte nicht auf. Da verfiel man endlich auf den un- 
glückseligen , durch Wunder gereiften Gedanken, den alten Juden 
die Schuld beizumessen , als ob der Wandel der Neuen-Christen 
dieses göttliche Strafgericht herbeigeführt habe. Hatte es ja einer 
der Secte in seiner Unschuld gewagt, vor der versammelten Menge 
seinen Unglauben offen zu erklären. Ein Tumult, ja eine Volks- 
Revolution Hess nicht lange auf sich warten. Der elende Ketzer 
wurde wie von wilden Thieren zerrissen und als letzte Oelung auf 
den Scheiterhaufen geschleppt. Ganz Lissabon war in Bewegung. 
Ein Mönch führte die Menge zum Gemetzel an. Zwei andere 
Klosterbrüder, der eine das Kreuz , der andere ein leuchtendes 
Crucifix in der Hand, Hessen den Ruf : Haeresie ! Haeresie! erschal- 
len. Die wildesten Tiger hätten den Ausbruch ihrer Wildheit nicht 
mehr zeigen können, als die Lissaboner Bürger, zu denen sich die 
Matrosen der in dem Hafen liegenden Schiffe schnell gesellten, und 
ein langes Drama der Anarchie wurde aufgeführt ^^•'). 

Sobald die beiden Mönche — auch ihre Namen *^*) seien der 
Nachwelt überliefert, Joao Mocho , ein geborener Portugiese, und 
Bernardo, aus Aragon — mit ihrem Grauen erregenden Schlacht- 
ruf das Signal gegeben hatten , begann auch das furchtbare Ge- 
metzel. Dreihundert Neue-Christen wurden am ersten Tasre ee- 
tödtet. Die Gannibalen bedurften nicht der Ruhe der einbre- 
chenden Nacht, nicht der Erholung. Mit gesteigerter Wuth wurde 
das Massacriren fortgesetzt , auch alte Christen fielen unter dem 
Mordschwerte : über lausend Menschen wurden in den ersten 
24 Stunden niedergemacht. Selbst die Tempel , die Heiligthümer 
boten keinen Schutz, vom Allare nahm man die Flüchtigen, mit 



126 

den Bildern der Heiligen bedeckt , wurden sie getödtet , Mädchen 
und Frauen aus den Kirchen getrieben , dienten den Priestern zur 
Lust. Viertausend Menschen wurden in drei Tagen geopfert *^^) . 

Der von den jüdischen Chronisten bald als Unmensch , bald 
als frommer König bezeichnete Manuel Hess dieses von fanatischen 
Mönchen angerichtete Blutbad nicht ungestraft. Die Meisten und 
Angesehensten der Unruhestifter wurden eingezogen , 46 oder 47 
enthauptet ; die beiden Dominicaner wurden nach Setubal, wo der 
König sich noch befand, *^^) geschleppt, von da nach Evora trans- 
portirt, erdrosselt und verbrannt. Ihre anderen Brüder und Ge- 
nossen Hess der König aus den Klöstern jagen und ein Gesetz vom 
22. Mai 1506 nahm der königlichen Stadt Lissabon einen Theil 
ihrer alten Privilegien*^*). 

Eine tiefe Stille folgte diesem Volkssturme. Die Neuen-Christen 
wurden wieder in jeder Weise geschützt, sie gingen und kamen, 
trieben Handel zu Wasser und zu Land und gelangten zu neuem 
Vermögen, zu neuen Hoffnungen für die Zukunft. Ihre Schutz- 
briefe wurden auf 10 Jahre prolongirt und die Zeit bis zum Tode 
Manuel's kann als eine Epoche des Friedens für die geheimen Juden 
angesehen werden. Sie selbst trugen nicht wenig zu der Ruhe bei : 
sie suchten ihre Feinde durch ihr äusseres Leben zu entwaffnen, 
sie benahmen sich wie gute Katholiken und hielten äusserlich 
streng alle Gesetze des Cultus, sie weihten ihre Kinder der Kirche 
und schickten sie in die Klöster. 

Trotz Allem regte sich immer wieder der Hass der vom Kö- 
nige schwer gekränkten Geistlichkeit. Sie konnte die 1506 erfah- 
rene Erniedrigung nicht vergessen und nicht gleichgültig ansehen, 
dass die Juden in Ruhe lebten. Beständig erhoben sie Anklagen und 
forderten die Regierung zur Strenge auf, aber Manuel unternahm 
nichts gegen sie. Eine Stille herrschte in Portugal, gleich der, die 
dem Sturme vorangeht. Manuel starb im December 1521, die 
Blüthezeit der portugiesischen Monarchie war zu Ende und der 
Sturm war im Anzüge. 

Der älteste Sohn Manuel's, Joao III., folgte ihm auf den 
Thron, noch nicht älter als 20 Jahre. Ohne alle natürliche Anlagen, 
— er konnte kaum die ersten Rudimente der Wissenschaften fas- 
sen — hatten schändliche Leute in seinem zarten Alter auf seinen 
ohnehin schwachen Geist gewirkt. Joäo war schwach , dumm 
und einfältig, so recht ein Mann für das geistliche Regiment. Die 



127 

kirchlichen Fragen traten unter seiner Regierung immer mehr in 
den Vordergrund. Den sehnlichsten Wunsch, welcher ihn seit seiner 
Kindheit quälte, führte er bald nach dem Regierungsantritte aus — 
er baute ein grosses , prächtiges Dominicaner-Kloster. Joao , ein 
Fanatiker, ein geistloser Schwärmer, ein Monarch im geistlichen 
Gewände, von den Klosterbrüdern ganz und gar beherrscht, hatte 
mit der Muttermilch einen, unglaublichen Hass gegen die Neuen- 
Christen eingesogen. Es war ihm ja oft genug vorgepredigt wor- 
den , dass es Juden wären , welche sich nur zum Scheine , ja zum 
Spotte Christen genannt hätten! Vielleicht hatte man es ihm auch 
beigebracht, dass diese vom heiligen Glauben Abirrenden nie zur 
reinen , wahren Seligkeit würden geleitet werden , weil sie hart- 
näckig in ihrer jüdischen Treulosigkeit verharren würden. Daher 
fasste der König den Plan, sie gänzlich auszurotten und traf An- 
stalten, die Inquisition ins Land zu holen. Nur auf zwei Jahre 
wurden die den Neuen- Christen Schutz gewährenden Privilegien 
erneuert. Es war dieses der letzte Gnadenact, welchen Viele be- 
nutzten, noch vor dem Sturme in fremden Ländern bei ihren vor- 
angezogenen Brüdern einen Schlupfwinkel zu suchen. 

Mag es immerhin der grosse Eifer für den Glauben sein, wel- 
cher Joao IIL anspornte, durch Einführung der Inquisition den- 
selben zu heben und in seiner Reinheit zu erhalten, eine Neben- 
absicht niedrigster Art kommt noch hinzu. Nicht allein der Hass 
gegen die Marannen , nicht allein die nähere Verbindung, in wel- 
cher auch er durch die Heirath einer spanischen Prinzessin zu dem 
Lande trat, in dem die Scheiterhaufen nicht erloschen , waren die 
Motive, Inquisitoren zu bestellen; auch die Innern politischen Ver- 
hältnisse nölhigten ihn, die Juden, oder wie man sie sonst nennen 
will, zu bedrücken, zu plündern , zu verbrennen. Auch Joao be- 
durfte, trotz der ihm von fremden Ländern zufliessenden Schätze, 
ihres Geldes , wie ihrer Zeit die spanischen Majestäten darauf an- 
gewiesen waren. 

Betrachten wir die Innern Zustände Portugals kurz vor der 
Berufung des ersten Martermeisters , so erhalten wir ein Bild der 
grössten Verkommenheit. Missbräuche der Justiz überboten si^ch 
in allen Instanzen; die Laster herrschten in allen Classen der Be- 
völkerung, Raub und Mord war nichts Seltenes. Der AckeVbau lag 
darnieder; die Leichtigkeit, Schätze in entfernten Gegenden anzu- 
häufen , entzog den Gewerben die nützlichsten Hände. Eine un- 



128 

übersehbare Menge Parasiten und Schlemmer an dem Hofe und in 
den Klöstern verzehrten das Vermögen des Staates. In dem Rathe 
des Königs sassen unmündige, unwissende Menschen, der König 
selbst war, wie wir gesehen, schwach, beschränkt, das Werk- 
zeug und der Spielball der Pfaffen : in ihren Händen allein lag das 
Staatsheil. 

Um diese betrübenden Zustände zu heben und die Lage des 
Landes zu verbessern , richteten sie ihren Blick auf die Neuen- 
Christen. Dass sie als Juden lebten und in ihrem Besitze der 
Reichthum sich befände, war ja allgemein bekannt, seit Jahren 
erwiesen ! Man wiegelte das Volk auf und entflammte den alten 
Haas gegen die jüdische Race; das Volk sollte um Vernichtung des 
jüdischen Geschlechts bitten, der Einwilligung des Königs war man 
gewiss. 

Bedurfte es doch nur eines kleinen Funkens , um die leicht- 
gläubigen, von den Priestern gegängelten Portugiesen gegen die Juden 
zu hetzen ! 

Die geistlichen Herren sprengten aus, dass ein Arzt aus Gampo- 
Mayor , welcher als Maranne von der Inquisition in LIerena ver- 
brannt wurde, auf der Folter bekannt habe, dass viele Personen 
seines Wohnortes durch Gift von ihm aus der Welt geschafl"t wären. 
Dieses Bekenntniss des jüdischen Arztes musste natürlich das por- 
tugiesische Volk auf Sicherheil denken lassen, denn alle seine 
Aerzte und Apotheker gehörten dem jüdischen Geschlechte an, und 
so reichte die Menge beim Könige die Petition ein , das Land von 
den Missethätern zu säubern, ein strenges Gericht gegen die Neuen- 
Christen einzusetzen. Bischöfe und andere Prälaten, Individuen, 
welche, wie Herculano meint, von sich sagten, dass sie Gott fürch- 
teten, Prediger und Beichtväter, alle Freunde der giftigen Intoleranz 
unterstützten und begutachteten die Gesuche des rachsüchtigen Vol- 
kes. Man legte den Neuen-Christen, deren frommes Betragen noch 
wenige Jahre früher höchsten Ortes gelobt wurde, zur Last dass sie 
an Sonn- und Festtagen die Kirche nicht besuchten , dass sie ihre 
Todten nicht in Klöstern und Capellen beisetzten , sondern tief in 
jungfräuliche Erde verscharrten, dass sterbend sie nicht nach den 
Sacramenten verlangten , dass sie in ihrem letzten Willen nicht 
Messen für ihr Seelenheil bestimmten und bezahlten, dass sie 
Sabbath und Passah feierten, dass sie nicht zur Beichte kämen, 
dass sie nur gegen ihre Glaubensgenossen Liebe zeigten, dass sie 



129 

sich ausserhalb der Kirche verheiratheten und bei der Taufe nicht 
nach Vorschrift verfuhren. 

Nichts wahrer als diese Anklagen I Und wie viele Punkte 
hätten noch hinzugefügt werden können ? 

Die Intoleranz feierte wieder ein Fest, die Inquisition war mit 
Gewissheit zu erwarten. 

Ein elender Jude war gottlos genug, die ersten Opfer für das 
neue Glaubensgericht auszuspähen. Henriquez Nunes ist der Name 
dieses Auswurfs der Menschheit, welcher seines wahren oder fal- 
schen Eifers wegen von dem Könige Joao , an dessen Hof er sich 
zuweilen aufhielt, mit dem Beinamen »Firma-Fe«, der Glaubens- 
feste, belegt wurde. Er bildet ein würdiges Glied in der Kette der 
Verfolger judischen Volkes, welche aus diesem selbst hervorgegan- 
gen sind. Henriquez Nunes wurde in Borba geboren , er begab 
sich später nach Castilien, wo er den neuen Glauben annahm und 
erhielt in der Schule des Inquisitors Lucero seine Ausbildung. 

Lucero war der blutigste Charakter, der grausamste Gross- 
Inquisitor Spaniens. Fast scheint es, als ob er Torquemada an 
"Wildheit hätte übertreffen wollen. Nach dem Tode dieses Robes- 
pierre der Kirche, wie wir ihn genannt haben, halte Deza das 
Henkeramt übernommen. An Verordnungen gegen das jüdische 
Geschlecht hat auch er es nicht fehlen lassen ; wo die Inquisition 
sich noch nicht befand, wurde ihr durch ihn Eingang verschafft. 

Ximenez de Cisneros , der Hohepriester von Toledo , dessen 
Moral sich der heuchlerischen Politik Isabella's ebenbürtig bewiess, 
der Mann von edler Abkunft mit der jüdischen Nase und seinen 
tief liegenden schwarzen Augen , folgte Deza in der Würde des 
Gross-Inquisitors. Von ihm wird nachher noch die Rede sein. 

Mit ihm zu gleicher Zeit wirkte Lucero, der»Tenebrero«, wie 
Pedro Martyr ihn nennt, als erster Gross-Inquisitor in Cordova. 
Sein Hass gegen seine früheren Glaubensgenossen — auch er war 
jüdischer Abkunft — war so gross, dass er keinen anderen Ruf 
kannte, als: »Damele Judio«, gebt mir Juden, ich will sie ver- 
brennen. In Jedem erblickte er einen Ketzer, einen Juden. Ritter, 
edle Damen, Mönche und Nonnen, die geachtetsten Personen aller 
Glassen waren von ihm als Brandopfer ausersehen worden ; er 
Hess eine so grosse Menge festnehmen, dass Cordova auf dem 
Punkte stand , sich zu erheben und Lucero seine Stelle niederzu- 
legen gezwungen war. »Er und de la Fuente haben alle Provinzen 

KayserÜDg, SepbBrdim. 9 



130 

entehrt, sie erkannten weder Gott noch die Justiz, sie lödteten, 
l)eraublen und misshandellen die Mädchen und die Frauen zur 
Schande und zum grossen Aergerniss der Religion« ^^^). 

Dieser Lucero, dessen Grausamkeit in Rom sprüchwörtlich 
geworden war, ist der Meister des Henriquez Nunes. 

Der elende Täufling nistete sich in den Häusern jüdischer 
Familien ein, betrug sich als ihr Rruder, als ihr Glaubens- 
genosse und that Alles mit ihnen vereint, um die geheimen An- 
sichten seiner ehemaligen RrUder recht genau erforschen zu kön- 
nen. Sobald er das Innerste ihres Herzens und die geheimen 
Verstecke der Juden in Lissabon, Santarem und anderen Städten 
durchwühlt und ausspionirt hatte, begab er sich nach Evora, wo- 
selbst der Hof sich zur Zeit aufhielt, und von da nach Olivenca. 
Hier gingen den betrogenen Juden endlich die Augen auf: sie 
merkten, dass Nunes ein Spion und Verräther sei und suchten um 
jeden Preis seiner habhaft zu werden. Auf dem Wege nach Ba- 
dajoz erreichten sie ihn. Nunes wurde in Valverde, wenige Stun- 
den von dem genannten Bischofssitze, erdolcht und erhielt so seinen 
wohlverdienten Lohn, 

Der Tod des Verrüthers erregte im Lande grosses Aufsehen 
und diente den mitleidigen Mönchen zum Vorwand, neue Ränke 
gegen die Neuen- Christen , als die Mörder eines so säubern Ge- 
nossen, zu schmieden. Henriquez Nunes wurde heiliggesprochen; 
Wunder über Wunder wurden an seinem Leichname wahrgenom- 
men, die Stelle, auf welcher erlag, heilte alle fieberhaften Krank- 
heiten und Buchstaben prophetischen Inhalts zeigten sich auf sei- 
nem Grabe. 

Henriquez Nunes hat das fluchwürdige Verdienst, als einer 
der Gründer der portugiesischen Inquisition genannt zu werden. 
Die drei Briefe, welche er an den König Joäo III. richtete, bildeten 
die Grundacte, die Basis des Gerichts. Wie er in dem einen Brief 
die Gründe auseinandersetzte , welche die Vernichtung des jüdi- 
schen Volkes erheischten , so überreichte er in dem zweiten eine 
grosse Liste aller von ihm als Juden erspähten Personen und rech- 
nete in dem dritten Handschreiben die Zeichen auf, au welchen 
der versteckte Judaismus leicht zu erkennen sei. 

Ein in Santarem 1531 verspürtes Erdbeben feierte den Be- 
schluss der Einführung des Höllentribunals. 

Noch einmal erhob sich der greise Coutinho gegen die Orgien 



131 

des Fanatismus , noch einmal machte er all' sein Ansehn geltend, 
die Juden zu schützen und sie vom Feuertode zu retten — seine 
Worte verhallten, er wusch , wie er ausrief, seine Hände in Un- 
schuld. Der portugiesische Gesandte am apostolischen Stuhle, 
Bras Neto, hatte bereits die Befehle seines Herrn erhalten, schleu- 
nigst eine päpstliche Bulle zu senden, damit das Gericht seine 
Wirksamkeit eröffnen könne. 

Wer hätte geahnt, dass Rom nicht dem Eifer des katholi- 
schen Königs Beifall ertheilen würde? Cardinal Pucci, der ein- 
flussreichste Mann der Curie, erklärte Bras Neto rund heraus, dass 
auch sein König aus denselben Gründen wie die spanische Isabella 
die Inquisition wünsche: er strebe nur nach den Reichthümern 
der Juden. Möge er ihnen , meinte Pucci, statt sie zu verbrennen, 
lieber erlauhen , frei und ungehindert nach ihren Gesetzen zu 
leben und nur die bestrafen , welche von dem Katholicismus sich 
dem jüdischen Glauben zuwenden, das Land würde alsdann glück- 
lich sein. Eisern und hartnäckig zeigte sich der Cardinal gegen 
alle Vorstellungen des Gesandten ; solcher Widerstand eines Car- 
dinais war dem frommen Portugiesen unerklärlich. Erst später 
erfuhr er die Gründe dieser ketzerischen Unbeugsamkeit : Cardinal 
Pucci hatte einen jüdischen Freund, der ihn in diesen Unterhand- 
lungen zu leiten schien. Es lebte nämlich damals in Rom Diego 
Peres, ein portugiesischer Jude, welcher nach der Türkei und von 
da nach Rom geflohen war. Er genoss grosses Ansehen , stand im 
Rufe der Heiligkeit unter seinen Glaubensbrüdern, weil er ihnen 
das Gesetz zu erklären pflegte und unterhielt Freundschaft mit 
dem Papste und seinem einflussreichen Cardinal, so dass dieser 
auch nicht die Hand bieten woUte, die Glaubensgenossen des Freun- 
des zu bedrücken. Zum Unglück für die Juden starb Pucci wenige 
Wochen, nachdem Bras Neto mit der abschläglichen Antwort 
beschieden war. 

Der Nachfolger und Neffe des judenfreundlichen Cardinais 
theilte nicht seine Meinung und der portugiesische Gesandte sah 
sich dem Ziele seiner Wünsche einen Schritt näher. Am i 7. De- 
cember 1531 wurde durch einen päpstlichen Erlass Diego de Silva 
zum Gross-Inquisitor für Portugal ernannt. 

Vor den mit Thränen gelullten Augen der Juden erhob sich 
das Gericht wie ein furchtbares Gespenst. Sie sahen keine andere 
Erlösung von ihren Leiden als den Tod, denn selbst die Flucht 

9* 



132 

war ihnen durch königlichen Erlass verboten. Einige versuchten 
zwar dem Lande zu entkommen und überschritten glücklich die 
Grenze; andere wurden aufgehalten und zurückgetrieben. Der 
Gedanke , Gott will es so , war ihr Trost. Wahrlich , Staunen er- 
regt ihre so erhabene Natur, durch Leiden haben sie dieselbe er- 
rungen, die Ergebung in den göttlichen Willen ist ihnen gleichsam 
anerzogen. 

Noch einen Versuch machten die an den Rand des Unglücks 
geführten Juden Portugals, die Kraft der Inquisition zu lähmen, sie 
appellirten nochmals an die römische Curie und erwarteten Hilfe 
vom Papste. Ein schlauer und verschmitzter Mann wurde mit der 
Mission betraut, Duarte de Paz wurde als Vertreter der Neuen- 
Christen nach Rom geschickt. 

Wir wünschten wohl die Entwicklung der am päpstlichen 
Hofe Jahre lang dauernden Verhandlungen in ihrer ganzen Bedeu- 
tung und Ausführlichkeit darstellen zu können. Hier müssen wir 
uns auf einige wenige Punkte beschränken. 

Duarte de Paz spielte lange Zeit eine falsche Rolle und wurde 
endlich zum Verräther der heiligen Sache, Diego Antonio übernahm 
nach ihm die Anwaltschaft und wurde durch Diego Fernandez Nelo, 
einen Mann des grössten Vertrauens, unterstützt. Diego Mendes, 
ein sehr reicher Jude , verwandle sich von Flandern aus für die 
portugiesischen Glaubensgenossen. 

Zu diesen die Interessen der Juden vertretenden Personen 
gesellte sich der Cardinal Ghinucci , welchem vom Papst die Lei- 
tung der Verhandlung übergeben worden war. Ghinucci liess es 
sich angelegen sein , die Neuen-Christen gegen Joao und die por- 
tugiesischen Diplomaten in Schutz zu nehmen und suchte durch 
eine eigens verfasste Denkschrift auch den Papst für sie geneigt zu 
stimmen. Ob die beredte Sprache des Cardinais diesen Zweck 
erreichte, oder ob die Verpflichtung, zu welcher sich die portugie- 
sischen Juden und ihre Vertreter Thomas Serräo und Manuel Men- 
des verstanden, dem Papst 30,000 Ducaten zu zahlen, ihn für ihre 
Sache gewonnen hat — gleichviel, Paul III. hintertrieb noch einige 
Jahre die Wirksamkeit der Inquisition und bewilligte, gleich sei- 
nem Vorgänger Clemens VII. , allen portugiesischen Juden allge- 
meine Amnestie. Dadurch breitete sich trotz des Tribunals, 
welches 1535 seine Thäligkeit eröffnete, das jüdische Volk auf por- 



133 

tugiesischem Boden immer mehr aus und die Juden weilten noch 
lange im Lande. 

Die Pinlos, die Mendes, die Frances , die Aboabs, die Perrey- 
ras und viele andere berühmte Familien werden wir als aus die- 
sem Lande kommend, in der Folge begrUssen, denn auch ihr Loos 
war die Wanderschaft. 



Ein ganzes Volk war auseinander gerissen und in alle Welt- 
gegenden geschleudert worden. Und doch hielten die aus Spanien 
und Portugal verjagten Juden noch mehrere Jahrhunderte hindurch 
aufs engste zusammen und nennen sich noch heute die spanisch- 
portugiesischen Juden. 

Was war und ist denn dieses allgemeine Bindemittel, welches 
sie als besonderes Geschlecht noch immer vereint? W^as die Seele 
dieses für sich bestehenden, in sich fortlebenden Körpers? 

Vor Allem ihre Sprache, die Literatur ihrer ehemaligen Heimalh. 
Obwohl vertrieben und in anderen Gegenden schweifend, hielten 
sie doch noch an der Sprache des Heimathlandes fest und pfleg- 
ten in aller Herren Ländern die spanische Literatur. In der 
Türkei und Italien , in Fez und den Raubstaaten , in Holland und 
Frankreich, in Hamburg und auf Jamaica hatten sie die Liebe zu 
der alt-spanischen Sprache, die Verehrung vor der von ihnen ge- 
förderten Literatur bewahrt; allenthalben brach das Idiom ihres 
einstigen Wohnsitzes durch. In der Sprache concentrirte sich ihre 
Selbstständigkeit, ihre Abgeschlossenheit, durch sie wurde die 
Liebe zu dem alten Valerlande immer wieder wach und empfing 
stets neuen Stoff. 

Was ist aber der Grund dieser ihrer Anhänglichkeit an Spa- 
nien, an seine Sprache, an seine Literatur, an seine Poesie? War- 
um Hess die so unbarmherzig gequälte, gehetzte, verjagte und 
gemarterte Menschenrace nicht die Leier zu den Liedern anderer 
Sprachen ertönen? Warum warfen sie nicht Alles von sich, was 
noch an Spanien und seine Gewohnheiten, seine Sitten erinnerte? 
Warum ertödteten sie nicht die Idee in sich, dass sie diesem ihnen 
so feindseligen Lande je angehört hatten? 

Es liegt einmal in der Natur des Menschen , dass er immer, 
auch vertrieben , auf die Gegenden gern seine Gedanken heftet, 



134 

welche ihm und den Seinigen einst Leben, Freude und Trauer bo- 
ten. Fraget den Polen, der aus seinem Lande vertrieben, fern von 
ihm weilet, ob er sein Vaterland, das ihm entrissene Land, liebt, 
ihr werdet Thränen statt einer Antwort erhalten. Achtzehn hun- 
dert Jahre sind verstrichen, seitdem die Römer Jerusalem zerstör- 
ten und die Juden in das Exil sandten ; achtzehn hundert Jahre 
weilet der Jude jetzt schon fern von seinem gelobten Lande in 
allen Erdtheilen und noch ist die Liebe zu seinem Palästina nicht 
erstorben und die Anhänglichkeit an seine heilige Sprache nicht 
erloschen. Diese Liebe zu dem gelobten Lande wird nie aufhören, 
so lange noch der Name Jude existirt ; Palästina und die Gottes- 
Sprache , in welcher der Jude der ganzen Welt seine Klagen und 
Wehmuth ausdrückenden Gebete verrichtet, sind wesentliche Be- 
standtheile seiner Religion, gehören zu seinen Glaubensartikeln, 
wenn überhaupt das Judenlhum Artikel des Glaubens, Dogmata 
hat. Wie der Jude , der sein ganzes Leben hindurch nichts vom 
Judenthume, seinem eigentlichen Begriffe nach, in sich aufgenom- 
men und nichts von all' den Denkmalen bewahrt hat, die ihm den 
Namen Jude verleihen, sterbend noch den alten Einheitsruf stam- 
melt, so findet der alle, gläubige Sohn Palästina's in der letzten 
Stunde keinen seligem Trost, als den Gedanken, auf der Scholle 
Erde seines Landes, seines ureigenen Palästina ruhen und schlum- 
mern zu können. 

Die Liebe und Anhänglichkeit der spanischen Juden an ihr 
Spanien und seine Sprache ist nun freilich nicht ebenso gross, 
nicht ebenso allgemein, aber immerhin doch so stark gewesen, 
dass sie sich bei ihnen selbst nach Jahrhunderten nicht verloren 
hat. Es bedarf nicht der Annahme, dass noch lange nach ihrem 
Exil sie sich zu ihrem Hüttenfeste Zweige von den Citronenbäumen 
Spaniens zu verschaffen suchten , unter deren Schatten sie einst 
gelebt hatten , dass bis zum siebenzehnten Jahrhundert Juden le- 
diglich um desswillen nach Spanien reisten , um ihren Synagogen 
diese Zweige zu besorgen, an die sich so viele Erinnerungen knüpf- 
ten*^®); ihre Liebe zeigt sich deutlich genug in der Literatur, den 
ewigen Monumenten ihres Geistes. Wie viele ihrer Gebete, so sind 
ihre Gesänge, ihre Reden, ihre Freuden-, Trauer- und Volkslieder 
in der Sprache des Landes verfasst, welches sie vierzehn hundert 
Jahre ihr Vaterland nannten ; nie wandten sie sich von der Pflege 
der spanischen Literatur ab. 



135 

Zu dieser dem Menschen innewohnenden Liebe zu dem Verlorenen 
tritt noch der Charakter der Sprache selbst hinzu. Stolz wie der Spa- 
nier, ist seineSprache die stolzeste und mannlichste allerSprachen : 
kräftig, wie ihre Mutter, ist sie ohne Härte und geschmeidig, ja 
schfueichelnd ohne Weichlichkeit ; bald tönt sie wie die Stimme 
der Trompete, bald sanft und musikalisch, melodisch gleich dem 
lieblichsten Frauengesang; sie ist lebendig und zart, prunkend, 
prahlerisch und feierlich *^^). Daher dürfen wir uns auch nicht 
wundern, dass die Juden Portugals so wenig Fleiss auf die Sprache 
dieses Landes verwandten und ebenfalls die ihrer Brüder in Spanien 
pflegten und bebauten. Kaum findet sich mehr als ein jüdischer 
Dichter, der die lusitanischeMuse erhoben! Wie verhültnissmässig 
klein und unbedeutend ist nicht die Zahl der von Juden in portu- 
giesischer Sprache verfassten Werke ! Eigentlich war sie und ihre 
Literatur nie so recht zur Gellung gekommen , sie war, trotzdem 
dass ein Camoens ihr angehörte, stets verrufen und verachtet *^^) ; 
dasPortugiesiche war, wie der Spanier zusagen pflegte, dem gemei- 
nen Idiom gleich, das die galicischen Wasserträger in Madrid reden. 
Aehnlich wie mit der Sprache verhält es sich mit der Musik 
und dem Gesang der spanischen Juden. Die von den Juden und 
Mauren nach Spanien gebrachte Tonkunst, die orientalische Musik 
halte sich früh mit der einheimischen vereint, hat sich bis heute 
in dem Lande erhalten ; auch sie gehört gewissermassen zum Cha- 
rakter des Volkes. Wer auch nur einmal die Viardot-Garcia hat 
singen hören, wird zugeben müssen , dass in ihrem Gesänge mehr 
als ein blosser orientalischer Beigeschmack sich findet und mehr 
als ein Triller aus der Synagoge durchschallt. Es liegt in ihm die- 
selbe doppelartige Tonfolge, wie in der Sprache selbst; weder die 
Lust noch der Schmerz erklingen rein : bald ist es ein leiden- 
schaftliches Aufschreien, bald ein schmerzvolles Insichverklingen. 
Diese spanische, oder wenn wir wollen, orientalisch-spanische 
Gesangsweise haben die Juden aus diesem Lande mit forlgenom- 
men und allenthalben, wo sie sich niederliessen, verbreitet. Einige 
dieser spanischen Melodien haben auch in den Synagogen der 
deutsch-polnischen Juden Eingang gefunden und mancher Gesang, 
welchen die Kunst unter die alt-jüdischen rubricirt, erinnert recht 
lebhaft an den spanischen Troubadour, wie er mit den abgerisse- 
nen Guitarrenaccorden seine Liebesgluth hauchenden Sonette und 
Lieder in dunkler Nacht erschallen lässt. 



136 

Ausser dem Gesänge, der Sprache und Literatur haben die 
verbannten Juden auch noch die alt-spanischen Familien-Namen 
als Erinnerung an eine geschwundene trübe Zeit beibehalten. Sie 
nennen sich noch heute mit einem gewissen , auch auf sie über- 
gegangenen Stolze nach den alten Städten , den jetzt zerfallenen 
Dörfern und Villen, aus denen ihre Vorfahren entsprossen sind. Wer 
wollte ihnen einen solchen Stolz wohl verargen ? Die Namen der 
ältesten , längst erloschenen spanischen Casas finden sich bei den 
vertriebenen Juden wieder. Die Silvas, Bragancas, Pereyras, Castros, 
Costas, Sosas, Tavoras, Coutinos, Silveyras, Melos. Almeydas, Li- 
mas, Fonsecas, Cardosos, Cabrais, die Calderon, Ximenez und viele 
Andere machen den Adel der Spanier aus und gehören den spanisch- 
portugiesischen Juden an. Woher dieses? Stammen die Granden 
von den Juden oder die Juden von den Granden ab? Beides zugleich, 
das lehrt uns die Geschichte, beweist die von schwarzen Wolken 
umzogene Vergangenheit der Juden Spaniens. IhreNamen von edlem 
Klange sind zum Theil Errungenschaften des letzten Jahrhunderts 
ihres Verweilens auf hesperischem Boden : bei den gewaltsamen 
früher besprochenen Taufen mussten sie ihre Namen wechseln — 
es ist ja das auch noch heute so. Mit der Taufe verloren sie nicht 
allein den bei der ersten Weihe ihnen verliehenen Namen, sondern 
empfingen ausser einem neuen Taufnamen auch den Desjenigen, 
welcher bei ihnen Pathenstelle vertrat ; durch den Namen der Fa- 
milie wurden sie nach römischer Weise gleichsam in den Kreis der 
Familie mit aufgenommen. Viele sollen aber auch den Namen der 
spanischen Häuser in den Zeiten der Vertreibung und heimlichen 
Flucht als Hilfsmittel gebraucht haben, um bei ihrer Entfernung 
an den Thoren und Grenzen nicht aufgehalten zu werden. Nie- 
mand fand etwas Entehrendes oder Religionswidriges darin , auch 
in anderen Ländern mit einem Granden von Spanien oder einem 
Connetable von Portugal gleichen Namen zu führen. 

Gern möchten wir noch auf einzelne Eigenthümlichkeiten der 
spanisch-portugiesischen Juden, auf gewisse Vorzüge, welche ihnen 
eigen sind, hier verweisen, unterlassen dieses aber, weil wir fürch- 
ten, dass unsere Worte verkannt und ihnen ein andrer Sinn und 
eine andere Deutung untergelegt würde, als wir damit verbinden. 
Jst doch nichts gefährlicher, als Eigenthümlichkeiten, Sitten und 
Sonderbarkeiten eines ganzen Geschlechts zu besprechen und zu 
beurtheilen! 



137 

Das Eine aber muss zum Ruhme der spanisch-portugiesischen 
Juden hier hervorgehoben werden , dass sie die ersten waren, 
welche Rehgion und Wissenschaft in sich vereinten und beide 
Elementegleichmässig wahrten. Ihre Religiosität viar zu allen Zeiten 
so lauter, so rein von aller Frömmelei, sie blieb sich immer gleich, 
immer dieselbe, fern von allen UebergriflFen schalen Vernünfteins, 
weil sie mit der Wissenschaft vereint auftrat, wie diese selbst an- 
drerseits sie abhielt, vom richtigen Wege abzuirren. Das Verdienst 
wird man den spanisch-portugiesischen Juden immerhin einräumen 
müssen, dass sie an allen Orten, an welchen sie sich niederliessen, 
Bildung, Kenntniss und gediegenes Wissen verbreiteten ; die zer- 
malmende Stärke des sie verfolgenden Unglücks entzündete eine 
warme Religiosität, durch welche Lerneifer geweckt und fromme 
Einrichtungen, Akademien und Lehrhäuser gestiftet wurden. Durch 
die Leiden und Schmerzen, welche dieses Geschlecht ertrug, durch 
die Märtyrer, welche von ihnen der Religion und des Glaubens 
wegen fielen , wurden Religion und Glauben den Sitzen überwie- 
sen , an welchen diese edeln Pflanzen menschlichen Glücks einzig 
und allein gedeihen können. Religion und Glauben wurden An- 
gelegenheiten des Herzens und Gefühls, während der Wissenschaft 
die grosse Bahn der Vernunft eingeräumt worden ist. 



Fünfzig Jahre und wohl mehr vergingen , ehe die von dem 
schmerzlichen Beben ob der erfahrenen Ereignisse durchzuck- 
ten Juden wieder Kraft sammeln konnten, der Literatur Spa- 
niens ihreThätigkeit zu widmen, denn der eben vom Unglück Be- 
troffene dichtet nicht und philosophirt nicht, wenn anders der 
Schmerz in Wahrheit, in seiner ganzen Intensität ihn ausfüllt; er 

trägt sein Leid und ist in dieser Einheit mit demselben befrie- 
digt '^e^ 

Während die Masse der Ausgewanderten den verschiedensten 
Lebensberufen sich hingab , lagen seine Weisen und Lehrer in 
stiller Abgeschiedenheit dem Studium ihrer Religionsschriften ob, 
wiegten ihre Jünger in den Herz und Verstand erquickenden Dis- 
cussionen traditioneller Lehren ein, dämpften ihren Schmerz durch 
die anhaltende Beschäftigung mit dem Gottesworte, durch die 
alten Reminescenzen des geschwundenen Glückes, durch einen 
Blick in die glücklichere Zukunft, 



138 

Erst nachdem sich auch die in spanischen Hochschulen Gebil- 
delen unter den judischen Vertriebenen von dem furchtbaren 
Schlage, der sie betroffen, ein wenig erholt hatten, ward auch ihr 
Geist wieder rege, griffen auch sie wieder in der Leier Saiten und 
sangen und dichteten in fremden Ländern. 

Die nächste Sorge aber war auch bei ihnen, die religiöse Exi- 
stenz der Verjagten zu sichern , die Menge mit ihren religiösen 
Pflichten, mit der Lehre selbst vertraut zu machen. Vielen der Ver- 
triebenen war, wie religiös auch ihr Sinn immer gewesen sein mag, 
das Gesetzbuch ein mit hundert Siegeln verschlossener Schatz — 
das Gesetz war ihnen etwas Fremdartiges, denn sie konnten es nicht 
lesen, halten sich ob der Wanderungen, der Leiden und Qualen das 
Versländniss desselben abhanden kommen lassen. In der National-, 
der lleimathssprache war aber die GoUeslehre nicht vorhanden. 
Welches Verdienst gebührt nicht den Männern , die solchen Män- 
geln abhalfen? Was zweihundert Jahre später den deutschen Ju- 
den der unsterbliche Mendelssohn durch seine Bibelübersetzung 
geleistet, das thalen für die spanisch-portugiesischen Glaubens- 
genossen sechszig Jahre nach der Vertreibung zwei Männer, Usque 
und Pinh el. 

Mit ihnen betreten wir wieder das lächelnde Gefilde Italiens, 
das schöne, alte Ferrara. 

Mehr als einmal fanden die vertriebenen Juden in dieser Stadt 
mit ihren breiten Strassen , ihVen schönen Palästen , ihren vielen 
Canälen und Dämmen ein Asyl. Haufenweise begaben sie sich in 
die Gebiete des leutseligen Herzogs von Ferrara. Ihre Lage in die- 
ser neuen Heimath war freilich nicht immer die glücklichste, denn 
das Volk konnte die Fremdlinge nicht ertragen, so dass der Herzog 
wider seinen Willen manches drückende' Gesetz gegen sie erlassen 
musste. Die Ferrarer Juden mussten wieder das gelbe Abzeichen, 
diesen Schandfleck des Mittelalters auf ihrer Brust tragen. Eine 
Pest war ausgebrochen und die Juden sollten verbannt werden. 
Um die aufrührerische, Synagogen und Bethäuser zerstörende Menge 
zu beruhigen , musste der Herzog ein Verbannungsedict unter- 
zeichnen : sie wanderten aus, kamen aber vor Ablauf zweier 
Jahre nach Ferrara zurück**'*). 

Und doch war keine Stadt mehr geeignet, den Sinn für Wis- 
senschaft und Poesie bei den Juden zu wecken, als Ferrara, an 
dessen Hof beide aufs sorgfältigste gepflegt wurden. An dem Hofe 



I 



139 

der Este blühte nicht allein Tugend, Tapferkeit und heiteres Le- 
ben, die Hercules und Alphonse stalteten ihre Wohnsitze nicht nur 
mit königlichen Gebäuden aus, sondern auch mit trefflichen Sitten 
und schönen Studien. Das Beispiel des Hofes fand bald im ganzen 
Staate Nachahmung, undFerrara wurde die Metropole der Bildung, 
der Wissenschaft, der Musensitz Italiens. Hier dichtete Batlista 
Guarini seinen Pastor Fido ; die Schwester des Herzogs gab litera- 
rischen und musikalischen Bestrebungen Schutz und Antrieb; 
durch sie wurde der gefeierte Tasso an den Hof befördert: der 
grosse Vater und sein noch grösserer Sohn lebten und dichteten in 
dieser Stadt*"). 

Wo Allessich regte und wissenschaftlichen Bestrebungen nach- 
gab, wo Fürsten und Fürstinnen dichteten und schrieben, da durfte 
auch die Feder der Juden nicht ruhen. In dieser Periode vollführ- 
ten sie in dieser Stadt das grosse, ihre Nation beglückende Unter- 
nehmen der Bibelübersetzung. 

Es ist diese Cebersetzung vielleicht die merkwürdigste, welche 
je von Juden verfertigt worden ist. Meint doch der vorzüglichste 
deutsche Kritiker*") , der sich ob seiner Ehrlichkeit todt geärgert 
hat, dass ein Theologe nur dieser Bibel zu gefallen spanisch lernen 
müsste, indem die grössten Gelehrten darin übereinkämen, dass 
keine einzige andere öebersetzung die natürliche und erste Be- 
deutung der hebräischen Worte so genau ausdrückte , wie diese ! 
Wirklich diente sie mehrere Jahrhunderte lang allen späteren Be- 
arbeitungen der heiligen Schrift zur Grundlage. Sieben oder acht 
Mal ist sie neu aufgelegt. Als der Graf de Rebolledo, welcher im 
drcissigjährigen Kriege oberster Befehlshaber der spanischen Trup- 
pen in der Pfalz war und nach dem Friedensschlüsse als Gesandter 
in Dänemark einzelne Theile der Bibel , wie die Psalmen , Hieb, 
die Klagelieder poetisch übersetzte, bediente er sich , um dem 
hebräischen Grundtexle zu folgen, der gedachten spanischen Bibel. 
Der Wörtlichkeit und Genauigkeit wegen sind auch die poetischen 
Bücher in Prosa tibersetzt und deswegen müssen wir uns hier, 
da die Prosa nicht unser Thema bildet , auf das Allgemeinste be- 
schränken. 

Das dem Herzoge Hercules II. einerseits, andrerseits der 
Dona Garcia Nasi gewidmete Bibelwerk **^) wurde März 1553 
(14. Adar 5313) beendet und wohl nicht vor Ende der vierziger 
Jahre des 16. Jahrhunderts begonnen, da der eine der verdienst- 



I 



140 

vollen Redacteure, Duarte (Eduard) Pinhel*) 1543 noch in Lissa- 
bon weilte und dort seine lateinische Grammatik mit einem Com- 
pendium über das Kalenderwesen erscheinen Hess. 

In demselben Jahre, in welchem Abraham Usque in Verbin- 
dung mit genannten Pinhel die ferrarische Bibel der Oeffentlichkeit 
übergab, erschienen (September 1 553) in seinerBuchdruckerei von 
seinem Verwandten Samuel Usque die »Consolacdes de Israel«, 
ein Werk, in einem blühenden Stile geschrieben, welches über 
die verschiedenen Leiden der Juden Nachricht gibt und von allen 
späteren jüdischen Historikern und Chronisten häufig benutzt 
worden ist. 



*) Duarte Pinhel soll einen Sohn Namens B e n t o (Benedikt) Pinhel gehabt 
haben, Benlo wurde in Lissabon geboren, studirle in Coimbra Jurisprudenz 
und begab sich zur weiteren Ausbildung nach Italien. An der Universität 
Pisa las er einige Jahre über kaiserliches Recht und folgte später einem Rufe 
nach Prag, wo er zu den berühmtesten Professoren der juristischen Facultät 
gerechnet wurde. Sein 1613 zu Venedig gedrucktes Werk : »Selectarum juris 
inlerpretationura conciliationum ac variarum resolutionum T- pr. « widmete 
er dem Grossherzog von Florenz , Cosmos II. , und dankte in der Dedication 
für die gastliche Aufnahme , welche der Fürst seinem aus Spanien flüchtigen 
Onkel Arias Pinhel bereitet hatte. So erzählt Barbosa , bibl. lusit. I, 510. 
Wer hätte je vermuthet, einen "Sohn Duarte's an der prager Universität 
zu finden ? Um über diese Person etwas Näheres zu erfahren, wandte ich mich 
an Herrn Professor Dr. Wessely in Prag, dessen Dienstfertigkeit und Zuvor- 
kommenheit in weiten Kreisen bekannt ist. Den Bemühungen dieses Gelehr- 
ten verdanke ich folgende Notiz : 

» — In den hier gedruckten libris Decanorum , wo ich sicher etwas über 
»den fraglichen Juristen Bento Pinhel zu finden hoffte, ist des Namens gar 
»nicht erwähnt, eben so wenig in der von Professor Tomek herausgegebenen 
»Geschichte der prager Universität. Auch Professor Höfler vermochte mir 
»keine Auskunft zu geben. Da Tomek während der Osterferien abwesend war, 
»wartete ich bis zu dessen Rückkunft, in der HofTnung, dass er, der die Ge- 
»schichte der prager Universität zu seinem Specialsludium machte und daher 
»alle darauf bezüglichen Quellen kennt und benutzte, mir die gewünschte 
»Auskunft geben werde ; aber auch ihm ist nichts hierüber bekannt, ja nicht 
»einmal der Umstand, dass ein Pinhel professor juris hier gewesen ist —.« 

Das auf der k.k. Bibliothek zu Prag befindliche Werk Pinhel's (ed. Lugdun.) 
wurde mir durch die Freundlichkeit eines hiesigen mir befreundeten Pro- 
fessors zur Ansicht verschafft, aber auch darin ist mit keinem Worte von dem 
Grossvater und Onkel die Rede, so dass ich die Mittheilung Barbosa's für 
eine blosse Fiction halte. Derartige Combinirungen und Erdichtungen sind 
bei dem gelehrten Portugiesen nichts Seltenes. 



141 

Auch ein Mann mit poetischer Begabung gehCrt dieser Fa- 
milie an : 

Salomon Usque***). 
Es lebte zu gleicher Zeit mit Abraham und Samuel in Italien und 
übersetzte die Sonette , Cancionen , Madrigale und Sexlinen des 
grossen Petrarca ins Spanische. Diese 4 567 erschienene, dem 
Fürsten von Parma und Piacencia gewidmete Ueberselzung erwarb 
ihm grosses Lob , so dass Affonso de Ulloa , welcher ihn auch in 
einem Sonett besungen hat, sie für die beste aller Bearbeitungen des 
italienischen Dichters erklärte. Ausser einer italienischen Ode, in 
welcher Usque den spiiter canonisirten Cardinal Borromeo, dessen 
I'>rholunges war, Abends einige Gelehrte bei sich zu sehen, feierte, 
bearbeitete er in Gemeinschaft mit Lazaro Gratiano das erste jüdi- 
sche Drama in spanischer Sprache unter dem Titel »Esther«. 
Diese Tragödie soll der Venetianer Rabbiner Leon de Modena, eine 
der merkwürdigsten Persönlichkeiten im Judenthume, im Jahre 
1619, veröffentlicht und der gelehrten Italienerin SaraCopia, 
welche ausser verschiedenen Gedichten eine Abhandlung über die 
Unsterblichkeit der Seele geschrieben hat, gewidmet haben. 

Diesem frühesten Anfange spanisch -jüdischer Dichtung auf 
italienischem Boden, wohin wie die Juden auch die spanische Muse 
ihre Zuflucht genommen hatte , lassen wir einige Gedichte eigen- 
thümlicher Art folgen. 

Sobald der verfolgte Jude nur einen Augenblick seinen Nacken 
frei fühlte von dem beständig drückenden Joche und wieder eine 
Scholle Erde die seine nennen konnte , war er nicht mehr der 
immer klagende, immer und ewig trauernde Jude, dann kannte er 
auch die Freude, zu welcher seine Religion ihn lud, und verstand 
es, dem Festeseindruck Sprache und Laute zu verleihen. Ein sol- 
ches aus Festesfreude entstandene Freudenlied liegt uns in dem 
zunächst folgenden Gedichte vor. Wie aber das religiöse Gesetz 
immer in Israel gewaltet und dem freien Lebensverkehr seine 
Schranken und Marken vorgezeichnet hat**^), wie zur Zeit der 
\oth undBedrängniss die Juden sich um das uralte göttliche Gesetz 
schaartenund für dieses einzige, durch alle Jahrhunderte hindurch 
sie geleitende Kleinod Alles hingaben , so war es auch dieses alte 
(iesetz, das zur Zeit der Freude sie beseelte und von ihnen stets 
wieder besungen wurde. Zur Feier der Gesetzesfreude ist, aller 
Wahrscheinlichkeit nach , auch dieses Gedicht von einem aus 



142 

Spanien in Italien eingewanderten Juden zu Ende des 16. oder 
Anfang des 17. Jahrhunderts verfasst worden. Es besteht aus 
Versen von verschiedenartigen Sprachelemenlen — spanisch und 
hebräisch, eine Erfindung, welche bekanntlich sehr alt ist und 
»rythmo polyglotte« genannt wird. Auch in der spanischen Lite- 
ratur haben sich Einzelne, wie Gongora und selbst der auf Rein- 
heit der Sprache dringende Lope de Vega , in dieser Art versucht 
und schrieben Sonette, die, wie Diez sich ausdrückt, Harlequins- 
Jacken sehr ähnlich sahen **^) : 

Unser Herr, unser Gott, 
Schuf den Moses, unsern Lehrer, 
Uns zu geben unsre Thora, 
"Welche anfängt mit An o chi. *) 

Moses stieg hinauf gen Himmel, 
Ohne Speis' und ohne Trank, 
Und empfing die beiden Tafeln, 
Die beginnen mit A noch i. 

Herab vom Sinai kam das Leuchten 
Mit Trompeten- und Schofar-Klang, 
Und Israel bebte heftig, 
Als der Ew'ge sprach Anochi. 

Unser Gesetz ist hochgeachtet. 
Angenommen von Nationen, 
Wie Israel schwer gefesselt ; 
Befrei' es, der da sprach Anochi. **) 



*) Anfangswort der zehn Gebote 
**) Adonenu Elohönu 

Barä es Mose Rabönu, 
Para darnos Toratenu, 
Que empieza con Anochi. 

Mose ala lasamaim 
Sin achiia y sin maim, 
Trujo las luchos snaina, 
Que empiezan con Anochi. 

Misinai bä a relumbrar 
Con hazozrot y kol sofar, 
A Israel hizo temblar, 
Cuando el Dio dijo Anochi. 

Nuestra ley es estimada, 
De los umot otorgada, 
Con Israel cativada, 
Librela el que dijo Anochi. 



143 

Uns gab er die zehn Gebote, 
Mit ihren Rechten, ihren Pflichten ; 
Ach wie stauneten die Seelen, 
Als der Ew'ge sprach Ano chi. *) 

Den Geist echt spanischer Poesie haucht das folgende Gedicht 
aus, dem vielleicht ein historisches Factum zu Grunde liegt. Nach 
dem Zusätze (am Ende des 2. und 4. Verses) riT^yjä zu schliessen, 
wurden diese Verse im Chore gesungen : 

Der Du thronest in der Höhe, 
Deinem Volk nimm Schmerz und Wehe, 
Dass nicht Alles untergehe ! 

Und wir schauen. 

Und wir trauen. 
Er nur, wie er ist als Gott, 
Ist allein — kein andrer Gott! 

Ich will preisen, 

Lob erweisen, 
Gott nur den Geliebten heissen. 

Der eifervolle. 

Gnadenvolle Gott, 
Ist allein — kein and'rer Gott! 

Er, der gross ist und erhaben, 
Wird sein Volk mit Freiheit laben, 
Liebreich — von Exiles Gaben ! **) 



Nos dio aseret hadibrot 
Con sus dinirn y sus mizwot, 
Abi estaban las nesamot 
Cuando el Dio dijo Anochi. 

Tu que eslas en las alluras, 
Sacä a tu pueblo detristura, 
Que malaron pueblo y criadura. 

Y no miraron, 

Y no cataron 
A el Dio que es 61, 
No bay otro como 61. 

Alabarö 

Y loarö, 

Y ä mi Dio amar6, 
Dio zeloso 

Y piadoso 

Es no otro como 61. 

El que es grande y ensalzado, 
Sacara ä su pueblo amado, 
De gaiut tan depravado. 



144 

Lasst in Gott uns leben, 

Lasst uns ihn erheben, 
Bis zur Ankunft des Erlösers — Gott 
Ist allein — kein andrer Gott ! 

Hoffen will ich, 

Bitten will ich, 
Seinen Namen preisen willig I 

Der liebevolle 

Gnadenvolle Gott 
Ist allein — kein andrer Gott!*) 

Vorstehende Gedichte sind einem 1640 zu Venedig hebräisch 
geschriebenen Manuscripte entnommen und von uns in Frankel's 
Monatsschrift VI. 459 ff. mitgetheilt (vergl. auch Jewish Ghronicle, 
Februar 1858). Andere Poesien dieser Art Volkslieder, wie man 
sie nennen könnte, befinden sich in einer zu Amsterdam 1 793 er- 
schienenen Liedersammlung ("jt^j« T<uj1DD). 



Y gozaremos, 

Y cantaremos, 
Colla*) venida del go61**) 
No hay otro como 61. 

Esperare 

Y rogarä, 

Y ä SU nombre salmear6, 
Dio gracioso 

Y piadoso 

El, no es otro como 61. 



*) Colla, italienisch für con la, vielleicht a Ja. 
*) ^Nia Erlöser. 



145 



Sechstes Capitel. 

Rückblick auf Spanien. Carl V. Philipp IL Moses Pinto 

Delgado. Gongalo Delgado. Die Juden in Holland. David 

Abenatar Melo. Antonio Alvares Soares. Paul de Pina. 

David Jeschurun u. A. 

Wir haben in dem vorigen Capitel die verschiedenen Wan- 
derungen , zu welchen die Juden durch Ferdinand und Isabeila 
gezwungen worden waren , ihre Leiden und Qualen zu schildern 
versucht. Spanien hatte keine öffentlichen Juden mehr. War es 
nun glücklich? War es zufrieden? Und im hohen Königshaus? 

Es dürfte unseren Lesern nicht unwillkommen und im Allge- 
meinen auch wohl nicht nutzlos sein , am Hofe der spanischen 
Majestäten einen kurzen Besuch abzustatten und sich nach dem 
Wohlergehen der königlichen Familie zu erkundigen. 

Die bekehrungssüchtige, fromme Isabella tritt uns zuerst ent- 
gegen. Wie wir bereits gesehen , hatte sie , nachdem sie vorher 
viermal verlobt gewesen war, dem bigotten, bedeutend jüngeren 
Ferdinand die Hand gereicht. Mit fünf Kindern hat sie ihn be- 
schenkt. 

Juan, ihr Kronprinz und einziger Sohn, feierte am 3. April 
i 497 seine Vermählung mit Margaretha von Oesterreich, Bald 
nach der Trauung — der Cardinal Ximenez hatte den Bund ge- 
segnet — wurde der schwächliche Infant von einem hitzigen Fieber 
ergriffen und starb am 4. October 1497, kaum 17 Jahre alt. Gross 
war der Schmerz Isabella's , ihre Trauer gleich der um einen ein- 
zigen Sohn. 

Ihre älteste Tochter Isabella wurde die Gemahlin des Thron- 
erben von Portugal, Affonso's, des einzigen Sohnes Joao IL Der junge 
Prinz starb bald nach der Hochzeit und die achtzehnjährige Isabella 
blieb Wittwe. Später reichte sie dem König Manuel die Hand, 
gebar ihm ein schwächliches Kind und starb bei der Entbindung. 

An diesem Kinde Isabella's, Miguel, der im Januar 1499 als 
Thronerbe von Castilien und Aragonien von den Cortes anerkannt 
worden war, hing das katholische Ehepaar mit solcher Liebe, dass 

Kayserling, Sephardim. \ Q 



146 — _ 

sie ihn nicht voh ihrer Seite lassen wollten. Es war ja ihr ein- 
ziger Trost. In dem zartesten Alter slarb er in den Gemächern der 
Alhambra. Pedro Martyr schildert als Augenzeuge den tiefen 
Schmerz der Grossmutler, welcher um so drückender war, da sie den 
Tod des Kindes aus politischen Rücksichten verheimlichen mussle. 

Ihre Tochter Maria vermählte Isabella mit dem letztgenannten 
Gemahl ihrer ältesten Tochter. Auch sje segnete das Zeitliche in 
dem blühenden Alter von 35 Jahren. 

Gatharina, ihre Jüngste, heirathete Arthur von Wales. Als 
dieser durch den Tod früh aus ihren Armen gerissen wurde, freite 
sie sein Bruder , der bekannte Heinrich VIII. Fünf Frauen führte 
der reformatorische König Englands nach seiner Scheidung von der 
spanischen Prinzessin noch ins Ehebett und Gatharina erreichte 
zu ihrem Unglück ein hohes Alter. 

Auch Johanna, welche die Geschichte nur unter dem Beinamen 
»die Wahnsinnige« kennt, war Isabella's Kind. Ihretwegen wur- 
den Unterhandlungen mit dem österreichischen Herrscherhause 
angeknüpft. Um Oesterreich und die Niederlande mit der spani- 
schen Monarchie zu vereinen , sollte der schöne Philipp Johanna's 
Gatte werden. Philipp dachte an die älteste Tochter, die junge 
Wittwe. Doch der spanische Gesandte stellte ihm vor, dass es dem 
Hause Oesterreich zur Schande gereichen müsse, die Wittwe eines 
Mannes zu heirathen, dessen Vater ein Bastard gewesen und dessen 
Grossvaler die Tochter eines jüdischen Schuhmachers zur Con- 
cubine gehabt hätte. Die Ehe wurde geschlossen , aber Philipp, 
ein Wollüstling sonder Gleichen, liebte alle Kammerfrauen mehr als 
seine Gemahlin. Johanna's Eifersucht stieg mit jedem Blick, wo- 
mit er eine Andere beglückte. Johanna , ein einfältiges Frauen- 
zimmer , hatte ihr ganzes Wesen in der leidenschaftlichsten Liebe 
zu ihrem Philipp aufgehen lassen. Getrennt von dem Freunde ihres 
Herzens , ertrug sie die grössten Schmerzen der Sehnsucht. Sie 
war für die ganze Welt verschlossen, kümmerte sich wenig um die 
zärtlich besorgte Mutter , versank in ein lautloses Hinbrüten, ihr 
kranker Körper war in Spanien , ihr wundes Herz in den Nieder- 
landen bei ihrem Gemahl. Die Mutter ertrug darüber grossen 
Schmerz , sie wurde krank , sehnte sich nach besserer Luft und 
verliess Madrid. Auch Johanna's Zustand wurde mit jedem Tage 
gefährlicher, ihreinziges Sinnen war Flandern, ihr einziger Wunsch, 
ihren Gemahl zu umfassen. Trotz aller Widerwärtigkeiten segelte 



147 

sie endlich ab und dort angekommen — fand sie ihren Phih'pp in 
den Armen eines blondlockigen Madchens, über welches sie in 
ihrer Wuth herfiel und ihr das goldene Haar vom Kopfe riss. Da 
hörte auch Philipp's Geduld auf und wir wissen nicht, was im 
innersten Gemach vorging. 

Isabella war das Weib, die das Elend geschaut, sie starb im 
54. Jahre ihres Alters, am 26. November 1504. Ihr noch lebens- 
lustiger Gemahl stand an ihrem Grabe. Mit neidischem Auge sah 
er den jungen Philipp nach Spanien kommen , mit dem tiefsten 
Groll im Herzen musste er auf die Regentschaft verzichten und 
ohne seine Tochter gesehen zu haben, in seine Erbstaaten zurtlck- 
kehren. Diese wollte er wenigstens seinem Kinde entreissen und 
vermählte sich in der Hoffnung auf einen Leibeserben mit der 
jungen französischen Prinzessin Germaine de Foix. 

Kaum hatte Philipp von seinem neuen Reiche Besitz genom- 
men , als er in Folge einer plötzlichen Erkältung zu Yalladolid er- 
krankte und am 25. Septembeia 1 506 starb. 

Johanna's Zustand artete in Raserei aus. Im Wahnsinn schied 
sie aus der Welt. 

Könnten wir die Fingerzeige Gottes so deuten, wie wir in den 
Blättern der Geschichte lesen , stünde uns die Natur Rede — um 
wie viel glücklicher würde die Menschheit sein. 

So sichtbar trat Gott für sein Volk in die Schranken ! 

Ein Heiligthum ist Israel dem Herrn — . 



Spanien war nunmehr das mächtigste Reich und der junge 
Carl, Johanna's Sohn, der mächtigste Monarch der ganzen Welt. Die 
ganze Halbinsel, Sicilien und Neapel, Burgund und die Niederlande, 
Mexico und Peru gehorchten seinem Scepler ; mit Recht konnte er 
sich rühmen, dass in seinen Staaten die Sonne nicht untergehe. 
Die spanische Monarchie hatte unter ihm den Glanzpunkt erreicht. 

Was man auch immer von Carl sagen mag, wie fremd er auch 
immerhin unserem deutschen Reich gegenüberstand, als grosser 
Monarch gilt er für alle Zeiten. Es gibt wohl kaum ein grossarti- 
geres Schauspiel auf der historischen Bühne, als Carl's Regenten- 
periode. Alles erhob sich gegen den \ 9jährigen jungen Mann : 
Franz I. schnaubte Rache, Dänemark und Schweden mussten ge- 
züchtigt werden , das Reich war in Aufregung, Italien erhob sich, 

4 0* 



148 

der deutsche Mönch hatte die religiöse Einheit aus ihren Grund- 
pfeilern gehoben, Mailand, das ewig unruhige, erforderte seine 
persönliche Gegenwart , und die an allen Enden unternommenen 
Kriege erheischten ungeheure Mittel , die er in seinem Staatsschätze 
nicht vorfand. 

Das war wieder eine Gelegenheit, welche die in Spanien zu- 
rückgebliebenen Neuen-Christen nicht unbenutzt lassen wollten, 
sie machten noch einmal den Versuch , mit Gold ihre Freiheit im 
Glauben zu erkaufen. Die Angesehensten unter sich sandten sie 
nach den Niederlanden, wo sich Carl wie oft, so auch damals auf- 
hielt , und Hessen ihn bitten , ihnen das zu bewilligen , was Gott 
dem Menschen gegeben hatte, als er ihn in die Welt gesandt, Frei- 
heit im Glauben, Freiheit im Denken, Freiheit im Wollen. Sie 
gaben vor, und der erleuchtete Kaiser wusste das recht wohl, 
dass die Religion, als Sache des Herzens und Gefühls, nicht durch 
Gewalt und Strenge geleilet werden könne und daher möchte er 
doch den als Juden Geborenen in Gnaden gestatten , als Juden zu 
leben, in ihrem Glauben selig zu werden; mit 800,000 Goldthalern 
wollten sie ihreDankbarkeitan den Tag legen. Carl brachte in dem 
versammeilen Rath die Juden-Angelegenheit zur Sprache, und die 
an Duldsamkeit gewöhnten Flamänder hatten dem Kaiser gerathen, 
die Summe zu nehmen und gleich ihnen selbst tolerant zu sein. 
Von diesem kaiserlichen Willen halte aber der Cardinal Ximenez, der 
mächtige Minister und Regent , der mit dem Stricke des heiligen 
Franciscus alle Aufrührerischen züchtigen wollte, Kunde erhallen. 
Eiligst schickte er einen Courier nach Flandern ; in wenigen Wor- 
ten schrieb er dem Könige, er möchte es sich nicht einfallen lassen, 
an die Rechte der Kirche und Gottes zu rühren; die Religion stände 
höher als die Krone, als aller Gewinn. Er wies ihn auf den from- 
men Wandel seines Grossvaters Ferdinand hin, welcher in der 
äussersten Noth die 600,000 Goldthaler der Juden ausgeschlagen 
habe , bloss um des Glaubens willen. 

Carl hörte auf den Mönch, der sich nicht begnügte das Evan- 
gelium zu predigen, sondern auch den Krieg gegen die Bücher 
führte und 5000 Manuscripte den Flammen übergab, ohne selbst zu 
erlauben , die goldenen und silbernen Beschläge , im Werthe von 
10,000 Ducaten abzunehmen; er hörte auf Ximenes und wies die 
Juden ab. 

An allen Enden Spaniens stiegen unter seiner Regierung die 



149 

Flammen der Scheiterhaufen gen Himmel , die Juden wurden in 
corpore et in effigie verbrannt , wie im deutschen Reiche die 
unschuldigen Schriften des göttlich Werk vollbringenden Luther. 

Denken wir an das hämische Lächeln, welches den Mund des 
deutschen Kaisers umzog, als er in einer deutschen Reichsstadt 
vor einem solchen, von Büchern unterhaltenen Scheiterhaufen vor-^ 
überging, so können wir uns nicht bereden, dass er es mit dem 
Glaubenseifer so ernst gemeint habe. Sicher muss man den Carl- 
von Gent von dem Carl im Kloster Yuste unterscheiden. Als Kloster- 
bruder dachte er anders, anders als Kaiser. Noch auf dem Todten- 
bette soll er seinem lieben Sohn Philipp den Befehl ertheilt haben, 
die Ketzer, Juden oder Lutheraner, ohne Ausnahme, ohne irgend 
welche Rücksicht mit aller möglichen Strenge zu strafen ; er 
bedauerte , wie er sagte , selbst so nachsichtig gegen sie gewesen 
zu sein. Strenge und Aufrechthaltung der Glaubenseinheit ver- 
sprach Philipp dem sterbenden Vater und hielt dieses Versprechen 
treuer, als das bei der Abdankung gegebene, für den Lebensunter- 
halt des Vaters Sorge zu tragen *"). 

Das geben Alle , auch seine Feinde zu , ein frommer katho- 
lischer Mann war Philipp. Seine ganze Klugheit bestand darin, 
den katholischen Glauben zu befestigen ; Monarch war er nie. 
Seine Politik war unklug, seine Kriege führte er unglücklich, seine 
verwegenen, unwissenden Feldherren brachten ihn, den König 
zweier Welten, um das Ansehen, und Spanien um den Rang einer 
Grossmacht. Er selbst liebte die Ruhe , aber die des Grabes , der 
Ergebung des Geistes unter der ewigen Vormundschaft der Geist- 
lichkeit. Darum war ihm die Inquisition ein so theurer Besitz und 
ihre Fortpflanzung in allen seinen Staaten, von Sicilien bis nach 
den Niederlanden, bis Indien und Amerika der Hauptzweck seines 
Lebens. Gegen die Ketzer, weil sie zu denken wagten, halte Phi- 
lipp , der ob der grausam frommen Handlungen das Denken ver- 
lernt hatte, einen unversöhnlichen Hass**®). 

Schon jetzt , es waren kaum fünfzig Jahre verflossen , fühlte 
das Land die bittern Folgen früherer Gewaltthaten. Das war 
das alte Spanien nicht mehr — . 

Es hatte seine Freiheit verloren , die allgemeine Vertreibung 
der Juden , die Einziehung ihres Vermögens war das Signal zur 
Ungerechtigkeit, zu unerlaubter Selbstsucht, zur Befriedigung der 
ungezügeltesten Leidenschaften, zu Raub, Mord und Plünderung. 



150 

Die entdeckten heimgeführten Schütze der neuen Welt befriedigten 
die Habsucht nicht mehr, heimische Fluren und von Gott mit 
Fruchtbarkeit gesegnete Aecker wurden vernachlässigt, das Volk 
hatte die Lust zur Arbeit verloren und ganze Schaaren zogen nach 
dem Goldreiche, um dort an der Quelle ihren Durst zu löschen, 
sich zu Bettlern zu schwelgen. Je mehr sie fanden, desto gieriger, 
unmenschlicher, hasserfüllter wurden sie. Holland, Italien, England 
Iriumphirten , der Handel , der Reichthum , der Glanz waren aus 
Spanien gewichen. Das ganze Mercantilwesen befand sich , seit- 
dem die Juden das Land hatten räumen müssen , in den Händen 
der Fremden, denn die Spanier waren weder Handelsleute noch 
Fabrikanten, sie verstanden es nicht, die reichen Schätze, die aus 
der neuen Welt ihnen zugeführt wurden , zu erhalten und dienten 
nur dazu, fremde Königreiche zu bereichern. 

Der ganze Reichthum des Landes und auch seine Pracht be- 
fand sich in den Klöstern bei den Mönchen. Sie führten das flot- 
teste Leben und kümmerten sich wenig um die Wohlfahrt oder den 
Ruin des Landes. Philipp erbaute dasEscurial, das Kloster mit 
seinen 5000 Fenstern, das grösste, welches je in der Welt aufge- 
führt worden ist, und mehrte dadurch die Schuldenlast des Landes. 
In der mit diesem Riesenpalaste vereinten, nach dem Muster der 
Peterskirche in Rom erbauten , prachtvollen Hauptkirche befindet 
sich das Mausoleum der spanischen Regenten ; in diesem Pantheon 
liegen die Philippe, in diesem Pantheon liegt die Grösse und Macht 
Spaniens begraben. 

Philipp bereitete unter dem Glänze der Flammen und unter 
den Freudenfesten der Inquisition dem Lande den Untergang. Nie 
war es heller in Spanien, nie gab es der Feste mehr in diesem 
Lande, nie erlitten mehr Menschen den Tod der Flammen, als unter 
seiner Regierung. Sein alter Gegner in der politischen Macht, 
der alte Caraffa , Paul IV. , war sein treuer Gehilfe in den Grau- 
samkeilen. Er begünstigte hauptsächlich die von ihm selbst her- 
gestellte Inquisition, lebte und webte in ihr, erliess Bullen gegen 
die Juden , excommunicirte und hielt Auto-da-Fes. Wie ihn end- 
lich eine Krankheit niederwirft, beruft er noch einmal die Cardi- 
näle , empfiehlt seine schwarze Seele ihrem Gebete und ihrer 
Sorgfalt die Inquisition. In Italien Hess er die Juden und ihre 
Bücher verbrennen und strenge Befehle gegen die in Spanien sich 
findenden jüdischen Seelen ergehen**'). 



151 

Trotz der allgemeinen Vertreibung, welche Spanien an einem 
Tage um Über eine halbe Million Menschen brachte, trotz der wU- 
ihenden Verfolgungen, welche die Juden in dieser IJölle erduldeten, 
trotz der Tausende, welche nun schon den Tod erlitten hatten, 
war das Land noch nicht von der jüdischen Secte gesäubert. Es 
schien beinah, als ob diese Race nicht vertilgt werden könne. In 
den Klöstern, in den Kirchen, in den Gortes, im Rathe der Inqui- 
sition, in allen wichtigen Staatsämtern fand man die geheimen Ju- 
den , welche ihrem Glauben eben so treu geblieben v^aren, selbst 
ohne äussere Formen mit mehr Liebe dem Judenthume anhingen, 
als viele Juden, die nicht unter den Kirchenkuppeln sich beugten, 
als viele Männer, die jetzt iri unserer Zeit als Geistliche und Führer 
ihres Volkes figuriren. Wer bedenkt, welche Marter diese unglück- 
lichen Gezwungenen ihres Glaubens wegen ertrugen, wie sie freu- 
dig ihren letzten Sabbath feierten und mit Ergebung denFeuerstoss 
bestiegen; wer dieses bedenkt und sie noch gering schätzt , noch 
sie seiner nicht würdig erachtet, weil sie nicht so streng, so genau 
an den äussern Formeln hingen , von dem möchte ich mit dem 
Dichter sagen, das ist ein Mann, in welchem kein Herz wohnt. 

Wo man sie fand , wurden sie in Verwahrsam gebracht ; an 
jedem Orte gab es eine Inquisition , in jedem Jahre wenigstens 
einen Festtag, ich meine ein Auto-da-Fe, und bei keinem dieser 
Schauspiele fehlten die Juden. 

Wer könnte und möchte sie Alle aufzählen die Märtyrer, 
welche für die heilige Glaubenssache ihr Haupt senkten? 

Besonders Murcia halte eine grosse Menge solcher zum Juden- 
thum Zurückgekehrten mit ihren Rabbinern und geheimen Syna- 
gogen. Die Zahl der Judaisirenden in dieser Provinz war so be- 
trächtlich, dass sogar der eiserne Philipp dem Papst den Vorschlag 
machte, durch ein Breve all' Denen, welche sich selbst als solche 
bekennen würdön , leichtere Strafen als den Tod aufzuerlegen. 
Pius willigte ein und schloss nur die geistliche Aemter verwalten- 
den Judaisirenden von dieser Gnade aus**"). Und doch blieb die 
Thätigkeit der Inquisition unausgesetzt dieselbe. 

In Murcia wurde am 8. September 1560 mit acht anderen 
Juden der Leichnam der Maria de Bourgogne verbrannt,' sie war 
von jüdischen Eltern zu Saragossa geboren und unterlag als 
90jährige Frau der Tortur**'). 

Am 15. März 1562 verbrannte man ebendaselbst 23 Judai- 



15-2 

sirende. Unter ihnen befand sich Luis de Valdecagnas, ein Fran- 
ciscaner von jüdischer Abkunft, welcher das Judenthum gepre- 
digt hatte, Juan de Santa-Fe, Albert Xuarez und Paul de Ayllon, 
Geschworene, Pedro Gutierrez, Senalsmitglied und der Stadtsyn- 
dicus Juan de Leon*^*). 

Am 2. Mai des folgenden Jahres wurden in Murcia 16 Judai- 
sirende und mehrere Bilder dem Feuer übergeben. Diego de Lara 
aus Murcia, Baccalaureus der Rechte und Caplan des Königs, wel- 
cher mit mehreren Anderen seines Glaubens geflohen war, un- 
glücklicherweise aber wieder in die Klauen der Inquisition fiel, 
wurde bei diesem Auto verbrannt; mit ihm Pedro de las Gasas, 
ein Advocat, der Licentiat Augustin d'Ayllon, der Sohn des wenige 
Jahre früher geopferten Paul d'Ayllon und seine Mutter Isabella 
de Leon , Isabella Sanchez, der Doclor Francisco de Santa-F6 er- 
litten die Strafe im Bilde *^^). 

1564 hielt man in derselben Stadt ein neues Auto mit einem 
Juden und eilf Bildern , unter denen sich das des im Gefängnisse 
verschiedenen Pedro Hernandez befand ^^*). 

Wozu der Opfer noch mehr herrechnen? 

Der unmenschliche Philipp, der herzlos genug gewesen, seinen 
eigenen nach Freiheit lechzenden Sohn dem Tode zu weihen , gab 
nicht allein diese Grausamkeiten willig zu, sondern fand in seiner 
blinden Glaubenswuth ein besonderes Vergnügen daran, die Auto- 
da-Fes mit seiner hohen Gegenwart zu beehren. Unsere Zeit kann 
sich von einem solchen Tyrannen kaum einen Begriff machen : 
Philipp ist nur mit einem Nero zu vergleichen. 

Wie Nero in seinen eigenen Gärten die Schauspiele der Hin- 
richtung von Tausenden auffuhren Hess, so stellte Philipp seine 
eigene Leibwache zum Dienste der Inquisition ; sie musstcn die 
Flammen anschüren , welche die Unglücklichen in Asche verwan- 
delten*^«). 

Nero war in der Kleidung eines Wagenführers unter der wil- 
den Menge und ergötzte sich an dem Zetergeschrei der Geopferten. 
Philipp, angethan mit seinen prächtigsten Gallagewändern und vom 
ganzen Gefolge umgeben , weidete sein Auge an dem Elende der 
zum Feuertode abgeführten Märtyrer*«^). 

Nero, die kaiserlichen Insignien an der Stirn, stand auf einem 
Wagen, damit auch das ganze Volk ihn sehen könne ; Philipp hielt 



153 

es für die grösste Ehre, sich der Menge als den Präsidenten der 
Inquisition zu. zeigen. 

Auf Nero's Befehl endete Seneca , endete Lucan ; durch Phi- 
lipp's Grausamkeit sank die Literatur, verlor sie ihren Charakter, 
schmachteten die grossen Gelehrten seiner Zeit in den Kerkern, 
bestiegen die hellsten Denker die Feuergerliste. Die schöne Zeit 
der freien Dichtung , wo die Höfe die Tummelplätze begeisterter 
Sänger gewesen, war geschwunden; es gab keine echte Poesie, 
keine wahrhaften Dichter im Lande, denn nie kann anders die 
Tochter des Himmels gedeihen, als auf einem Boden , wo der freie 
Geist sein freies Lied anstimmen kann. 

Der Jude, der geheime, verkappte Jude sang nicht und dichtete 
nicht im Lande. Dichter und Sänger mussten den Wanderstab 
ergreifen und in anderen Gegenden ein Plätzchen für ihre Leier 
suchen. Hatten sie ihren Glauben wieder errungen, so nahm auch 
ihr Geist einen erhabenen Flug und herrliche Lieder strömten von 
ihren Lippen. 

Zu den ersten , welche uns unter den Pflegern der castiliani- 
schen Muse nach der Vertreibung genannt werden, gehört 
Moses Pinto Delgado. 

In der Hauptstadt des kleinen Algarve, dieser südlichsten 
Provinz Portugals, deren Berge und Schluchten den Juden und 
Mauren Zuflucht und Schutz boten, in dem am Meere gelegenen 
Tavira, wurde in dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts Moses 
PinloDelgado von jüdischen Eltern geboren. Mehrere berühmte Män- 
ner nannten mit ihm Tavira ihren Geburtsort. Dort erblickte Joao 
Sa rra m , ein berühmter Professor der Medicin, der Leibarzt des 
Herzogs von Aveiro, D.Juan de Lancaster, welcher in seinem 70. Jahre 
sein Werk »Mosaica Filosofia« vollendete und mit grosser Gelehr- 
samkeit und grossem Scharfsinn einige Capitel der Genesis erklärte, 
vielleicht gleichzeitig mit Delgado das Licht der Welt**') ; auch der 
Reisende Melchior de Moraes und ein Historiker Lobato sind aus 
dieser Stadt hervorgegangen. 

Früh verliess Delgado das väterliche Haus und wurde einem 
Verwandten in Spanien zur Erziehung übergeben. Hier wurde ihm 
nun in einem zarten Alter, ohne dass er wusste, was mit ihm 
vorging, ein anderer Name — Juan*°®) ward er genannt — und 
ein anderer Glaube beigelegt. Doch nur zu bald bot sich ihm eine 
Gelegenheit, Namen und Glauben wieder von sich zu werfen, denn 



154 

die Jeden argwöhnisch verfolgende Inquisition hatte einen I.iebes- 
blick auf Juan geworfen, so dass, sobald er von der Einladung des 
hohen Tribunals Kunde erhalten hatte, er schleunig das unduld- 
same Land und seine nach Tavira gezogene Familie verliess. Son- 
derbarer Weise begab sich Delgado nach Rom , wo zu jener Zeit 
Pius V. , der Cardinal von Alessandria ^^^) auf dem päpstlichen 
Stuhl sass. Einen so fromn)en Papst hatte es noch nicht gegeben, 
ganz wie Paul IV. , ja er übertraf ihn noch an Frömmigkeit. Er 
war der vertrauteste Freund Philipp II., so dass, als dieser einmal 
krank war, er seine Hände erhob und Gott bat, ihn von seiner 
Krankheit zu befreien, ihm selbst möge er einige Jahre abnehmen 
und sie dem Könige zulegen ^^''). Ganz ähnlich war er ihm an Ty- 
rannei. Es war dem alten Dominicaner aus Bosco nicht genug, 
dass die Inquisition die neuen Verbrechen bestrafte : den alten vor 
zehn und zwanzig Jahren Hess er nachforschen. Der in der Inqui- 
sition und ihren Ideen alt gewordene Papst, dieser gottlose und 
boshafte Mensch, wie der jüdische Chronist ihn nennt ^*'*), dessen 
sämmtliche Gedanken nur auf Unheil aasgingen, vertrieb im Monat 
Mai 1566 alle Juden aus seinen Staaten, über tausend Familien- 
väter verliessen Italien und suchten andere Gegenden auf. Es ist 
nicht unwahrscheinlich , dass sich unter diesen Auswanderern 
auch Delgado befand. Genug, er verliess Rom ufid schlug seinen 
Weg nach Frankreich ein, wo zur selben Zeit der ausschweifende 
Medicäer Heinrich III. regierte. Er, selbst ein schlechter Katholik, 
hegte einen Innern Groll gegen die Juden *^^) — von einem fana- 
tischen Dominicanermönch wurde er ermordet. 

Weder von dem Bildungsgange Deigado's, noch von seinem 
spätem quäl- und marlervollen Leben ist irgend eineNotiz auf uns 
gekommen. Von Natur mit ausgezeichneten Anlagen versehen — er 
konnte , so erzählt Barbosa ^^^) , eine gehörte Rede aus dem Ge- 
dächtniss wörtlich niederschreiben — studirte er aller Wahrschein- 
lichkeit nach zu Salamanca Humaniora und wurde dort der Freund 
des vorzüglichsten Dichters seiner Zeit, des ihm an Alter gleichen 
»Bruders mit der jüdischen Seele«*''*) , des, wie Delgado von der 
Inquisition gequälten Luis de L<M)n. 

Dieser Augustiner, Doctor und Professor der Theologie an der 
alten Universität Salamanca , hatte für einen seiner Freunde eine 
spanische üebertraguiig des Salomonischen Hohenliedes angefer- 
tigt, in welcher er es pastoralisch behandelt und Schäfer und 



155 

Schäferin redend einführt. Obwohl er diesen seinen ersten poeti- 
schen Vorsuch , dessen Tendenz in offenem Widerstreit mit der 
herrschenden Meinung der Kirche stand , nur dem engsten Kreisö 
seiner vertrauten Freunde zeigte, so wurde die Uebersetzung den- 
noch durch die Treulosigkeit seines Dieners bald so bekannt, dass 
Luis de Leon 1572 vor die Inquisition von Valiadolid geschleppt 
wurde. Fünf Jahre schmachtete der unschuldige, bewunderns- 
wüidig freimüthige , rationalistische Theologe im Gefängnisse und 
tröstete sich mit Job, dessen Leidensgeschichte er während seiner 
eigenen Leidenszeit trefflich übersetzte und erklärte. Erst auf 
Verwenden einiger einflussreichen Freunde und seiner zahlreichen 
Schüler wurde er an dem vorletzten Tage des Jahres 1576 von der 
Folter befreit und begann dann seine lange Zeit unterbrochenen 
Vorlesungen mit den seit damals unzählige Male wiederholten Wor- 
ten : »Wie wir am Schlüsse unserer jüngsten Vorlesung bemerkten«, 
als ob die fünf biltern Jahre seines Kerkerlebens seinem Gedächt- 
nisse entschwunden gewesen wären. Nicht so bald erholte sich 
seine Gesundheit. Einsam und von der Welt zurückgezogen, lebte 
er nur den Wissenschaften, und in einem Briefe, welcher seine 
Gedichte an seinen Freund Puertocarrero , den Staatsmann Phi- 
lipp II. begleitete, findet sich das offene Geständniss, dass er nie 
mit mehr als zehn Personen befreundet gewesen war. In diesen 
engern Kreis gehört auch unser Delgado. 

In einem fremden Lande, ohne Hoffnung, sein geliebtes 
Tavira, welches seinem theuren Weibe und einem hoffnungs- 
vollen Sohne noch zum Aufenthalte diente, je wiederzusehen, 
schöpfte er aus den heiligen Schriften Trost und beruhigte sich 
mit dem den Trauernden so wohlthuenden Gedanken, in einer dem 
sterblichen Auge verhüllten Zukunft mit den im Leben Geliebten 
wieder vereint zu werden. 

Die Dichtung bot ihm Trost, Ruhe und Erheiterung. 

Seine Poesien sind die eines tiefen Gefühls und weichen Ge- 
müths, er seufzt ob des verlorenen Vaterlandes und seufzt ohne 
Hoffnung. Er klagt mit dem Propheten auf den Trümmern Jeru- 
salems um den Verfall der heiligen Stadt, um die Verbannung und 
den Druck seiner Brüder. Eine schwere Melancholie zieht sich 
durch alle seine Producte und doch ist in ihnen nicht die Verzweif- 
lung zu finden , in welche andere Dichter seiner Zeit , seine Lei- 
densgefährten, so oft verfielen. 



156 

In bittere Klagen bricht er gegen die Verfolger seines armen 
Volkes aus , er wendet sich an den Höchsten und bittet um Er- 
lösung : 

An jenem Schreckensorte litt meine Seele, 
Ob meiner Sünde durch Tyrannen Knechtschaft ! 
Send' meiner Nacht von Deinem Himmelsglanze, 
Gott, nur einen Feuerstrahl, 
Und sei Dein Geist mein Führer allemal. 
Gott, gedenke meiner in der Wüste 
Bei jenem sanften Feuerschein, 
Denn fern von ird' scher Art ist Dein Gedanke. — 
So lieg ich nackt und hilflos hingestreckt ! 
Doch jetzt hab' ich des Irrthums dichten Schleier, 
Das abgenutzte Kleid weit hin von mir geworfen. 
Nur die Betrachtung Deiner Grösse macht mich glücklich. 

Zum ersten Gegenstande seiner Dichtung wählte Delgado die 
Geschichte seines Volkes. 

Fast scheint es , als ob die vom heimischen Heerd verjagten 
Juden an der Vergangenheit , an dem einstigen Glücke der Nation 
sich haben weiden wollen ! 

Wie der Astronom und Dichter Abraham Zahalon in jener Zeit 
das Buch Esther commentirte , so erquickte sich auch Delgado an 
dieser persischen Hof-, Intriguen- und Liebesgeschichte , an dieser 
des Höchsten Macht und väterliches Walten so deutlich zeigenden Er- 
zählung und stärkte sich mit Muth und besseren Hoffnungen für Israel, 
für seine eigene Zukunft. Diese Geschichte war auch der Zeit seiner 
und seines Volkes Leiden am angemessensten. Das Bild einer von 
Verfolgungssucht bis zum Wahnsinn getriebenen Person , das Ab- 
bild eines Haman schwebte ihm in allen Farben vor, und was war 
leichter als ein solches Gemälde vom ersten Anfang bis zum letzten 
Pinselstrich, dem allgemein bekannten Ende der Juden Verfolger in 
einen poetischen Rahmen einzukleiden. 

Ein kurzes Gebet geht dem Gedichte voran : 

Der Du vollführtest, Gott, im wunderbaren Raum, *) 
Erhabne Pläne Deines heil' gen Geistes, 



Senor, que obraste en milagroso espanlo 
Altes desigaios de tu santa idea, 



157 

Zu Dir erhebet sich mein Lobgesang, 
Damit er sei das Werkzeug Deines Rulims. 
Mein Wunsch, obgleich zu kühn, erstrebet 
Durch meine Feder Deines Namens Ehr' . *) 

Nach diesem, den Inhalt der Geschichte andeutenden Prologe, 
wenn wir das Gebet so nennen dürfen, beginnt das Epos selbst in 
folgender Weise : 

In Susa, der Hauptstadt, residirte 
Auf dem von Cyrus ererbten Thron 
Assüeros, der weite Reiche regierte u. s. w. 

Diesem, in harmoniereichen Sextillen geschriebenen epischen 
Gedichte schliesst sich ein ähnliches an , die Geschichte der Ruth. 

Delgado besingt hierin die Ruth, die arme Moabiterin, welche 
aus Liebe zum Judenthum und seinen Satzungen ihrer Schnur ge- 
folgt und die Stammmulter von Israels Helden und Königen ge- 
worden war. 

Auch diese Dichtung eröffnet er mit einer Lobpreisung Gottes : 

Herr, wenn in der Welt sich so 
Zeigen Deine Wunder, 
Wie die Berge Du versenkest, 
Wie die Thäler Du erhöhest. 



So, Gott, lass mich erzählen, 
Wie ein Mann, treu dem Gesetz, 
Zeugte jenen frommen König, 
Dessen Namen feiert die Welt. **) 



A ti levanta, como tuyo, el canto 
Porque ä tu gloria el instrumento sea, 
Y aunque atrevida, en su labor presuma, 
Sera trompeta de tu voz mi pluma. 

Senor, si en el mundo tantas 
Se miran tus maravillas, 
Cuando los montes humillas, 
Cuando los valles levantas ; 



Concede, Senor, que escriba 
La que, abrazando tu ley, 
Fu6 SU fruto un santo rey, 
Su memoria al mundo altiva. 



158 

Dieses Gedicht zeigt deutlich, wie Delgado die Versification in 
seiner Gewalt hatte. Herrliche, aus den heiligen Schriften gezogene 
Sentenzen sind in dem Gedichte geschickt mit verwebt. Als Pro- 
ben mögen folgende Strophen dienen : 

Zu der Zeit als Israel 
Ward regiert durch Richter, 
Als verderblich herrschte Sünde, 
Bat es Ihränenvoll zu Gott. 

Als den Jordan es durchzog. 
Wunderbar zum zweiten Male, 
Stieg von Neuem auf den Thron 
Ahzan, so genannt mit Namen. 

Wenn dem Mensch der Eifer fehlet. 
Welcher reift die ew'ge Frucht, 
Gibt der Himmel keinen Segen, 
Gibt Tribut nicht mehr das Feld. 

Wankelmüthig zeugt die Erde 
Uebles, wenn das Gute weicht, 
Laslerunkraut wachset, wuchert. 
Wenn die Tugend blühend welkt. 

Ob den grünen Glanz der Wiese 
Auch in Gold die Zeit verschliesst. 
Stein nur ist er, wenn die Sünde 
Hat das Herz verstockt zu Stein. *) 



AI tiempo que era Israel 
Por jueces gobernado ; 
Siendo su dano el pecado 
Su llanto el refugio en 61 ; 

Despues que pasö el Jordan 
Con segunda maravilla, 
De nuevo heredö su silla 
Quien fue su nombre Abezan. 

Faltando en el hombre el celo 
Que alcanza el elerno fruto, 
El campe negö el tributo, 
Sus influencias eUcielo. 

La tierra en su ingratilud 
Muestra el mal, si bien encierra : 
Que mal produce la tierra, 
Si muere en flor la virtud. 

El verde honor que en el prado 
En oro el tiempo resuelve, 
Piedras son, si en piedras vuelve 
AI corazon su pecado. 



159 

Das vorzüglichste Product Delgado's ist seine herrliche Nach- 
ahmung der Klagelieder. 

Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, dass fast zu gleicher 
Zeit mit Moses Pinto ein andrer Delgado, Pedro Nunes mit Vor- 
namen, welcher als Professor in Sevilla starb, einen Commentar 
zu denselben Klageliedern Jeremies geschrieben hat*^*^). Wir wol- 
len keineswegs behaupten , dass Pedro Nunes Delgado jüdischer 
Abkunft, geschweige mit Moses Pinto Delgado verwandt gewesen 
sei, wie sich dieses von einem dritten Namensvetter, Juan Delgado, 
welcher als Jesuit aufgeführt wird und dessen praktische Theologie 
im Manuscripte vorhanden sein soll, eben so wenig bestimmen 
lässt. Freilich erblickte letzterer in einem Städtchen nicht weit 
von Moses Pinto's Geburtsort — ^ Lagos in Algarve — nur wenige 
Jahre nach ihm das Licht der Welt , doch — nichts führt leichter 
auf verwandtschaftlichen Irrlhum, als spanische Familiennamen. 

Besonders in den Klageliedern bricht der jüdische Geist Del- 
gado's in der ganzen Fülle durch. Er klagt und weint mit dem 
göttlichen Propheten um den Verfall der Zionsstadt , um die Ein- 
äscherung des Tempels, um die Forlführung der seit jener Zeit 
fremdes Joch ertragenden Nation. 

Wie beiden erwähnten Dichtungen geht auch den Klageliedern 
ein aus fünf Redondillen zusammengesetztes Gebet voran, in wel- 
chem er für sich und sein Werk Gottes Beistand erfleht : 

Meine schwache Stimm', o Gott,*) 
Die gepresst aus meinem Herzen 
Und befreit von eitlem Wahn', 
Weilet heut' mit dem Propheten 
Bei den Klagen Deines Zion. 



Spend' aus Deinem hohen Schatze 
Meinem scheuen Blick Dein Licht, 



Senor, mi voz imperfecta 
Nacida delcorazon, 
Que 6 veno error se sugeta, 
Hoy siga con tu propheta 
El llapto de tu Sion. 

Concede de alle tesoro 
Tu luz ä mi ciega vista 



160 

Lass, was ich nicht weiss, mich fassen, 
Denn dem Fremden gilt die Klage, 
Ihm nm-, meiner Sünde nicht. *) 



Und wenn gleich ich ohne Flügel 
Mich erheb' zu solchem Flug, 
Meine Lippen zaghaft schweigen — 
Flöss' den Geist mir ein zu singen 
Thränenvoll ein Liederbuch. 

Sodann beginnen die in alten nationalen Quintillen, dem Lieb- 
lingsversmaass Luis' de Leon geschriebenen Klagelieder in folgen- 
der Weise: 

Wie unselig hast, o Stadt, Du 
Dich so traurig umgewandelt ! 
Deine Grösse, Majestät, 

Dein geweihtes Gotteshaus — » 

Heule ist es Schutt, Verwüstung. 

Wer sich neiget Dich zu schauen 
Und die Mauern, jetzt Ruinen, 
Durch ein göttlich Strafgericht, 
Könnte nur in Deinen Sünden 
Sehn die Ursach' Deines Falls. 

Wer wohl könnte Dich betrachten. 
Wer wohl den geschwundnen Ruhm, 
Und nicht wünschen, dass sein Leben 
Sei ein thränenvoiles Meer, 
Ewiglich Dich zu beweinen? 

Deine Thore und Paläste 
Boten, ach ! der Flamme Stoff. 
Sie, die in der Öden Strasse 
Züngelte an Deinen Ruhm, 
Dass Dein Elend Abgrund tief. 

Könnt' ich nur auf Dein -in Plätzen, 
Deinen Strassen jener Männer 
Einen, auch nur Einen sehen! 
Soll der Wirklichkeit ich trauen ? 
Meinem Auge trau' ich nicht. 



( 



Tu sciencia en lo que ignoro, 
Porque en ageno mi lloro 
A propias culpas resista. 



, 161 

Ach, wie eitel ist mein Wunsch 1 
Thiere vom Instinkt getrieben, 
Ohne Herren, ohne Hirten, 
' Blöcken, schreien, unbewusst 
Bieten Zeugniss sie — ich glaube. 

Doch die ürsach', dass entthronet, 
Dass Du so gestürzest bist 
Von dem Ruhm, in dem Du lebtest, 
Weil die Wahrheit Du verwarfest. 
Und der Eitelkeit gefolgt. 

Ja, Du bist nicht mehr die Fürstin 
Aller anderen Nationen, 
Deine Hoheit ist nicht mehr ! 
Deines Diademes Grösse — 
Fremden wurde sie zum Raub. 

Ja Dein königliches Haus 
Deckt jetzt demuthsvoli die Erde, 
Traurig ist die Grabesstätte. 
Krieg ist jetzt der alte Frieden, 
Uebel jetzt das alte Gut. 

Warst Du doch dem Herrn zuwider I 
Früchte, wie sie Sünden folgen, 
Musstest Du auch erndten ein, 
Musstest den Tribut bezahlen, 
Wie ihn forderte die Schuld. 

Nicht allein siehst Du nun schwinden 
Den von Dir besess'nen Ruhm, 
Auch die Söhne gehen unter. 
Weil Dein Gott sie überliefert, 
Fremder Herren Tyrannei ! 

Wie auch könnte in den Leiden 
Athmen noch das arme Volk? 
Zeit nun hat es zur Betrachtung ! 
Das Erstrebte ist erfolget. 
Das Erstrebte — ewig da. 

Weinend ruft es : Weh' mir Armen ! 
Wo mein Ruhen? Wo mein Bleiben? 
Wohin ward ich fortgetrieben? 
Drückend nah ist mein Besitz, 
Weit entfernet mein Verlust. 

Kayserliiig, Sephardim. | f 



162 

Wenige Elegien solcher Schönheit haben wir dieser zur Seite 
zu setzen 1 

So nimmt Moses Pinto Delgado als Dichter einen hervorragen- 
den Platz in der spanischen Literatur ein. »Es erregt wahrlich«, 
sagt de los Rios*"*^), »alle Aufmerksamkeil, zusehen, wie ein Mann, 
verfolgt und vertrieben, der in demgrössten Mangel unddengrössten 
Leiden lebte, in einem fremden Lande die heimathliche Sprache und 
Poesie in solcher Reinheit pflegte, denn in jener Zeit »asombra ya su 
cabeza la hidra del mal gusto en la literaturanacional«, steckte die 
Hydra des schlechten Geschmacks schon ihren Kopf in die Natio- 
nal-Literatur und selbst bevorzugte Talente, wie Lope de Vega und 
Gongora, füllten unsern Parnass mit Fremdartigem.« 

Aehnlich lautet das Urtheil Ad. de Castro's, welcher die poeti- 
schen Werke Delgado's für ausgezeichnet erklärt: »sie verdienen 
von allen Freunden der schönen Wissenschaften in hoher Achtung 
gehalten zu werden a*®'^). Diesem Ausspruch stimmt auch Ticknor 
bei, wenn er sagt : »parts of them are written not only with tender- 
nes but in a sweet and pure versification«*^*). 

Die Kritik solcherMänner, wie die eben genannten, ist zu ge- 
wichtig, als dass wir noch Etwas zum Lobe Delgado's hinzufügen 
sollten , und so wollen wir nur noch die wenigen Worte des ihn 
besingenden Daniel Levide Barrios*^^) hierhersetzen: 

Von der Königin Esther und des Jair's Sohn 
Sang Moses Delgado im herrlichen Ton, 
Und schrieb in dumpfer Klage nieder 
* Des Sehers Jeremias Klagelieder. 

Delgado wurde von seinem kummervollen Leben im Jahre 1 590, 
61 Jahr alt, befreit. 

Seine poetischen Producle, bestehend ausser den besproche- 
nen aus einzelnen Sonetten, Hymnen u. dgl. , bilden zusammen 
einen Band von 366 Seiten und wurden in Ronen ]()29"^) ge- 
druckt. Sie sind dem Cardinal Richelieu, »dem Grossherrn, dem 
Präsidenten der Schifffahrt und des Handels in Frankreich«, wie er 
in der Widmung bezeichnet wird, zugeeignet. 

Ob auch Delgado, gleich dem oben genannten Salomon Usque, 
Fernando de Hozes , Francisco de Ayllon , Henriquez Garces , fast 
lauter Zeitgenossen unseres Dichters , Theile Petrarca's ins Portu- 
giesische übersetzt hat, wie Barbosa angibt »Petrarcha traduzido 



163 

em 8, Rima Portugueza. M. S.« lässt sich nicht ermitteln; jeden- 
falls ist die Uebersetzung nie im Druck erschienen. 

Indem wir nun Delgado den Vater verlassen, wenden wir uns 
zu seinem bis jetzt unbekannten , auch de los Rios, Ticknor u. A. 
entgangenen Sohne, der wie sein Erzeuger reich an poetischer 
Regabung gewesen ist und alle Ansprüche bat unter die spanischen 
Dichter gerechnet zu werden. 

Goncalo Delgado 
ist sein Name. Er wurde in Tavira , dem Geburts- und zeitweili- 
gen Wohnorte Moses Pinto's geboren. Wie sein Vater , war auch 
er der Poesie geneigt und erwarb sich durch sie die ihm gebührende 
Anerkennung. Von seinen poetischen Werken ist uns nichts er- 
hallen, nicht einmal die Titel derselben werden uns genannt. 
Barbosa, die einzige Quelle, welche ihn mit wenigen Worten er- 
wähnt*'*) , berichtet von einem einzigen Gedichte, welches durch 
einen heftigen, die Stadt Faro verheerenden Ueberfall der Englan- 
der im Jahre 1596 hervorgerufen und dem Statthalter von Algarve, 
Ruy Lourenyo de Tavora, gewidmet worden ist*'^). Sonst ist uns 
nichts von ihm bekannt. 



Ehe wir zu dem Manne übergehen, welcher wie Moses Pinto 
Delgado den Musen seine Thätigkeit widmete, müssen wir einen 
Rück auf das Land werfen, dessen blühende Städte von nun an 
die Hauptsitze der spanisch -portugiesischen Juden wurden, auf 
Holland, auf die Niederlande. 

In demselben Jahre, in welchem Spaniens Juden sich nach 
neuen Heimathen umsehen mussten, waren die Niederlande end- 
lich einmal ruhig geworden. Durch die diplomatisch berechnete 
Verbindung des schönen Philipp's aus dem burgundisch-österrei- 
chischen Hause mit der wahnsinnigen Tochter der katholischen 
Isabella war auch Spanien und seine verhasste Politik zuerst in 
nähere Rerührung mit den freien , stets unruhigen Niederlanden 
getreten — ein Ereigniss, das natürlich auch auf die dorthin ge- 
flüchteten Juden und ihre Verhältnisse einen bedeutenden Einfluss 
übte. 

Allem Anscheine nach wurden die geheimen spanischen Juden 
durch Handelsverbindungen zuerst auf den Gedanken gebracht, sieb 
in Holland niederzulassen. Das herrlich gelegene Antwerpen war im 

11*' 



164 —— 

fünfzehnten Jahrhundert Mittelpunkt des Welthandels geworden, 
der Haag wurde schon damals die Vorrathskammer der holländi- 
schen Schätze genannt, Amsterdams treffliche Tuchfabriken ver- 
sorgten schon lange Spanien und Portugal , wie Deutschland und 
die Türkei mit ihren Fabrikaten, so dass es nicht eine allzu gewagte 
Vermuthung ist, dass die Juden der Halbinsel schon lange vor der 
Vertreibung mit den niederländischen Kaufleuten in Geschäftsver- 
bindung getreten waren. Ob die Flüchtlinge nun direct oder von 
Frankreich und Italien aus ihre alten Handelsfreunde aufsuchten, 
lässt sich nicht bestimmen , kann uns im Grunde genommen hier 
auch gleichgültig sein , da nur das Factum der Uebersiedlung 
selbst uns an diesem Orte interessirt. Als Neue-Christen , ge- 
heime, verkappte Juden, fanden sie Einlass und mögen auch 
von der weisen , wissenschaftlich gebildeten Slatthalterin Marga- 
retha, deren Güte , Milde und Freundlichkeit von allen Geschichl- 
schreibern ihrer Zeit gerühmt wird, einige Jahre in ungestörter 
Ruhe gelassen worden sein. Erst unter der Regierung Carl V. hört 
man von einzelnen Edicten gegen die Neuen-Christen, nach welchen 
jedem Fremden die Niederlassung streng untersagt und den schon 
Ansässigen anbefohlen wird, binnen vier Wochen das Land zu 
räumen *^^). Doch mögen diese von der Regierung gefassten 
Beschlüsse nie mit Strenge gehandhabt worden sein. Das nie- 
derländische Volk , gutmüthig und beschränkt , aber dennoch auf 
seinen Vortheil bedacht, erblickte in dem Juden nur den handel- 
treibenden, nutzbringenden Fremdling und bekümmerte sich wenig 
um den Glauben, der, ihn von der Menge trennte. Der Nieder- 
länder war nie von Glaubenseifer besessen , er verfolgte nicht, 
weil er selbst zu den Verfolgten gehörte. 

Der durch Glaubenswuth und Fanatismus zum Tyrannen ge- 
machte Philipp II. hatte als König von Spanien über die reichen 
Handelsstaalen am Gestade der Nordsee, als grossväterliches Erb- 
gut, seinen mächtigen Arm ausgestreckt und gleich nach seinem 
Eintritte in die Niederlande auf die Ketzer, worunter auch die 
Juden begriffen waren, Jagd machen lassen. Jeder Angeber, wel- 
cher sie dem Gerichte überlieferte , sollte mit dem Tribunal die 
Besitzungen der Ketzer theilen ^'^^j . Die Inquisition sollte auch in 
diesem freien Lande ihre Geburtsstunde feiern. Der Schrecken 
eines Gerichts, dessen Gräuel in Spanien damals den höchsten 
Gipfel erreicht hatten, wirkte, wie von Kampen aus den Quellen 



165 

berichtet, vorzüglich auf Antwerpen; die Stadt fllrchtete, und mit 
Recht, den gänzlichen Verlust ihres Handels, wenn auch dort Un- 
tersuchung des Glaubens stallfinden und das Innerste des Menschen 
durchwühlt werden sollte. Viele Kaufleule machten sich zur Ab- 
reise fertig, der Handel gerieth ins Stocken, der Häuserpreis ver- 
minderte sich und eine Deputation wandte sich an die von Philipp 
eingesetzte Statthalterin mit der Bitte , Sorge zu tragen , dass der 
mächtigste Handelsplatz der kaiserlichen Staaten nicht durch das 
Glaubensgericht ins Verderben gestürzt werde. 

So war es das materielle Interesse auf der einen Seite, wie 
auf der anderen das religiöse Moment der Toleranz , welches die 
Freunde der Religionsfreiheit in diesem blühenden Lande mit seinen 
mannigfachen Waaren , Meinungen , Erfahrungen und Glaubens- 
sätzen in Schutz zu nehmen und zu wahren hatten. Es war der 
tollste Gedanke, welchen Philipp vielleicht je hatte , die spanische 
Inquisition auch den Niederländern aufzudringen, dort, wo sie im 
grellen Contrast mit den Nachbarländern, mit England, Deutsch- 
land und selbst Frankreich stand. In dem ganzen Norden athmete 
damals (^ie Freiheit und in den handelsreichsten Staaten der Welt 
sollten Schranken gegen Denk- und Glaubensfreiheit gezogen und 
der friedliche Bürger bis ins Heiligthum seiner Ueberzeugung ver- 
folgt werden ! 

In dieser Zeit der Gefahr traten Männer wie Wilhelm von 
Oranien, Egmont und Hoorn an die Spitze des unzufriedenen Vol- 
kes, der Adel reichte dem Volke zur gemeinschaftlichen Thätigkeit 
die Hand , Alle wollten die alten Rechte der Glaubensfreiheit 
schützen und es bot sich ein Schauspiel , das nur einmal seines 
Gleichen in der Wellgeschichte gefunden hat. Eine der denkwür- 
digsten Revolutionen brach aus , eine Revolution , welche — den 
Juden eine Heimath gleichsam eroberte. Alba , nicht der besser 
aesinnte Carlos , wurde nach den aufrührerischen Niederlanden 
geschickt. Ganz im Sinne seines königlichen Herrn wüthete und 
hauste er, er errichtete einen Blutrath , der Jeden mit Schrecken 
füllte. Die Tyrannei kannte weder Maass noch Ziel, Personen jedes 
Geschlechts, Alters und Standes wurden in die Kerker gev^orfen 
und hingerichtet, die Galgen, die Räder, sogar Pfähle und Bäume 
an den Wegen mit Erwürgten und Enthaupteten beladen , boten 
das traurige Schauspiel, dass die Luft, zum Leben erschaffen, als 
ein allgemeines Grab erschien. Jeder Tag hatte seine Trauer, der 



166 

Klang der Todtenglocke zur Hinrichtung der zahllosen Schlacbt- 
opfer tönte fürchterlich in den Herzen von Kindern, Aeltern, Ver- 
wandten und Freunden^'*). Auch diewenigen Juden, welche heim- 
lich und versteckt sich im Lande aufhielten, sollten des gewaltigen 
Alba's Anwesenheit fühlen. Am iO. Januar 1570 liess er das Ge- 
setz bekannt machen, alle Juden gefangen zu nehmen und am 
17. Mai desselben Jahres Wurde diese Maassregel durch ein anderes 
Edict insoweit verschärft, keinem Juden freien Abzug zu gewähren, 
keinen Juden aus dem Lande zu lassen "^^). 

Der grosse Religionskrieg brach aus : er wahrte über 80 Jahre. 
Alba versuchte daran all seine Kraft, Juan von Oesterreich fiel ihm 
als Opfer. 

Wilhelm von Oranien , der wackere Kämpfer für Gewissens- 
freiheit, der edle Deutsche , der hoch über sein Jahrhundert her- 
vorragte, hatte das edle Streben, durch Prociamation einer allge- 
meinen Glaubensfreiheit dem Kriege ein Ende zu machen. Kam 
auch sein Plan nicht zur Ausführung, so halte der Funke doch ge- 
zündet und trotz des wUthenden Krieges den Juden Sitz und Blei- 
ben in Middelburg verschafft. Gross sind die Verdienste des da- 
mals in den Niederlanden weilenden maroccanischen Gesandten 
Don Samuel Palache um seine Glaubensbrüder; er hat den spä- 
teren Ankömmlingen die Strasse geebnet. 

Und an Ankömmlingen fehlte es nicht, denn auch Portugal 
musste Philipp als Herrscher anerkennen und auch die dort noch 
wohnenden Juden mussten wandern. 

Wir haben dieses Land mit der Einführung derinquisition ver- 
lassen. Das Gericht über Leben und Tod hatte seine Wirksamkeit 
eröffnet, aber keineswegs eine Thätigkeit entfaltet wie in Spanien. 
Noch wohnten die Juden in den verschiedenen Städten, wie Porto, 
Santarem U.A., noch konnten sie durch das blendende Gold Schutz 
von den Königen erkaufen, da stürzte sich der König Sebastian in 
einen unüberlegten, gefahrvollen Krieg und fiel dem nach Ländern, 
Gold und Seelen haschenden Philipp in die Hände. Portugal wurde 
der spanischen Monarchie einverleibt und zugleich ein neuer Schau- 
platz der Inquisition. Jahre der BetrUbniss brachen über die Ju- 
den aus, wer nicht verbrannt werden wollte, musste aus dem 
Lande fliehen. 

Unter den Schrecken der Inquisition erhob ein Gott ergebenes 
Weib ihr Auge gen Himmel und bat den Allmächtigen um Rettung. 



■ 



167 



I 



Mayor Rodriguez schickte sich mit ihrem Manne Caspar Lopez 
(Homem) , ihren Söhnen Manuel und Antonio Lopez (Pereyra) und 
ihren Töchtern Maria Nunes und .lusla Lopez (Pereyra) im Jahre 
<590 zur Auswanderung an *'^). Das Geschwislerpaar Manuel und 
Maria schifften sich mit ihrem Oheim Miguel Lopez nach Holland 
ein. Unterwegs wurden sie aber von den init den Niederländern 
gegen Spanien verbündeten Engländern ergriffen und als Kriegs- 
gefangene nach London geführt. Maria war von so seltener Schön- 
heit, dass der Capitän des Schiffes, ein englischer Lord, ihre Hand 
verlangte und sie mit so ausserordentlichen Beweisen der Liebe 
und Sorgfalt behandelte, dass das Verhältniss des Lords zu dem 
portugiesischen Judenmädchen der Königin Elisabeth zu Ohren 
kam. Elisabeth Hess Maria zu sich kommen. Sie bewunderte ihre 
Schönheit, mehr aber noch die Bescheidenheit und das anmuthige 
Wesen der kriegsgefangenen Jüdin. Auch die Königin behandelte 
die schöne Maria mit allen Auszeichnungen : sie nahm sie in ihren 
Staatswagen, fuhr mit ihr durch die Hauptstadt, um den Bewoh- 
nern Londons dieses Wunder von Schönheit zu zeigen. Aber 
Maria kümmerte sich wenig um diese Ehren , sie hörte nicht auf 
die inständigen Bitten der Majestät, hatte kein Ohr für die ehren- 
vollen Anträge, welche man ihr machte, — sie flehte nur um ihre 
Freiheit. Sie wurde ihr bewilligt. Maria verliess England mit all 
dem ihr versprochenen Glanz um des Judenthums willen und setzte 
mit ihren Begleitern die Reise nach Holland fort. Maria Nunes 
Pereyra war gleichsam die Erste, welche als Jüdin Amsterdam 
betrat; Maria legte den Grund zu der so grossen und berühmten 
spanisch-portugiesischen Gemeinde Amsterdams. 

Einige Jahre später kam auch ihre Mutter Mayor Rodriguez 
mit den Ubiigen Verwandten ihr nach. Im Kreise dieser kleinen 
Familie wurde bald nach ihrer Ankunft eine Doppel-Vermählung 
unter Musik, Gesang und Freude gefeiert. Die beldenmllthige 
Maria hfiralhele Manuel Lopez; Homem und ihre Schwester Justa 
wurde die Frau ihres Vetters Francisco Nunes Pereyra. Antonio 
Lopez erhielt nach wenigen Jahren das Amt eines Hofbanquier des 
Königs von Spanien » Gontador Mayor del Rey de Espana y balido 
del Gonde Duque«. 

Die wenigen Familien der Lopez und Pereyra machten wenige 
Jahre die ganze Gemeinde aus. Ihre Ehen waren von Gott mit 
Fruchtbarkeit gesegnet. Justa Pereyra halte zwei Söhne, beide 



168 

starben im zartesten Alter und die fromme Gattin schob den Tod 
ihrer Kinder auf die Weigerung des Vaters, die Beschneidung an 
sich vollziehen zu lassen. Sie trennte sich von ihm, bis er sich 
der Operation unterwarf. Antonio Lopez nannte sich David Aben- 
dana und die zu ihrem Gatten zurückkehrende Justa legte sich den 
Namen Abigail bei. Aus dieser Ehe entspross der später berühmt 
gewordene Manuel Abendana. 

Zu den Personen , welche sich um die Bildung der Amster- 
damer Gemeinde und die Begründung des Judenthums besondere 
Verdienste erworben haben, gehört Uri Levi , welcher 1554 in 
Deutschland geboren wurde. 1594 hatte er eine kleine Karawane 
spanisch - portugiesischer Juden von Emden , wo er als Rabbiner 
fungirte, nach Amsterdam gebracht, und alle in den ersten Jahren 
nach dieser Stadt gekommenen Flüchtlinge der Halbinsel wurden 
von ihm dem Judenthum gew eiht. Sein Sohn Aron unterstützte 
ihn in der helligen Handlung; letzterer soll wahrend seines Lebens 
93i Personen beschnitten haben. 

Vier Jahre später erhielt die Gemeinde neuen Zuwachs. 1598 
kamen aus Porto Melchor Mendes Franco (Abraham Franco) mit 
seiner Frau Sarah und seinen beiden Söhnen Francisco (Isaac) Men- 
des und Christoval (Mardochai) Mendes. Die letztgenannten Por- 
tugiesen standen bei dem Senat der Stadt in hoher Achtung: 
Isaac , welcher früh starb , wegen seiner Kenntnisse , Mardochai 
wegen seiner unbegrenzten Wohlthätigkeit*'^^). 

Diese eingewanderten Juden versammelten sich an dem ersten 
Versöhnungstage, welchen sie wieder als freie Juden feiern konn- 
ten , um ihren gepressten Herzen durch Thränen Luft zu machen. 
Sie dankten Gott für die Errettung , als ein neuer Schrecken sie 
überfiel. Schon neigte sich der Tag, und die reuigen, zerknirsch- 
ten Juden, in ihre Sterbekleider gehüllt, wollten eben das letzte 
Gebet der Nacht gen Himmel senden : 

Vater Du, o mächtiger König, 
Befrei' in Deiner Gnade uns von Schuld ! 

Vater Du, o mächtiger König, 
schreib' uns ein ins Buch der Huld ! 

als plötzlich bewaffnete Macht sie überfiel und ihre Bilder ver- 
langte. Die Juden wurden für Papisten, Bilderdiener gehalten. 
Doch man fand keine Bilder und die leichenblassen Juden be- 



169 

theuerlen, dass sie Abkömmlinge der allen egyptischen Nomaden- 
familie, die seit Urzeit die Bilder verabscheuten, aber keine Bilder- 
diener wären. Die Justiz erkannte ihre Unschuld und bewilligte 
ihnen freie BeligionsUbung. Nun vergrösserte sich die Gemeinde 
allmalig. Schon nach wenigen Jahren war sie zu einer solchen 
Anzahl herangewachsen , dass ihr das von Samuel Palache ein- 
geräumte Betlocal nicht mehr genügte und sie darauf bedacht sein 
musste, ein Gotteshaus zu errichten. Der verdienstvolle Jacob 
Tirado , welcher nach Barrios "^) nach Jerusalem pilgerte , legte 
im Verein mit David Abendana den Grund zu der ersten Syna- 
goge, welche seinen Namen auf alle Zeiten verewigte. Jacobs 
Haus wurde sie genannt. Uri Levi und der i 620 verstorbene 
Joseph Pardo waren ihre ersten Rabbiner*^"). 

Einige Jahre später entstand durch ein Glied der Familie 
Mendes eine zweite Synagoge, »Friedenswohnung« genannt, und 
nicht lange nachher wurde, durch die strengen Busspredigten des 
Isaac Usiel veranlasst, eine dritte angelegt, welche den Namen 
»Ifaus Israel« führte und David Pardo an ihrer Spitze hatte. 

Auf dem Ouderkerker Felde, ungefähr eine Meile von Amster- 
dam, erwarben sie auch für 2700 Gulden ein Stück Land, um ihre 
Todten zu begraben. 

Für Gotteshäuser, Begröbnissplatz, für Lehrer und Führer war 
gesorgt , Amsterdam bildete eine Gemeinde im wahren Sinne des 
Wortes. An Gelehrten, dem Schmuck jeder Gemeinde fehlte es 
nicht : Wissenschaft und Bildung hatten die Flüchtlinge mitgebracht, 
für Pflanzstätten der Wissenschaft hatten sie Sorge getragen ; 
neben jedem Gotteshaus befand sich auch ein Lehrhaus mit Män- 
nern, wie Joseph Pardo, Isaac Usiel, David Pardo an der Spitze. 

Einer ihrer Nachfolger in der geistlichen Würde, welcher auch 
als Dichter glänzt, war 

David Abenatar Melo. 

Melo, gegen Mitte des 16. Jahrhunderts geboren, war mit einem 
klaren Geiste begabt und ein Mann tiefen Wissens. Mehr aus natür- 
licher Neigung , als durch die Erziehung dazu geleitet , widmete er 
sich , wie er selbst erzählt , früh der Poesie und übertrug einige 
Davidische Psalmen ins Spanische. Diese unschuldige Manifestation 
seines poetischen Talents führte ihn sehr schnell in die finstern, 
nur selten von einem Sonnen- und Lichtstrahl erhellten Kerker der 
Inquisition, wo er mit anderen Judaisirenden die grausame Folterung 



170 

ertragen rausste. Dort schmachtete er einige Jahre , bis er 
endlich, nachdem man seine Unschuld anerkannt halte, in 
Freiheit gesetzt wurde. Es geschah dieses i6H im Todesjahr der 
Königin Margaretha, der dieChronisten ausserordentliche Frömmig- 
keit beimessen , und welche den Auto-da-Fes mit vielem Ver- 
gnügen und grossem Wohlbehagen beiwohnte; sie starb bei der 
Entbindung und ihr kleiner Sohn folgte ihr bald in die Seligkeit. 

Wie zu erwarten steht, wandte Melo sofort dem Lande der 
Bedrückung den Rücken und arm und elend , an Leib und Geist 
gedrückt, folgte er seinen Genossen nach Amsterdam , wo er von 
den ihm vorangegangenen Brüdern freudig empfangen wurde. Die 
Inquisition war ihm, wie er in der Vorrede zu seinen Psalmen be- 
kennt, gevvissermassen eine neue Schule, sie ertheilte ihm neue 
Unterweisung in der Erkenntniss Gottes. 

David Abenatar bekleidete in seinem neuen Wohnsitze die 
Würde eines Synagogenleiters. Gleichzeitig wirkte er an der Aka- 
demie de los Pintos ^^*). 

Kaum war Melo seinen Quälern entronnen und von seinen 
früheren Leiden ein wenig zu sich selbst gekommen , so fasste er 
den Entschluss zum Lobe Gottes und zum Heile seiner die Sprache 
des feindlichen Heimathlandes redenden Brüder eine vollständige 
PsalmenUbersetzung zu liefern. In der Vorrede zu derselben macht 
er uns mit den Gründen bekannt, welche ihn zur Bearbeitung be- 
wogen. »Wenn wir in unserer Betrübniss und bei unseren Leiden 
noch singen können, so wollen wir die Lieder singen, welche uns 
Trost bieten und Lob unserm Herrn. Wir legen die Eitelkeit an- 
drer eitler Schriften ab, lassen Komödien und Romanzen den Män- 
nern der Fremde, und behalten uns, was uns eigen ist, was in 
den Leiden das Wohl des Innern befördert. Sollten die Verse, 
welche ich Dir biete, geliebter Leser, hinter den lieblichen der 
übrigen Dichter zurückstehen, so lass Dich nicht ermüden, lies in- 
zwischen Besseres, es kommt eine Zeit, v>o auch nach meinen 
schlechten Versen Du greifst. Ich bin kein Dichter, habe nur wenig 
von der Kunst gelernt — meine Verse können ja kaum für solche 
gelten , sie wollen auch nicht gemessen , nicht nach Sylben abge- 
tbeilt, sie wollen gefühlt werden , sie haben Etwas von jener 
natürlichen F^infachheit, welche mich in meiner Jugend, als ich die 
Regeln der Kunst lernte, beglückt und mich auch in meinem Alter 
nicht verlassen hat«. 



171 

Das von Selbstverleugnung und Bescheidenheit zeugende Ur- 
theil, welches Melo Über seine Ueberselzung fallt, steht von dem 
wahren Verdienste weit ab. Melo ist der Gefühlsdichter in der 
wahren Bedeutung, als solcher erscheint er in seinen Dichtungen. 
Er übersetzte wie ein anderer, der den deutschen .luden die erste 
üebersetzung der Lieder des königlichen Siingeis lieferte, wie Moses 
Mendelssohn, nicht in der Ordnung, nach einander weg, sondern 
er wählte immer einen solchen Psalm, der ihm gefiel, mit der Lage 
seines GemUths Übereinkam , ihn bald durch seine Schwierigkeit, 
bald durch seine Schönheit lockte. 

Die Üebersetzung Melo's, dieses »traductor harmonioso del 
Psalterio misterioso«, wie ihn Barrios^^^) nennt, ist in dem 1693 
zu Amsterdam erschienenen 30 Seiten starken Catalog der Biblio- 
thek des R. Samuel Abas S. 19 verzeichnet*^) und führt folgen- 
den, etwas sehr langen Titel : 

»Die 150 Psalmen David's. In spanischer Sprache, in verschie- 
denen Reimen, von David Abenalar Melo. In Aehnlichkeit 
mit der wortgetreuen Üebersetzung von Ferrara, mit einigen 
Allegorien des Verfassers. Gewidmet an D. B. und an die 
heilige Gemeinde Israels und Judas, jetzt zerstreut auf dem 
weiten Erdenrund. Auch ist beigefügt die Berachah dessel- 
ben David und der Gesang Moses'. Franquaforte (Frank- 
furt) im Monat Elul 5386 = September 1626« '»*). 

Sonderbar ist, dass Melo seine Psalmen in Frankfurt (am Main) 
drucken Hess ; es führt uns dieses auf die Vermuthung , dass er 
auf seiner Reise nach Amsterdam seinen Weg durch diese Stadt 
genommen und sich eine Zeil lang dort aufgehalten habe. Aehn- 
lich finden wir, dass ein aus Spanien vertriebener Lutheraner 
Cassiodoro de Reyna sich nach Frankfurt geflüchtet und seine 
spanische Bibelübersetzung aus Dankbarkeit für das ihm verliehene 
Bürgerrecht dem dortigen Senat gewidmet hat'^). 

Ehe wir auf das lange Zeit verkannte Werk unseres Dichters 
selbst näher eingehen, verweilen wir erst einen Augenblick am Ein- 
gange. Melo widmete seine Psalmen, wie der Titel besagt, seinem 
besten Freude , der ihn in den Kerker begleitete , dort ihm zum 
Trost und zur Hoffnung ward, alle Qualen und Marter hat ertragen 
helfen, dem D. B., dem Dio Benigne, dem ihm, wie Jedem gütigen 
Gotte. 



172 

Kenntnisslos, doch voller Eifer 
Räche ich an Jenen mich ; 
Meine Hand ergreift die Feder, 
In des Wermuths Kelch getaucht. 

Wohl ist nur winzig der Versuch, 
Wohl das Gemäld' nur matt, 
Denn es hat des Schmerzes Farbe, 
Eine schwarze, schwarze Farbe. 

Dir, Herr, will ich es widmen. 
Dir, o Herr, will ich es weihen ; 
Wie Du weisst, ist's nur der Eifer 
Deiner Liebe, was mich spornt. *) 

Dass Melo seine Leidenszeit, an welche er durch seine zerrüt- 
tete Gesundheit nur zu oft erinnert wurde, nicht so leicht vergessen 
konnte und sein Lebenlang an das lichte Spanien mit seinen schwar- 
zen Folterbänken zurückdachte, ist begreiflich. Wie er nun aus 
den Liedern , wo die Natur gleichsam Ton und Stimme bekommt, 
die Elemente sprechen, die Laute des allgemeinen Lebens sich in 
freier Harmonie der Anbetung widmen, Trost, Beruhigung und 
Hoffnung schöpfte, wie seine Seele von dem die Psalmen durch- 
wehenden, allbelebenden Hauch der Geschichte zum religiösen 
Entzücken emporgehoben, Vergangenheit mit einander und mit der 
Gegenwart verglich, wie er den schlummernden, besseren, glück- 
licheren Zeiten seiner Brüder entgegenlächelte, so waren es auch 
seine Psalmen, in denen er den ganzen Hass und Grimm gegen 
seine unmenschlichen Quäler, gegen die »nach Blut lechzenden 
Wölfe«, wie Menasse ben Israel sie bezeichnet, niedergelegt hat. 



Con tu celo, mas sin sciencia, 
Per darles vergüenza ä ellos, 
Tomö en la mano la pluma, 
Mojada en mis descontentos. 

Hice este pobre rasguno 
En este lienzo pequeiio, 
Encolado con mis males 
Que son de color de negro. 

A ti, Senor, lo encamino, 
A ti, Senor, te lo ofrezco ; 
Pues conoces que nie incita 
De tu amor ardiente celo. 



173 

Melo's üebersetzung ist daher noch etwas mehr als eine blosse 
Uebersetzung, er mischte in viele Psalmen seine Leidensthränen und 
schob nicht wenigen Stellen seine eigenen Schmerzensergiessungen 
ein. Jenes RachegefUhl, welches ihn so oft überwältigte und seiner 
zitternden Hand die Feder führte, überhob ihn bei seiner üeber- 
setzung der Genauigkeit und der beabsichtigten wörtlichen Treue. 
So liefert er in dem 30. Psalm ein schönes Bild der Tortur: 

Aus des Kerkers Dunkel, 
Aus der harten Inquisition, 
Aus des Löwen Willkür 
Hast Du, Herr, mich befreit. 
Heilung gabst Du meinen Leiden, 
Weil Du Busse fandest. 
Meinen Ruf hast Du erhöret, 
Besserung ich Dir gelobte, 
Wenn von dort Du mich erlöstest . 
Du zeigtest Deine Wunder mir, 
Vernichtung meinen Quälern. 
Da fast vernichtet ich schon war, 
Hast die Peiniger Du verscheucht. 
Da ich gespannt auf harter Folter, 
Als ob Mörder ich des Nächsten war'. 
Da löste sich der Knoten mir, 
Erstarrt und ohne Athem schon, 
Den Blick gewandt nach oben. 
Ich hatte geschrieben imd verzeichnet, 
Gestanden Alles, was sie wollten. 
Versprochen Alles, was ich hatte. 
Aus dieser dunkeln Mördergrube 
Hast Du voll Güte mich befreit, 
Durch Dein Geschenk in meine Seele 
Ein neues Leben ward gehaucht. 
In Freude hast Du meine Trauer 
Also mein Gott verwandelt. 
Die Kraft, die in Dir wohnet, 
Ward herrlich offenbaret. *) 



Nel infierno metido 
De la Inquisicion dura 
Entre fieros leones de albedrio, 
De alli me has redimido, 
Dando 6. mis males cura, 
Solo porque nie vistearrepentido. 
Llam6, de ti fuf vido, 
Enmienda prometvendo 
Si de allf me sacases etc. 



174 

Besonders ein Gedanke ist es, welcher Melo neben seinem un- 
begrenzten Hass gegen seine Quäler erfüllt, ein Gedanke, der ohne 
dass man es erwartet, wie ein Blitz durchfährt: die glückliche 
Messiaszeit, wo Israels Häuflein nicht mehr geknechtet, gedrückt, 
gefoltert und vertrieben, wo Gott in seiner Einheit als der Alleinige 
von den Bewohnern der ganzen Erde wird erkannt werden. 

Schön singt er in dem 78. Psalm , der Israels Geschichte von 
Jacob dem Vielgeprüften, dem kräftigen Kämpfer und Gottesstreiter 
bis auf die spätesten Zeiten mit allen Vergehen und Heimsuchungen 
vorführt : 

Errette uns von dieser Qual, 
Dann werden wir zu Deinem Tempel wallen, 
Dann wird auch unser Lob zu Dir, o Gott, erschallen, 
Dann werden Fürsten mit Geschenken nahen. 
sah' ich erst vernichtet jene Classe, 
Die gegen Dich im blinden Hasse 
Sich zu verschwören unterfängt. 
Vollführ' in unseren Tagen, 
Wie Du es hast versprochen, 
-Vollende das begonnene Werk! 
Send' Deinen Messias, 
Send' Deinen gesalbten Königssohn, 
Dein Haus erbaue wieder ! 

Dergestalt liefert uns die Psalmen-Uebersetzung Melo's nicht 
allein wichtige Notizen über sein eigenes Leben und die damaligen 
Zustände seiner Glaubensgenossen , sondern eröffnet uns auch die 
geheimsten Falten seines Herzens und macht uns mit den tiefsten 
Gefühlen seines Innern bekannt. Das Bild des Glaubensgerichts, wel- 
ches Vermögen , Freiheit und Leben eines Jeden in Händen hatte, 
Rache, Verwünschung und Messiaszeit füllten die Seele unseres 
Dichters. Seine Uebersetzungen gelten, wo sie bloss solche sind, für 
ausgezeichnet, und obz war Melo, wie er selbst bekennt, die Regeln 
der Poesie nicht kannte, stehen seine Dichtungen denen desHerrera, 
dem von seinen Zeitgenossen der Name »der Göttliche« beigelegt 
wurde, nicht nach. Werk und Dichter waren von den spanischen 
Kritikern und Literatoren lange gänzlich verkannt und vernach- 
lässigt, und sind erst in neuerer Zeit durch de los Rios' Verdienst 
wieder gewürdigt worden. David Abenatar Melo war ein Dichter 
des Gefühls , der Natur und verdient die Beachtung aller Freunde 
der spanischen und spanisch-jüdischen Literatur. 



175 

Aus der ziemlich verbreiteten Familie Melo werden uns be- 
sonders zwei Glieder genannt : 

Enianuel Abenatar Melo*®*'), ein »ceiebre Jazan«, Vor- 
sänger, zuerst in Rotterdam, nach dem Tode Ephraim Abrabanel's 
nach Amsterdam berufen. Er lebte zur Zeit Daniel Levi de Barrios 
welcher ihn besmgt : 

Emanuel Abenatar Melo, 
Mit der Kraft seines Gesangs 
Ganz Melodie, 
Bewegt zur Melancholie. *) 

Abraham Abenatar Melo*®'^), vielleicht ein Neffe oder 
Sohn unseres Dichters , studirte , um einen Ausdruck unserer Zeit 
zu gebrauchen , jüdische Theologie in der Akademie Kether Schem 
Tob zu Amsterdam. 

Gleichzeitig mit unserem Dichter David Abenatar Melo lebten 
noch einige andere Musensöhne. Wir nennen : 

Antonio Alvares Soares*^). 

Er kam aus Spanien nach Amsterdam und verfasste zur Ein- 
weihung des ersten von Jacob Tirado in dieser Stadt gegründeten 
Gotteshauses »Beth Jacob« eine Silva. Barrios, welcher seine »vor- 
trefflichen, verschiedenartigen Poesien« im Manuscript besass, 
nennt ihn den »berühmten Dichter«. Der von Barrios mitgetheilte 
Vers**) trägt keine Spuren der gerühmten Vortrefflichkeil. 

Paul de Pina (Rohel Jeschurun) *®^) 
wurde zu Lissabon geboren und scheint für den geistlichen Stand 
bestimmt gewesen zu sein. 1599 trat er eine Reise nach Rom an, 



Emanuel Abenatar 
Melo, todo meiodia, 
Quiebra h la melancolia 
Con la fuerga del cantar. 

Cayö el dezimo dia del maduro 
Septimo mes, y el sol en la balanga 
Cinco rail y trecientas y cincuenla 
Y siete vezes, quando el pueblo puro 
En dia de Kipur, halla propicia 
La clemencia del cielo, y la justicia 
De la tierra, qiie admite el judaisntio 
Luz de la ley, y es panto del abismo. 

La primer Synagoga Amstelodama etc. 



176 

um dort in ein Kloster einzutreten. Sein Vetter Diego Gomez Lo- 
bato, auch Abraham Cohen Lobato genannt, gab ihm ein Em- 
pfehlungsschreiben an den damals noch in Livorno wohnenden, 
spätem Leibarzt der Maria de Medici, Doctor Elias Montaito folgen- 
den Inhalts : 

»Unser Vetter Paul de Pina geht nach Rom, um Mönch 
(Frayle) zu werden. Ew. Wohlgeboren würden mich sehr ver- 
binden, wenn Sie ihn davon abhielten. 
Lissabon den 3. ApriH 599. 

Diego Gomez Lobato, « 

Montaito brachte den jungen Geistlichen von seinem Vorhaben ab 
und führte ihn dem Judenthume , welchem er durch die Geburt 
angehörte, wieder zu. Der jetzt Rohel (Rguel) Jeschurun sich nen- 
nende Pina kehrte nochmals nach Portugal zurück und begab sich 
nach kurzem Verweilen mit Lobato nach Brasilien und von da 
1604 nach Amsterdam. 1614*^'') entwarf er die ersten Bestim- 
mungen zu einer Begräbnissordnung und verfasste 1624 in portu- 
giesischer Sprache einen Dialog »de los sieteMontes (über die sieben 
Berge)«, welcher in demselben Jahre in der Synagoge Belh Jacob 
von Abraham de Fonseca (Sinai), Isaac Cohen Lobato (Sion), Joseph 
de Pharo (Hör), Moses Gideon Abudiente (Nebo), David de Fonseca 
(Gerisim), Doctor David de Haro (Carmel), David Belmonte (Seir), 
Josua Ulloa (König Josaphat) aufgeführt worden ist. Der Dichter 
Barrios, welcher diesen Dialog in einem Sonett besingt*^*), theilt 
ein Stück (17 Zeilen) aus dem Producte Rohel Jeschurun's in seinem 
Sammelwerke mit*^^). 

Eine Trauerbotschaft brachte Paul de Pina nach Amsterdam, 
welche alle Gemüther betrübte und verschiedene Männer in poeti- 
sche Klagen ausbrechen Hess. Diego de la Assencion hatte den 
Märtyrertod erlitten ! 

Diego de la Assencion, ein Franciscaner, war nach vielem For- 
schen in den heiligen Schriften zu der Ueberzeugung gelangt, dass 
das mosaische Gesetz , in welchem seine Väter erzogen waren, 
einzig und allein das wahre sei ; er erklärte öffentlich, dass nur in 
dem Glauben seiner Väter auch er der Seligkeit theilhaftig werden 
könne. 1601 wurde er seiner Lehre wegen von der Lissaboner 
Inquisition in Haft genommen. Die Theologen gaben sich alle er- 
denkliche Mühe, ihn ihrem Glauben wieder zuzuführen, aber Diego 



177 

blieb standhaft bei seinen Aussprüchen, widerlegte die Geisllichen 
mit Stellen aus der heiligen Schrift und erklJirte ihnen zu ihrer 
Beruhigung, dass er noch viele Mönche kenne, welche seine 
Glaubensmeinung theilten und nur aus Furcht, gleiches Schicksal 
mit ihm zu erleiden, sie nicht laut werden Hessen. Diego de 
la Assencion wurde am 3. August 1603 lebendig verbrannt. Mit 
ihm bestieg die für ihren Glauben sich heldenmUthig opfernde Ta- 
mar Barrocas den Scheiterhaufen ^^^). 

Den Tod dieses Märtyrers besang 

David Jeschurun *^*) . 

Er war vor der spanischen Inquisition nach Amsterdau) ge- 
flüchtet und bei der Einweihung des mehrfach genannten »Beth 
Jacob« zugegen. Weil er von Jugend auf fleissig und geschickt 
dichtete, wurde er von seinen Zeitgenossen »Po(Ha nino, der kleine 
Foetc genannt. Seine Gedichte befanden sich handschriftlich im 
Besitz Benjamin Belmonte's in Amsterdam ; aus diesem Manuscript 
hatBarrios verschiedene Sonette in seinem Sammelwerke mit auf- 
genommen. 

Als David Jeschurun den Ort seines Reiseziels, das prächtige 
Amsterdam erblickte, war er so begeistert, dass er folgenden 
Lohgesang auf Gott anstimmte : 

Wir preisen heilig, heilig, heilig Dich, o Gott ! 
Dich, mächtiger Adonai Zebaolh ! 
Es soll mein Geist Dich würdig hoch erheben, 
Beständig mein Gesang für Dich gen Himmel streben. 

Dir Dank — von aller Unbill frei in dieser Stunde, 
Vom Schiffbruch, Sturm, gerettet aus dem Schlünde, 
Bewundert nun mein Aug' die Krön' von allen Städten, 
In Blüthe, Amsterdam, nach feindlich herben Nölhen. *) 



*) Te Deuni lau da mos Sancto,Sancto, Sancto 
Adonay Zebaot Omnipotente, 
Mi anima refiera pronlamenle 
Con el Celeste 6 incessable canfo : 

Pues sin perdida alguna, y sin cspanlo 
Naufragio, lempeslad, o olro accidente, 
Mirän mis ojos ä Amsterdam presente, 
Libre de golfo, y de enemigo tanlo. 

Kayserliug, Sephai-dim, i 2 



178 

Ergriffen tief von Gottes Offenbarung, 
Erkennt mein Geist aus täglicher Erfahrung, 
Dass, wer auf Dich vertraut, 
Fest wie auf Felsen baut. *) 

Ausser der in portugiesischer Sprache verfassten Elegie auf 
Diego de la Assencion theilt Barrios ein Sonett Jeschurun's auf die 
Beschneidung mit. 

Wie David Jeschurun und Barrios *^^) beklagte den Tod des 
Franziscaners 

Ezechiel Rosa*^*), 
welcher früher den Namen Ruy Lopez Rosa führte. Die Sprache 
seines Gedichtes ist nicht ganz rein , und wie sich dieses auch bei 
dem Dialoge Rohel Jeschurun's bemerkbar macht , mit vielen por- 
tugiesischen Wörtern und I-.auten vermischt; doch ist ihm poetische 
Begabung nicht abzusprechen. Zu erwähnen ist noch, dass er die 
Wochen des Daniel astrologisch erklärte. 

Auch der Sohn Ezechiel's, 

Samuel Rosa, 
wird von Barrios, dessen Schwager »cunado« er gewesen ^^') , als 
Dichter genannt ^'*^). Auffallend ist, dass bei der Eleganz, welche 
von Samuel Rosa's unbekannten Poesien gerühmt wird , Barrios 
ein Gedicht für ihn verfasste^^^). 



Siebentes Capitel. 

Die Heldendichter: Jacob Usiel, Miguel de Silveyra. Abra- 
ham Goraez de Silveyra. Isaac Cardoso. Abraham Cardoso. 
Diego Beitran Hidalgo. 

Unter dem hellen Schein der Flammen der Inquisition halten 
sich die grossen Genien der spanischen Poesie: Cervantes, Lope 
de Vega , Calderon und der reformatorisch wirkende Gongora auf 
den Parnass geschwungen und in der sturmbewegtesten Zeit den 



*) Con notable, y divina semejan^a, 
Mi espiritu conoze la evidencia, 
De hallarte el que en li pone la esperan^a. 



197 

Höhepunkt erreicht. Die Literatur hielt mit der Geschichte des 
Landes gleichen Schritt. 

Wir haben gesehen , zu welcher Macht das spanische Reich 
unter dem zweiten Philipp gelangt war; Portugal und die Phi- 
lippinen gehorchten seinem Scepter, die halbe Welt gehörte ihm, 
Europa zitterte , Spanien bedrohte den ganzen Occident. 

Zu welcher Macht und Grösse hätte diese Monarchie nicht 
wachsen können, wenn ein Mann der Mässigung, kein Philipp auf 
dem Thron gewesen wUre? Durch seine Tyrannei erblickten wir die 
freien Niederländer in offenem Kampfe; Englands jungfräuliche 
Königin genoss das selige Vergnügen , die stolze unüberwindliche 
Flotte des einst sehr befreundeten Philipp in den Grund gebohrt 
zusehen; kein Feldherr konnte den Verfall länger aufhalten. Die 
Inquisition bereitete Feste für die Kirche und den Hof, wüthete, 
füllte die Gefängnisse, geisselte, confiscirte, verbrannte Juden und 
Lutheraner, Moriscos und Hugenotten, und wachte mit Argusaugen 
über Gedanken und Meinungen. Klöster wurden in Menge erbaut 
und Paläste mit Hunderten von Zimmern für die Mönche einge- 
richtet. Die geistliche Macht nahm mit jedem Tage zu und der 
Diener der Kirche gab es eine ungeheure Zahl. Misstrauen, Furcht, 
Verschlossenheit, Entsetzen lockerten die heiligsten Bande*, der 
Lebensmuth erstarb , die Zuversicht und Hofl'nung auf bessere 
Zeiten schwanden, das Volk war entnervt, und hatte die Spannkraft 
verloren. Alles strömte den Klöstern zu, um ein müssiges Wohl- 
leben führen zu können; das Land entvölkerte sich immer mehr 
und mehr; 800,000 Moi'iscos mussten den Boden verlassen und im 
üppigen Wachsthum überwucherte die Natur die sonst so sorgsam 
bestellten Aecker. 

Den Anfang des neuen Jahrhunderts hatte Philipp H. nicht 
erlebt. Nachdem ganze Schwärme von Läusen über fünfzig Tage 
sich von seinem Körper genährt hatten und die grässlichsten 
Schmerzen mit heroischer Standhaftigkeit von ihm ertragen wor- 
den waren, gab er am 13. September 1598 in seinem Escurial den 
Geistauf. Sein zwanzigjähriger Sohn , der dritte Philipp, bestieg 
den Thron. Er war gut und fromm , willenlos und schwach wie 
kein Regent Spaniens vor ihm. Hier hört die Geschichte der 
spanischen Monarchie auf. 

W^o die Geschichte aufhört, nimmt die Poesie ihren Anfang; 
wenn die Helden aussterben, verkünden Sänger und Dichter ihre 

12* 



180 

Thaten, um die kraftlos gewordenen, erschlafften Männer an den 
früheren Glanz und Ruhm zu erinnern, zu neuen Unternehmungen 
durch ihren Gesang zu wecken, mit einem Worte, wenn keine 
Helden mehr da sind, so entstehen die Heldengedichte. 

Zu den ersten dieser Heldengedichte gehören ausser dem Cid 
dieCarolea und der Carlo famoso ; beide besingen den Kaiser Carl V. 
und seine Kriegsthaten. Aehnlich wurden alle Männer aus der 
Glanzperiode der spanischen Geschichte, amerikanische Eroberer 
' und Feldherren früherer Zeiten behandelt, der alte Cid, Alphons X. 
und viele Andere von spanischen Dichtern gefeiert. Auch Ignazius 
von Loyola, der Vater einer mächtigen Nachkommenschaft, Xime- 
nez, der heilige Benedict, Columbus, Gonzalvo de Cordova, Joseph, 
Mariens Mann, die Jungfrau, Ferdinand Cortez, Pizarro und Andere 
hatten ihre Bearbeiter in Menge gefunden. 

Da traten auch jüdische Dichter mit jüdischem Gemüthe auf, 
um die Helden ihrer Nation zu besingen und den spöttisch und 
höhnend »Judiado« schreienden Spaniern zu zeigen, dass auch die 
jüdische Geschichte ihre Helden hat, Helden, welche den von 
ihnen besungenen an Tapferkeit und Kriegsruhm nicht nach- 
stehen. 

Es sind vorzüglich drei Männer, welche wir als Heldendichter 
in den Kreis unserer Betrachtung zu ziehen haben : Jacob üsiel 
und sein Heldengedicht «David«; Miguel de Silveyra mit dem 
»Macabeo« und Antonio Enriquez Gomez , den Verfasser des 
»Samson Nazareno«. Von Letzterem werden wir in dem folgenden 
Capitel reden. 



Jacob Usiel. 

Jacob Usiel stammte aus einer alten , weilverzweigten spani- 
schen Familie^""). Zwei Glieder derselben, Joseph und Schemtob, 
waren Schüler des letzten Gaon's von Castilien , des grossen 
R. Isaac Aboab, und hatten sich nach der Vertreibung in Fez 
niedergelassen'^"*). Ein Zweig der Usiel wandte sieh nach Amster- 
dam, wo R- Isaac, ein guter Mathematiker, hebräischer Dichter, 
vorzüglicher Prediger und Grammatiker, eine Akademie errichtete, 
aus der die bedeutendsten Gelehrten hervorgingen. Seine Enkel 
finden wir in Polen wieder ^"^). R. Samuel Usiel, der Sohn des 
nach Fez ausgewanderten Joseph , war Arzt und Rabbiner in 



181 

Saloniki, und Jehudah üsiel , der Verfasser von Homilien über 
einzelne Abschnitte des Pentateuch, BethHa-üsieii, lebte zu Venedig, 
woselbst auch unser Heldendichter wohnte '^'^^) . 

Jacob UsieP*"^) wandte die von seinem Berufsgeschafte als 
Arzt freien Stunden dazu an, ein Heldengedicht in spanischer 
Sprache zu schreiben, welches den Namen des göttlichen Psalmi- 
sten und frommen Königs an der Stirn trägt. Das aus zwölf Ge- 
sängen bestehende, 440 Seiten füllende Heldengedicht »David« ist 
in einem einfach gefälligen Stile geschrieben und eine sichtbare 
Nachahmung Tasso's^"^). Das Wenige, was wir über dieses, poeti- 
schen Geistes ermangelnde Product wissen, wollen wir unseren 
Lesern nicht vorenthalten. Der Doctor Jacob Usiel hat in dem 
9. Gesänge des David, in welchem er eine'Beschreibung des alten 
Spaniens gibt^**^"), den sonderbaren Einfall, einen spanischen 
Navigator bei dem königlichen Hof in Jerusalem einzuführen ; viel- 
leicht schickte Salomo seinen Steuereinnehmer Adoniram , dessen 
Grabmal man auf der Flalbinsel gefunden haben will, zum Gegen- 
besuch an den befreundeten Hof? Sollten denn schon damals die 
Spanier den mit reichen Schätzen beladenen Staatsmann Judäa's 
aus Fanatismus getödtet und ihm ein Denkmal mit Inschrift gesetzt 
haben? Doch davon erzählt Jacob nichts. 

Dieses Werk erschien zu Venedig 1624^*'®), in demselben 
Jahre, in welchem ein merkwürdiger Mann jüdischer Abkunft in 
Güimbra verbrannt worden ist. 

Antonio Hörnern ^"'^), das ist der Name dieses Märtyrers, wel- 
cher vielleicht zu der Familie der ersten portugiesischen Juden 
Amsterdams gehörte. Nachdem er in Coimbra , seiner Vater- 
stadt, seine Studien beendet hatte, erlangte er am 22. Fe- 
bruar 1592 die DoctorwUrde und machte schnell Carriere. Nach 
verschiedenen Aemtern wurde er 1610 Abend- und 1614 Früh - 
messenleser. Am 18. December 1619 wurde er jedoch gefäng- 
lich eingezogen , weil gegen ihn die Anklage erhoben worden 
war, Jude zu sein und das Judenthum gepredigt zu haben, 
und so wurde er am 5. Mai 1624, zu welcher Zeit man auch in 
Neisse einen Falschmünzer, weil er kein Christ war, zwischen 
zwei Hunden an den Beinen aufknüpfte '^"^j , lebendig verbrannt. 
Das Haus, in welchem Hörnern in der Strasse »dos oleiros« in 
Coimbra wohnte, wurde demolirt und über die Ruinen erhob ^ich 
ein Stein mit der Inschrift: »Praeceplor infelix«, aber die Postillen 



182 

dieses wegen seiner Weisheit sehr geschätzten Mannes und seine 
übrigen Schriften sind noch heute geachtet und handschriftlich in 
der Bibliothek des Grafen von Vimieiro vorhanden '^^^j. 

Auch Jacob Usiel j welcher 1630 auf Zante verschied, soll 
ausser einein ihm zugeschriebenen Werke ȟber die Traumdeu- 
terei«, nach einem Briefe des zur selben Zeit mit dem Dichter zu 
Venedig lebenden Rabiners Jacob Aboab an den für jüdische Bi- 
bliographie begeisterten ünger, noch verschiedene Manuscriple 
sowohl philosophischen als medicinischen Inhalts seinen Erben 
hinterlassen haben ^'"). 

Trefflicher als der »David «des Jacob UsielistdersMacabeo« des 

M i g u e 1 d e S i 1 V e y r a . 

In der portugiesischen Provinz Beira , welche besonders den 
geheimen , verkappten Juden als Aufenthaltsort diente , liegt ein 
kleines Dörfchen C elorico. So klein und unbedeutend es auch 
ist — es zählt heute gegen 1300 Einwohner, meistens Fabrik- 
arbeiter — , so bemerkenswerth und wunderbar erscheint es, 
wenn man es nach den Geistern misst, welche aus dem Dörfchen 
hervorgegangen sind. 

Anna de Fonseca , eine in den classischen Sprachen so sehr 
unterrichtete Dame, dass sie die »Sibylle ihres Jahrhunderts (si- 
billa do seu seculo)« genannt wird, und welche in einem eleganten 
Latein Homilien schrieb, wurde in Gelorico geboren^'*). 

Ein gewisser Martinho, ein Richter der Inquisition, dessen 
ehrenwerthes Geschäft es war, die mit »jüdischem Blut befleck- 
ten« Christen in einem 1619 zu Madrid erschienenen Foliobande 
zu vertheidigen , ging aus diesem Dorfe hervor und ward nach 
seinem Geburtsort de Gelorico genannt*^^). 

Rodrigo Mendez Sylva, der spanische Livius, der Phönix von 
Portugal, der königliche Historiograph, der wirkliche geheime Rath 
vonCastilien, nannte Gelorico seine Ileimath. Dieser Gelehrte und 
in spanischen Staatsangelegenheiten wohl Unterrichtete , der aber 
die lateinische, hebräische und griechische Literatur nie begrtisste, 
wie sein Landsmann Thomas de Pinedo^*^) von ihm rühmt, be- 
arbeitete, nachdem er lange genug für König und Reich geforscht 
und geschrieben hatte, gegen Ende seiner Tage als letzte Hinter- 
lassenschaft seiner historischen Untersuchungen — die Geschichte 
seines Dörfchens, seines ihm theuern Gelorico^**). 



183 

Auch Isaac Cardoso, der Arzt und Naturforscher, der Philo- 
soph und Dichter, der rüstige Kämpfer für Freiheit des Denkens, 
der geschickte Polemiker gegen fremde Verunglimpfung, der jüdi- 
sche Märtyrer, welchen wir demnächst kennen lernen werden, 
schaute von den anmuthigen Bergspitzen Celoricos zuerst das Son- 
nenlicht; auch er nannte Celorico seinen Geburtsort. 

In diesem Dörfchen erblickte auch unser Miguel de Silveyra, 
der königliche Sänger^ gegen Mitte des sechszehnten Jahrhunderts 
das Licht der Welt. Er hatte im spätem Alter und in der Beglei- 
tung seines fürstlichen Gönners seines Dörfchens nicht vergessen 
und ihm vom fernen Lande noch den Gruss gesandt ^*^). 

Ein Mann mit hervorragendem Geist und einer seltenen Ge- 
lehrsamkeit tritt uns in Silveyra entgegen. Kann man von einem 
Menschen sagen, dass er sein ganzes Leben hindurch studirt und 
geforscht hat, dass er unter allen Verhältnissen eifrig bemüht war, 
sein Wissen zu bereichern, so wird man dieses von unserem Dich- 
ter mit vollem Rechte behaupten können. Er studirte zuerst in 
Coimbra Philosophie, wandte sich alsdann nach Salamanca, wo- 
selbst er sich mit Cervantes , dem Glanzstern spanischer Poesie, 
zu gleicher Zeit aufhielt, und ohne den philosophischen Studien 
abhold geworden zu sein , sich mit der Jurisprudenz , der Medicin 
und der Mathematik beschäftigte, wie er in dem Vorworte zu seinem 
Macabeo selbsterzählt. »Aus Liebe zu meinem Vaterlande fasste iclu 
den Entschluss, den Macabeo zu schreiben. Ich war immer noch 
zu ängstlich, damit vor die OefFentlichkeit zu treten. Einiges Ver- 
trauen konnte ich viohl in meine, an den Universitäten Coimbra 
und Salamanca vierzig Jahre lang ununterbrochen gepflogenen 
Studien setzen, an welchen Orten ich Philosophie, Jurisprudenz, 
Medicin und Mathematik aus den Quellen studirte, aber selbst, 
nachdem ich zwanzig Jahre am Hofe seiner katholischen Majestät 
Vorlesungen über verschiedene Disciplinen der Wissenschaften und 
besonders über Poesie gehalten hatle'^*®], war ich immer noch 
nicht kühn genug, das Werk zu beginnen, ohne zuvor die gelehr- 
testen Männer Spaniens um Rath gefragt und die Approbation der 
ausgezeichnetsten Italiener eingeholt zu haben. Ihnen legte ich 
meinen Plan vor, ehe ich zur Ausführung schrilt. « Aus diesen 
einzelnen Zeitangaben lässt sich auf das hohe Alter schliessen, 
welches Silveyra erreicht haben muss. Sicherlich hat er nicht 
seine Studienjahre von seiner Geburt an gerechnet und nicht seine 



184 

Leseübungen schon ein Studium genannt, wie dieses in gewissen 
Gegenden Oesterreichs Brauch ist. Wir können also ohne Beden- 
ken zu den sechszig Jahren , welche sich uns aus seinen eigenen 
Miltheilungen ergeben, mindestens zehn Jahre hinzufügen und er- 
hielten somit ein Lebensaller von siebenzig Jahren. Sodann be- 
gleitete er seinen grossen Gönner D. Ramon Philipp de Guzman, 
Herzog von Medina de las Torres nach Neapel. Dort, auf italieni- 
schem Boden, fing er erst an sein grosses Werk, wenn auch nicht 
auszuarbeiten — eine solche Frische lässt sich unmöglich bei 
einem siebenzigjährigen Greise denken ! — so doch zum Drucke, 
für die Oeflenllichkeit vorzubereiten , ein Geschäft, das nament- 
lich in damaliger Zeit »auch nicht merklich förderte und so von 
der Hand sich schlagen Hess«. Seine Tage beendete er in Neapel, 
wo auch sein Macabeo^"^) gedruckt wurde, im Jahre 1636^^'^). 

Ehe wir den Macabeo und den Rang betrachten, welchen der 
Dichter in der Literatur einnimmt, wollen wir einige Worte über 
das religiöse Bekenntniss Silveyra's vorausschicken. 

Es bedarf wohl kaum einer Erwähnung , dass Miguel de Sil- 
veyra an den Universitäten Coimbra und Salamanca, in Madrid als 
Prinzen-Erzieher und in der Begleitung seines Herzogs keineswegs 
als Jude gelebt, ja wir bezweifeln sogar sehr, ob man in den hohen 
Kreisen seinen jüdischen Ursprung geahnt hat. In früheren Zeiten und 
auch theilweise noch jetzt scheint man diesen jüdischen Ursprung 
Silveyra's bezweifelt und in Abrede gestellt zu haben. So bemerkt 
Diez : »Wolf macht Silveyra zu einem Juden und beruft sich auf 
Miguel de Barrios. Er selbst (Barrios) scheint eben so wenig ein 
Rabbi gewesen zu sein, wofür ihn Wolf ausgibt, als Silveyra ein 
Jude gewesen ist. Wenigstens finden sich gar keine Beweise für 
diese Meinung«**^). Aehnliches oder vielmehr dasselbe sagt Tick- 
nor^^**), nur mit dem Unterschiede, dass er sich statt auf Wolf, 
auf den diesen übersetzenden und mit ungelehrten Noten und 
Irrthümern bereichernden Castro beruft. Der von dem ehrlichen 
Bibliographen W^olfcitirte Gewährmann Barrios könnte als genügen- 
der Beweis dafür gelten, dass Miguel de Silveyra Jude gewesen sei, 
da derselbe in seiner Abhandlung über die spanischen Dichter nicht 
Einen aufführt, der nicht jüdischer Abkunft gewesen. Als andres 
und in jeder Beziehung sicheres Zeugniss für Silveyra's Abstam- 
mung lassen wir den berühmten Kosmographen und Alterthums- 
forscher, dcnUebersetzer und Gommentatoren des Byzantiner Ste- 



185 

pbanus, Thomas (Isaac) de Pinedo, reden. Pinedo, welcher als Jude 
geboren und als solcher gestorben ist, erwähnt unseren Michael 
(Miguel) de Silveyra als seinen Verwandten — »cognitus nosler, 
qui pariter cum Epicis Hispaniae poetis in bicipile parnasso decer- 
lavit«^^*). Barrios und Pinedo sind nach unserem Dafürhalten 
beglaubigt genug, als dass man noch ferner über Silveyra's jüdi- 
sche Abkunft Bedenken tragen sollte. 

Und sollte das Werk selbst nicht noch Spuren seines jüdischen 
Geistes an sich tragen? Besang er nicht einen jüdischen Helden, 
den tapfern Makkabäer-Fürsten? Zu unserem Bedauern sind wir 
nicht in den Stand gesetzt ^^^) , die innere Entwicklung des Ge- 
dichts verfolgen und den darin herrschenden Geist erforschen zu 
können ; wir müssen uns auf die wenigen, aus sprachlichem Interesse 
von de los Bios mitgetheilten Proben beschränken. Auch aus den 
wenigen uns vorliegenden Stellen gibt sich ein wahrer Enthusias- 
mus , ein bewundernswürdiger Beichthum und eine lebhafte Ein- 
bildungskraft zu erkennen ; die Wärme des Gemüths steigert sich 
in seinem Gedichte zur Glulh und seine Phantasie ruft ihm alte 
Jugenderinnerungen wieder frisch ins Gedächlniss zurück. Ob- 
wohl Silveyra in Spanien und am spanischen Hofe lebte , Prin- 
zen und Fürsten auf ihren Beisen begleitete , sie und ihre Söhne 
unterrichtete, so war doch sein Gefühl und sein Herz zu Zeiten 
noch an jenem Orte, nach dem Juda's Söhne sich sehnen und des- 
sen Buin die durch die engsten Bande mit dem Heimalhslande 
verknüpften Juden täglich und nächtlich beklagen. Diese Sehn- 
sucht , diese in des Juden Brust wohnende Klage bricht auch bei 
Silveyra in Mitten des Siegestriumphes im elegischen Tone durch : 

Schauet jene Strassen, Felder, ' 

Wie verödet sind sie heut' ! 

Gibt's wohl einen Schmerzes-Melder, 

Wie ihn meine Feder beut ? *) 

Wie sein Stamm , wurde auch sein Werk oft verkannt und 
verschieden beurtheilt. Es gab nämlich eine ganze Menge Zeit- 
genossen , welche es unter ihrer Würde hielten , den Macabeo zu 
lesen, und sich bemühten, ihn dergestalt absolut in Misscredit und 



Mirad, cuantos pasais la inculfa via, 
Si puede haber dolor como mi pena ! 



186 

Verachtung zu bringen. Die Wenigen , welche aus der Schaar der 
Missgünstigen ihn lasen, konnten, wie das vorauszusehen war, an 
dem »Schwülstigen und Babylonischen seines Slils (lo hinchado 
y babilonico de su estilo)« keinen sonderlichen Geschmack finden. 
Die echten Kritiker jedoch, welche den Geist des Werkes erfassten 
und den Einfluss beachteten, den der Macabeo in der Republik der 
Wissenschaften machte, zählen Silveyra zu den vornehmsten, 
geistvollsten Dichtern und scheuen sich nicht, sein Gedicht den 
berühmtesten Epopöen anzureihen , es sogar der Iliade und 
Aeneide, diesen edeln Kunstwerken des Alterthums, gleich zu 
stellen. In dieser Weise lüsst sich besonders Anton io Enriquez 
Gomez, der erwähnte Dramatiker und Heldendichter , in dem 
Prologe zu seinem »Samson« darüber aus: »Es ist so schwer, sich 
auf die Gedankenhöhe eines Heldengedichts zu schwingen , dass 
unter allen Denen, welche diese Gedichte geschrieben haben, sich 
nur fünf den Lorbeer verdienten. Der erste war der Vater Homer 
mit seiner Odyssee; der zweite Virgil mit der AeneYde; Tasso der 
dritte mit seinem Jerusalem , der vierte der Portugiese Camo6ns 
mit der Lusiade und der Doctor Silveyra der fünfte mit dem Ma- 
cabeo. Jeder dieser fünf Meister hat eine besondre Eigenthüm- 
lichkeit : Homer ist göttlich, Virgil erhaben, Camoöns bewunderns- 
würdig, Tasso tief und Silveyra heroisch; er ist der Einzige, dem 
es gelungen, einen Heldencharakter und Heldenthaten in leichtem, 
fliessendem Stile zu besingen«. Wollen wir auch wohl gern ein- 
räumen, dassGomez, der Glaubensgenosse, den Macabeo ein wenig 
zu hoch gestellt und ihm einen Platz angewiesen, dessen der Dich- 
ter ihn wahrscheinlich selbst nicht würdig gehalten hat, so müssen 
doch auch die unpartheiischen und leidenschaftslosen Beurtheiler 
dem Gedichte Recht widerfahren lassen, und ihm wegen der vielen 
Schönheiten, trotz der nicht wenigen sich darin findenden Mängel, 
Beifall zollen '^'^^). Wir wollen die Stimmen der Männer hier nicht 
zählen, welche Silveyra Lob gespendet haben. Nennt ihn doch 
S.ylva, der oben erwähnte Freund und Landsmann »den berühm- 
ten, durch sein Heldengedicht wohl bekannten Sänger Europas ! «^^*) 
Feiert ihn ja der grösste Dichter der spanischen Literatur, Lope 
de Vega , als einen ihm ebenbürtigen Genossen ! Nur das Urtheil 
eines neuern Kritikers, Diez, wollen wir diesen noch hinzufügen. 
Diez, dessen Verdienst nicht so gering anzuschlagen ist, und der 
mit Umsicht und Sachkenntniss in früher Zeit den Deutschen eine 



187 

Geschichte der spanischen Literatur lieferte , sagt von dem Ma- 
cabeo: »Bei all' seinen Fehlern verdient er doch für eine gute 
Epopöe gehalten zu werden und Silveyra zeigt sich als einen 
wahren Dichter darinnen. « Was den Ruhm dieses Dichters 
und seines Werkes geschmälert haben mag, ist, dass auch Tasso 
dasselbe Sujet gewählt hatte, ehe er Gottfried zu seinem Helden 
machte. »Silveyra strebte den Tasso zu erreichen , aber Silveyra 
hatte nicht den Genius des Tasso. Er hat, es ist wahr, zwanzig 
Gesänge geschrieben wie Tasso , aber die Aehnlichkeit fehlt o^^*). 

Und doch zeigt sich Silveyra vollkommen seiner Aufgabe 
gewachsen , wenn man den innern Gang , die Verbindung und 
Verknüpfung des ganzen Kunstwerks betrachtet. Er macht 
sich des Ruhmes würdig, welcher ihm zu Theil ward; der 
Macabeo ist nach de los Rios' Kritik eins der plan- und regel- 
mässigsten Gedichte der spanischen Literatur. Freilich muss man 
von einigen unnöthigen Episoden absehen, welche die Action auf- 
halten und den Dichter in eine dem Leser beschwerlich fallende 
Breite führt. Wozu, um nur das Eine anzuführen , unterbricht er 
sich in dem fünfzehnten Gesang mit der Schilderung der Rüstung 
seines Gönners? Aber auch diese Breite und Schwülstigkeit ist 
nicht allein Silveyra's Fehler, viele seiner Zeitgenossen waren wie 
er davon befallen. 

Was den Inhalt des Macabeo betrifft, so ist es die bekannte 
Makkabäergeschichle, die berühmteste, die heroischste, die hervor- 
ragendste Zeit des jüdischen Staalslebens, es ist die Heldenperiode, 
welche durch die wahnsinnige Wuth des wahnsinnigen syrischen 
Königs hervorgerufen und in welcher der Muth der orientalischen 
Krieger so recht auf die Probe gestellt wurde. Silveyra erzählt in 
einer prächtigen Schilderung die unnennbaren Gräuel, welche von 
demWüthrich und seinen ihn an Grausamkeit übertreffenden Statt- 
haltern verübt worden sind. Lange ertrugen die armen Dulder alle 
Unbill mit der Standhaftigkeit, welche das jüdische Volk in allen 
Zeiten bewiesen hat; lange hielten sie ihre Wuth an, bis end- 
lich der siebenzigjährige Greis, der alte jugendlich feurige Vater 
mit seinen fünf ihm ähnlichen Söhnen bervorbricht — das Signal 
zum Kampf ist gegeben. Juda Maccabi, diese Feuerseele, der Held, 
welcher sein überall siegreiches Schwert nicht früher aus den 
Händen legte, bis er auf dem Schlachtfelde seinen Geist aufgab,:* 
tritt in den Vordercrund : das ist die Person , welche der Dichter 



188 

verherrlicht. Ihm reicht der Prophet, der trauernde Jeremias, ein 
Schwert von Gott geweiht zum Kriege gegen die Unterdrücker. 
So beginnt der Kampf, der die theuersten Pfander menschlichen 
Besitzes, Freiheit und Religion, Nationalität und Glauben erringen 
sollte, errungen hat. Schaaren verschiedener Völkerschaften, ver- 
schiedener Götter, verschiedener Gebräuche stellt der Syrerkönig 
zum Treffen : Alle kämpfen für ihren tyrannischen Herrn. Diesen 
gegenüber lagert die winzige Mannschaft Judas, von Einem Gedan- 
ken beseelt : Gott und Freiheit ist ihr Losungswort, ihr Glaube und 
ihr Tempel, ihr Alles, ihr einziges Gut, das Tyrannenmacht zer- 
stören und Tyrannenwuth vernichten wollte. Juda, der Held, ist 
der erste in jeder Schlacht. Lysias fällt, Nikanor fällt — auch 
Eleasar fällt unter dem Bauche des schweren Thieres, aber der 
Makkabäer siegt, erringt die Freiheit, stellt seines Gottes Haus und 
seines Volkes Zufluchtsstätte wieder her; er stirbt für den Glau- 
ben, stirbt für die Freiheit. 

Dieses der Inhalt des Macabeo, welcher noch lange zu den 
besten der Heldengedichte aller Literaturen wird gerechnet wer- 
den"«). 

Noch ein anderer Sil veyra wird als spanischer Dichter genannt : 

Abraham (Diego) Gomez deSilveyra. 

Jung an Jahren verliess er als Diego Gomez de Silveyra 
sein Vaterland, hielt sich längere Zeit in verschiedenen Städten 
Frankreichs und Hollands auf und nahm endlich in Amsterdam 
seinen Wohnsitz. Dort machte er die heiligen Schriften zu seinem 
Studium. Er war der scherzhaften, muntern Poesie »poesia jo- 
cosa« von Jugend an geneigt und veröffentlichte verschiedene 
Producte dieser Dichtungsart. Seine »Vexamen« (Satiren) sollen 
eine Nachahmung des Hieronymus Cancer sein und erschienen zu- 
sammen mit einigen Reden in Amsterdam 1676^^^^). 

Zur selben Zeit, als Miguel de Silveyra den jungen Prinzen 
am Hofe zu Madrid Vorlesungen über Geschichte und Poesie hielt, 
trat von Malaga aus ein Mann jüdischer Abkunft : 

Pedro Teixeira, 
dieser »bewährte Schriftsteller«, wie Menasse ben Israel ihn 
nennt "^) , eine grosse , wenn wir so sagen dürfen, wissenschaft- 
liche Reise an. Dem Studium der Geschichte ergeben, war er mit 
den Schriften des Procopius, Agathius, Genebrardus, Zonaras u. A. 



189 

innig vertraut und hatte keinen sehnlichem Wunsch , als andere 
Gegenden und andere Länder kennen zu lernen. So bereiste er 
die ganze spanische Küste längs des mittelländischen Meeres, 
Persien bis nach Indien hin. Als Frucht seiner Wanderungen eilt 
das auch in andere Sprachen übersetzte spanische Werk »über die 
Könige von Persien und Harmuz« und »die Reise von Indien bis 
nach Italien«. Dass Teixeira sein Reisewerk in Antwerpen (16-10), 
wo er auch starb, drucken Hess, führt uns auf die Vermuthung, 
dass auch er vor seinem Tode zum Judenthume zurückgekehrt sei. 
Der Umstand , dass Barrios den Weltreisenden in seiner Relacion 
de los Poetas aufgenommen hat^^^) , bewog uns, seiner an diesem 
Orte kurz zu gedenken. 

In dem Dörfchen , in welchem Miguel de Silveyra das Licht 
der Well erblickte, in Celorico, wurde auch der bereits erwähnte 

Isa ac Gardoso 

gegen Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts von jüdischen Eltern 
geboren. Hier verlebte er als Fernando die schönen Tage seiner 
Kindheit, frei und sorglos , noch nicht ahnend, welcher Kummer 
die Herzen seiner Eltern beschlich , ohne zu verstehen die liefen 
Seufzer, welche ihrem Innern entsrömten, ohne zu begreifen, wai- 
um sie ihren Gott nicht so laut, so offen verehrten und anbeteten ; 
hier legte er auch den Grund zu seiner spätem Berühmtheit. Mit 
eminenten Anlagen versehen , wurde er früh zum Studium be- 
stimmt: Philosophie, Medicin und Naturwissenschaften bildeten 
den Kreis seiner geistigen Thätigkeit an der spanischen Universität 
Salamanca, und was er in den genannten Fächern geleistet, das be- 
kunden seine Schriften, seine nur zu selten gewordenen Werke. Das 
Studium, welches er, wie man heute zu sagen pflegt, zu seinem 
Fache und für sein Brod wählte, war die Kunst, die wir die jtidi- 
.sche par excellence nennen möchten, die Medicin. War und ist die 
jüdische Nation, welche die Vorsehung sich herangebildet, sich er- 
zogen und wunderbar geleitet hat, von ihr zugleich im Allgemeinen 
berufen, die ihr einzig und allein geofl'enbarle Lehre unter den 
Völkern zu verbreiten , somit Trägerin , aber auch Dulderin seines 
Erbtheils zu werden ; konnte ein jüdischer Platoniker mit vollem 
Rechte von diesem Volke sagen, dass demselben das Prophetenlhum 
für das ganze Menschengeschlecht anvertraut worden war, und 
seine Mission hat wahrlich noch nicht aufgehört! so glauben wir 



190 

mit demselben Rechte behaupten zu dürfen, dass die Juden im Be- 
sondern waren auserwählt worden , wie der Seele die geistige 
Speise der Erleuchtung, so auch dem kranken Körper Heilung zu 
bringen, als Äerzte sich an den Höfen aller Grossen, wie in den 
verfallensten Hütten Eingang zu verschaffen , und es gibt kein 
Land , wo nicht jüdische Aerzte als Meister dieses so hohen gött- 
lichen Berufs geschätzt und geachtet gewesen sind. Wir haben 
gesehen , dass in den frühesten Zeiten die jüdischen Leibärzte an 
den spanischen Höfen die wichtigsten Rollen spielen. Franz L 
wollte nur von einem Juden geheilt sein. In Frankreich und Italien, 
in Deutschland und der ßerberei gelangten die Juden als Aerzte zu 
den höchsten Würden. An Austreibung und Verbannung gewöhnt, 
konnten sie ja ihren Meisterbrief, ihr allenthalben gültiges Creditiv, 
als einen sie äusserlich nicht beschwerenden Schatz allenthalben 
mit sich führen. Die Medicin ist die jüdische Kunst bis auf den 
heutigen Tag geblieben, wie denn auch die hohen Regierungen 
der deutschen Länder unablässig in der «wohlwollendsten Ab^ 
sieht« für die Vermehrung der jüdischen Aerzte sorgen. Unsere 
Jünger der aesculapischen Kunst können stolz sein auf einen Ge- 
nossen wie Isaac Cardoso es war. 

Mit einer Schrift »über den Vesuv, berühmt durch seine Ver- 
wüstungen und durch den Tod des Plinius, den wunderbaren 
Brand im Jahre 1631 *) , über seine natürlichen Ursachen und den 
wahren Ursprung der Erdbeben und Stürme« eröffnete er 1632 
seine literarische Laufbahn , zu welcher Zeit er sich auch als Arzt 
in Valladolid niederliess. In dieser Stadt üble er einige Jahre seine 
Kunst mit solchem Glücke, dass er bald darauf als Oberarzt (phy- 
sico mor) nach Madrid , dem spanischen Athen , wie es zu jener 
Zeit genannt wurde, berufen ward. Seine Geschicklichkeit wurde 
an diesem Orte bald allgemein anerkannt und man gab ihm das 
Zeugniss , dass die von ihm angeordneten Mittel nie ihre Wirkung 
verfehlten. Die ersten Jahre seines Aufenthalts waren sowohl prak- 
tisch, wie auch literarisch grösstentheils der Medicin gewidmet; 



*) IraDecember 1631 erfolgte einer der stärksten Ausbrüche des Vesuvs, 
welcher seit 1500 ruhig gewesen war. Der Krater warf eine solche Menge 
Asche aus, dass sogar in Constantinopel davon niedergefallen sein soll. 3000 
Menschen verloren durch diese Eruption das Leben. 

Schnurrer, Chronik der Seuchen ^Tübingen 1824) II, 172. 

Vergl. auch Roth, der Vesuv (Berlin 1857) 10 ff. 



191 

so erschien 1633 sein kosmographischesWerk Ȇber den Ursprung 
der Welt«, 1634 seine mit geschichtlicher Einleitung und Anmer- 
kungen versehene Schrift »de Febre syncopali«, in welcher er mit 
einer neuen Theorie auftrat. Dieser folgte im darauf folgenden 
Jahre das Werk »über die grüne Farbe, das Symbol der Hoffnung, 
das Zeichen des Sieges«, welches er der Dona Isabella Enri- 
q uez , von der später noch die Rede sein wird, zueignete. 

In demselben Jahre lernen wir Gardoso von einer neuen Seile 
kennen , Cardoso als Leichenredner. Seine Rede auf den Tod des 
grössten, wegen seiner unglaublichen Fruchtbarkeit fast vergötter- 
ten spanischen Dichters Lope de Vega Carpio wurde dem Herzoge 
von Sessa, welcher bekanntlich die Manuscripte Vega's geerbt, 
dafür aber auch die Verpflichtung übernommen hatte , die Zierde 
der spanischen Literatur in einem prächtigem Aufzuge zur Erde 
zu bestatten, gewidmet. Wir wissen nicht, in welcher Beziehung 
Cardoso zu dieser spanischen Coryphäe stand — vielleicht war er sein 
Leibarzt — und wären nicht abgeneigt, den Berührungspunkten 
nachzuspüren, welche zwischen Lope de Vega und der Geschichte 
der Juden sich auffinden Hessen. Zur Charakteristik dieses seit Jahr- 
hunderten gefeierten, als bekannt vorausgesetzten Mannes möge 
hier erzählt werden, dass er, der schwelgerischen Liebe zu seiner 
Donna endlich müde, ernstlich an die Religion dachte, an frommen 
Werken Gefallen fand , fromme , in den Strassen von Madrid noch 
heute von den Bettlern abgesungene Lieder verfassle und sodann 
als Geistlicher, treuer Diener und Freund des Santo Officio wurde. 
Lope de Vega, der Verfasser von 500 Komödien, -der Dichter des 
eroberten Jerusalems , der frühere Sänger ausgelassener Liebes- 
lieder, der trostlos war Über den Verlust eines ihm früh entrissenen 
unehelichen Kindes — präsidirte bei dem Acte eines Auto-da-Fe, 
wo ein dreierlei Verbrechen wegen angeklagter Elender aus Cata- 
lonien den Feuertod erleiden sollte und auch erlitt. Der Unschul- 
dige, welcher nur einmal und dazu in einem taumelnden Zustande 
dem Priester während der Messe die Hostie entriss und sie in 
Stücken zerschlug, behauptete männlich seine Unschuld, aber 
der Präsident des heiligen Tribunals bewies ihm , dass er Luthe- 
raner und Calvinist zugleich sei und noch dazu von einer Mut- 
ter stamme, die Jüdin gevvesen. Diesen letzten Anklagepunkt 
konnte er gewiss nicht in Abrede stellen, und so sah das Madrider 
Publicum an einem kalten Januartage unter Zusaramenlauf der 



192 

wilden Metige , unter der sich auch der Hof befand, diesen son- 
derbaren Verbrecher öffentlich verbrennen. Lope de Vega, der 
Präsident, wurde später von einer fanatischen Melancholie ergrif- 
fen : er geisseile seinen abgelebten Körper so furchtbar, dass die 
Wände seines Zimmers mit Blutstropfen besudelt wurden und starb 
an Raserei am 25. August 1635 — ein jüdischer Arzt hielt ihm die 
Leichenrede. 

Der vielgesuchte Oberarzt von Madrid, geliebt vom Volke, ge- 
achtet von Fürsten, Herzögen und sogar vom Könige Philipp IV., 
dem er sein 1637 erschienenes Werk ȟber den Nutzen Schnee 
und Wasser kalt und frisch zu trinken«, dedicirte, in äusserm 
Glücke lebend, gab dennoch seine glänzende Stellung, seine könig- 
lichen Freunde endlich auf, weil er ihn nicht mehr ertragen konnte, 
diesen mehr als alle Folter quälenden, Innern Kampf, diesen sein 
Gemüth beständig beunruhigenden , seine Ruhe verscheuchenden 
Gedanken, vor seinem Gotte als Larventräger erscheinen zu müssen. 
Nicht das plötzlich über Gardoso einbrechende Missgeschick, nicht 
das jeden Schritt beobachtende, jedes Wort belauschende, jeden 
Gedanken erspähende Glaubensgericht, nicht die Inquisition, die, 
sei sie königlich oder kirchlich , sich immerhin die heilige nannte, 
führte ihn dem Judenthume wieder zu, sondern die freie Wahl, der 
Trieb seines innersten Glaubensquells, sein Herz, das nie aufgehört 
hatte, für die ihm angestammte Religion zu schlagen, die mit der 
Muttermilch eingesogene Liebe zu den Satzungen brachte den lang 
gehegten Entschluss endlich zur Ausführung Spanien und Madrid 
und Alles, was ihm in dieser Stadt lieb und theuer geworden, zu 
verlassen ; seitdem er einmal erkannt hatte, dass es des edeln Men- 
schen unwürdig sei, Wohlstand, Ansehen und Würde durch eine 
Beschränkung im Denken und Glauben zu erkaufen, höhere, immer 
neuen Reiz und neueWonne schaffende Gefühle dem äussern oft im Nu 
schwindenden Glücke zu opfern, konnte ihn nichts mehr an den Ort 
fesseln, der mit so vielen Auszeichnungen ihn überschüttet hatte. 
Nach Italien, diesem obwohl päpstlichen, aber in jener Zeit für die 
Juden doch so heimathlichen Lande , dass es gewiss nicht ohne 
Grund das jüdische Paradies genannt wurde, wandte Cardoso seine 
Blicke und wählte Venedig, die Stadt mit ihren reichen Juden, zum 
einstweiligen Aufenthalte. Hier angelangt , fiel mit den Schuppen 
von seinen Augen auch der Name Fernando. Freudig und willig 
Hess er die einzig und allein den Juden weihende Operation an 



193 

sich vollziehen und schmückte sich mit dem Namen des zuerst auf 
göttlichen Befehl durch das Bundeszeichen geweihten Juden. An 
dem Orte seiner Weihe und Wiedergeburt entstand auch 1 673 
unseres Isaacs treffliches, naturphilosophisches Werk unter dem Titel 
»Philosophia liberao^ in welchem er nach einerals Einleitung voran- 
geschickten Geschichte der Philosophie bis auf seine Zeit das ganze 
Gebiet der Naturphilosophie methodisch betrachtete und welches 
dem damals so mächtigen, mit Königen und Kaisern an Pracht und 
Glanz wetteifernden, die Juden ganz besonders schützenden'^^") Se- 
nate der Lagunenstadt von ihm gewidmet wurde. Italiens grosser 
Geschichtschreiber, Gregorio Leti , welcher von den zu jener Zeit 
grössten Mächten Europas , Frankreich , England und Holland , als 
solcher besoldet wurde'^^*), kannte Cardoso und thut des eben ge- 
nannten aus sieben Büchern bestehenden Folianten Erwähnung^^'*). 
Von Venedig wanderte er, aber erst in den letzten Jahren ^^') 
seines Lebens aus uns unbekannten Gründen nach der zu jener 
Zeit blühenden jüdischen Gemeinde Verona, und auch hier erwarb 
er sich den Ruf eines tüchtigen, in seinen Curen glücklichen Arztes. 
Was Cardoso als Arzt, Naturforscher und Philosoph geschrie- 
ben, was er auf dem Gebiete dieser verschiedenen Wissenschaften 
geleistet hat, haben wir im Verlaufe unserer Betrachtung, wenn 
auch nur durch die blosse Angabe der Werke erfahren , und wir 
haben nun noch sein letztes grosses Vermächtniss , welches seine 
Leistungen für Juden und Judenthum verwahrt, seine vorzügliche, 
sehr seltene Schrift »Excelencias y Calunias de los Hebreos« kurz 
ins Auge zu fassen. Diese ist, wenn wir richtig vermuthen , zur 
Abwehr gegen politische Bedrückung und jesuitische Verunglim- 
pfungen erschienen und insofern beruht ihr Entstehen auf geschicht- 
lichem Grunde. Mit dem 1676 gewählten, damals schon 66 Jahre 
alten, aber dennoch glühendenPapstlnnocenzIX. war ein schwerer 
Druck über die Juden Italiens gekommen. Innocenz war, wie der 
wohlbekannte, mit jüdischer Geschichte so vertraute Leo sich aus- 
drückt^^'*), »von der Würde des römischen Stuhls begeistert«, 
und die Jesuiten , diese ehernen Stützen und Träger des Stuhls, 
regten die Bevölkerung Italiens an allen Orten gegen die Juden 
auf. Gewöhnliche, den Charakter des finstern Mittelalters an sich 
tragende Beschuldigungen wurden auch damals — und Niemanden 
wird es Wunder nehmen, denn selbst die »Aufklärung unserer 
besseren Tage erstreckt sich noch lange nicht so weit«, dass diese 

Kayserliiig, Sephardini. 1 O 



— im — 

der menschlichen Vernunft Hohn sprechenden Anklagen ganzlich 
verklungen wären — gegen die arme Menschenclasse vorgebracht. 
Da sollten sie aus Mulhwillen , um sich gütlich zu thun , Heilig- 
thUmer schänden , unschuldige Kinder zur Augenweide martern, 
da sollten sie Brunnen vergiften, sollten treulos handeln gegen die 
ihnen Schutz gewährenden Fürsten, in ihren von Dank und bitte- 
rer Klage überströmenden Gebeten nicht den Segen des Himmels 
für ihre anders denkenden und anders glaubenden Mitmenschen 
erflehen, da sollten sie — und was nicht Alles? Was war nicht 
dem nur Hass und Verfolgung brütenden Gehirn jener schwärme- 
rischen Finsterlinge entsprossen? Tiefe und überraschende Ge- 
lehrsamkeit prägt sich in diesem Bosheit und Aberglauben zugleich 
bekämpfenden, grossartigen Werke aus; Gardoso verbreitet sich 
darin über die neuere und ältere Geschichte und entlehnt mit vieler 
Geschicklichkeit den heiligen Schriften dieWaffen, deren er in seinem 
Kampfe bedurfte. Das Ganze zerfällt wieder Titel auchschon besagt, 
in zwei Haupttheile, wovon jeder wieder in zehn Capitel zerlegt ist. 

Auf den Inhalt dieses von uns mehrfach benutzten Werkes hier 
näher einzugehen, kann unsere Absicht nicht sein. Es sichert sei- 
nem Verfasser für ewige Zeiten den Ruhm eines tapfern Vertheidigers 
seiner Glaubensgenossen und in der reichen von Philo eröffneten , 
noch nicht zum Ab^chluss gekommenen Literatur der jüdischen 
Polemik wird man nie vergebens nach dem Namen Cardoso suchen. 

Ein Jahr vor seinem Tode, welcher ihn aller Wahrscheinlich- 
keit nach in Verona ereilte^^®) — 1678 hielt er sich dort noch 
auf — erschienen seine gewiss nicht ohne Grund gerühmten »Ver- 
schiedenen Poesien (c'^^^j. Uns sind keine davon bekannt. 

Jacinto Cordeiro, dessen »Sieg durch Liebe« lange Zeit ein 
Lieblingsstück der Madrider Bühne war, hat unserem Doctor Isaac 
Cardoso in seinen »Lobliedern« und der berühmte Zacuto Lusi- 
tano^^'^), dieser Glanzstern seines Jahrhunderts, wie ein Krakauer 
Professor ihn nennt, seiner medicinischen Kunst ein Denkmal ge- 
setzt ^^^). 

Auch der Bruder Isaac's, 

Abraham Cardoso, 
welcher als Leibarzt des Dey zu Tripolis lebte und verschiedene he- 
bräische Werke verfassle, sollnachBarrios^^^) Dichter gewesen sein. 

Um dieselbe Zeit, also in der Mitte des 17. Jahrhunderts, lebte 
Diego Beitran Hidalgo. 



195 

Er stammte aus Murcia von jüdischen Eltern und war der Poesie 
ganz ergeben. Als Glossator der Volksdichtungen nimmt er in der 
spanischen Literatur einen Platz ein, und wir wollen nicht unter- 
lassen, von den wenigen uns bekannten Gedichten Hidalgo's einige 
mitzutheiien : 

Thränen, die solch' starren Sinn 
Nicht zur Rührung können bringen, 
Will ins Meer ich giessen hin, 
Weil sie aus dem Meer entspringen. 

Glosse. 
Wer ist, den der reinen Liebe 
Wünsche unerweicht gelassen? 
Der bei Zärtlichkeit im Hassen ? 
Der bei Seufzern hart und trübe ? 
Und bei Thränen thränenlos verbliebe? * 

Mir Unglücklichem allein 
Bleiben Wünsche ungewährt. 
Zärtlich Lieben unerhört ; 
Seufzer können nicht erweichen, 
Thränen ihren Zweck erreichen. 

Sehen oder sonst nicht sein. 
Wünscht das Herz, Du Trauter, mein, 
Lieber sehn und nicht mehr sein. 
Als sehen nicht und ewig sein. *) 



Lägrimas que no pudieron 
Tanta dureza a blander, 
Yo las volverö ä la mar, 
Puesquedela marsalieron. 

Glosa. 

De un amante enternecido 
Ruegosi qu6 no han ablandado? 
Ternezasi qu6 no han vencido? 
Suspirosi qu6 no han obrado? 
Lägrimas i qu6 no han podido? 

Solo en mi triste se vieron- 
Ruegos que no enternecieron, 
Ternezas que no importaron, 
Suspiros que no ablandaron, 
Lägrimas que no pudieron. 

Ono mirar 6 morir 
Decis, pensamiento, amando 
Mas vale morir mirando 
Que, no mirando, vivir. 



13^ 



i 



196 

Glosse. 

Zwei Momente ganz verschieden 
Birgt mein heiss ersehntes Glück, 
Jedes macht mich ganz zufrieden. 
Gern ums Leben möcht' ich sehen, 
Ohne sehen — gleich vergehen. 

Hast Du Augen recht zu w^ählen, 
Die allein den Mensch beseelen, 
Werden beid' zu Tod sich quälen, 
Denn das Leben für das Sehen, 
Ohne sehen — gleich vergehen. 

Kräftig und feindselig streiten 
Meiner Liebe zarte Seiten 
Glühend eine, wie die andre kalt. 
Diese trägt Entsetzen zur Gestalt, 
Jene meiner Sehnsucht Allgewalt. 

Todverkündend ist die Furcht, 
Zittern fasst mich durch und durch, 
Dass ich seh', ohn' zu vergehen, 
Dass ich lebe, ohn' zu sehen 
Den Trauten , den mein Herz mir wünscht. 

Was Du Schönste liebst zu sehen, 
War' es auch im Todtenkleid, 
Macht mich fröhlich voller Freud' ; 
Tod ist's, von Dir fern zu stehen, 
Und Verzweifking nicht Dich sehen. 

Ja, ums Leben möcht ich sehen, 
Denn wenn Schönheit untergehet. 
Ist's Gewinn zu sterben auch; 
Wenn man lebt, vergebens spähet, 
Ist das Leben Todes Hauch, 

Mit welcher Leichtigkeit und Gewandtheit Hidalgo dichtete, 
ist aus diesen wenigen Proben ersichtlich^*"). 



197 



Achtes Capitel. 

Menasse bell Israel. Opfer der Inquisition. Jonas Abrabanel. 

Joseph Bueno. Immanuel Nehemiah. Emanuel Gomez, 

Rosales u. A. David Zarphali de Pina. Antonio Enriquez 

Gomez, Villa-Real, Diego Enriquez Basurlo. 

In den ersten Monaten des 17. Jahrhunderts erblickte Calde- 
ron de la Barcas in Madrid das Licht der Welt. Er gehört zu den 
grösslen und fruchtbarsten Dramatikern der spanischen Literatur 
und ward der Vater einer Schule, aus der auch die Theaterdichter 
judischer Nation hervorgegangen sind. 

Wenige Jahre später (1604) wurde in Lissabon einer der 
ausgezeichnetsten MHnner, welche das Judenthum je aufzuweisen 
hatte, 

Menasse ben Israel 
geboren. W^r hätte seinen Namen nicht schon nennen hören? 
Wer bewunderte nicht diesen schaffenden Geist, diese liebens- 
würdige Persönlichkeit, diesen hervorragenden Gelehrten, all' die 
Vorzüge, welche dieser Mann in sich vereinte? Er war es, der 
seinem Jahrhunderte eine bestimmte Richtung vorzeichnete. Wollte 
man sich nach einer Persönlichkeit umsehen , der Menasse ben 
Israel an die Seite zu stellen wäre? Wir wüssten dem grossen 
deutschen Mendelssohn keinen würdigem Vordermann zu geben, 
als diesen spanisch-portugiesischen Juden und Menasse ben Israel 
keinen angemessenem Platz in der Culturgeschichte des jüdischen 
Volkes anzuweisen als zwischen den beiden Moses, zwischen Mai- 
mons-Sohn und Mendels-Sohn. 

Bleiben wir einen Äugenblick bei diesen beiden Bildnern ihres 
Volkes, den Männern des 17. und 18. Jahrhunderts stehen. 

Den Vorzug wird Mendelssohn vor allen Heroen der Wissen- 
schaft haben , dass er Alles , was er geworden , aus sich selbst 
durch unübertrefflichen Fleiss und staunenswerthe Ausdauer ge- 
worden ist. In einer Zeit, wo Alles, was nicht Talmud und Schrift 
hiess, bei den Juden in argem Misscredit stand, in einer Zeit, wo 
Bildung und Wissenschaft bei den Söhnen Israels noch blosse Namen 



198 

waren, wurde Moses Mendelssohn, arm und verlassen, in die Welt 
gestossen — ; im Kampf mit den grössten Mängeln errang er die 
schönsten Früchte des Wissens. 

Menasse ben Israel hingegen , aus einer alten spanischen Fa- 
milie entsprossen , von Haus aus reich , genoss eine seinen Ver- 
mögensumständen, seiner gebildeten Heimath angemessene Erzie- 
hung : er betrat als Mann die Laufbahn und hatte sich in dem Alter 
schon Schätze von Kenntnissen angeeignet, in welchem Mendels- 
sohn sich mit den Rudimenten der classischen Sprachen abmühen 
musste. Mit achtzehn Jahren war Menasse schon Haupt und Leiter 
der grossen Amsterdamer Gemeinde. 

Moses Mendelssohn hat sich nie als Vertreter seiner Nation 
gezeigt! Abstrahiren wir von einzelnen Fällen, wo er sich bei 
einflussreichen Männern für seine bedrückten Glaubensgenossen 
verwandte, so geben wir diese ihm zum Vorwurf gemachte Lässig- 
keit gerne zu. Wir räumen auch willig ein, dass Mendelssohn zum 
Theil aus religiösen Rücksichten, wenn wir so sagen dürfen, jedes 
öffentliche Auftreten scheute , denn eine mächtige Partei, der er 
freilich selbst seinen Handlungen und seinem Bekenntnisse nach 
angehörte, stand ihm auf jedem Schritte, den er wohl hätte wagen 
mögen, im Wege : die orthodoxen Juden grollten ihm wegen seiner 
wissens^chaftlichen Bestrebungen und seines freien Denkens, sie 
hielten in ihrem verschleierten Blicke Mendelssohns aus Herz und 
Gefühl entsprungene Anhänglichkeit an das alte, ihm sotheureJu- 
denthum für erkünstelt , ja , wie das auch thörichter Weise wohl 
schon behauptet worden ist, für Pastoralklugheit. Sollte aber die 
Unthätigkeit dieser höchst achtbaren Persönlichkeit auf politi- 
schem Gebiete nicht einen tiefern, dem edeln Charakter des Man- 
nes angemessenem Grund haben? Wir sind der festen üeber- 
zeugung, dass Mendelssohn durch die kümmerliche Lage, mit 
welcher er in der Jugend zu kämpfen hatte, so eingeschüchtert 
worden war, dass die Spuren dieser Schüchternheit ihn nie 
verliessen. In seiner musterhaften Bescheidenheit hatte er es nie 
gewagt, die Sache der Juden öffentlich zu vertreten. Wer weiss, 
ob nicht auch er , unter glücklicheren Verhältnissen geboren , sich 
vor die Throne der Könige und Fürsten gestellt und wie Menasse 
ben Israel, sein Vorbild, offen und laut Rechte für seine bedrückte 
Nation gefordert hätte ! 

Nur der Reiche hat Muth. Menasse ben Israel trat ohne Scheu 



199 

vor Cromwell ; der Theologe undDoctor, wie er sich nannte, zeigte 
sich als Sachwalter und beredter Fürsprecher seiner Glaubens- 
genossen und verlangte in würdiger Weise eine Heimath für die 
Juden. Seine Bemühungen blieben nicht fruchtlos ; zogen die Juden 
auch nicht unter dem »papisliscben Ulysses« in England ein, so 
waren die GemUther der üferbevvohner durch Menasse doch vor- 
bereitet und acht Jahre nach seinem Erscheinen in der Haupt- 
stadt Englands erhob sich dort wieder die erste Synagoge. 

Beide, Mendelssohn und Menasse ben Israel, haben das grosse 
Verdienst, die Vorurtheile ihrer Mitmenschen besiegt zu haben; 
beide haben ihrer Zeit die Wahrheit gelehrt, dass der Jude nicht 
der abergläubische, entsittlichte Jude sei und das Judenthum und 
die jüdische Religion nicht die Oeflentlichkeit zu scheuen habe. 

Beide hallen unter den christlichen Gelehrten ihre trautesten 
Freunde, Mendelssohn hatte seinen Lessing, Nicolai, Abbt und 
wie sie Alle heissen ; die damaligen Grössen waren stolz darauf, 
sich Freunde des philosophischen Juden, des jüdischen Plato nennen 
zu können. 

Menasse ben Israel \\<\v der Intimus eines Hugo Grotius; 
Vossius, Barlaeus u. A. standen im vertrautesten Umgange mit ihm. 

Mendelssohn sorgte für die Veredlung seiner jungen Glaubens- 
genossen , pflanzte dem jungen Geschlechte einen neuen bessern, 
lauterem Geist ein und reichte ihm zum ersten Male in einer von 
den Schlacken der Unwissenheit gesäuberten Uebersetzung das 
Wort des Herrn. 

Menasse ben Israel sorgte für die Verbesserung der Schulen 
in seiner Gemeinde und Hess mit ungeheuerm Kostenaufwande in 
der von ihm begründeten Druckerei die Ferrarische Bibelüber- 
setzung neu auflegen. 

Mendelssohn wirkte als Schriftsteller, beschenkte die Welt 
mit den hohen Producten seines Denkens , bekundete sich als der 
freieste Geist seiner Zeit. 

Menasse ben Israel schrieb seinen Conciliator, ein Werk, durch 
welches er die Bewunderung aller Gelehrten sich erwarb, über die 
Weltschöpfung, über die Auferstehung, wie Mendelssohn über die 
Seele; er schrieb »die Rettung der Juden«, die Schrift, welche 
Mendelssohn mit einer meisterhaften Vorrede versah und dem 
deutschen Publicum zugänglich machte^**"). 

Mendelssohn der Philosoph und Aesthetiker, der Lilerar- 



200 

historiker und Kritiker lebte als schlichter Kaufmann und wog 
Seide für seine Fabrikarbeiter ab. 

Menasse ben Israel, dieses »Wunder der Gelehrsamkeit«, war 
Druckereibesitzer und Arzt, stand mit Amerika in Geschäftsver- 
bindung; er war Rabbiner, ohne materiellen Nutzen von seinem 
Amte zu ziehen. 

Zu früh, für ihre Zeit verliessen beide fastin) gleichen Alter ^*') 
die Welt. Zwei Männer waren von dem Welttheater verschwun- 
den , zwei grosse Geister , deren Wirken und Streben an ihren 
Glaubensgenossen nicht spurlos vorüberging. 

Und Menasse ben Israel, war er denn auch wie Moses Mendels- 
sohn Dichter? 

Seine dichterische Begabung führt ihn in die Reihe der spa- 
nisch-portugiesischen Musensöhne. Glaubte man doch, dass er 
dem Aristophanes gleich kommen würde! 

Er übersetzte nicht allein die kraftige Sentenzen verwahrenden 
Gnomen des Phocylides in spanische Verse ^*^) , sondern ist auch 
Verfasser einer Ode, welche nicht ohne Werth ist, wie denn auch 
selbst seine Prosa Reichthum an poetischer Eleganz hat. Wir lassen 
diese Ode'^*^), eine Paraphrasis des 126. Psalms, in Uebersetzung 
hier folgen : 

Als der allmächtige Gott das geknechtete Sion erlös' te, 

Das süsse Heimathsland es schauen wieder Hess, 
Staunten darob die Gemüther und zwischen Fürchten und Hoffen 

Vermochten sie zu fassen nicht das GRick, das ihnen kam. 
Trauen den Augen kaum, wie wer, der im Schlafe der Nachtzeit 

Von Etwas träumt, doch Morgens fort die Träume scheucht. 
Lächeln tritt an Stelle der Thränen, Entzücken verkündet 

Ein Jeder, preisend laut den väterlichen Gott. 
Minder erstaunten Gesichts sind nicht die Schaaren der Fremden, 

Aus denen ob der Wunder spricht der Neid also : *) 



Quura pater omnipotens captam remeare Sionem 

Dulcemque jussit patriam revisere, 
Attoniti stupuere animi, nee opiciaque secum 

Metum librantes inter et spem gaudia, 
Vix sibi credunt : veluti qui noctis opacae 

Sopore pulso, mane versat somnia. 
"Pro lacrymis redeunt risus : sua gaudia quisque 

Sermone celebrat, patrium laudans Deum. 
Nee minus attonito steht ad rairacula vultu 

Sic barbarum turba secum mussitans. 



201 

Was doch für Zeichen der Lieb' der Vater der Götter bekundet! . 

Für dieses Volkes Wohl ist immer er bedacht I 
Traun mit Recht, denn herrUche Wunder bezeugte die Liebe, 

W^ie gunstvoll Gott für unser Heil besorget ist. 
Darum bezeugen wir auch erfreut die beglückende Freude ; 

Doch, guter Vater, o gewähr' den Andern auch 
Rückkehr, geebneten Weg fand" jetzo der Haufen der Zügler, 

Dass, wenngleich der Hauch des heissen Südwinds wehe, 
Schäume die Welle erzürnt, an beströmete Ufer zu schlagen 

Frei, ungebunden über alle Fluren hin. 
Wer der ergiebigen Erde die Saat misstrauisch anheimgibt 

Und traurig trüben Herzens reiche Erndt' sich wünscht, 
Wird, wenn die üppige Flur nnt gedeihlichem Regen gesegnet, 

Von Herzen, das betrübet war, a"ufjauchzen laut. 
Wir auch sehen nach Noth und Leid der langen Verbannung 

Erfreuet wieder nun die P'lur des süss bekannten Lands. 
Stets Dich, o Vater der Götter, besingen wir, werden besingen. 

Wir danken jetzt und werden danken in der Zukunftszeit. *) 

Durch Männer, wie Menasse ben Israel, Sau! Levi Morteira, 
welcher 1616 mit dem Leichnam des Doctor Elias Montalto^**), des 
Leibarztes der Maria von Medicis, nach Amsterdam gekommen und 
von seiner Gemeinde allgemein verehrt worden war^**) , David 
Pardo und andere Gelehrte dieser Zeit hatte sich in der Metropole 
des holländischen Handels ein reges wissenschaftliches Leben ent- 
faltet. Amsterdam war der Juden Eldorado ; die Wissenschaft und 
Bildung feierten hier in Verbindung mit echter Religiosität die 



En pater ilie Deum quod Signa ostendit araoris ! 

Hujiis saluli gentis usque ut proficit ! 
Nee falso, nam signa Deus inostravit amoris 

Praeclara, nostrae dum saluti prospicit. 
Ergo alacres !aeto testamur gaudia plaiisu, 

Aut tu beni ne fac parens ut caeteri 
Jam redeant, plenisque viis sie agmen inundet 

Ut aestuosi quum Hat austri spiritus, 
Indignata suis cohiberi flumina ripis, 

Vaga per agros murmurant licentia, 
Qui male secundae commisit semina terrae, 

Et corde tristis multa voluit anxio, 
Si venit uberior seges imbribus aucta benignis 

Exultat hilari cor merentis gaudio. 
Nos quoque longa fugae post taedia, post labores 

Laeti arva dulcis patriae revisimus. 
Te patrium canimusque Deum, semperque canemus 

Agimusque memores atque agemus gratias. 



202 

schönsten Triumphe. Nach dieser Stadt eilte Alles. Die noch in 
Spanien und Portugal weilenden Juden wandten nach dem durch 
Gewissensfreiheit undToleranz berühmt gewordenen Holland sehn- 
süchtige Blicke und begaben sich dorthin, sobald nur das Tribunal, 
dessen Thätigkeit sich nie erschöpfte, »diese grausame Mutter«, 
welche ihre eigenen Kinder verzehrte, einen Augenblick Mund und 
Augen geschlossen hatte. 



Es ist nichts weniger als eine Metapher, wenn wir behaupten, 
dass ein grosses Stück der jüdischen Geschichte des 16. und 17. 
Jahrhunderts in flammenden Zügen aufgezeichnet sei: die Schei- 
terhaufen der Inquisition , welche auf Erden dem Himmelreiche 
angezündet wurden, nährten sich vom jüdischen Blute ^^^), 

In dem am 7. und 8. November 1610 zu Logrono abgehalte- 
nen Auto-da-Fe wurden sechs geheime Juden verbrannt und zwar 
vier, weil sie den Sabbath feierten, reine Wäsche und bessere 
Kleider anlegten und andere Ceremonien des mosaischen Gesetzes 
beobachteten. Der eine wurde dem Tode geweiht , weil er häufig 
folgendes Liedchen gesungen haben soll: 

»Si es venido no es venido, 
El Mesias prometido, 
Que no es venido.« 

Ein anderer wurde zusammen mit einem Morisco und einem Lu- 
theraner zu ewiger Kerkerstrafe verurtheilt. Sein Vergehen war, 
25 Jahre lang als Jude gelebt zu haben '^*'^). 

Am 21. December 1627 bot Cordova das Schauspiel eines 
Auto-da-Fe. 4 Juden und 11 Bilder wurden den Flammen über- 
geben, 58 Personenjüdischen Geschlechts erlitten andere Strafen^**). 

Eins der glänzendsten und merkwürdigsten Autos fand 1632 
in Madrid statt ^*^). Der König, die Königin und die Gesandten der 
meisten fremden Höfe waren zugegen. 

Zuerst bestieg Beatriz Nunez, ein 60 Jahre alles Weib den 
Scheiterhaufen : ihre Kräfte waren auf dem letzten Gange ge- 
schwunden. 

Ihr folgte HernanBaez, ein 60jähriger portugiesischer Jude 
aus Toro de Moncorbo, welcher von vier Gapucinern geführt wer- 
den musste. Seine Frau Leonor Rodriguez, 55 Jahre alt, aus Pin- 



203 

celas in Portugal, begleitete ihn und erlitt mit ihm den Tod. Ihre 
Toichter Beatrix Rodriguez, welche mit Catalina de Acosta , der 
Frau des Wundarztes Manuel Nunez aus Madrid entflohen war, 
wurde im Bilde verbrannt. 

Miguel Rodriguez, 60 Jahre alt, in Madrid wohnhaft und seine 
Frau Isabel Nunez Alvarez^"*') aus Visen in Portugal , wurden von 
vier Franciscanern in die Flammen geschleppt. Sie waren die 
EigenthUmer einer in der Strasse de las Infantes gelegenen Syna- 
goge, in welcher sich mehrere der Verurtheilten zu versammeln 
pflegten , um ihre unschuldigen Gebete gen Himmel zu senden. 
Das heilige Offiz Hess die Synagoge schleifen , und auf den Platz, 
auf welchem sich später ein Capucinerkloster erhob, zum ewigen 
Andenken eine Inschrift setzen. 

Ein Advocat aus Fermosilla in Goimbra, Jorge Quaresma, der 
sich in Madrid niedergelassen halte , machte für dieses Mal den 
Beschluss. 

Und allen diesen war der Tod doch so süss, wenngleich nicht 
die Erde ihre Leichname deckte ! Um wie viel mehr waren Die- 
jenigen zu bemitleiden, denen das Urtheil ewige Kerkerstrafe und 
Galeerendienst verkündete. Dieses Schicksal erlitten mit Anderen : 
Luis de Acosta, 45 Jahre alt, aus Villa -Flor in Portugal, der 
28jährige Francisco de Andrade, aus dem im Erzbisthum Lissabon 
gelegenen Alcobaz , Giomar de Vega aus Viseu, die 22jährige 
Violante Nunez Mendez , Helena Nunez aus Gradis. Zwei junge 
Mädchen, fast noch Kinder, Anna Rodriguez und Catalina Mendez 
wurden trotz ihrer Jugend, sie waren kaum 12 Jahre alt, in die 
Gefängnisse geführt. 

53 Personen judischen Geschlechtes, fast lauter Portugiesen, 
figurirten bei diesem grossartigen Auto. Glieder der Familien Ro- 
driguez, Mendez, Nunez, Acosta u. A. wurden theils in eine andre 
Welt, theils auf die Galeeren geschafft. 

Diese Zeit kannte beinah kein prächtigeres Schauspiel als 
Auto-da-Fes, 

Am 22. Juli 1636 wurden inValladolid^**) 10 Juden zu ewiger 
Kerkerstrafe verdammt, weil sie »Sohn und Mutter«, wie Llorente 
sich ausdrückt ^^^), durch ihre Blasphemien beleidigt hatten. 

Acht Jahre später, am 25. Juli 1644 , fiel in derselben Stadt 
Don Lope de Vera y Alarcon^^^) , ein spanischer Ritter aus San 
demente '^^^) en la Mancha als Opfer der Inquisition. Er' war einem 



204 

edlen Geschlechle entsprossen und erlernte während seiner Stu- 
dienjahre in Salamanca die hebräische Sprache. Als er es darin 
so weit gebracht hatte , dass er den Text lesen und verstehen 
*• konnte, gingen ihm die Augen auf: er nahm die jüdische Religion 
an , legte mit der Kühnheit eines Rillers und eines Gelehrten (con 
la libertad de Cavallero y de Sabio) vielen Theologen verfängliche 
Fragen vor und erklärte offen , dass er an den erschienenen Mes- 
sias nicht glaube. Täglich las er auf freiem Felde die Psalmen. 
Keinerlei Fleisch wollte er geniessen, weil sein Gesetz es ihm ver- 
bot. Sobald der Unglaube des zwanzigjährigen jungen Mannes 
bekannt geworden, wurde er von dem Inquisitionsgerichte zu 
V^aliadolid eingezogen. Sechs Jahre schmachtete er im Kerker. 
Die eminentesten Theologen statteten ihm Besuche ab und waren 
bemüht, ihn der Kirche wieder zuzuführen; er widerlegte sie Alle 
mit Stellen aus der Schrift und den Worten der Propheten. Wäh- 
rend der ganzen Kerkerzeit enthielt er sich aller Fleischspeisen, 
beschnitt sich mit eigener Hand und legte sich den Namen ».lehu- 
dahel Creyente (der Gläubige)« bei. Sein Vater D. Fernando 
machte den letzten Versuch , den geliebten Sohn — er war schön 
und weise, »Joven hermoso y sabio« — sich zu erhalten, aber auch 
seine Worte blieben wie die der Theologen ohne Wirkung und 
rührten nicht seines Kindes Herz. Er wollte nicht die Seligkeit 
der allein seligmachenden Kirche und wurde als verstockter Judo 
in dem 26. Jahre seines Alters öffentlich verbrannt. Bis zum letz- 
ten Alhemzuge recilirle er in hebräischer Sprache die Psalmen. 
Das ganze Volk , selbst der Inquisitor *) , bewunderte seine Aus- 
dauer, und die jUdischenDichter Ma nuel de Pina und Antonio 
Enriquez Gomez^^**) betrauerten den hoffnungsvollen Jüngling 
in ihren Poesien. 

Kaum waren drei Jahre verflossen , so erfüllte eine neue Bot- 
schaft die Gemüther der spanisch-portugiesischen Juden mit Trauer 
und Schmerz. Am 1 5.(22.) December^^**) 1 647 wurde Isaac de Castro 
Tartas , ein Verwandter des Leibarztes Montalto und des Buch- 
druckereibesitzers Castro Tartas in Amsterdam, in dem blühenden 



*) Der Inquisitor Moscoso schrieb der Gräfin von Monterey über diesen 
Vorfall: »Nie sah man eine solche Standhaftigkeit, wie dieser junge Mann 
sie zeigte. Er war wohl erzogen, gelehrt und dem Anscheine nach tadelfrei.« 

Barrios, Govierno populär Judayco, 45. 



205 

Alter von 25 Jahren in Lissabon lebendig verbraniit. Die Gas- 
cogne war seine Heimath , Tartas, ein kleines aber niedliches 
Stadtchen, sein Geburtsort. Zur Zeit, als Brasilien unter hollän- 
discher Botmässigkeit stand, begab sich der junge Castro nach der 
Provinz Bahia und lebte mehrere Jahre in einer Stadt dieser Ge- 
gend , Parahiva genannt. Als er eines Tages auf die Warnung 
seiner hier ansässigen Verwandten und Freunde nicht hüren wollte 
und sich gegen ihren Willen nach der Hauptstadt da Bahia dos 
Santos begab, wurde er von den auch dort die Ketzer ausspähen- 
den Portugiesen als Jude erkannt , gefangen genommen und nach 
Lissabon vor die Inquisition transportirt. Gleich im ersten Verhör 
bekannte er, dass er Jude sei, als Jude leben oder sterben wolle. 
Obwohl die strengen Hßrren bereits an mehreren Beispielen die 
jüdische Ausdauer und Hartnäckigkeit zu erproben Gelegenheit 
hatten, griffen sie doch wieder zu den gewöhnlichen Mitteln, den 
Jüngling vom Judenthume abzubringen; zungenfertige, fromm- 
Ihuende Theologen und andere Gelehrte dieser Art belästigten ihn, 
den philosophischen Denker und unterrichteten Mann, mit ihren 
Besuchen, ohne ihre Bemühungen mit Erfolg gekrönt zu sehen, 
Isaac de Castro war von dem hohen Gedanken beseelt, den Namen 
seines Gottes zu verherrlichen und er hat seinen Zweck erreicht. 
Er lieferte seinen Verwandten , seiner ganzen Genossenschaft ein 
eclatantes Beispiel , mit welcher Ruhe man den Tod für seinen 
Glauben und seine Ueberzeugung erleiden müsse. Im Vorgefühl 
seines nahen Endes hatte er vor seiner Abreise von Parahiva seinen 
in Amsterdam wohneiden Eltern die Anzeige gemacht, dass er 
nach Rio de Janeiro in der Absicht wandere, um einige seiner Ver- 
wandten zur Gottesfurcht zu führen. Gleichzeitig bemerkte er in 
seinem Schreiben, dass die geliebten Eltern in den nächsten vier 
Jahren keinen Brief von ihm erwarten sollten. Noch war die be- 
stimmte Frist nicht verflossen , so empfingen die besorgten Ver- 
wandten die Anzeige, dass ihr herrlicher Sohn in Lissabon auf 
dem Scheiterhaufen geendet habe. Er starb wie ein Held, wie ein 
Heiliger! Nachdem er schon mehrere Stunden auf dem Feuer- 
gerüste gestanden und helle Flammen sein Haupt in Rauch gehüllt 
hatten , erhob er zum letzten Male seine Stimme und rief mit der 
ganzen ihm noch gebliebenen Kraft: »Sch'ma lisrael. Höre Israel«. 
Mit dem Worte »einzig« gab er, der echte Märtyrer, den Geist auf. 
Der Tod dieses Jünglings hatte selbst die abgehärteten Inquisitoren 



206 ■ 

so erschüttert , dass sie sich vorgenommen haben sollen , Nieman- 
den mehr zu verbrennen. Noch viele Jahre nach dem Tode Isaac 
de Castro's ergötzte sich das Lissaboner Publicum mit der Recita- 
tion desSch'ma, sodass sich doch endlich die Inquisition genöthigt 
sah, gegen dieses unschuldige Vergnügen einzuschreiten^''^*). 

Des heimgegangenen Jünglings gedachte der Rabbiner Saul 
Levi Morteira in einem Sabbathvortrag, und verschiedene andere 
Poeten jüdischer Nation besangen in spanischer Sprache seinen 
Tod. Salomo de Oliveyra , ein wohlbekannter Rabbiner Amster- 
dams aus jener Zeit, dessen Werke in der Officin David de Castro 
Tartas, des Verwandten Isaac's, gedruckt wurden, betrauerte ihn in 
einer hebräischen Elegie^"''*'). 

Von den Dichtern , welche den jungen Gastro in spanischen 
Poesien beklagten, wird uns vornehmlich 

Jonas Abrabanel 
genannt. Zu der alten Familie gehörig, welche ihre Abstammung 
direct von David ableitet, war er der Sohn des zu Amsterdam 
lebenden Doctor Joseph Abrabanel und ein Neffe des Menasse ben 
IsraeP^'^). Er war auch Mitglied der wohlthätigen Anstalt »Chonen 
Dallim « zu Amslerdam^"^) . Sein sechszeiliges, durch den Tod Isaac de 
Castro's hervorgerufenes Gedichtchen ist zu unbedeutend, als dass 
wir weitere Rücksicht darauf nehmen sollten*). Wichtiger ist die 
spanische Psalmen-Uebersetzung'^^^), welche er im Verein mit dem 
aus edler Familie stammenden Doctor Ephraim Bueno, dem Sohn 
des Arztes Joseph Bueno, verfertigte. Obwohl diese Uebersetzung 
eine wörtlich treue und demnach prosaische ist, so enthält den- 
noch dieses Prosa-Werk ein Product, welches die poetische Be- 
gabung Abrabanel's bekundet , eine Ode, in der er David und das 
geknechtete Israel erhebt : 

David sang erhab'ne Hymnen, 
Eingeflösst 'von höherer Macht, 
Und sein Geist, prophetisch blickend, 
Liess erleuchten dunkle Nacht.**) 



Estas son senales ciertas, 
Que fue santa vuestra historia etc. 

Cardoso, I. c. 325. 

Cantö David sacros hiranos 
Dictados de un saciö g6nio, 
Y SU profetico ingenio 
Sac6 numeros divinos. 



207 

Deine Söhne, Gott, als Fremde 
Leben sie im schweren Joch ; 
Kummervoll von Leid gedrücket, 
Weit entfernt vom Vaterland, 
Werden, Gott, sie Dir noch Lieder 
In Verbannung stimmen an? 

An den Strömen jenes Babels 
Sind die Harfen aufgehänget, 
Nach der Kinder frommer Lieder 
Blickt voll Neides der Barbar. 
Edom's Volk und auch Ismael, 
Das der Heiligkeit sich rühmet, 
Hat geraubt uns die Gesänge, 
Und der süsse Ton ward Klage, 
Harmonie vom Schmerz zerrissen. 



Baue auf die Mutterstadt, 
Bau' bald auf Dein heilig Haus ! 
Zeig', Gott, wie wundervoll. 
Ewig ist Dein hehres Wort ! 
Deine Schafe leite immer, 
Wie der Hirt die Heerde führt, *) 



Tus hijos per peregrinos 
Viven en duras cadenas ; 
Con tantos males y penas 
De la patria desterrados. 
j, Cömo los cantos sagrados , 
Cantarän ea las agenas? 

Sobre rios de Babel 
Las arpas dejan colgadas : 
Que las canciones sagradas 
Pide el barbaro cruel : 
Entre Edom y entre Ismael 
Que se reputan por santos, 
Ya no nos piden tus cantos : 
Mas airaas piden por pechas 
Donde el canto son endechas, 
La armonica voz son llantos. 

Fraga la ciudad materna 
Tu santuario edißca : 
Tu maiavilia publica 
Que tu palabra es eterna. 
Tus corderillos gobierna 
Con pastor al pätrio nido, 



208 

Und Dein Volk, das auserwählte, 
Wenn die Hoffnung ihm erfüllet, 
Wird verkünden in den Psalmen 
Deines Lieblings, Deine Grösse.*) 

Auch der Vater des eben genannten Ephraim Bueno, des Stifters 
der Akademie »Tora Or« in Amsterdam, der berühmte Arzt 

Joseph Bueno 
verdient hier genannt zu werden. Er war seiner Zeit ein viel- 
gesuchter Arzt in Amsterdam, derselbe, welcher einmal an das 
Krankenbett des Prinzen Moritz gerufen wurde^^"). Dieser Doctor 
war der vertraute Freund Menasse ben Israel's und besang dessen 
»Conciliator« in einem schönen spanischen Sonett**), so wie auch 
die jüdischen Märtyrer, deren wir noch später Erwähnung thun 
werden. 

Gleich diesem »Doctor und Philosophen« , wie Menasse den 
Freund bezeichnet, rührte 

Immanuel Nehemiah 
die Saiten der Leier. Als Intimus Menasse's und Freund der Wis- 
senschaften besang auch er den »Conciliator«***) und ein anderes 
Werk desselben Verfassers, welches unter dem Titel »de creatione« 



Y alli tu pueblo escogido, 
Cumplidas sus esperanzas, 
Cantarä tus alabanzas 
Con los Salmos de tu üngido. 

Canta suave cisne y docto Hebreo 
En elevado tono y compostura 
Lo dudoso que ay en la Escriptura, 
En el sacro idioma, y en Chaldeo. 



Inclina los sentidos muy de veras 
A esta sublimada Philomena, 
Honra de Portugal, gloria de Espana. 

Unico fenix de immortal memoria 
Que^or suaves medios sin mudanga 
Con magnanimo pecho y confianga 
Vuelves los textos de la sacra historia. 



Elevese de honor el alta pecho 
Que pisa de Piaton el rico estrado, 
Por Ilamarse divino entendimiento. 



209 

erschienen ist. Vielleicht wird er allein dieser Producte wegen 
.von Barrios zu den Dichtern gerechnet^"). 

Auch wissenschaftliche Themata wurden in dieser Zeit in ein 
poetisches Gewand gekleidet. Wir nennen hier vorzugsweise 
Erna nuel Gomez. 

Gomez wurde von portugiesischen Eltern in Antwerpen^"^) gebo- 
ren und Hess sich in seiner Vaterstadt als Arzt nieder. Gleich anderen 
jüdischen Aerzlen vereinigte dieser von Zacuto Lusitano unter dem 
Beinamen »Antwerpiensis« gefeierte Doctor mit der medicinischen 
Kunst auch die der Poesie. So schrieb er ausser einem zu Ant- 
werpen 1603 erschienenen medicinischen Werke de pestilenciae 
curatione^*'), über die ersten Aphorismen des Hippokrates, »Vita 
brevis, Ars longa , occasio praeceps , experimentum periculosum, 
Judicium difficile« 1643*) einen 107 Seiten langen metrischen Com- 
mentar in spanischer Sprache , welchen er dem D. Francisco de 
Melo, dem damaligen Gouverneur Flanderns, zueignete. Verschie- 
dene Gedichte über die Spinne, Ameise und Biene sind diesem 
Werke beigegeben. Emanuel Gomez wird von einem Manne ge- 
feiert , w^elcher wie er von portugiesiscjien Eltern jüdischen Ge- 
schlechts in Antwerpen geboren wurde, 

Manuel Rodriguez^*'*). 

Manuel Rodriguez, ein ausgetretener Augustinermönch, lebte 
als Studienmeister in seiner Vaterstadt. Von ihm ist unter anderen 
Schriften ein Drama »Herodes saeviens« Antwerpen 1626. 8 vor- 
handen, so wie die Ode »clarissimo expertissimoque Donryno D. 
Emanueli Gomez, Medicinae D. Doct. « Antwerp. 1643. 8. 

Einer der bedeutendsten und angesehensten Männer dieser 
Zeit war 

Immanuel (Jacob) Bocarro Frances y Rosales'®*). 

Gegen Ende des 1 6. Jahrhunderts in Portugal geboren, studirle 
er an einer Landesuniversität Medicin, Philosophie, Mathematik und 
Astronomie und war auch den Musen nicht abgeneigt. Nachdem er 
einige Jahre als Arzt in Lissabon geiebthatte, begab er sich noch vor 
1 637 nach Hamburg, wo er seine Kunst übte und wegen seiner ausge- 
zeichneten Kenntnisse zum Pfalzgrafen, » Comitus Palatinus«, ernannt 
wurde, eine Ehre, welche damals nur sehr wenigen Juden zu Theil 



*) In diesem Jahre erschien auch zu Antwerpen von einem Anonymus 
»El Doctor Manuel Gomez Portuguez«. 

HayserÜDg, Sephardim. 1 4 



210 

ward. Auch in Amsterdam hielt er sich einige Jahre auf und nahm 
dann^einen Wohnsitz in Livorno, wo er 1667 in hohem Alter verschied. 
Er hatte sich selbst ein Epitaphium in hebräischer Sprache verfasst. 
Leider war der Abend seines Lebens vielfach getrübt : sein frühe- 
rer Sang war in Jammer, sein Jubel in Trauer verwandelt. Schon 
4 644 klagt er, dass sein einziger Sohn ihm entrissen sei; auch 
seine Frau war vor ihm heimgegangen und mit seiner Familie 
scheint er nicht in Freundschaft und Harmonie gelebt zuhaben, so 
dass der Tod ihm sicherlich eine ersehnte Erlösung aus dem Jam- 
merthale gewesen ist. 

Die erste uns genannte Schrift des kaiserlichen Pfalzgrafen 
ist medicinischen Inhalts und unter dem Titel »Armatura me- 
dica sive modus addiscendi medicinam« erschienen. Zum Lobe 
seines berühmten Freundes Zacuto Lusitano , welcher ihn den 
»illustrem Doctorem« nennt, schrieb er ein Poculum Poeticum : 

Accipe mi Zacuto, tui tibi poculum' etc. 
und bereicherte dessen auch noch heute geschätztes Werk » de medi- 
corum principum historia « mit einem » supplementum chirurgicum «. 

Zu der Schrift Menaisse ben Israel's »de vitae termino« ver- 
fassle er 1639 ein »carmen inlellecluale«. 

Sein vorzüglichstes Product ist das 1644 in Hamburg in Folio 
erschienene Werk »Regnum Astrorum Reformatum«, welches allen 
Königen und Fürsten Europas gewidmet ist. Nach einem Verzeich- 
nis« derjenigen Theile, welche behandelt werden sollen, folgt das 
am 10. Mai 1 624 zumerstenMale zu Lissabon erschienene portugiesi- 
sche Gedicht » Status astrologicus sive Anacephalaeosis L Monarchiae 
Lusitanae« in zweiter, vom Verfasser selbst verbesserter Auflage 
mit gegenüberstehender lateinischer Uebersetzung. Dieser aus 
133 Versen und 4 Theilen zusammengesetzte Gesang feiert die 
Zukunft des portugiesischen Reiches und wir wollen aus sprach- 
lichen Rücksichten das Ende der Section unseren Lesern mit- 
theilen , deren Anfang 1 626 von dem grössten Feind der Jesuiten 
Galileo Galilei in Rom geprüft worden ist : 

- Tem livre o aluedrio todo humano, Liberias est arbitrii cuncto humano, 
Capäz de seu querer, e pensamento, Sat capax propra velle, ac sui affectus, 
Com que pode, evitando, o proprio Qua potest, evitando mala, ut cano, 

dano, 
Nos astros dominar, delies izento ; Et astris dominari, bis non subjectus : 

Dizer, que o Qeo consträje, he puro Nam coelum vim non infert nisi 
engano, insano, 



211 

Que tiaö pode for^ar o entendiineto, Neque cogi valebit iMtellectus, 
Pois que he da alma immortal, vera (Cum animi mortalis sit pätenlia), 

potengia, 
Dosgeos, nein das estrellas a influengia. Steilarum vel coeli ab inttuenlia. 

Assim que naö enlendas, que o que Quapropter non intelligas, quae 
canto, canto, 

Profegia he divina, e verdadeira ; Prophelica divina adesse et vera ; 

Porque pode dispor o eterno Santo Namque possunl disponi aeterno a 

sancto, 

As cousas, se quizer de outra maneira : Si ita velit, di versa ut signa in cera : 

Maspara, que com lagrimas, epranto, Sed ut totidem lacrymis, et tanio 

Com Santa conlrigaö, com dor iiiteira, Dolore et poeuitentia ita sincera, 

Pessais a Deos perdaö, do mal, que Ut Deus velit moveri, veniam petas, 

ouvistes, 

Dos astrosvos predige aosfados tristes. Tibi ex astris praedixi res non laelas. 

Diesem Gesänge sind noch angehängt »Foetus astrologici libri 
tres ad Ueroeni et viruni Adniirantem«, welche zusammen 470 la- 
teinische Hexameter ausmachen. 

Ob die dem Dichter zugeschriebenen handschriftlich vorhan- 
denen hebräischen Werke, worunter sich auch eine Schrift gegen 
den falschen Messias Sabbatai Zewi befindet, von ihm wirklich 
herrühren, müssen wir dahin gestellt sein lassen; eben so wenig 
kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass die diesem »Poeta 
laureado« angeeignete »verdadera composicion del mundo philo- 
sophico et malhematico«, welche Wolf in einem Calalog als Manu- 
script aufgeführt sah, aus seiner Feder geflossen sei. 

Er hatte einen Bruder, Namens 

Josias Rosa les'^^^) , 
der Verfasser eines »Bocarro«^*^') betitelten Gedichtes, über dessen 
Inhalt uns nichts bekannt ist. Ks wäre nicht unwahrscheinlich, 
dass es ein Lobgesang auf seinen Bruder sei oder sonst die F'amilie 
behandele. Jedenfalls wird 'der Verfasser des Bocarro, welcher, 
wie Deutsch ^"^j meint, eben so fleissig gelesen zu werden ver- 
dient als die Araucana des Alonso de Ercilla und die Lusiade des 
Gamoöns, mit Recht unter die Dichter gezählt. 

Wir vermuthen, dass auch der als Doctor und Dichter ge- 
rühmte 

Mardochai Barrocas *®') 
zu der Familie der beiden letztgenannten Männer gehört, da der 



212 . 

Name Barrocas nichts als eine Umstellung der Buchstaben in Bo- 
carro zu sein scheint. Erst als Mann kehrte er zum Judenthum 
zurück. Zur Feier seiner Beschneidung verfasste er einige elegante 
Terzetten, deren Anfang ist : 

Herr der Heere, 

Gott himmlischer Chöre ! 
Bald nahet des ersehnten Tages Ende, 
dass mein Geist an ihm doch Ruhe fände ! *) 

Zu gleicher Zeit mit dem Pfalzgrafen Immanuel Rosales lebte 
in Hamburg 

David Cohen Carlos. 

Er Ubersetztel 63 1 die Gesänge Salomo's aus dem Chaldäischen (?) 
ins Spanische. Das Manuscript dieser üebersetzung will Wolf 
in einem zu Haag 1728 erschienenen Catalog erwähnt gesehen 
haben ^^^) . 

Von Hamburg, wo wir später noch dem Dichter Joseph Fran- 
ces begegnen werden , wenden wir uns wieder dem eigentlichen 
Sitze spanisch -portugiesischer Dichter , dem freien, glücklichen 
Amsterdam zu und betrachten hier noch den Doctor 

David Zarphati de Pina*^*), 
das Glied einer alten spanischen Familie, welche viele Gelehrte 
aus sich hat hervorgehen sehen. Der Rabbiner zu Fez , Vidal 
Zarphati, war der Grossvater eines Aron Zarphati ^'^*') und dieser 
der Vater unseres David Zarphati de Pina'^'^*). 

Aron's Eltern hatten sich früh in Amsterdam niedergelassen, 
denn er wird zu den ersten Kindern dieser Stadt gerechnet, 
an welchen die Beschneidung am gesetzlich vorgeschriebenen 
achten Tage vollzogen worden ist^^'^). Er lebte einige Zeit in 
Brasilien ^'^^j und wurde nach seiner Rückkehr in die Heimath 
Lehrer und Prediger an der 1648 in seiner Vaterstadt errichteten 
Gesellschaft » Abi Jethomim « ^'^^) . Seihe Weisheit und Bescheidenheit 
verschafften ihm allgemeine Achtung. Aron Zarphati edirte das 
Werk •£)'3,l P]Ti2 seines Grossvaters und schrieb einen Coramentar 
über die letzten , das tugendhafte Weib schildernden Verse der 
Salomonischen Sprüche ^'^^j. Ausser dem genannten, uns hier 



Ya llego el fln del desseado dia 
Senor de los exercitos del Cielo etc. 



213 

vornehmlich interessirenden Sohn David halte er noch einen, 
andern Namens Josua Zarphali Pina , welcher als Hauptstütze der 
1665 zu Amsterdam gegründeten wohlthätigen Gesellschaft »Te- 
mime Derech« von Barrios gelobt wird^'^'^). 

Unser Zarphati de Pina widmete seine Thätigkeit vorzüglich 
der Anstalt, an welcher~wir schon seinen Vater wirken sahen*"). 
David war Philosoph und Arzt, der vorzüghchste und eleganteste 
der damaligen Amsterdamer Prediger, el primero de su predicado- 
res , und der Eleganz wegen wurde er auch von seinem Lobredner 
Barrios mit einem Cicero verglichen. Bald nach der Einweihung der 
grossen, wellberühmten Amsterdamer Synagoge hielt David in der- 
selben einen Sa bbath- Vortrag '^'^®). Nicht unpassend singt der Dich- 
ter von ihm, auf seinen Beruf als Arzt und Volkslehrer hindeutend, 
dass er Viele geistig erleuchte. Viele körperlich heile *'^). Aehnlich 
heisst es in einem Sonett '^^®), in welchem dieser Arzt, Theologe 
und berühmte Redner gefeiert wird : 

W^ie David besitzst Du die Krone, 
Wie Apollo heilst Du den Schmerz. 

Dem vielseitig gebildeten Manne wurde auch neben der Krone des 
göttlichen Gesetzes der Dich lerkranz zuTheil. Pina war auch Sänger, 
der Theologe und Arzt auch Poet. Seine Poesien haben aber gewiss 
seinen Ruhm nicht begründet, wenigstens können die wenigen uns 
vorliegenden Producte Pina's keinen sonderlichen Anspruch auf 
poetischen Werth machen. In dem einen von Barrios^**) mitge- 
Iheilten Sonett besingt der »conceptuoso Philosopho Doctor David 
Zarphali de Pina « mehrere Gelehrte der Amsterdamer Gemeinde, 
wie Joseph und David Pardo, Isaac Usiel, Saul Levi Morleira, Me- 
nasse ben Israel , diesen gran rio de eloquencia , wie er ihn be- 
zeichnet, seinen Vater Aron Zarphati, Raphael de Aguilar und 
vorzüglich Isaac Aboab. In einem anderen Gedichte feiert er 
Assur und bezieht die Bedeutungen aller mit der Wurzel "^tun in 
Verbindung stehenden Wörter: Felicidad, Glück, Bienaventurado, 
der Glückselige, Que, welcher, Arbol idolatrico, Hain und Camino, 
Weg auf diesen Eigennamen , so dass das ganze 1 4zeilige Stück 
aus diesen gewaltsam herbeigezogenen Wörtern zusammengesetzt 
ist282). 

Doctor David de Pina lebte noch 1693. In diesem Jahre 
hielt er dem reichen Isaac Penso eine Trauerrede. Dieser gross- 



214 

inüthige Unlerslützer der durch den Rabbiner Saul Levi Morteira 
i643 ins Leben gerufenen Gesellschaft »Keter Thoraa wurde von 
der spanischen Inquisition verfolgt und wandte sich erst im reiferen 
Alter dem Judenthume wieder zu. Pensonahm seinen Wohnsitz in 
Amsterdam. Es wird ihm nachgesagt, dass er sich mit eigener 
Hand beschnitten habe. Besonders hervorgehoben zu werden ver- 
dient, dass er von der Verheirathung mit seiner Esther, welche 
beiläufig gesagt vor ihm aus dem Leben abgerufen wurde, bis zu 
seinem Tode 40,000 Gulden als Zehnten seines eben nicht unbe- 
trächtlichen Verdienstes unter die Armen vertheilt hat. In der 
Tugend der Wohlthäligkeit so wie in der Liebe zum Studium des 
Gesetzes ahmte sein Sohn Abraham ihm nach'^*'^]. Von seinem 
dichtenden und literarisch wirkenden Sohne Joseph Penso 
wird später die Rede sein. 

Das Todesjahr David de Pina's ist nicht angegeben. Dass er 
übrigens mit dem, den Berliner Juden bei ihrem Synagogenbau in 
mancher Hinsicht nützenden Probste Jablonsky in Correspondenz 
gestanden, wie Wolf^^*) vermuthet, ist sehr unwahrscheinlich. 



Immanuel Rosales, David Carlos, David de Pina und Andere 
im Verlauf dieses Capitels genannte Männer waren, wie wir gesehen, 
kenntnissreich und begabt; sie glänzten als Astrologen und Aerzle, 
Philosophen, Prediger und Theologen, die sich auch in Dichtungen 
versuchten und manche beachtenswerthe Erscheinung zu Tage 
förderten. Eine eigentliche Bedeutung als Dichter ist ihnen nicht 
beizumessen und einen Platz in der allgemeinen Geschichte der 
romanisclien Poesie haben sie bis jetzt nicht gefunden. 

Ganz anders verhält es sich mit dem Mann, welchen wir nun- 
mehr unseren Lesern vorführen werden. Er erinnert uns an die 
Coryphäen der spanischen Poesie und leitet uns direct in die dra- 
matische Literatur und auf das spanische Theater. 

Nachdem einmal Madrid unter Philipp II. zur Residenz und 
Hauptstadt des Landes erhoben und zwei Theater dort eingerichtet 
waren, hatte sich das Drama als nationale Schöpfung bald bis zur 
Vollkommenheit ausgebildet. So wie die spanische Monarchie bis 
um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts die grössle und glän- 
zendste in Europa und derspanischeNationalgeist der entwickeltste 
war, so stand auch die Bühne zu Madrid, der lebendige Spiegel 



215 

des Nationallebens, am frühesten im reichen Flor'^^). Guillen de 
Castro, Montalvan, Molina, der Vielschreiber Lope de Vega, Rojas, 
Ruis de Alarcon und der grosse, seinen handelnden Personen die 
Freiheit des Willens raubende Galderon hatten mit ihren Werken 
die Bühnen des Landes versorgt und die an Geist und Fülle der 
Erfindung so reiche, spanische dramatische Literatur zu dem Glanz 
und dem Ansehen gebracht, welche ihr auch noch heute zuerkannt 
werden. Es liegt unserer Aufgabe fern, die Geister der genannten 
Dramatiker heraufzubeschwören und uns mit ihren herrlichen und 
gefeierten Komödien zu befassen; das Eine wollen wir wenigstens 
nicht unbemerkt lassen , dass die Juden , verworfen und verjagt, 
gemartert und verbrannt, vom Theater und vielleicht auch von der 
Bühne nicht verschwanden, dass sie und ihre Geschichte, ihre 
Mängel und ihre Schwächen dem Publicum zum Ergötzen geboten 
wurden. Wie Montalvan in seinem »Polyphem« den curiosen Ein- 
fall hatte, den Cyclopen als Repräsentanten des Judenthums auf 
die Bretter zu bringen , so frischte Tirso de Molina in seiner »un- 
glücklichen Rahel« die alte mit Wundern und Sagen zersetzte Ge- 
schichte wieder auf, dass König Alphons VIII. von Caslilien der 
schönen Jüdin von Toledo seine Krone geopfert habe. Luis de Gue- 
vara lässt in seinem »Ruhm der Mendozas« als Kebsweib Juan I. 
eine Jüdin Namens Michal auftreten und sie zum Unterschied von 
allen anderen Personen neu-spanisch reden. Wer kennt nicht »kein 
Ungeheuer gleich Eifersucht«, dieses Schauerdrama Calderon's, 
welches das tragische Lebensende der unglücklichen letzten Has- 
monäerin Mariamne vorführt? Nebucadnezar, Kain und Abel, Juda 
Maccabaeus und der Haifischbewohner Jonas erschienen nicht sel- 
ten auf der Madrider Bühne im spanischen CostUm als Helden und 
Ritter aus der Zeit Philipp III. 

Pedro Galderon war der grösste Dramatiker seiner Nation und 
neben Shakespeare der gefeiertste der Welt. Ein Stück, das den 
Namen diesesGenies, welches zugleich, wieGöthe sagt, den gröss- 
ten Verstand hatte, an seiner Stirn trug, war der Aufnahme und 
auch wohl des Beifalls gewiss. Diesen Vortheil benutzten viele 
junge Dichter, indem sie oder ihre Verleger ihre ersten poetischen 
Versuche unter dem Namen des grossen Meisters , welcher nach 
seinem eigenen Geständnisse weder ein Auto noch ein Drama bei 
Lebzeiten dem Drucke übergeben, in die Welt schickten, so dass 
die Zahl der Werke, welche dem Galderon beigelegt werden , weil 



216 

sein Name auf dem Titelblatte prangt, nach einer kritischen Sich- 
tung wohl noch bedeutend abnimmt. 

Unter den Komödien , gegen deren Autorschaft der unsterb- 
liche Meister sich vielleicht verwahrt hätte, befindet sich auch, 
wenn nicht mehrere , so doch ganz gewiss eine comedia famosa, 
welche den Dramatiker 

Antonio Enriquez Gomez 
zum Verfasser hat. 

Antonio Enriquez Gomez (Henriques Gomes) , am spanischen 
Hofe unter dem Namen D. Enrique Enriquez de Paz bekannt, ^er- 
blickte in Segovia '^^^j , einer Stadt Alt-Castiliens, im Anfange des 
17. Jahrhunderts, einige Jahre früher oder später alsCalderon, das 
Licht der Welt. Als Sohn eines judaisirenden Portugiesen Diego 
Enriquez Villanueva , wurde auch er in jenem geheimnissvollen 
Dunkel erzogen, welches über alle Glieder dieser Race schwebt; 
äusserlich das Christenthum bekennend, genossen sie alle Vor- 
theile der Staatsreligion, in ihrem Innern waren sie von der Wahr- 
haftigkeit des Judenlhums überzeugt, in ihrem Herzen waren sie 
Juden und lebten heimlich nach den Gesetzen ihrer Mutterreligion, 
soweit sie sie kannten und zu befolgen verstanden. Der mit aus- 
gezeichneten Anlagen begabte Antonio widmete sich von früher 
Jugenddem Studium der verschiedenen Zweige der Wissenschaft : 
er betrieb eifrig heilige und allgemeine Geschichte , versenkte sich 
in die Leetüre der heimathlichen Dichter und wandte auch der 
Philosophie und Staatskunde einen Theil seiner Zeit zu. Kaum 
hatte er das 20. Jahr erreicht, so betrat er gleich den nach ritter- 
lichen Abenteuern und Auszeichnungen strebenden edeln Jüng- 
lingen Spaniens die militärische Laufbahn und zeichnete sich durch 
persönliche Tapferkeit bald so sehr aus , dass er bis zum Capitän 
avancirte und als Lohn für seine Diensttreue mit dem St. Miguels- 
Orden und der Würde eines ordentlichen Raths belehnt wurde ^®'^). 
Weder Orden noch Titel, noch die Stellung, welche er in der 
Armee und am Hofe einnahm, konnten ihn dem stets spähenden, 
in Jedem einen Ungläubigen witternden Inquisitionsgerichte auf 
die Dauer entziehen. Er wurde in einen anderen geheimen Juden 
gemachten Process verwickelt und entzog sich nicht ohne Gefahr 
durch eine schleunige Flucht dem damals stets lodernden Scheiter- 
haufen , der Inquisition , von welcher unser Dichter aller Wahr- 
scheinlichkeit nach folgendes Bild entwarf: 



217 

Gierig sinnet sie auf Plagen, 
Mordsuchtsvoll zu jeder Zeit, 
Weiss den Mantel sie zu tragen. 

Wie die Löwin in dem Streit, 
Wie der Räuber wird gemieden, 
Flieht der Mensch vor ihrem Neid. 

Aller Welt raubt sie den Frieden, 
Spähend sucht ihr Argusblick, 
Unglück stiftet sie hienieden. 

Gomez bereiste viele Länder, hieltsich, wiewirnach den Druck- 
orten seiner Schriften zu schliessen uns für berechtigt halten, mehrere 
Jahre in Bordeaux, Rouen , auch wohl in Paris auf und fand so- 
dann in Amsterdam , dem Centralpunkte spanisch-portugiesischer 
Juden , eine Ruhestätte für seinen durch Leiden aller Art ge- 
schwächten Körper. Seine Person war in Sicherheit, sein Geist 
labte sich an den feurigen Worten heiliger Propheten- und Sänger, 
aber die Inquisition nahm bittre Rache an seinem Bilde. 

Am 13. (i 4.) April 1660, indemselben Jahre, in welchem Gomez' 
»moralische Akademien« in Madrid neu aufgelegt wurden, gab es 
wieder in Sevilla ein grossartiges Schauspiel, ein allgemeines Auto- 
da-Fe^^). Mit drei Hexenmeistern wurden wie gewöhnlich auch 
Juden verbrannt. Drei dieses Geschlechts warf man lebendig in 
die Flammen , vier wurden ihnen nachgesandt , nachdem man sie 
vorher erwürgt hatte, und 33 Bilder entwichener Juden paradir- 
ten bei diesem Auto. Sie wurden sämmtlich verbrannt. Unter 
ihnen befand sich auch das unseres Gomez '^^^). Nicht lange nach 
diesem Freudentage der Pfaffen begegnete ihm in Amsterdam 
ein alter Freund aus der Heimath. Sobald dieser ihn erblickte, 
lief er auf ihn zu und begrüsste ihn mit den Worten : , Herr 
Henriquez , ich sah Euer Bild in Sevilla verbrennen ! Worauf er 
mit lautem Lachen erwiderte: Möchten sie nur dort mit Allen so 
verfahren!*)''»»). 

Bei all' den Leiden, welche dem Hauptmann Antonio Enriquez 
Gomez und seinen Stammgenossen von seinem undankbaren Vater- 
lande waren bereitet worden, bewahrte er dennoch so lange er lebte 
eine unaussprechliche Liebe zu demselben, und der Gedanke, sein 



*) Allä me lasden tod as sind seine Worte. Ich glaube , der kurzen 
Rede liefen Sinn in der Uebersetzung wiedergegeben zu haben. Was das 
Wörtchen me hier bedeutet, ist mir nicht klar. 



218 

Heimathsland nie mehr begrüssen zu können, gab besonders seinen 
lyrischen Poesien ein dunkles Colorit; sie drücken die Unruhe und 
die Sehnsucht aus , welche sein Herz bestürmten und quälten. 
War es einerseits sein sehnsüchtiges Verlangen , die schönen Ge- 
filde seines Geburlsorts nur noch einmal zu erblicken , so traten 
doch andrerseits die grauenhafte Marteranstalt, die schwarzen Fol- 
terbänke und die unglücklichen Dulder immer wieder vor seine 
Seele. Auf die Verfolgungen deutet er in seinem ersten, auf frem- 
dem Boden entstandenen Werke, den »moralischen Akademien« 
hin, wie sich denn auch besonders in diesem Werke, welches, 
so siel uns bekannt ist, 3 Auflagen ^^^) erlebte, sein von Bitterkeit 
und Trübsinn übervolles Gemüth durch laute Klagen Luft schafft. 
Und doch bricht er nicht wie andere Juden , welche mit ihm glei- 
ches Schicksal der Verbannung theilten, in diese Verwünschungen 
gegen das heilige Officium aus , wie wir sie schon früher wahrzu- 
nehmen Gelegenheit hatten. Die Liebe zum Vaterlande, zu seinen 
zurückgelassenen Verwandten wirkte gar zu mächtig auf ihn und 
die Hoffnung, trotz der Wachsamkeit der Inquisition vor seinem 
Tode noch einmal sein Spanien betreten zu können , mag ihn zu 
sehr beschäftigt und abgehalten haben, seinen Grimm vollends 
entbrennen zu lassen. Seine Wünsche sah er nie in Erfüllung 
gehen ; Gomez starb in fremdem Lande und fand ein Bett in frem- 
der Erde. 

Was war er nicht Alles dieser Mann? Jede einzelne seiner 
Schriften erfüllt uns mit neuer Bewunderung und eröffnet uns 
einen neuen Blick in das reiche Gebiet seiner Kenntnisse. Er war 
Philosoph und tiefer Denker, lyrischer und dramatischer Dichter, 
für seine Elegien sorgte sein Vaterland , Theologe, Statistiker und 
diplomatischer Schriftsteller, in allen Fächern gleich bewandert, 
wenn auch nicht gleich gross und bedeutend. Gomez berichtet 
uns selbst in dem Prolog zu seinem Heldengedichte, mit dessen 
Inhalt wir unsere Leser später bekannt machen werden , über 
seine bis zum Erscheinen desselben verfassten Werke : » Die Bücher, 
welche ich habe erscheinen lassen, sind folgende : Die moralischen 
Akademien , Der Fehler des ersten Reisenden , Die vortrefiliche 
Politik »politica angelica«^^**) in zwei Theilen , Ludwig von Gott 
gegeben »Luis dado de Dies«, Der Babylonische Thurm und 
dieses Heldengedicht. Zusammen bilden sie 9 Bände Prosa und 
Poesie, welche sämmllich von 1640 bis 1649 entstanden sind. Für 



219 

jedes Buch ein Jahr, für jedes Jahr ein Buch. Ordne sie wie Du 
willst. « Ohne auf sein Wissen und seine Vielseitigkeit besonderes 
Gewicht zu legen, ruft er seinen freundlichen Lesern in demselben 
Prologe zu : »Wünschest Du mich als Moralphilosophen kennen zu 
lernen , lies meine Akademien , als Staatsmann , greif nach meiner 
polilica angeiica ; als Theologe, lies meinen Reisenden; als 
Statistiker biete ich mich Dir in Luis dado ; als Dichter triffst 
Du mich in diesem Heldengedichte, als Komiker in meinen Komö- 
dien, und wenn Scherzhaftes, Wahrheit und Dichtung Du begehrst, 
so lies mein Pythagoräisches Jahrhundert, welches, leidenschafts- 
los und vorurtheilsfrei, von allen Denen geliebt worden ist, die es 
gelesen haben. « 

Unsere Zeit, die so überaus reich an Bescheidenheit und voller 
Demuth ist, mag über ein solches Sichselbstloben mit einer Miene 
des Bedauerns lachein und den fleissigen Gomez der Selbstüber- 
schätzung und der Eitelkeit beschuldigen. Es mag immerhin sein, 
dass der Spanier seinen Innern Werlh kannte und vielleicht eine 
etwas zu hohe Meinung von sich hegte. Niemand kann es aber in 
Abrede stellen, sagt der verdienstvolle de losRios, dass sich dieser 
Judaisirende, oder wie wir uns kürzer ausdrücken , dieser Jude 
durch seine Kenntnisse unter den Gelehrten seiner Zeit, wie unter 
den dramatischen Dichtern sehr auszeichnete. Er durchwanderte 
alle Gebiete der Literatur, erwarb sich den Ruhm eines Philo- 
sophen, Theologen und Staatsmanns und ward verherrlicht als 
lyrischer, epischer und komischer Dichter, 

Indem wir uns die Aufgabe stellen, zur richtigen W^ürdigung 
unseres Dichters eine flharakteristik seiner Schriften, so weit sie 
uns vorliegen und bekannt sind , wenn auch nur in gedrängter 
Kürze zu liefern, so werden wir ihn von drei Gesichtspunkten aus 
als lyrischen, epischen und komischen oder dramati- 
schen Dichter betrachten. Zuerst werfen wir also einen Blick auf 
seine lyrischen Poesien. 

Wie bei allen spanischen Dichtern dieser Epoche, so zeigt sich 
auch bei Antonio Enriquez Gomez neben seinen eigenen selbst- 
ständigen Poesien der Charakter der Nachahmung der italienischen 
Schule. Doch auch in den Gedichten, in welchen Gomez den Spu- 
ren Petrarca's folgt, hat er sich nicht so streng an sein Musterbild 
gehalten, dass er diesem zu Liebe seine eigene Denk- und An- 
schauungsweise ganz und gar geopfert hätte. In seinen lyrischen 



220 

Poesien ist es ausser der Schönheit der Form auch noch die Reinheit 
des Ausdrucks , die Fülle der Gedanken , die Tiefe des Gefühls, 
welche den Leser anziehen und den Dichtungen eine ergötzende 
Frische verleihen. Gomez bietet uns hier die Frucht seiner ein- 
samen Liebe und Begeisterung, welche in der Einsamkeit empfangen 
und auf die Gegenstände seiner nächsten Umgebung übertragen 
ward. 

Denken wir uns den eben aus seinem Vaterlande vertriebenen 
Mann ! Alles flösst ihm Misstrauen ein, in Jedem erblickt er einen 
Verräther und Ankläger; er hasst die gesellschaftliche Verfeine- 
rung, flieht die städtischen Vergnügen und findet nur Ruhe in der 
Einsamkeit. Alles treibt ihn zur Natur und aufs Land hinaus und 
dort besingt er die schuldlose Ruhe des friedlichen Landlebens in 
lieblicher Weise : 

Trifft mich des Januars eisige Strenge 
In des Gebirges unfreundlicher Mitte, 
Send' ich sogleich der Wünsche Menge 
An den verehrten Rauch meiner geliebten Hütte. 
Wenn nur von fern ich ihn seh, 
Führ ich schon Trost, weicht schon das Weh'. 

An jenem einsamen Wege 
Leb' ich zufrieden, heiter und froh. 
Nicht in der Städte engem Gehege, 
Nicht in der Hauptstadt leb' ich so. - 
Kein grösseres Unglück gibt's wohl auf Erden, 
Als ob seines Lebens nicht froh zu werden. *) 

Noch in zwei anderien Gesängen feiert Enriquez die Ruhe des 
Landlebens, in beiden entwickelt er eine Tiefe philosophischer Ideen. 



Cuando el Enero helado 
Me coge en esta Sierra, miro luego 
El humo idolatrado 
De mi sanla cabaSa, cuyo fuego 
Aun de löjos mirado, 
Me sirve de consuelo y de sagrado. 

En estas soledades 
Vivo contento, alegre y descansado : 
No corao en las ciudades, 
AI bullicio sugeto del Estado ; 
Pues no hay mayor desdicha 
Que ä Costa de Ja vida anaar la dicha. 



221 

Alle seine lyrischen Compositionen Inigen die Spuren einer innern 
Wehmuth an sich. 

Seine inneren Seelenzustände und der Schnierz, welcher sich 
seines Herzens bemächtigte, sprechen sich am deutlichsten in 
seinen Briefen an Job und in der Elegie aus, welche er über seine 
Verbannung anstimmte. Sie sind in dem alten National-Silben- 
mass, den Redondillen geschrieben, diesen Ringelversen, wie 
Bouterwek sie nennt, welche sich durch ihre Simplicität nicht 
weniger als durch ihre Lieblichkeit empfahlen, und in welche Jeder 
seine Liebes- und Leidensgefühle ohne Zwang zur Guilarre ab- 
singen konnte : 

Gering für mich noch immer waren meine Leiden, 
Will doch das Vaterland, das mein ich nenn' mit Freuden, 
Der schweren Uebel Gunst, indem wir aus ihm scheiden. 

Verloren ist der Tag, die Nacht bleibt mir allein, 
In Finsterniss gehüllt ist keine grosse Pein, 
Für den, der lebet traurig in Norwegens kaltem Hain'. 

Des Lebens kostbar Gut ist hin, für mich verloren, 
Die Freiheit ist nicht mehr. war ich nie geboren 1 
Das Unglück hat sich mich für immer auserkoren. 

Beklagt wohl so in Wäldern und auf Ruinen Höh' 
Ein Täiibchen schüchtern, zart in des Geliebten Näh' 
Das Unglück so wie ich, wie ich des Leidens Weh' ? 

Die Heimath war mir süss, was könnt' noch sonst ich sagen ? 
Der Seelen Ruh' ist hin, sollt ich nicht ganz verzagen? 
Und an der Lieb' Genuss nicht find ich mehr Behagen. *) 



Eran mis penas por mi bien menores : 
Que la patria ; divina compaiiia ! 
Siempre vuelve los males en favores. 

Gane la noche; si perdi mi dia, 
No es mucho que en tinieblas sepultado 
Este quien vive en la Noruega fria. 

Perdi lo mas preciso de mi estado ; 
Perdi mi libertad ! . . con esto digo 
Cuanto puede decir un desdichado. 

No gime entre las selvas y cristales 
La tortola ä sa amada companera, 
Como yo mis fortunas y mis males. 



222 

Der Dichter, welcher in solcher Weise in die Saiten dei' casti- 
lianischen Leier griff und Poesien solcher Schönheit niederschrieb, 
verdient das Lob, dass er sich über das Gewöhnliche erhoben und den 
Rang, der ihm neben den Grössen seinerzeit eingeräumt worden ist. 

Nachdem Gomez in der Lyrik seiner inneren Empfindung ge- 
folgt war und seinen subjectiven Eindrücken nachgegeben hatte, 
wandte er sich auch dem Objectiven , dem vorhandenen Stoffe, 
mit einem Worte, dem E p o s zu und versuchte sich wie Jacob Usiel, 
wie der von ihm so hochgestellte Miguel de Silveyra im Helden- 
gedichte. Gomez, welcher den Macabeo so bewunderte "und dieses 
Heldengedicht, wie wir S. 186 sahen, für eine der vorzüglichsten 
Epopöen erklärte, strebte danach, es dem stammverwandten 
Heldendichter gleich zu thun und nahm Silveyra sich zum Vor- 
bilde. Silveyra feierte den starken Makkabäerfürsten , Antonio 
Enriquez Gomez versprach den Josua in einem Heldengedicht zu 
verherrlichen und besang den Nasir Simson in seinem »Sainson 
Nazareno«^^^). 

»Ich habe in diesem Gedicht« , erzählt Gomez , »die Thalen 
des bewunderungswürdigen Helden und wunderbaren Mannes, 
des Samson Nazareno behandelt, diesen Schrecken der Philistäer, 
diesen Triumph des Gotlesvolkes. Die ausserordentliche Liebe, 
welche er zu seiner Delila fasste, zu diesem Ideal der Schönheit 
und Undankbarkeit eines jeden .Jahrhunderts, das unbeschränkte 
Vertrauen, welches er in diese Falschheit setzte, waren die Ursache 
seines schnellen Falles. Wenn die Liebe zu meiner Thalia mich 
getäuscht hätte, ich würde wahrlich kein Wachs verlangen , weil 
ich weiss, dass mit Wachsflügeln man nicht fliegen kann.« 

Gomez zollte mit dem »Samson Nazareno«*) den Tribut, 



*) Denselben Gegenstand behandelte Montalvan in einem Drama »El 
Nazareno Samson« (41 Seiten in 4). Auch dieses Drama endet mit einem 
Gebete, in welchem sich der Held dem Tode weiht : 

Ich sterbe für Gott, für mein eignes Selbst, 
Für mein Vaterland, für meinen Eifer ; 
Ich sterbe jetzt für meine Ehr'. 

So starb Samson 
■ - Und alle Philistäer, 

Er starb als Gottesfreund — 

Sie als seine Feind'. 

Ein Drama gleichen Titels kam noch -182 auf dem Hoftheater zu Madrid häufig 
zur Aufführung. 



223 

welchen seine dem Heldengedichte huldigende Nation von ihm 
fprderte. Doch gebührt ihm für dieses Epos die Palme mit Nichten. 
Er blieb weit hinter seinem Musterbilde zurück und das Gedicht 
leidet trotz einzelner Schönheiten an wesentlichen Mängeln. Der 
grösste Fehler liegt wohl in der Wahl seines Helden selbst. Sim- 
son, der biblische Hercules, ist nicht das Sujet, dessen Thaten eine 
poetische Behandlung zulassen, eben so wenig wie der griechische 
Titan sich zum Gegenstand eines Heldengedichts eignet; dem freien 
Spiel der Phantasie im Wunderbaren , dem Haupterforderniss in 
dieser Dichtungsart , wird durch den streng biblischen Stoff eine 
Schranke gesetzt. 

Eine der schönsten Partien dieses Gesanges, in welcher Gomez 
den wahren Ton des Epos getroffen hat, ist der Schluss. Er führt 
Simson in den Tempel der Philistäer, stellt ihn zwischen die beiden 
Säulen, die er krampfhaft umfasst und lässt ihn sodann zu seinem 
GoUe beten : 

Gott meiner Väter, ewiger Schöpfer, 
Dreier Welten erhabener Atlas. 
Heü'ger Vater, ewig dauernder, 
Gott Abrahams, Du wahrhaft Geliebter, 
Isaacs Gott, dessen hohe Herrschaft 
' Triumphirend lebt im göttlich' Gesetz, 
Gott Jacobs, der Segnungen voll. 
Hör' auf Samson, merk' auf den Nasirüer ! 

Einziger Schöpfer, unerfassbarer, 
Der Weltenheere hochheiliger Herr, 
Unbesiegbare Kraft der Schlachten, 
Verherrlicht durch alle Jahrhunderte hin ; *) 



Dios de mis padres, dice, autor eterno 
De los mundos, soberano Atlante, 
Incircunciso, santo y abeterno ; 
Dios de Abraham, tu verdadero amante ; 
Dios de Isahaic, cuyo altisimo gobierno 
En la divina ley vive Iriunfante, 
Dios de Jahacob, de benediciones Ueno, 
Oye ä Samson, escucha ai Nazareno. 

Unico criador, incomprensible, 
Senor de los egercitos sagrado, 
JBrazo de las batallas invencible, 
Por siglos de los siglos venerado ; 



T^ 224 

Unbegreiflicher Anfang des Anfangs, 
Voilkommner Schöpfer alles Geschaffenen, 
Gnade, o Gott, Gnade, Dir will ich mich weih'n, 
Erbarmen erfleht der Nasiräer !' 

Ich sterb' für das Gesetz, das Du einst für uns schriebst, 
Und für die heil'ge Lehr', womit Du uns hast geschätzt, 
Ich sterb' für heilig Volk, das Du auch heut' noch liebst. 
Und für Gebot und Recht, das Du hast eingesetzt. 
Ich sterb' fürs Vaterland, das Du mir hast gegeben. 
Und für den hehren Ruhm, womit Du das Volk geehrt ; 
Ich sterb' für Israel, ich weih' zuerst das Leben, 
Damit des Herren Ruhm, sein Name werd' gemehrt. 

An diesem Tag, o Gott, will ich mich noch ermannen. 
Nur frei soll sein mein Volk, dem Tod will ich mich weih'n, 
Frei sei es heut und immer von Bosheit der Tyrannen, 
Von Fremden harter Herrschaft will ich mein Volk befrei'n. 
Nimm ab, o Gott, das Joch von Deiner heil'gen Schaar, 
Und fei're den Triumph mit Deines Dieners Blut ; 
rette Israel, Herr, und räch' auch Du mein Haar, 
Mein Leben sei das Opfer und glanzvoll sei mein Muth. *) 



Causa si, de las causas invisible 
Perfecto autor de todo lo criado, 
Fequ6, seiior, pequ6 : yo me condeno 
Misericordia pide el Nazareno. 



Yo muere por la ley que tu escribiste, 
Per los preceptos santos que'mandaste, 
Por el pueblo sagrado que escogiste, 

Y por los raandamienlos que ordenaste : 
Yo muero por la pälria que me diste 

Y por la gloria con que el pueblo honraste : 
Muero por Israel, y lo primero 

Por tu inefable norabre verdadero. 

Yo me ofrezco ä la muerte, por que sea 
Redimido mi pueblo en esle dia 
De la dura potencia felistea, 
Arbitrio de la misma tirania : 
Sacuda el yugo la nacion hebrea ; 
Goce este triunfo con la sangre mia • 
Salva ä Israel j senor ! sea mi vida 
Victima Santa y lämpara lucida. 



225 

Gott, mein Gott, die Zeit sie nah't, 
send' mir Deinen Geist und einen Strahl von Dir, 
Gieb Du doch Kraft der Hand, dass sie vollbring' die That, 
Dass end' der Fremden Macht an diesem Orte hier. *) 



Ein nicht unerheblicher Fehler dieses von Antonio dos Rays**) 
besungenen Heldengedichts ist auch die häufige Einführung mytho- 
logischer Personen. Es verdient dieses bei Gomez nicht allein des- 
halb Rüge, weil sich Mythologie mit der Bibel nicht wohl vereinigen 
lässt, sondern auch \veil er eben hierin zeigt, dass er in der Praxis 
seiner eigenen Theorie nicht zu folgen verstand. Tadelt er selbst 
doch die Dichter, welche in der Verherrlichung mittelalterlicher 
Personen zugleich Apollo, Daphne, Phaethon und andere Gottheiten 
l)esingen. Nach Ticknor's^''^) Urlheil steckt der Samson Nazareno 
voller Gongorismus, eine EigenlhUmlichkeit, von welcher auch ein 
anderes zu Ronen 1 644 erschienenes und der Herzogin von Orleans, 
Margaretha de Lorena gewidmetes Werk unseres Dichters » la Culpa 
del primer Peregrino« nicht frei ist. 

Diese » Culpa a'^"*) ist nach der Kritik de los Rios'***) ein in 
»versibus non inelegantibus« geschriebenes Gedicht, welches Go- 
mez nicht wenig Ruhm verschaffte und Spuren seines Studiums 
der heiligen Schriften an sich trägt. Dem genannten spanischen 
Literator waren freilich viele Stellen in diesem Gedichte so dunkel, 
dass es ihm, wie er selbst gesteht, unmöglich schien, ihr Verständ- 
niss zu ergründen ; er gibt aber dennoch zu, dass das Ganze reich 
an Schönheiten sei und theilt eine Probe mit, welche als Beleg für 
seine letzte Behauptung gelten kann: 

Glanzvolle Wesen der Höh' 
Erblicktet Ihr meinen Geliebten? ***) 



*) Ea i seiior eterno I agora . . agora 

Es tiempo que tu espiritu divino 
Favorezca ä esta mano vencedora 
Para que acabe el duro felestino. 

**) Toto celebratus in orbe 

Goniesius validä calamo qui tollit in astra 
Samsonis benefacta. 

*♦♦) Deidades luminosas, 

Habeis visto ä nai amado? 
KayserÜDg, Sephardim. l5 



226 

Wer ist Dein Geliebter? Sprich, 
Erwidern die Planeten im Chor. 

0, mein Geliebter, mein Trauter 
Ragt empor wohl über Myriaden, 
- Golden wie die Sonne selbst 
Und wie Aurora so weiss. 

Glänzend wie Gold ist sein Haupt, 
Das Ophir übertrifft noch an Strahlen, 
Und seine Locken gekräuselt, 
Rubine selbst ziehen sie an. 

Seine Augen — himmlisch schon, 
Denen der Taube so ähnlich, 
Sanft schwimmen sie in der Milch, 
In der sie beide sich baden. 

Er ist der König der Welt 
Und das heil'ge Paradies, 
, Edens göttlicher Garten 
Dient ihm als königlich Haus. *) 

Antonio Enriquez Gomez als epischen und lyrischen Dichter 
haben wir im Vorhergehenden kennen lernen. 

Ehe wir Gomez den Dramatiker betrachten, erwähnen wir 
noch seine Ludwig XIV. lobende, ihm gewidmete Schrift, deren 
vollständiger Titel ist : 



*) ^Quien es tu amado? dicen 

Los planetas sagrados. 

Es mi amado, respondo 
En diez raii senalado, 
Rubio corao el sol misrno, 

Y como el alba blanco. 

Su cabeza es de oro 
Que ofir dispara ä rayos 

Y sus cabellos Crespos 
Que Uran ä topacio. 

Sus dos herraosos ojos 
Son de paloma y tanto 
Que nadan sobre lache, 
Donde se estän baiiando. 

Es rey de todo el orbe 

Y el paraiso sacro, 
Huerte de Hedem divino, 
Le sirve de paiacio. 

Vergl. hiermit Hohelied Salomonis V. 11 ff. 



227 

»Luis dado de Dios a Luis y Ana 
Samuel dado de Dios a Elcana y Ana.«*"^) 
und die 5 Dialoge, welche in Prosa geschrieben und unter dem 
Titel »Polilica angelica« in Ronen 1647 erschienen sind. 

Fruchtbarkeit, Viel- und Geschwindschreiberei ist eigentlich 
ein Erbstück der spanischen Dramatiker und in diesem Punkte hat 
Gomez seine Nationalität nicht verläugnet. »In meiner Zeit«, 
äussert Gomez in dem mehrerwähnten Prolog, »gab es, abgesehen 
von dem Adam der Komödie, Lope de Vega , eine grosse Menge 
Dichter. Der Doclor Juan Perez de Montalvan brachte unter den 
vielen Komödien, welche er schrieb, auch eine auf die Bietter, 
mit welcher er sich an. seinen Nebenbuhlern rächte; er war ein 
crosser Geist .... Luis Velez war durch das Heroische bedeutend. 
Ich will nicht unerwähnt lassen D. Francisco de Rojas , D. Pedro 
Rosete, Gaspar de Avila, D. Antonio de Solls, D. Antonio Cuello 
und viele Andere, welche mit vielem Fleisse Komödien schrieben. 
Ich verfasste 22, deren Titel ich hier aufführen will, damit die Welt 
auch wisse, dass ich sie geschrieben habe, denn die Verleger in 
Sevilla gaben allen oder wenigstens den meisten Titel und Ver- 
fasser ganz nach Belieben a 296^^ 

Können wir auch nicht alle 22 Komödien — die Zahl beläuft 
sich auf noch mehr — unseren Lesern einzeln vorführen und zer- 
gliedern , wofür sie uns auch gewiss keinen Dank sagen würden, 
so wollen wir doch wenigstens die Titel derselben nennen. Dieses 
glauben wir dem fruchtbaren, sein Eigenthum sorgsam wahrenden 
Dichter schuldig zu sein. . 

Die Kinder seines Geistes, »hijas de mi ingenio«, wie Gomez 
sich ausdrückt, w aren : 

Der Cardinal Albornoz in 2 Theilen. 
Betrügen um zu regieren. 
Diego de Camas. 
Der Hauptmann Chinchilla. 
Fernan Mendez Pinto in 2 Theilen*) . 

*) lu dieser Komödie behandelt Gomez den bekannten Reisenden glei- 
chen Namens. Fernan Mendez Pinto war in Montemor Ovelho in Por- 
tugal geboren, bereiste 21 Jahre lang Europa, Asien und Afrika und zeich- 
nete die Erlebnisse seiner Reise in portugiesischer Sprache auf (Lissabon 1604 
[1614], [Hallervord bibl. curios. 75]). Die Reise des Fernan M. Pinto, welchen 
Addison einen Mann von unendlichen Abenteuern und unbegrenzter Einbif- 

15* 



1.2. 


El Cardenal de Albornoz 


3. 


Enganar para reynar 


4. 


Diego de Camas 


ö. 


El Capitan Chinchilla 


6.7. 


Fernan Mendez Pinto 



228 

8 . Zelos no ofenden al Sol Eifersucht verletzt nicht die Schön- 

heit. 

9. Ei Rayo de Palestina Der Glanz Palästina's. 
tO. Las sobervias de Nembrot Der Hochmulh Nimrot's. 

H . A lo que obligan los zelos Die Pflichten der Eifersucht. 

12. Lo que pasa en media noche Die Mitternacht. 

13. El Caballero de Gracia Der Caballero de Gracia. 

14. La prudente Abigail Die kluge Abigail. 

15. A lo que obliga el lionor Die Pflicht der Ehre. 

16. Contra el amor no hay Kein Betrug in der Liebe. 

enganos 

17. Amor con vista y cordura Vernunft in der Liebe. 

18. La fuerza del heredero Der Entschluss des Erben. 

19. La Casade Austria en Espana Das Haus Oesterreich in Spanien. 

20. El Sol parado Die unempfindliche Schönheil. 
21.22. El Trono de Salomon''^'] Der Thron Salomon's in 2 Theilen. 

In diesem von Gomez selbst aufgestellten Verzeichniss fehlt 
die Comedia fämosa : 

No hay contra el Honor poder, Keine Macht gegen Ehre, 
eine Komödie in drei Acten, in welcher Alphons X. von Caslilien, 
D. Sancho, Rodrigo de Lara, D. Bianca, dessen Gemahlin, D. Tello 
die Hauptrollen haben ^^^j. 

Ausserdem hatte er seinen Freunden und Gönnern noch ver- 
sprochen 

Aman y Mardocheo ^'^) Haman und Mardochai und 

El Caballero de Milagro Der Caballero de Milagro. 

Bedenket man, dass die bei weitem grösste Zahl dieser Ko- 
mödien bis zum Jahre 1642 geschrieben sind, so kann man eine 
solche Productivität nur bewundern. Gomez war als Dramatiker 
in seinerzeit gefeiert. »Die Theater Madrid's sind das sicherste 
Zeugniss seines Verdienstes. Seine Komödien wurden mit Lobes- 
erhebungen überschüttet; sie wurden gewünscht und eben deshalb 
wohlgefällig aufgenommen. Das Drama » der Cardinal Albornoz« hat 
in seiner Erfindung, Anlage und Auffassung Etwas , was freilich 
Denen nicht gefallen wird, welche Alles bekritteln, was sie nicht 
nachmachen können. Er vereint hier die einem Fürsten schuldige 



dungskraft nennt, liefert das Vorbild zu Ereignissen, welche zwar eingeräum- 
lermassen erdichtet, jedoch kaum unglücklicher waren als jene. Vergl. D u n - 
Kop, Geschichte der Prosadichlungen, deutsch vonLiebrecht (Berlin i851), 419. 



229 

Ehrfurcht mit den Grundsätzen eines uneigennützigen Ministers, 
ohne dass durch die Zärtlichkeit des Liebhabers der Ernst ver- 
drängt wird, — Die Erfolge Fernan Mendez Pinto's nöthigten auch 
dem in Billigung und Anerkennung geizigen Hof Bewunderung ab. 
Ich hätte noch Vieles über seine dramatischen Werke vorzubringen : 
sie haben sich Alle gleicher Achtung zu erfreuen gehabt. « Als 
Schluss wird noch folgender Satz hinzugefügt: »Hält man Menan- 
der und Plautus für gross in der Komik , so steht Gomez weder 
dem Plautus noch dem Menander nach.« 

Wir haben soeben das Urtheil eines Zeitgenossen unseres 
Dramatikers, die Stimme seines Freundes, seines Waffen- und 
Leidensgefährten , die Worte des Dichters , des Märtyrers fürs 
Judenthum, des 

Manuel Fernandos de Villa-Real 
vernommen. 

Wieder ein bis heute der Dunkelheit anheimgefallener Sohn 
Israels ! Manuel Fernandes war ein Lissaboner Kind. Als Jüngling 
begab er sich nach Madrid, in den Hörsälen der dortigen Univer- 
sität sammelte er sich Kenntnisse. Auch soll er einige Jahre in der 
Armee gedient und den Rang eines Capitäns erlangt haben. Später 
liess er sich in Paris nieder und lebte dort als portugiesischer 
Consul lange Zeit in Wohlstand. Diese Würde wurde gern den 
Juden , den portugiesischen Flüchtlingen übertragen. Lebte nicht 
Duarte Nunes de Acosla als Agent D. Joao IV. in Hamburg? Manuel 
de Belmonte als Resident der spanischen Majestät? Im Auslande 
weilend, suchten die katholischen Könige Nutzen von ihren Juden 
zu ziehen*), nur im Lande selbst durften sie sich nicht blicken 
lassen , da hiess es — doch w ir wollen zu unserem Fernandes 
zurückkehren. 

Obwohl Fernandes eigentlich der Geschäftswelt angehörte, so 
pflegte er dennoch mit warmer Liebe die Wissenschaft und machte 



*) Sir William Temple , einer der ausgezeichnetsten englischen Diplo- 
maten des 17. Jahrhunderts (st. 1698), der während seiner mehrjährigen 
Gesandtschaft in den Niederlanden mit den jüdischen Residenten fremder 
Höfe im Verkehrstand, sagt einmal : »Zwei Dinge flnde ich merkwürdig, dass 
die Spanier, welche die Juden so sehr hassen, in Amsterdam Juden zu Agen- 
ten und Residenten annehmen, und dass andrerseits die Juden, so bitter von 
den Spaniern und Portugiesen verfolgt, noch überall die spanische und por- 
tugiesische Sprache auf ihre Kinder verpflanzen. « 



230 

sich als Dichter und Historiker der Weit bekannt. Im Jahre 1637 
erschien von ihm unter dem Titel »el color verde a la divina Ce- 
liaa^*^") ein Gedicht, in welchem er, wie dieses zu gleicher Zeit von 
dem S. 189 behandelten IsaacCardoso geschehen ist, — auch 
sein Verleger ist derselbe — die grüne Farbe besingt. 

Sein wichtigstes Werk ist ohne Zweifel das als »discursos 
politicos«*)^"*) sich ankündigende 1 641 erschienene. Wahrlich, ein 
merkwürdiges Buch! Das einzige, welches uns von den Schriften 
dieses keineswegs unbedeutenden Mannes zu Gesicht gekom- 
men ist. Ein wahrer Fürstenspiegel ! Fernandes behandelt 
darin genau genommen die Vorzüge und Thaten des gewaltigen 
französischen Staatsmannes, des Cardinais Richelieu, welchem er 
alle«! Anscheine nach zu besonderem Dank verpflichtet gewesen ist 
und 3er von ihm als der Beschützer der Fremden und Verfolgten 
gerühmt wird. Er lobt seinen Gönner, seine Verdienste um 
Frankreich, seine Energie und Klugheit und ruft einmal aus: 
Frankreich kennt ihn , die Welt bewundert ihn , seine Freunde 
verehren ihn, seine Feinde fürchten ihn. Fernandes erscheint als 
der Lobredner des französischen Ministers , und doch finden sich 
so feine Ideen in diesem Buche , weiss sein Verfasser so geschickt 
den damals schon dem Grabe nahen Herrscher Frankreichs an seine 
Fehler und Vergehen zu erinnern, enthalten diese politischen Dis- 
curse so viel Moral und Philosophie, dass man sich oft die Frage 
vorlegen möchte: Ist das wirklich das Werk eines Panegyrikers? 
Einige Male berührt er auch den Punkt, welcher ihm so nahe lag, 
die Religion. Er legt dem Minister ans Herz, in Religions-Ange- 
legenheiten keine Gewaltmassregeln zu gebrauchen und verweist 
ihn auf die Grausamkeilen Philipp III.- von Spanien , welcher in 
seinerzeit dieMoriscos, die geheimen Anhänger des Islam, aus 
dem Lande gejagt hatte. »Die geheimen Anhanger einer Religion 
sollen nicht mit solcher Strenge, mit so ausserordentlich grausamen 
Mitteln geplagt werden. Es steht nicht in der Macht der Fürsten, 
die Geheimnisse der Seele zu erforschen. Genug wenn der Unterthan 
seine Gesetze befolgt, seinen Vorschriften Gehorsam leistet ; er darf 
seine Herrschaft nicht auf die verborgensten Gedanken, auf das 
Innerste des Herzens erstrecken. Ist es nicht ein Scandal , ist es 



*) Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die »Discorsi« und der »Principe« 
Machiavelii's von Villa- Real benutzt worden sind. 



231 

nicht ein böses Beispiel, wenn die Urtheilskraft so anmassend ist? 
Was vermögen wohl Reden , die aus Hass entstehen und mit der 
Vernunft nichts zu schaffen haben? Keine Macht darf diesen Punkt 
idie Religion) berühren, denn das Herz des Menschen liegt in seinen 
Thaten ; wollt Ihr Euch nicht in Vermessenheit verirren, nicht die 
Grenzen Eurer Gerichtsbarkeit tiberschreiten, beurtheilt die Men- 
schen nach ihren Thaten, nach ihren äussern Handlungen, nichtnach 
Eurer Unwissenheit, oder um besser zu sagen, nach Eurer Bosheit. «*) 

Wer anders ais ein der Verfolgung entronnener Jude konnte eine 
so freie, ungebundene Sprachefuhren ? Und dasin einem Lande, wel- 
ches von den heftigsten Religionskriegen erschüttert war ! In einem 
Lande , dessen König 20 Jahre früher seinen Secretär verbrennen 
Hess, weil er Judenlhum bei ihm witterte ! In einem Lande, dessen 
Minister und Regent täglich die Hostie mit den Worten begrUsste : 
»Das allein ist mein Richter ! « Manuel Fernandos' Schrift blieb sicher 
nicht ohne Einflass. Zwei Jahre nach ihrem Erscheinen wurde sie 
durch seinen Freund Francisco de Grenailles , diesen Maecena- 
tem autoris et cultorem eximium , wie Fernandes ihn nennt, ins 
Französische und 1646 auch ins Italienische übersetzt. 

Auch Antonio Enriquez Gomez eiferte seinem Freunde nach 
und besang den Cardinal in einem dem eben besprochenen Werke 
vorgedruckten Cancion**). 

Wir übergehen die anderen Festungsbau und Politik betreffen- 



*) No es del poder del Principe el excudrinar los secretos del alma, hasta 
que el vasallo obedesca sus leyeSj observe sus preceptos, sin introducir su 
imperio en lo mäs oculto de los pensaraientos, en lo mäs intimo del coraQon. 
.... El corafon del Hombre esta en sus manos, eslo es, en sus obras .... 
jusgad por eilas (obras) per lo exterior, no segun vuestra ignorancia, ö por 
mejor decir, vuestra malicia. (Ed. Pamplona 105.) 

**) Der zweite Vers dieses Gedichtes lautet: 

tu felice honor de toda Europa, 
Monarcha sin segundo, 
Decimo tercimo Luiz, seiior del mundo 
Si la Francia dichosa, 
Desto consejo vive misteriosa, 
Bien puede blazonar de su grandeza, 
Que raras vezes da naturaleza 
Saloraon y Alexandro en un sugeto etc. 

Von ihm befindet sich noch in dieser Schrift ein Sonett an »su intimo amigo« 
M. F. de Villa-Real und ein andres »al Retrado del Eminent. Senor Cardenal 
Duque de Richelieu«. Beide Gedichte fehlen in der 2. Aufl. 



232 

den spanischen Schriften dieses geschickten und erfahrenen Schrift- 
steilers und Dichters seines Jahrhunderts, wie ein Zeitgenosse ihn 
bezeichnet, und erzählen nur noch , dass er durch Henkershand 
den Tod erh'tt. Seine geschäftlichen Beziehungen zum portugie- 
sischen Hofe brachten ihn nämlich einmal nach der Residenz seines 
Königs, nach Lissabon. Nur zu bald merkte man dort, dass er 
nicht das sei, was man von ihm wünschte. Er war, so berichtet 
Barbosa^"^), ein eifriger Anhänger des Judenthums und hatte 
40 (?) Jahre hindurch streng nach dem jüdischen Gesetze gelebt. 
Dieses war dem Spürblick der Inquisition nicht entgangen und das 
hohe Tribunal wies ihm in seinen Mauern eine Wohnung an. Es 
ist nirgends angegeben, wie lange er im Gefängnisse schmachtete; 
1 650 hielt er sich schon in Lissabon auf, denn in diesem Jahre erschien 
dort von ihm eine Romance heroico, in welcher er den Tod einer 
adligen Dame D. Maria de Attayde beklagte. Ob von dieser Donna 
er Hilfe und Rettung erwartet hatte und mit ihr sein letzter Hoff- 
nungsstrahl geschwunden war! Wer weiss hierauf zu antworten? 
Genug, am 1 . December 1652 erlitt der unschuldige Fernandos den 
Tod ^^^') ; er wurde nicht verbrannt, sondern ausnahmsweise als edler 
Poitugiese garrotirt. »Es war ein Mann von angenehmen Aeussern, 
sein Geist und sein Charakter schafften ihm viele Freunde, alle 
Leute von Stand und Geschmack fanden Vergnügen daran ihn zu 
sehen«, meint ein französischer Kritiker und Freund des Mannes, 
welcher seinen eigenen Freund Antonio Enriquez Gomez so vor- 
theilhaft beurtheilt und dessen dramatische Leistungen so hoch 
gestellt hat. 

Doch hat Fernandos, der selbst Dramatiker war und dessen 
»Principe vendido« am 25. Juni 1642 in Viana in Holland zur 
Aufführung kam, in dem von uns vernommenen Urtheil mehr 
die Person als die Sache berücksichtigt, obwohl sich keineswegs 
in Abrede stellen lässt, dass sich Gomez' Dramen in jener Zeit 
eines gewissen Beifalls zu erfreuen hatten. Seine Vielschreiberei 
scheint sogar durch diese beifällige Aufnahme von Seiten des Pu- 
blicums hervorgerufen zu sein : das Publicum selbst hat diesen 
dramatischen Schriftsteller dahin gebracht, dass er sich ohne Ziel 
und Maass der Bühne überliess und manches Stück improvisirte 
und in des Wortes wahrer Bedeutung fabricirte. 

Dass die neuere Kritik sich der Manuel Fernandes' nicht an- 
schliesst, wird Niemanden überraschen. Wie hat der Geschmack 



233 

in den letzten Jahrhunderten sich nicht ceilndert? Sieht doch 
selbst der grosse Calderon heule nicht mehr auf denn Zenith der 
Dramaturgie! »So bin ich auch weit entfernt«, sagt der geist- 
reiche Schlegel, »das spanische Drama oder den Calderon als Muster 
der Nachahmung für unsere Bühne zu erkennen oder zu empfehlen. 
.... Am Wenigsten ist die äussere spanische Form für uns an- 
v^endhar. Die blumenreiche BilderfUlIe einer südlichen Phantasie 
kann wohl da schon gefunden werden , wo ein solcher Ueberfluss 
Natur ist, aber nachklinsteln liisst er sich nicht«'"'). Gilt das von 
dem grossen und göttlichen Meister, durch welchen das Trauerspiel 
und Schauspiel eine so hohe Vortrefflichkeit erreicht hat, welchen 
Maassstab muss die Kritik an die heroischen und historischen Schau- 
spiele unseres Dramatikers legen! Gomez war keinMenander, kein 
Plautus und hält mit Calderon und Rojas keinen Vergleich aus. 

Ziemlich hart, vielleicht zu hart verfährt mit ihm ein neuerer 
Kritiker , der Herausgeber und Bearbeiter der früher erwähnten 
Disciplina Clericalis. Gomez gehört, meint Schmidt, zu den unzu- 
verlässigsten Arbeitern , die , wenn die Kunst einmal handw erks- 
mässig betrieben wird, bald Gutes, bald Mittelmässiges, bald 
Schlechtes liefern'"*). Das Schlechte und Mittelmässige konnte 
bei all den Fähigkeiten , welche Gomez eigen waren , nicht aus- 
bleiben. Er entwarf die Pläne zu seinen Komödien mit grosser 
Leichtigkeit, führte sie auch wohl mit Fleiss und nicht ohne 
Schwierigkeit aus , aber die von ihm gezeichneten Charaktere 
müssen eher für unvollkommene als für vollendete Bilder gelten, 
seine Ritter und Helden sind nicht immer ehrenhaft, sie beobachten 
nicht bei allen Gelegenheiten mit derselben Genauigkeit und der- 
selben Ausdauer die Regeln der Rittertugend und geben sich oft 
zur ungelegenen Zeit den Netzen der Liebe gefangen. 

Wollte man an dem Bau seiner Komödien und an ihrer Form 
Etwas aussetzen , so wären es besonders seine ungeheuer langen 
Monologen und Reden in dreifüssigen Trochäen, welche Rüge ver- 
dienen. Voll solcher Seiten langen Reden ist sein erstes*) Schauspiel, 



*) Am Ende der Komödie finden sich die Worte : 
Y aqui el poeta d<1 fin 
A SU comedia, notando 
Ser la primera que ha hecho. 
Si a vos iluslre senado 
Os agrada sera buena 
Que esle es el crisol mas alte. 



234 

»Enganar para reynar, Betrügen um zu regieren«, welches zu den 
schlechtesten der überreichen spanischen Bühne gehört. Hier 
wird uns dramatisch berichtet, wie der König Desiderius von 
Ungarn durch einen Stiefbruder entfernt wird und sich alimälig 
wieder mit Hilfe von Verkleidungen , Verstellungen und Betrüge- 
reien die Königswürde verschafft. Die Mittel , deren er sich be- 
dient, sind eben nicht sehr löblich. So lügt er seiner Muhme Liebe 
und verspricht sie zu ehelichen , obgleich er schon heimlich ver- 
heirathet ist. Alles dieses, weil es erlaubt sei zu »betrügen um 
zu regieren« , eine Ansicht, welche schon Euripides dem Eteokles 
in den Mund legt , die nach ihm Cäsar häufig wiederholt und durch 
die That für die seinige erklärt, wie es bei Cicero heisst: Ipse 
autem socer in ore semper Graecos versus de Phoenissis habebat, 
quos dicam , ut potero, incondile fortasse, sed tamen, ut res possit 
intelligi : 

Nam si violandum est jus, regnandi gratia 
Violandumest: ^^^) 

Dieses Stück, dessen Inhalt hier kurz angegeben ist, soll von 
einem Buchhändler, welcher, wie Schmidt sich ausdrückt, glaubte, 
es sei nicht allein erlaubt zu betrügen um zu regieren , sondern 
auch zu betrügen um zu gewinnen , dem grossen Calderon unter- 
geschoben sein und gar nicht Gomez' Namen führen. Wir möchten 
diesen Betrug aus verschiedenen Gründen bezweifeln. In dem 
Prolog zum Samson führt der Verfasser dieses Stück als das seinige 
an , wie er auch die Komödie als seine erste am Ende selbst be- 
zeichnet ; ferner haben beide uns vorliegende , zu verschiedenen 
Zeiten veranstaltete Ausgaben dieses Stücks den Namen des recht- 
mässigen Verfassers , nicht aber den Calderon's , dessen Name 
allerdings bei einer anderen Komödie unseres Dramatikers ange- 
geben ist. 

Nicht alle Komödien Gomez' gleichen diesem ersten verfehlten 
Versuch. Trotz mancher falschen Künstelei hat er doch zuweilen 
den Gipfel der Kunst erreicht und den hellsten Glanz blühender 
Schönheiten entfaltet. Oft prägen sich in seinen Dramen das ritter- 
liche Gefühl und die Rittertugenden seiner Epoche aus ; er ist ganz 
Spanier, ganz von dem edelsten Nationalgefühl durchdrungen, seine 
Denkart ist die aller spanischen Schriftsteller, wie sie Alle nur eine 
kennen, die echt spanische : die Ehre, die Liebe und die Freund- 
schaft bilden das Charakteristische seinerHelden, seiner Personen. 



235 

Zu den besten und vorzüglichsten Dramen Enriquez Gomez' 
gehören »A lo que obliga el honor, die Pflicht der Ehre« und »La 
prudente Abigail, die kluge Abigail«, mit deren Inhalt und Werth 
wir unsere Leser in möglichster Kürze bekannt machen wollen. 

Gomez verfolgt in dem erstgenannten^"^) Drama, »die Pflicht 
der Ehre«, denselben Gedanken, welchen Calderon in dem »Arzt 
seiner Ehre«, dem »Maler seiner Schande«, dem »Tetrarchen von 
Jerusalem« durchfuhrt. Die Handlung spielt in Sevilla in den letz- 
ten Jahren des Königs Alphons XL 

Zuerst tritt Alphons mit seinem tapfern General D. Enrique de 
Saldana auf. Der Monarch rühmt die dem Reiche von D. Enrique ge- 
leisteten Thalen und will seine Dankbarkeit dadurch bezeigen, dass 
er ihm die D. Elvira de Liarte, eine Hofdame der Königin, zur Frau 
geben will. Obwohl der General, wie er sagt, immer eine Ab- 
neigung gegen die Ehe hatte und es nie seine Absicht war, der 
Venus zu huldigen , willigt er dennoch in den Wunsch seines 
königlichen Freundes, weil seine Donna, seinem eigenen Geständ- 
nisse nach , ein Wunder von Schönheit und Tugend ist und ihm 
durch diese Verbindung die Grafschaft Carmona zufällt. D. Elvira 
halte aber mit D. Pedro, dem früher von uns genannten Sohn Al- 
phons', heimlich ein Liebesverhällniss. Sie gestehen einander ihre 
Zuneigung in langen, Leser und Hörer ermüdenden Reden, in 
welchen sie plötzlich von D. Maria de Padilla , einer anderen be- 
kannten Herzensfreundin des jungen Pedro, unterbrochen werden. 
Mit Bestürzung vernimmt die Geliebte des Prinzen die Nachricht, 
dass der König sie dem General versprochen habe und dass schon 
in den nächsten 24 Stunden die Hochzeitsfeier stattfinden solle. 
Sie ist ihrem leidenschaftlich wilden Pedro innig zugethan , wagt 
es aber dennoch nicht die Hand des seiner Tapferkeit wegen von 
ihr geschätzten Generals auszuschlagen und den Unwillen des 
Königs auf sich zu laden : 

Der König. Sprechen Sie frei ! 

Haben Sie Liebe gefasst zu einem meiner Vasallen ? 
D. Elvira. Nein, mein König. 

Der König. Gestehen Sie! 
D. Elvira (bei Seite). Was fang' ich an? 

Ich bin verloren, vrenn mein Geheimniss ich verrathe! 
Der König. Nennen Sie mir Ihren Geliebten, 

Er soll Ihr Gatte werden, wenn er Ihrer würdig ist. 



236 

D. Elvira. König! 

Ich liebe nicht, habe nie geliebt. 
Der König. Warum verschmähen Sie denn diesen edlen Gemahl? 
D. Elvira. Weil der Königin ich dienen will. 

Ohne auf diese Ausrede zu hören , verlässt sie der König mit 
der Bestimmung, dass schon in der nächsten Nacht sein bester 
Freund, sein tapferster General sie ins Ehebett führen würde, 
ü. Elvira bleibt in der grössten Unruhe allein ; Ströme von Thränen 
entquillen ihren schönen Augen. Noch ringt sie mit dem schreck- 
lichen Gedanken, ihrem Pedro entsagen zu müssen, als dieser zu 
ihr ins Zimmer stürzt und an ihren Hals fliegt. Wie vom Blitze ge- 
troffen , vernimmt Pedro den Enlschluss des Vaters, die Geliebte 
einem Andern zu geben. In der ersten Aufwallung will er seinen 
Nebenbuhler erdolchen , nur die Vorstellung der D. Elvira, dass 
von seinem Leben das Wohl des Landes abhänge , dass er die 
Seele des ganzen Königreichs sei, bringt ihn davon ab. 

D. Elvira reicht nun dem Willen des Königs zufolge dem Ge- 
neral die Hand und in wenigen Augenblicken ist der Bund der 
Ehe geschlossen. Ueberraschender Weise entfernt sich der junge 
Gemahl unmittelbar nach der Vermählungsfeier von seiner Elvira, 
wichtige Geschäfte rufen ihn an den Hof und die unglückliche Gat- 
tin bleibt allein mit Pedro zurück. Ihr Gespräch betrifft jetzt nicht 
die frühere Liebesgluth ihrer Herzen, sie reflecliren vielmehr über 
den biltern Tod, den die Geliebte so sehnsuchtsvoll erwartet. 

Dielleirath, mit welcher der ersteAct schliesst, bietet den bei- 
den dienenden Geistern derNeuvermählten, Limon,Dienerdes Gene- 
rals undLeonor, Kammerfrau der Elvira, Stoff zur Unterhaltung. Es 
war auch ihnen nicht entgangen, dass ihre Herrin mit dem grössten 
Widerwillen sich zu diesem Schritt entschlossen habe und auch 
das spähende Auge der Diener hatte bemerkt, dass der Gram an 
dem Herzen der schönen Donna nage. Limon und Leonor, selbst 
Liebende und Geliebte, folgerten aus dem Zustande Elvira's , dass- 
es nichts Grässlicheres auf Erden gebe, als eine gezwungene Hei- 
rath, als eine Ehe wider Willen. 

Don Pedro hatte seine geliebte Elvira nicht vergessen. Den 
Sinnspruch des Philosophen , dass die Liebe einem Tage gleiche, 
der, vergangen, auch vergessen sei, hatte er sich wohl gemerkt 
und befolgt; dennoch wollte er diesesmal dem Ralhe seines Freun- 
des Felix kein Gehör geben , der Maria de Padilla nämlich sein 



237 • 

ganzes Herz zuzuwenden, nachdem Elvira nicht mehr die seine 
werden könnte. Er will vielmehr auch nach ihrer Verheirathung 
in ihrer Nähe weilen. Dieses zu erreichen, gewinnt er ihre Kam- 
merfrau Leonor und erlangt von dieser, dass sie ihn in der Ab- 
wesenheit des Generals in das Schloss ftlhre. Durch einen Diener 
hatte dieser aber von dem verabredeten Besuch frühzeitig Kunde 
erhallen ; er kehrt vor der Zeit nach Hause zurück , begibt sich in 
das Gemach seiner Gemahlin und findet Vkirklich den Liebhaber 
Pedro hinter einer Gardine, durch welche er sich den Blicken des 
Generals entziehen zu können glaubte. 

So war das erste Zusammentreffen gestört. Pedro gab den- 
noch die Hoffnung nicht auf, sich der Nähe seiner Donna erfreuen 
zu können. Selbst das Anerbieten der hier als charakterfest ge- 
schilderten Maria de Padilla sein krankes Herz zu heilen und ihm 
ganz anzugehören, vermochte nicht den Prinzen von dem Vor- 
satze abzubringen, seine Elvira zu besuchen und er entlässt Maria 
mit einem »Reisen Sie mit Gott! Nicht gibt's Trost, nicht Liebe 
ohne Elvira.« Endlich erblickt er die Angebetete, hält lange Un- 
terredungen mit dieser Unschuld , welche ihm den Rath ertheilt, 
den Liebesfunken in seiner Brust zu ersticken , denn sie sei das 
Eigenthum eines Andern und müsse ihn vergessen ; aber »Siegen 
oder Sterben « ist sein Wahlspruch , Siegen oder Sterben die Er- 
widerung seines Rivalen. 

Hier tritt der nationale Stolz des edeln Spaniers hervor, der 
allein auf seine Ehre bedachte Liarte kennt keine andere Pflicht 
als seine Ehre zu rächen. Er fühlt sich durch das heimliche Ein- 
dringen des Prinzen in seinen Palast tief gekränkt und entehrt, 
er sinnt auf Mittel seinen Stolz zu wahren , seinen Releidiger zu 
strafen. Hocherfreut ist er, seinem Könige sein Leid klagen zu 
können. Wie gross ist das Staunen des Freundes, als er erfuhr, 
dass durch seinen Sohn die Ruhe des Generals gestört und das 
Glück aus seinem Palaste gewichen sei. Elvira muss dem Auge 
des Prinzen entzogen werden. Einem königlichen Rathe zufolge 
wird sie nach einem Landsitze in der Sierra Morena, 5 Meilen von 
Sevilla , geführt. Aber auch dort verfolgt Pedro die Geliebte. 
Der General hat keine Hoffnung mehr seine mit Füssen getretene 
Ehre retten zu können. Er verbirgt den Schmerz, welcher ihn 
verzehrt und beschliesst, sich durch den Tod seiner unschuldigen 
Gemahlin an dem leidenschaftlichen Prinzen zu rächen. Eines Tages 



238 

begleitet er Elvira auf einen hohen Felsen und stürzt sie, wahrend 
sie nichts Böses ahnte, in den Abgrund. Der König, Pedro, Liarte 
sehen sie als Leiche wieder. So endet der General seine Qual und 
sein Leid, so endet der Dichter sein Drama. *) 

Gomez ist in diesem Drama wie in vielen anderen ganz Spa- 
nier : er schildert auf der einen Seite die Liebesgluth Pedro's, die 
Neigung einer Kammerfrau, auf der andern wird in D. Enrique 
ein echter Ritter und Held vorgeführt, dem Verlust der Ehre gräss- 
licher ist, als selbst der Tod. 

Einer andern Gattung der Dramaturgie gehört das zweite oben 
genannte Stück »La prudente Abigail«^**'^) an. Wir haben es hier 
mit einem biblischen Stoff zu Ihun, wie der blosse Titel genugsam 
verräth . 

Die biblische Erzählung von David und Abigail hat so viel 
Alt-Orientalisches und Fremdartiges, dass es zu den schwierigsten 
Aufgaben gehört, sie für ein modernes Theater anzupassen. Schon 
der Nürnberger Meistersänger Hans Sachs behandelte i 553 diese 
alt- testamentliche Geschichte in einer schlichten Komödie, die 
»Abigayl«, und Calderon richtete sie unter dem Titel »la primer 
flor del Carmelo« für ein Auto zu^"^). Gomez hat vieles gethan 
die nomadischen Sitten, das Familienleben, das Verhällniss Saul's 
zu seinem Feldherrn und Feinde David dadurch weniger anstössig 
zu machen, dass er die grellen und schrofTen Züge abstreift und 
etwas Märchen- und Idyllenai-tiges einschiebt. Nur das Verhält- 
niss der Eheleute Nabal und Abigail ist so feindselig beibehalten, 
wie es die alt-testamentliche Darstellung überliefert hat. In ge- 
wisser Beziehung kann man das Drama vortrefflich nennen. 

Der Dichter eröffnet sein Stück mit dem Zusammentreffen 
David's und Saul's in der Höhle (L Samuel. XXIV. 9 ff.). Saul ist 
in seiner Ruhe gestört und weiss nicht, dass David in seiner Nähe 
weilt. Bald gibt sich dieser zu erkennen und ruft dem ihm nach- 
stellenden König zu : 



*) Die Schlussworte sind : 

D.Enrique: Yei Poeta dando fin 
A este tragico suceso, 
De ä lo que obliga ei iionor, 
Que OS lo da por verdadero, 
Os pide perdon, pues es 
Para serviros su ingenio. 



239 

Unbesiegbarer Monarch, 

Saul, grosser König des Reiclis, 

Ich bin David Dein Feind, 

Ich bin Isai's Sohn, 

Dieser tapfere Hirt, 

Der mit seinen Händen theilte 

Jenen unbeschnittenen Riesen . *) 

In einer langen Rede erzühlt er dem Könige wer er ist. Der 
Dramatiker hat jedoch den Charakter seines Helden gänzlich ver- 
kannt. Während die biblische Erzählung David als den versöhn- 
lichen unschuldigen Hirten darstellt, erscheint er bei Gomez als 
der stolze , sich brüstende Feldherr, der immer wieder die That 
berührt, dass durch seine Hand der Philistäer gefallen, dass durch 
ihn des Königs Haupt mit Lorbeern bekränzt, dass durch ihn Israel 
Irei geworden sei ; er nennt sich mit Stolz Schwiegersohn des Kö- 
nigs und denkt nicht ohne Anmassung daran, dass er, Isai's Sohn, 
zum Herrscher geboren sei. Erst gegen Ende der Rede nimmt 
Gomez die bescheidene Sprache der Schrift wieder an. Der Ein- 
fachheit entbehrt auch die Antwort Saul's. Wie schön und erhaben 
sind nicht die wenigen Worte, welche der von dem grossmüthigen 
Retragen David's gerührte König ausruft: Ist das Deine Stimme, 
mein Sohn David? Gerechter bist Du als ich! Der Dramatiker 
führt statt dessen die ganze Seele Saul's mit allen ihren Empfin- 
dungen dem Publicum vor: weinend prophezeit er dem Verfolgten, 
dass er einst mächtiger und alleiniger Regent des Reiches werde und 
nimmt ihm das Versprechen ab, dass er sich sodann seiner Kinder 
erbarmen und seinen Namen nicht von der Erde vernichten wolle. 
Treffend schildert der Dichter den Nabal , den Harpagon der 
Bibel. Bei seinem ersten Erscheinen zankt er mit seinen Dienern : 
er zankt mit dem einen , weil ihm einige Eichen fehlen , er zankt 
mit dem andern, unter dessen Aufsicht einige Esel gestorben sind, 
er zankt mit seiner Frau, weil diese ihm in ihrer Sanftmulh vor- 



Invictisimo tnonarca 
Saul, gran rey de los polos, 
Yo soy David tu enemigo : 
Yo soy hijo de Isai, 
Aquel pastor valeroso, 
Que dividio con sus manos 
Tante incircunciso monstruo. 



240 

hält , dass es ja nicht des Dieners Schuld sei , wenn Gott die Esel 
zu sich nähme und dass der Diener nicht zum Schadenersatze 
dürfte angehalten werden. Schön ist die Rede , welche die sanfte 
Abigail an den besorgten Gemahl richtet. Der Geizhals meint 
nämlich, dass wenn er jeden Tag solchen Verlust erleide, er bald 
ein armer Mann sein würde, worauf die kluge Frau ihn an seine 
Schätze erinnert, an seine Schur, an die Fülle seiner Erndte, an 
seine Weinberge, Oliven und Datteln. Sie macht es ihm zur Pflicht 
freigebig, leutselig zu sein : 

Wir sind Alle Erdenpilger, 
Wir sind Alle Brüder, 
Jeder Mensch muss Gutes thun, 
Muss den Tugendpfad bewahren. 

Aber Nabal will kein Gutes thun, will von diesen neuen Hypo- 
crisien, wie er sie verächtlich nennt, nichts hören, Nabal will 
Nabal bleiben, nur für sich scharren und geizen. 

Ohne dass man es erwartet, fuhrt der Dichter eine Scene aus 
dem Landleben ein. Abigail befindet sich inmitten einer fröhlichen 
Schaar von Knechten und Mägden ; die gute Hausfrau spricht freund- 
lich mit Allen, erlaubt ihnen Wein zu trinken, weil die Schur so 
reichlich ausfällt. Kaum halte Nabal bemerkt, dass der Becher 
von der einen Hand in die andere geht, dass so verschwenderisch 
sein Wein getrunken wird, so stürzt er im vollen Zorn überKnechte, 
Mägde und Frau und zankt. Wieder hält Abigail dem Ungeheuer 
eine Strafpredigt , die eben so fruchtlos verhallt wie die frühere. 
Weinend über die verstockte Natur ihres Gemahls wendet sie sich 
von ihm ab , vielleicht schon das Unglück ahnend , welches ihm 
durch seinen Geiz sollte bereitet werden. 

Alsbald treten auch die Soldaten David's mit ihrem Führer 
Rüben an der Spitze bei Nabal ein. Rüben bittet um Brod und 
Speise für seinen Herrn, doch wir wissen, welcher Bescheid ihm 
vomCarmelilen wurde. Mit der Abreise Abigail's zu David schliesst 
Gomez den ersten Act seines Dramas. 

Der Anfang des zweiten Actes spielt im Lager David's. Der 
Feldherr unterhält sich in traulicher Weise mit seinenauf Brod war- 
tenden Soldaten von den Verfolgungen Saul's, von dem Reichthum 
Nabal's und seiner Rechtlichkeit. Endlich kehrt Rüben von seiner 
Mission zurück und erzählt nach langen Umschweifen , wie ver- 
ächtlich Nabal ihn aufgenommen und welche Reden er geführt halte. 



241 

Das halte David nicht erwartet. Der gekränkte und in seiner 
Ehre verletzte Feldherr bricht mit 400 Mann auf und will Nabal 
für seine frechen Aeusserungen strafen. 

Unnöthigerweise unterbricht der Dramatiker hier die Action 
durch einen Besuch des Königs Sau) und seines Sohnes Jonathan 
bei Nabal, welcher auch ihnen mittheilt, dass der seinem Herrn 
entlaufene Diener ihn soeben um Brod hatte bitten lassen. Erst 
nach Entfernung der für und gegen David Partei ergreifenden Glie- 
der der königlichen Familie nähert sich der Rache schnaubende 
Feldherr mit seiner Mannschaft. Da erblickt erAbigail, zum ersten 
Male diese himmlische Schönheit, welche ihm Geschenke über- 
reicht und ihn mit einer vorzüglichen Rede begrüsst. Diese in 
dreifüssigen Trochäen geschriebene Rede*) ist der Triumph des 
Ganzen ; nur schade , dass auch sie an der schon mehrfach her- 
vorgehobenen Länge leidet. Mit Lobeserhebungen überschüttet 
David die kluge Frau dafür, dass sie ihn von Blutschuld abgehal- 
ten hat , und er lässt nicht ohne Absicht den Plan durchblicken, 
dessen Ausführung dem dritten Acte vorbehalten ist. 

Zu Anfang des dritten und letzten Actes wird das Zusammen- 
treffen David's mit Saul (I. Sam. XXVL) dargestellt. Saul, Jona- 
than , der Feldherr Abner und die Soldaten lagern in dunkler 
Nacht auf dem Gefilde Chachilla's. Mit dem tiefsten Groll gegen David 
im Herzen übergibt sich der König der Ruhe. Während das ganze 
Lager im tiefsten Schlafe versunken ist, nähert sich der verfolgte 
Hirt mit dem obengenannten Ruhen, Abischaiheisst er in der Bibel, 
dem Könige, nimmt Lanze und Kelch vom Haupte seines Feindes, 



Capitan heroyco, 
De cuya prosapia 
Israel adquiere 
Descendencia sacra : 



Pastor generoso, 

De cuya cabaiia 

Espera Israel 

Valor, honra y fama : 

Una muger soy, 

Que a tus pies postrada, 

Piedades procura, 

Si decoros guarda. 

Kayserling, Sephardim. 1 6 



242 

entfernt sich wieder und weckt vom gegenüberliegenden Hügel den 
seinen Herrn schlecht bewachenden Abner. Treu der Erzählung 
der Bibel berührt er sodann das Zusammentreffen. Inzwischen 
feierte Nabal beim fröhlichen Mahle die geendete Schaafschur, die 
auserlesensten Speisen , welche nebenbei bemerkt unser Drama- 
tiker einzeln auffuhrt, zieren seinen das orientalische Gepräge ver- 
lierenden Tisch , und Musik und Sänger lassen sich vernehmen. 
Wie vom bösen Geiste besessen fährt der Herr des Mahles von 
seinem Sitze, als man ihm aufspielt : 

Der tapfere David u. s. w. 

Derblosse Name flösst ihm Furchtund Entsetzenein, alle Schreck- 
gestalten treten vor seine Seele , die Freude des Mahls ist gestört ; 
ihn graut vor dem Gedanken, von diesem Verräther an König und 
Vaterland, als welcher David ihm erscheint, getödtet zu werden 
und er ruft in einem Anfall von Raserei seine Diener zu Hilfe. Die 
kluge Abigail spricht ihm Muth ein und will durch ihre sanfte Rede 
die bangen Bilder seines Geistes verscheuchen : sie erzählt, dass 
sie David Geschenke überreicht und dadurch ihn abgehalten habe, 
ihr Haus zu schleifen. Diese Nachricht mehrt nur seine Angst, 
seine Raserei. Nabal stirbt. Er stirbt »durch eine Frau, welche 
der Himmel ihm zum Verderben gegeben«, er stirbt durch die 
giftige Schlange des Neides, des Geizes. Das Wehgeschrei aus dem 
Hause Nabais vernimmt David von Ferne. Abigail in Trauergewand 
gehüllt, zieht ihm entgegen und wird von ihm als Gemahlin, als 
die kluge Gattin fortgeführt. So endet die »göttliche Historie der , 
schönen Abigail«.*) 

Wie viele Theaterstücke unseres Dichters reich an witzigen Ein- 
fällen und Satiren sind, so schrieb er auch ein besonderes Buch, das 
seiner satirischen Kunst alle Ehre macht, nämlich »el Sigio Pita- 
gorico, das pythagoräische Zeitalter «^"^). In diesem halb in Prosa, 
halb in 7- und Szeiligen Versen geschriebenen Werke nimmt er 
die Seelenwanderung zum Gegenstand der Behandlung und stellt 



Y aqui la divina bistoria 
De la bella Abigail 

Da fin, se aceito el Poeta, 
Dadle un vitor de limosna 

Y sino, preste paciencia, 

Y procure escribir otra. 



243 

es sich zur Aufgabe, die Fehler und Laster des 17. Jahrhunderts 
ins Lächerliche zu ziehen. Eine Novelle »das Leben des D. Gre- 
gorio Guadana« hat er mit eingeflochten. Ticknor legt diesem 
Buche wie vielen anderen dieser Art wenig Werth bei ; einige 
Theile , wie die Reise nach Carmona und der Aufenthalt in dieser 
Stadt sind seinem Urlheile nach angenehm zu lesen und interessant, 
weil sie Skizzen aus des Autors eigener Erfahrung enthalten^*"). 

Indem wir die Charakteristik der Schriften Antonio Enriquez 
Gomez' schliessen, hoffen wir zur Würdigung unseres Dichters ein 
Weniges beigetragen und dargethan zu haben, dass ihm ein nicht 
unbedeutender Platz in der spanischen Literatur gebührt. Kann 
er auch nicht zu den ersten Dramalikern und Koryphäen seiner 
Nation gerechnet werden, so verdient er doch, wie de los Rios 
am Schlüsse seiner Betrachtung bemerkt^*'), wenigstens den 
zweiten Rang einzunehmen. 

Ein besonderes Gewicht legt der spanische Literarhistoriker 
darauf, dass Enriquez Gomez eine stete Abneigung gegen die Ehe 
gehabt habe. In der Thal finden sich Scenen in seinen Theater- 
stücken, welche das eheliche Leben mit den schwärzesten Bildern 
schildern und die Heiralh als eins der grässlichslen Uebel bezeich- 
nen. Wir können nicht untersuchen, ob der Dichter selbst bittere 
Erfahrungen im Ehestände gemacht hat und seine sonstigen Leiden 
durch eine Xantippe noch vermehrt worden sind. Verheiralhet 
vvar er und als die Frucht seiner Ehe, als der Erbe seines poeti- 
schen Geistes wird uns 

Diego Henri quez (Enriquez) Basurto 
genannt. 

In Spanien geboren , verbrachte er, wohl gleiches Schick- 
sal mit dem Vater theilend, einen grossen Theil seines Lebens in 
Ronen und siedelte später nach Holland über. Ausser einem Sonett 
zum Lobe des »pythagoräischen Zeitalters«, in welchem er erklärt, 
dass der Verfasser dieses Werkes sein Vater sei, veröffentlichte er 
1646 den »Triumph der Tugend und die Geduld Job's, el Triumphe 
de la virtud y paciencia de Job«, ein aus verschiedenen Versarien 
bestehendes Gedicht, welches der Mutler Ludwig XIV., Maria von 
Oeslerreich gewidmet wurde ''^). Ein sonderbares Bild von der 
Persönlichkeit dieses Diego Henriquez entwirft Barrios in einem 
von Antwerpen am 28. März 1674 an ihn gerichteten satirischen 
Schreiben ^'^). Schon in der Ueberschrift begrUsst er ihn als »den 

16* 



244 

Lügendichter; den fingido Aslrologo, den Einwohner Sodoms«. Er 
schildert ihn als einen Mann , dessen Mund einer Mühle gleiche, 
die keinen Augenblick still steht. Er hat eine breite Nase , die nie 
sauber ist, kleine tiefliegende Augen, welche sich hinter einer grossen 
Brille verstecken ; er trägt den Bart in Form eines S , er ist klein 
und dick und von Taille kann bei ihm gar keine Rede sein. Dabei 
geht er, der Stock sein steter Begleiter, höchst nachlässig gekleidet 
und hat eine so grosse Sünde begangen, dass selbst die Kinder mit 
Fingern auf ihn zeigen. 



Neuntes Capitel. 

Dichter in der Armee. Die jüdischen Dichterinnen. Miguel 
— Daniel Levi — de Barrios. Das poetische Martyrologium. 
Die Familie Belmonte, die Akademie und die Akademiker. 

Dichter in der Armee ! Jüdische Dichter in der Armee ! Wo 
anders könnte das Lied gedeihen , als unter dem freien Himmel, 
als auf dem mit Blut bedeckten Schlachtfelde? Wer anders könnte 
in die vollen Saiten der Leier greifen als der tapfere Krieger, als 
der muthige Kämpfer für die Freiheit und den Ruhm des Vater- 
landes, für die Ruhe des heimischen Heerdes'? 

Dichter in der Armee! Heldenmüthig kämpfende Dichter in 
der spanischen Armee! Keine andere Nation zählt unter ihren 
Musensöhnen so viele, die auch das Schw ert für ihr Vaterland ge- 
zogen haben, als die spanische, wie überhaupt die Poesie dieses 
Landes seit ihrem ersten An fan 2; mehr von den Edlen und Rittern, 
als von den Gelehrten und blossen Künstlern geübt worden ist. 

Aber jüdische Dichter in der Armee! Jüdische Dichter des 
i7. Jahrhunderts in der spanisch -portugiesischen Armee! Dich- 
tende Juden mit dem Schwert in der Hand , mit dem Orden auf 
der Brust, mit der Leier an der Seite! Auch unter den Juden 
Hauptleute und Fähnriche! Unter den Juden Offiziere! Wir finden 
sie im 17. Jahrhundert. Und doch lebt man noch immer in dem 
Wahne, man müsse den Juden einzig und allein seinem Schacher 
und Wucher überlassen , man dürfe den Juden nicht aus diesen 



245 

Beschäftigungen ziehen, weil er sich so wohl dabei fühlt, weil es 
was zu verdienen gibt ; man dürfe dem hoffnungsvollen jüdischen 
Jüngling keinen Rang in der Armee einräumen , weil er doch zu 
nichts anderem tauglich wäre, als gemeiner Soldat zu sein. Hört! 
Dichter Inder Armee ! Juden, Krieger und Dichter ! Es sind Männer, 
die der jüdischen Nation , die den portugiesischen Juden, die der 
spanischen Literatur zur Zierde und zum Schmuck gereichen. 

Wir eröffnen die bunte Reihe jüdischer Krieger und Dichter mit 
Don Nicolas de Oliver y Ful lana'**).- 

Er war Ritter, cavalleroMallorquinund Major und kämpfte spä- 
ter als circuncidado coronel, als beschnittener Oberst der Infanterie 
in holländischen Diensten gegen das französische Heer. D. Nicolas, 
oder wie in jüdischen Kreisen er genannt wird, Daniel Jehudah, 
war auch ein ausgezeichneter Astrolog und wird als Mitarbeiter 
der »Geographia Blaeuiana«, eines seiner Zeit geschätzten Werkes 
genannt, deren erste Bände von David Nasi, die übrigen von 
unserm D. Nicolas de Oliver verfertigt worden sind. Endlich ver- 
dient Beachtung, sagt Koenen in einem Excurs über die Buch- 
druckereien der Juden in den Niederlanden^^**), dass ein Israelit, 
Daniel Juda, auch Don Nicolas de Oliver y Fullana genannt, früher 
Hauptmann in spanischen Diensten , sich grosse Verdienste er- 
worben hat durch die Verfertigung des bekannten und früher sehr 
geachteten Atlas von Bleau (Blaeu) *). Dieses ist um sobemerkens- 
werther, als D. Nicolas das einzige uns bekannte Vorbild unter 
den Juden ist, welches sich in der Zeichenkunde ausgezeichnet hat. 
Gegen 1 680 bekleidete er die Stelle eines Kosmographen der katho- 
lischen Majestät und verfasste als solcher mehrere kosmographische 
Werke. Von seinen Poesien ist uns nichts erhalten als ein Sonett, 
in welchem er den Coro de las Musas seines Freundes Barrios be- 
sinst**). 



*) Johann Blaeu lebte als Senator in Amsterdam. Als Herausgeber 
des Werkes, welches, in verschiedene Bände getheilt, »Atlas del Mundo« ge- 
nannt wird, besingt ihn Barrios, Coro de las Musas, 224. 

**) De Gracia los armonicos collados 

A Barrios se reduzen peregrinos : 
De hijas de Jove en Gores castaiinos, 
Con piumas de su Ave seiialados. 



246 

In demselben Jahre, in welchem der Oberst ein portugiesisches 
und lateinisches Gedicht zu der hebräischen Komödie Joseph Pen- 
so's schrieb ^'^), 1673, starb ihm seine Gattin Johanna bei der 
Entbindung von einem Sohne ^^''). D. Nicolas heirathete zum zwei- 
ten Male^"^) und zwar eine Dame, welche die spanische Literatur 
und die jüdische Nation mit Stolz die ihre nennen kann, die 
Dona Isabella Gorrea. 

Isabella oder Rebecca Gorrea war einer jener Familien 
entsprossen, welche Spanien aus Furcht vor der bekannten Fang- 
und Haschanstalt und aus Liebe zu ihrem lang geheim gehaltenen 
Judenthume in der Mitte des 17. Jahrhunderts verliessen und sich 
in Holland ansiedelten. Sie lebte abwechselnd in Brüssel, Ant- 
werpen und Amsterdam. Das Wenige, was wir von ihr wissen, 
reicht aus , uns einen Begriff von den überaus reichen , geistigen 
Anlagen zu machen, womit die "Vorsehung sie ausgestattet halle. 
Sie war nicht nur in den meisten europäischen Sprachen bewan- 
dert — in einigen halte sie es sogar zur Vollkommenheit gebracht 
— sondern auch in allen Künsten so wohl unterrichtet^*®) , dass 
man von ihr sagen möchte und auch wohl könnte , was von Tar- 
quenia Molsa , der Bürgerin Roms, der Einzigen , wie Mit- und 
Nachwelt sie nennt, erzählt wird: Die Sprachen waren ihr geläufig, 
sie schrieb vorzügliche Briefe , dichtete allerliebste Verse, spielte 
meisterhaft die Laute und sang wie ein Engel*). Ob sie auch 
mit der Schönheit der Tarquenia ausgestattet war? Ihr schwarzes 
funkelndes Auge schleuderte brennende Pfeile in die Brust eines 
Jeden, der sie sah, und sie war eben so berühmt durch ihre 
Schönheit wie durch ihren Geist (tan celebre por la beldad como 
por el ingenio) '*^). Auch diese Jüdin seltener Art blieb durch die 
stiefmüllerliche Behandlung, über welche die jüdische Literatur 
und ihre Träger von jeher sich zu beklagen hallen, lange Zeil ver- 
gessen, und während man genau den Tag verzeichnet hat, an 
welchem eine Lucrezia Helena Piscopia die Magisterwürde zuPadua 
erhielt und Baltizia Gozadina mit dem Doctorhule geschmückt 
wurde, kennt man kaum den Namen unserer Dichterin, wiewohl 



*) Banios sagt von ihr : 

Todes las Gracias instrusas 
En tu ingenio, y beldad note 
El Alma So! de la Vida 64. 



247 

eben sie sich nicht allein den genannten Frauen, sondern auch 
den gelehrten Männern ihrer Zeit hatte gleichstellen können. Hält 
es doch sogar ein deutscher Encyclopädist unter seiner Würde, 
Isabella Correa den spanisch-portugiesischen, auf dem Gebiete der 
Theologie, Historie und Poesie berühmten, auch wohl einst mit ihr 
verwandten Namensgenossen selbst als letztes Glied anzureihen'*®). 

Unsere in mehr als einer Beziehung die Bewunderung ihrer 
Zeitgenossen erregende Isabella war ein hervorragendes Mitglied 
in der von Manuel de Belmonte, welchen wie seine Schöpfung wir 
später betrachten werden , gestifteten Akademie. Es ist zu be- 
dauern, dass uns alle Nachrichten über die Lebensverhältnisse 
dieser Dichterin fehlen. Dass ihr lange Zeit von den holländischen 
Dichtern wegen ihres Glaubens die ihr gebührende Achtung und 
Anerkennung versagt und sie selbst von den Ihrigen, d. h. von 
den Juden, vielleicht aus Neid nicht hinlänglich gewürdigt wurde*), 
erfahren wir aus dem in Hexametern geschriebenen, aber aller 
Poesie baaren lateinischen Lobgesang, womit Antonio dos Keys ihr 
Andenken feierte. 

Wie ihr Gatte, besang auch Isabella den Musenkranz des Freun- 
des Barrios : 

Nicht allein ein Geist von Leben 
Hebt Dich hoch auf goldne Bahn, 
Gott selbst hat es D]r gegeben, 
Gott selbst hat es Dir angethan. 
Denn ein Geist, der so erhaben, 
Strahlt mit seinem Glänze weit, 
Zeigt dem Bilde Künstlergaben, 
Gibt der Muse Lieblichkeit ; 
Jede Zeil' ein Sterneglanz, 
Jedes Wort ein Blumenkranz. **) 



Non bene cum Lusis Hollandis convenit: isti 
Conviclum objiciunt per tempora longa suisque . . . 

No solo un vital aliento 
Te exalta, sublima y dora : 
Divino influxo mejora 
Tu candido entendimiento : 
Con el alto luzimiento 
De tu ingenio superior, ^ 

Das al Pindo mas verdor, 
Qualquiera Musa es mas bella, 
Gada renglon un estrella, 
Y cada letra una flor. 



248 

Du würzest mit den Charitinnen, 
Was Deiner Kunst nur kommet vor, 
Das Welttheater zu gewinnen 
Ist leicht nur Deinem Musenchor. *) 



Isabella's Name ist in der spanischen Literatur nicht unbe- 
kannt. Der Pastor Fido, jenes grossartige die Stimme der Natur und 
des menschlichen Herzens verkündende Werk des Italieners Guarini, 
der mit seinem sieben Jahre jüngeren grossen Landsmann, dem un- 
sterblichen Tasso, hätte wetteifern können, wurde von ihr meister- 
haft bearbeitet und sichert ihr einen sie überlebenden Ruhm. Nicht 
wundern wir uns , dass Isabella eben dieses Werk übersetzte ! 
Kaum gibt es irgend ein Product, welches dem weichen Herzen 
des Weibes mehr zusagt, als dieses arkadische Schauspiel. Keiner 
verstand es, wie Guarini, die Trunkenheit der Liebe in die Herzen 
Derjenigen zu schütten, welche seinen Pastor sahen und lasen ; er 
hatte wie Keiner die Geschicklichkeit, seine Personen, seine Ama- 
rillis, seinen Mirtill eine Sprache führen zu lassen, wahr und em- 
pfindlich , deren Widerhall in der fühlenden Brust eines jeden 
Menschen laut wird, und er ist der erste, welcher, wie Voltaire 
bemerkt, Thränen des Mitleids, der Rührung, der Liebe hatfliessen 
lassen. Daher ist auch kein Dichter so viel übersetzt, gelesen und 
allgemein bewundert worden' als Guarini. In Frankreich wie in 
Deutschland und Spanien galt es als hohes Urbild. Nächst der 
spanischen Uebersetzung des Pastor Fido , w eiche von Suarez de 
Figueroa schon 1 609 veranstaltet wurde , ist die unserer Isabella 
die beste und verbreitetste^^*). Isabella war sich der Vorzüglichkeit 
ihrer Arbeit so sehr bewusst, dass sie kein Bedenken trug in der 
zu Antwerpen den 15. November 1693 geschriebenen Widmung an 
den hohen Protector spanisch -jüdischer Dichter, den erwähnten 
Belmonte , zu versichern , dass ihre Uebersetzung weder an Ge- 
schmack noch anEleganz »en aseo y pompa« dem italienischen Ori- 
ginal, noch der französischen Uebersetzung nachstehe. »Ausser- 



Sale con gracias difusas 
De tu methodo profundo 
AI gran theatro del Mundo 
Todo el Coro de las Musas. 



f 



249 

dein«, setzte sie hinzu, »die Bescheidenheit erlaubt es mir zu sagen, 
ich überlreffe sie noch in gewisser Beziehung, da ich einige re- 
flectirende Bemerkungen hinzugefügt habe«. Ist ihr Unheil auch 
wohl zu gewagt, so verdient doch ihre Ueberselzung die Aufmerk- 
samkeit aller Freunde spanischer Poesien ^^^). Die üebersetzung 
selbst ist gut. Die Dichterin hat sich verschiedener Versarten und 
Siibenmaasse bedient, sodass einige Stellen in achtzeiligen Strophen 
(octava rima) , andere in zehntheiiigen (Decimas) , noch andere in 
Quintillen geschrieben sind ; sie hat, wie sie in dem Vorworte sagt, 
diese Versmaasse nach den verschiedenen Stellen gewählt. Sie 
hat sich auch die Freiheit genommen, einige Partien weiter auszu- 
dehnen, zu paraphrasiren und ihre eigenen Einfälle und Betrach- 
tungen einzuschieben'^'), 

Isabella Gorrea gehört mit ihren Poesien zu den grössten 
Seltenheiten in der sonst so reichen spanischen Literatur, nicht 
allein, weil, wie Ticknor''^*) sich ausdrückt, es eine von den we- 
nigen Trophäen ist, welche das schöne Geschlecht in der Poesie 
aufzuweisen hat, sondern auch weil — und das setzt dem Verdienste 
noch die Krone auf — Isabella eine Jüdin war. 

Ausser der üebersetzung des Pastor Fido erschien von ihr 
noch vor 1684 ein Band verschiedener Poesien '^^) und in der Vor- 
rede zum Pastor Fido versichert sie , dass noch Manches von ihrer 
Hand zum Druck bereit liege, Arbeiten, welche vielleicht nie in die 
Oeffentlichkeit gelangt sind. 

Statt der einzelnen Proben , welche wir aus dem bekannten 
Werke Guarini's mitzutheilen unterlassen , möge der erwähnte 
Lobgesang des Antonio dos Reys in freier üebersetzung hier folgen : 

Pastor Fido! Dich liest man im Text nicht mehr seit Correa, 

Spanisch schuf sie Dich um, treu übersetzend Dein Lied, 
Grossen Erfolgs erfreut sie sich, denn die spanische Sprache 

Gab so im Osten wie West damals den herrschenden Ton. 
Darum ziert ihr Haupt ein Kranz von Lorbeer gewunden, 

Weil ihre Rechte mit Kunst spielte die thracische Lei'r ; 
Darum ward ihr gewährt ein Sitz auf dem Berge der Sänger, 

Wenn auch gegen den Wunsch mancher batavischer Stimmen. 
Lange verwarfen sie ja wegen des Glaubens Correa 

Und die Ihrigen selbst verschmähten ihr heil'res Wesen. 



250 

Jetzt mit besserm Recht ward verehrt die Jüdin Correa, 
Correa, die, wie es schien, gänzUch der Lysia gHch, 

Die ja im künsthchen Vers beredtere Worte gesungen, 

Als der unendUche Schwärm stammelnder Dichter vermocht. 

Isabella Correa hatte einen ganzen Kreis gebildeter und, ge- 
lehrter Herren und Damen um sich gesammelt. Als Freundin und 
Bekannte der Frau Oberst nennen wir 

Dona Isabella Enriquez, 
eine Dame, welche sich, wie Barrios meint '^*) , durch ihren Geist 
in den verschiedenen Akademien*) Madrids berühmt gemacht hat 
(celebre ä las Academias de Madrid por su raro ingenio). Es lässt 
sich nicht bestimmen, wann sie die Hauptstadt verlassen hat, jeden- 
falls hielt sie sich 1634 daselbst noch auf, denn in diesem Jahre 
widmete ihr Isaac Cardoso sein Werk über die grüne Farbe, das 
Symbol der Hoffnung (S. iQI). Dass sie später nach Amsterdam 
tibersiedelte und als Jüdin lebte , erzählt uns ihr Freund Barrios, 
welcher ihr auch die »moralischen Akademien« des vielleicht mit 
ihr verwandten Antonio Enriquez Gomez gesandt hat'^'). Alle, 
näheren Lebensumstände auch dieser Dame sind uns unbekannt; 
das eine halten wir der Erwähnung nicht für unwerth , dass sie 
4 673, wo sie wenigstens 60 Jahre alt war, Amulete vertheilte, 
welche gegen den Liebreiz schützen sollten ^*^). Da sehen wir die 
abergläubischen Spanier 1 Und doch kämpfte die Amuletenberei- 
lerin Isabella selbst gegen den Aberglauben. Unter ihren Poesien 
findet sich nämlich ein Gedichtchen, welches sie bei einer sonder- 
baren Gelegenheit an den Amsterdamer Babbiner Isaac Aboab 
richtete. In der Behausung des Babbi und berühmten Predigers, 
welcher in seinem 88. Jahre an einem Sabbath den 27. Adar Scheni 
5453 (Februar 1693) das Zeitliche segnete, wurde einst ein Ei ge- 
funden, aber kein gewöhnliches Ei, ein Ei mit einer Krone auf dem 
Haupte, »un huevo grandissimo conuna corona por cabeca«, und da 
dieses grosse Wunder-Ei verschieden gedeutet und ausgelegt wurde. 



*) Solche Akademien hatten sich nach dem Vorbilde der Italiens seit der 
Mitte des 16. Jahrhunderts in Spanien gebildet. Männer und Frauen trafen 
hier zum gemeinschaftlichen Verkehr zusammen und lasen ihre poetischen 
Erzeugnisse vor. Eine der ältesten war die Akademie der Nocturnes ; ausser- 
dem gab es in Madrid eine Minerva, Thalia u. A. Die Akademie de Apolo wird 
auch von Gomez in dem Prologe zum Samson genannt. Gongora machte sich 
über diese wissenschaftlichen Zusammenrottungen lustig und nannte eine 
solche Gesellschaft Academia de la Mula. 



251 

so erleuchtete die poetische Isabella den Verstand der abergläubi- 
schen Deuller^^^) : 

Dieser Schrecken, dieses Wunder! 

Basilisk und Natter nennt es 

Jede falsche Phantasie. 

Irrthum ist es des Verstandes ! 

Wend' nur Deinen Blick ihm zu. 

V^ill nicht Gottes grosse Güte 

Die Beredsamkeit Dir lohnen 

In dem Monstrum, das Du schaust? 

Deine Tugend liegt im Grossen, 

In der Krone Deine Weisheit. *) 

Auch noch andere jüdische Damen werden als Dichterinnen 
genannt; obwohl keine ihrer poetischen Producte uns vorliegen, 
wollen wir sie dennoch diesen beiden Frauenbildern als ebenbürtig 
anreihen : 

D. Sara deFonseca Pinto yPimentel, 

D. Manuela Nunes de Almeida und 

D. Bienvenida Cohen Belmonte 

haben die später von uns zu betrachtende Psalmen-Uebersetzung 

des Daniel Israel Lopez Laguna besungen ^^"j . 

Nach diesem kurzen unseren Lesern hoffentlich nicht unan- 
genehmen Besuche bei den schönen und geistreichen Damen kehren 
wir zu den Dichtern der Armee zurück und begrUssen zuerst in 

Joseph Semah (Zemach) Arias^^*) 
den Adjudanten des Oberst Nicolas de Oliver y Fullano. 

Arias war keineswegs Babbi, wozu ihn de los Bios'^^) stem- 
pelt ; er nennt sich selbst Capitän und hielt sich mit seinem Waf- 
fengefährten Barrios zu gleicher Zeit in Brüssel und anderen Städten 
Hollands auf. Diesßm übersandte er einmal vor dem Jahre 1 665 
ein kleines aus Confitüren bestehendes Geschenk und begleitete es 
mit einer Lampe und dem folgenden Gedichlchen '^^j : 



Este assombro, este protento, 
Que enganosa fantasia 
Basilisco o aspid cria, 
Yerro es del entendimiento . 
Pues si bien se raira atento, 
La divina Provideiicia 
Premiando esta lu eloquencia, 
En este monstruo que ves, 
Lo grande tu virtud es, 
Y la Corona tu eiencia. 



252 

Weil nur winzig mein Geschenk, 
So gering an Werth, 
Halt's dem Licht nur zugekehrt, 
Wie's die Lampe Dir gewährt 
Dieses süsse Compliment. 
Denn dem Freunde dies Geschenk, 
Weih' ich, dass er eingedenk 
Meiner Freundschaft bleibe treu. 
MögUch, dass es hässlich sei, 
Weil ein Häkchen ist dabei. *) 

Der scherzende Barrios erwiderte dieses Gedichtchen in seiner 
künstlich spielenden Weise , so dass er dieselben Endwörter ge- 
brauchte, welche Arias zur Anwendung gebracht hatte. 

Von der wissenschaftlichen Bildung des später zum Haupt- 
mann avancirten Joseph Arias zeugt die spanische Uebersetzung 
der Schrift Josephus' »gegen Apion«^^*). Er erwies mit dieser 
Arbeit, welche er dem Professor, Arzt, Rath und Dichter Orobio 
de Gastro widmete, seinen Zeitgenossen einen wesentlichen Dienst 
und schloss sich hiermit dem spanischen Uebersetzer des Philo, 
David Usiel de Aguilar (Avelar)^^^), an. 

Ferner gehören in diese Dichtergruppe : 

Der Hauptmann Moses Gohen Peixoto, 
nicht Pericoto, wie er bei W^olf^'^) genannt wird; er war später 
Vorsteher der Akademie »Keter Schem Tob« und beklagte den Tod 
der jüdischen Märtyrer Bemal ^^'^j. 

Der Fähnrich Simon Pimen tel. 

Sein Bruder ist vielleicht der Hauptmann Georg Pimentel, wel- 
cher von Manuel de Lara wieder zum Judenthume geführt wurde 
und den Namen David annahm. Ein Manuel Pimentel tanzte 
gut und spielte die Harfe. Simon spendete seinem Freunde Barrios 
in einem Gedichte Lob und erregte dadurch dessen Unwillen 



338\ 



*) Tan corto es mi ofrezimienlo 

Que con animo sutil, 
Va este duice complimiento 
Por que teiiga luzimiento 
A la luz de ese candil: 
Por la amistad que posseo 
Con este presente, trato 
Manifestar mi desseo, 
Bien podrä ser que sea feo 
Pero tiene garavato. 



25:3 

JuandeMesquita, 

von dem sich ein Gedieht am Eingang des Flor de Apolo befindet. 

Juan de Faria , 

welcher den Coro de lasMusas besungen*) hat und von dessen Autor 

der schönen Sprache wegen gelobt worden ist'^'). Ihn und einen 

sonst unbekannten »weisen« 

Aron Dormido 

bezeichnet Barrios als »Nachtigallen des mosaischen Nestes, Rui- 

senores del mosayco nido«^***). 

Mit Barrios zu gleicher Zeit in Brüssel, später in Amsterdam, 

lebte 

Anton io de Castillo, 

derselbe , welcher auch Jacob de Castillo (Gastelo)^*^) ge- 
nannt wird. Dieser Dichter war in den freien Künsten sehr er- 
fahren, spielte, wie IsaacMendez, meisterhaft die bihuela (?) **) 
und zeichnete sich besonders durch seine Räthsel aus. Ein Ge- 
dicht von ihm findet sich am Eingange des Coro de las Musas***). 
Barrios erwiderte nicht allein diese ihm vom Freunde gewordene 
Anerkennung , sondern verfasste auch zu seiner Vermählung mit 
der Portugiesin Margaretha de Pina ein Hochzeitslied ^*^). 

Täuschtuns unsere Verrauthung nicht, so war die neuvermählte 
Margaretha de Pina die Schwester des Dichters 

Manuel de Pina, 
auch Jacob de Pina genannt ^*^]. Pina wurde in Lissabon ge- 



Cantays o noble Barrios tan sonoro, 
Que no distingue vueslra melodia 
Si es de un coro Celeste su harmonia, 
si es de vuestras Musas dulce Coro. 



En la lyra quetocas raro estremo, 
La hazes luzir junto al Ursario Polo 
Mejor que la del musico del Hemo. 
— Dasälasartesarteentodosolo. 



Coro de las Musas 224. 



Orfeo ä brutos y al vestigio remo 
Suspendio ; tu con metricas doctrinas 
Las criaturas humanas y divinas, 
Parrasio Hispano ; Zeusis el del Hemo. 



254 

boren ^**) und war nach dem Zeugniss Barbosa's*^^) ein »insigrje 
Poeta na lingua materna e castelhana «j welcher viele Gedichte jeder 
Art verfasste. Nicht wenig geachtet war er wegen der Lieblichkeit 
seiner Stimme ^*^) : Pina war auch Sänger. Ehe er Lissabon ver- 
liess , erschien dort von ihm eine Comedia burlesca »die grösste 
Heldenthat CarlVL, la mayor hazana de Carlos VL «, und ein Band 
scherzhafter Gedichte unter dem Titel »Juguetes de la Nines y tra- 
vessuras del genio«*), welche von den von Wolf^*'^) im Catalog 
des David Nunes Torres, Talmudist, Prediger an der Akademie Abi 
Jetomim und hebräischer Dichter gefundenen » Chansas del ingenio 
y dislates de la Musa« nicht verschieden sind^*^). Manuel de Pina 
kam vor 1665 nach Holland, denn dem in diesem Jahre gedruck- 
ten flor de Apolo desBarrios widmete er einige Decimas**), welche 
auch von ßarrios erwidert wurden***). Später nahm er seinen 
Wohnsitz in Amsterdam und nannte sich als offener Bekenner des 
Judenthums Jacob. Er nahm an Allem Theil, was die jüdische 
Brust berührt : Saul Levi Morteira's Tod wurde von ihm in einer 
rara cancion betrauert^*^) , und er schloss sich auch Denen an, 
welche das Andenken an die Märtyrer Bemal und den jungen Lope 



*) Unter demselben Titel erschien in Madridl 633 eine Schrift von D. Fran- 
cisco de Quevedo y Villegas, welcher 1645 starb. 

**) Con capa de barrio Apolo 

Tan galan y tan luzido 
Conio sale, no ha salido 
Jamas desde polo ä polo. 
ßarrios solo, por que es solo, 
Y exquisito su primor, 
Le equivoca el resplandor, 
Pues, quien mas discreto arguya, 
No distinguir si es suya. 
si es de Apolo la Flor. 

***) Pina, el ingenio mejor Pina, ei Orpheo mejor 

Que da luz ä la Poesia Que eleva con la harmonia; 

En la mano de Talia En la mano de Thalia 

Espina del Pindo flor : Espina del Pindo flor : 

Con tan divino furor Libando el pierio licor, 

La fertil cumbre ilumina Sutilmente determina 

De quanta moral doctrina A las musas que ilumina, 

Frutifica de esplendores, Con tan altos resplandores, 

Que por alcan(?ar sus flores Que por alcangar sus flores, 

El mismo Apolo se empina. El mismo Apolo se empina. 

Flor de Apolo 4 70. Coro de las Musas, 505. 



255 

de Vera*) (S. 204) durch Gesänge feierten ^^^). In einem por- 
tugiesischen Gedichte lobte er die 1 673 erschienenen Gesänge des 
Joseph Penso und in einem spanischen die in demselben Jahre ans 
Licht getretene Psalmen -Uebersetzung Jacob Jeduhah Leon's^^*). 

Es ist fraglich, ob Manuel de Pina den 1679 erfolgten Tod 
eines andern Pina, 

Sebastian Francisco de Pina, 
noch erlebt hat. Letzterer war ein »insignePoela«, welcher in den 
cachopas de Lisbona seinen Tod gefunden hat. In einer schönen 
Elegie ^^'^) verewigte Barrios diesen elend umgekommenen Jüngling. 

Ehe wir zu dem in literarischer Beziehung verdientesten un- 
serer Hauptleule übergehen, verweilen wir noch einen Augenblick 
bei dem Fechtmeister 

Lorenco Escudero. 

Er war ausgezeichnet in der Fechtkunst , in der Musik und 
spielte verschiedene Instrumente. In Amsterdam lebte er unter 
dem Namen Ab ra ham Israel, auch Abraham Peregrino**), 
als treuer Bekenner des Judenthums im grössten Elend. Alle Ver- 



*) Quien oye que no se assombre 

Tu fe, tu vida y tu muerte, 
Quando mas flaco mas fuSrle, 
Quando mas niiio mas hombre. 

Mudas tu ley y tu nombre, 
Por ley sancta y nombre sancto, 
Y en mudecido el espanlo. 
El odio muerde sa lengua 
Viendo en sa fe tanta mengua, 
Viendo en tu ley zelo tanto. 

**) »Weder Barrios noch Wolf erwähnt seine »Fortaleza del Judaismo y 
confusion del estraSo, in welcher er mit Eifer die neu angenommene Religion 
vertheidigt und auf eine schimpfliche Weise die alte bestreitet, die er verlassen 
hat. Ich habe darüber 1 773 Notizen in meinen »Vana aspettazione degli Ebrei« 
geliefert und von neuem weitläufig in meiner Bibliothr. jud. antichr. darüber 
gehandelt. Mein Cabinet besitzt zwei Handschriften. DasOriginal ist spanisch ; 
ich habe auch eine italienische handschriftliche Uebersetzung dieses Werkes ; 
eine hebräische von Marcus Luzzatlo besitzt die öffentliche Bibliothek der 
Juden in Mantua«. 

De Rossi, Dizion. sloric. deutsch von Hamberger (Leipzig 1839) 259. 
Antonio Ribeiro dos Santos thut dieser Schrift in seinem »Ensayo de 
huma Bibliotheca Lusitana Anti- Kabbinica (Memorias de Litteratura Portu- 
gueza [Lisboa 1806] VIL) keine Erwähnung. 



256 

sprechungen des Marquis von Caracena , damaligen Gouverneurs 
von Flandern, vermochten nichts diesen »famoso Peregrino del 
Israel« von seinem Glauben und seiner Ueberzeugung abzubrin- 
gen. Eines Tages lud er ihn zu sich nach Brüssel ein, wanderte 
mit ihm durch den ganzen Palast, von einem Saal in den andern 
und führte ihn endlich in seine Hauscapelle, um zu sehen , ob der 
verstockte Schildträger (Escudero) vor den Bildern von Holz und 
Stein sich neigen würde. Doch was geschah? Statt jeder Ver- 
ehrung bedeckte sich Lorenco, sodald er der Bilder ansichtig 
wurde, mit dem Hute, welchen er aus Achtung vor dem fürstlichen 
Herrn abgenommen und in der Hand hatte. Ueber diese »rara 
accion« waren die den Marquis begleitenden Cavalliere und Haupt- 
leute so aufgebracht, dass sie den armen Spötter in Stücke zer- 
rissen hätten , wenn nicht der humane Gouverneur sie inständigst 
gebeten hätte, den Unschuldigen laufen zu lassen. Lorenco pflegte 
neben den anderen Künsten mit vieler Liebe die Dichtkunst; unter 
seinen Poesien findet sich auch folgendes Pasquille , \\ elches er an 
die Thür einer Kirche heftete: 

En esta casa se aumenla 
Del Papa su autoridad ; 
Y aunque se reza por cuenta 
No conocen la unidad. ^^^) 

Nach dem von Barrios auf den Tod Lorenco's verfassten So- 
nett^''*) zu schliessen, starb er gegen 1683. 



Ein eigenthümliches Gefühl beschleicht uns, wenn wir die 
Lebensumstände des Mannes überblicken, welcher im Verlaufe 
unserer Betrachtung sfchon so oft genannt wurde, wenn wir an 

Miguel — Daniel Levi — de Barrios 
und seine Werke , wenn wir an den Mann denken , durch dessen 
Sorgfalt und Fleiss so viele seiner Zeitgenossen der gänzlichen 
Vergessenheit entrissen worden sind. Barrios ist, um es mit 
einem Worte zu sagen, ein Universal -Genie: er zeigt sich als 
Philosoph und Theologe, ist Historiker, als Dichter hat ihm 
die Literatur-Geschichte seines Landes längst einen Platz einge- 
räumt und ihn den Männern des Parnasses beigesellt ; er hat das 
meiste Recht , als der poetische Chronist seiner Zeit betrachtet zu 
werden. Wir werden ihn von den verschiedensten Seiten seiner 



f 



, 257 

Thäligkeit kennen lernen. — ßarrios stammte wie viele seiner 
dichtenden Freunde und Genossen von den verkappten , geheimen 
Juden ab. 

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts lebte in dem portugiesischen 
Städtchen Marialva*) ein frommer mit dem göttlichen Gesetze ver- 
trauter Mann, Namens Abraham Levi Caniso^"^'*). Erhatte einen 
Sohn, welcher unter dem Namen Simon, auch Jacob Levi aufge- 
führt wird^^^*) und der sich mit Sarah aus der Familie Valle 
verheirathete ^^®). Der Wohnort dieses Ehepaars war das alte 
Argel (Algier). Zehn Kinder, 6 Söhne und 4 Töchter sind dieser 
Ehe entsprossen. Mehrere dieser Söhne, welche sämmtlich den in 
Spanien häufig vorkommenden Familiennamen Barrios führten, 
bekleideten verschiedene Posten in der Armee. So lebte Juan de 
Barrios als Militär in Oran und heirathete dort die Tochter eines 
Sargento-Mayor, D. Auguslin de Caslillo'"). Francisco, ein an- 
derer Sohn, diente ebenfalls in der Armee und war in Oran statio- 
nirt ; durch ein verruchtes Weib, welches ihm zermalmtes Glas in ein 
Getränk mischte, erlitt er den Tod^^^j. Ein anderer Sohn hiess 
Diego ; für diesen verfasste Miguel acht Gedichte zu verschiedenen 
Zwecken ^^^). Francisco und Antonio, so wie ihre Schwester Clara 
starben im Vaterlande vermuthlich als Opfer der Inquisition^^"). 
Isaac und Benjamin weilten in Algier und wurden nebst ihrem 
Schwager Jacob Lopez Puerto in einem Briefe vom iO. Elul 5442 
(August 1 682) von Miguel aufgefordert, sich offen und frei dem 
Judenthume zuzuwenden^''*). 

Die ebengenannte, früh verstorbene Clara halte noch drei 
Schwestern : Bianca, Judith, Esther. 

Bianca war die Frau eines gewissen Ambrosio; nach dessen 
Tode wanderte sie mit ihren Kindern lange umher und starb in Am- 
sterdam^^^). Judith war an Jacob Lopez Puerto in Algier verheirathet. 
Gegen Ende October 1 682 halte dieser seinem Schwager Miguel ge- 
schrieben, dass ihm und seiner Familie ein grosses Unglück drohe; 
vermuthlich war ihm das Glaubensgericht auf die Spur gekommen. 
Schon am 10. März 1684 war er nicht mehr; ob er auf dem Kran- 
kenbette oder ,als Opfer der gefürchteten Gewalt verschieden ist, 
wissen wirnicht^^'j. Auch derGatte der dritten Schwester Esther, 



*) Maria Iva ä susCondes generöse. 

Barrios, Coro de las Musas, 174. 

Kayseriing, Sephardim. j 7 



258 

Eliahu Vaez , starb in Algier und Hess seine unglückliche Frau mit 
fünf unmündigen Kindern zurück. Eins derselben, Abraham Vaez, 
lag in Amsterdam dem Studium ob^^*). 

Ob Miguel jünger oder alter als diese hier genannten Geschwi- 
ster war, müssen wir dahin gestellt sein lassen. Er führte von 
Allen das bewegteste Leben. Die meisten seiner Geschwister, wenn 
nicht alle, erblickten in Algier das Licht der Welt. Stand auch 
wohl Miguel's Wiege ebenfalls in diesem Orte, so wurde er doch 
unter europaischem Himmel geboren : Montilla, ein Städtchen un- 
gefähr 5 Meilen von Cordova entfernt, bezeichnet er selbst als 
seinen Geburtsort^*'*') , wie er es denn auch zu verschiedenen 
Malen besingt : 

Montilla, geliebte Heimath, glanzvoller Stern u. s. w. *) 

So dunkel und geheimnissvoll , so fragmentarisch ein Theil 
seiner Schriften ist, so dunkel ist auch sein Leben '^^). Die Ge- 
schichte seiner an Form und Materie mannigfaltigen Werke ist die 
Geschichte seines Lebens und es stehen dieselben mit seinen 
äussern Verhältnissen im engsten Zusammenhange. Unstält und 
flüchtig eilt er von einem Lande und einem Orte zum andern : 
bald ist er in Italien, in LivornOf Nizza, bald in Brüssel, bald in 
Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen. Treffen wir ihn doch sogar 
auf einer Reise nach Cayenne und in West-Indien ! 

Die erste Veranlassung zu seiner Wanderung bot das die Juden 
mit glühenden Peitschen auch noch damals vor sich her treibende 
Tribunal, die unersättlich gierige Inquisition. Sie, die nimmer 
ruhete und rastete, die nach dem jüdischen Blute wie eine heiss- 
hungrige Wölfin lechzte , wülhete auch in der Mitte des 1 7. Jahr- 
hunderts wie zur Zeit des Beginns ihrer Thätigkeit und — die 
spanische, oder wenn wir wollen , die spanisch-jüdische Literatur 
ist ihr zu Dank verpflichtet. So absurd und lächerlich dieses auch 
klingt, so ist es dennoch wahr, im buchstäblichen Sinne des Wortes 
v^ahr. 

Am 29. Juni 1654 gab es in Cuenca ein Auto-da-Fe mit 57 
unschuldigen Verbrechern , fast lauter spanische Juden , deren 



Mi gran patria Montilla, verde estrella, 
Del Cielo Cordoves, agrado ä Marte. 



(Coro de las Musas 196.) 



259 

ganzes Verbrechen darin bestand , im jüdischen Gesetze erzogen 
zu sein und nach jüdischem Gesetze gelebt zu haben. Die Meisten 
bis auf 10 kamen mit Strafen an Geld und Körper davon. So 
wurde Simon Nunez Cardoso aus Lamego in Portugal , praktischer 
Arzt in Pastrana, auf die Folter gespannt. Hartnäckig leugnete er, 
dass er sich dem Judenthume wieder zugewandt hätte, und ertrug 
mit Standhaftigkeit alle Qualen. Nur die eine Erklärung gab er 
ab, dass man ihn falsch beschuldige, mit dem Teufel einen Vertrag 
geschlossen zu haben; er wisse, recht gut, meinte Gardoso, den 
Ursprung dieses teuflischen Gerüchts. Vor langer Zeit sei eine 
grosse Bremse in sein Ohr geflogen und die riefe ihm unaufhörlich 
zu : Freund , sprich nicht von Religion ! Und welch' Bewandtniss 
hatte es mit dieser Bremse? Cardoso deutete damit auf die heilige 
Inquisition selbst hin. Coimbra hatte ihm die Marter schon früher 
einmal besorgt und ihn gleichsam gewarnt , für die Folge hübsch zu 
schweigen. Diese Bremse verschonte ihn nun freilich auch diesesmal, 
brachte ihn aber doch um 300 Ducalen und um kostbare Zeit, denn 
er musste sich täglich verschiedenen Bussübungen unterziehen'®®). 
Nicht so gut kam ein Anderer davon, welchen wir bei diesem 
Auto in der Person des Balthasar Lopez kennen lernen. Lopez war 
königlicher Hofsaltler, in Valladolid geboren und als Jude erzogen. 
Um freier den jüdischen Satzungen leben zu können, hatte er sich 
in seiner Jugend nach Bayonne begeben. 1645 kehrte er indess 
nach Spanien zurück und bewog seinen Verwandten, wie es heisst, 
durch einen Vers aus der AraucanadesErcilla, sich wieder zum Ju- 
denthume zu bekennen. Diese That kam der Inquisition zu Ohren 
und sie machte dem Verführer kurzen Process. Der Jude muss — 
erst erwürgt und dann verbrannt werden. Lopez war ein drolliger 
Mann , der selbst in der Todesstunde noch scherzte. Auf seinem 
letzten Gange ermahnte ihn einer der ihn begleitenden Ordens- 
brüder, dem Herrn doch jetzt die Ehre zu erweisen, damit die 
Thore des Paradieses ihm, dem reuigen Sünder, auch weit offen 
ständen. »Was meint Ihr, Pater?« erwiderte Lopez , »kostet mir 
doch die Confiscation allein schon 200,000 Ducaten, und dabei weiss 
ich nicht einmal, ob ich ein Geschäft mache ! « Auf dem Richtplatze 
angelangt, halte er wahrgenommen , dass der Henker zwei Ver- 
brecher schlecht expedirte. »Peter«, rief Lopez dem ungeschick- 
ten Henker zu, »erwürgst Du mich eben so schlecht, wie diese 
beiden armen Teufel , so würdest Du weit besser Ihun , mich 

17* 



260 

lebendig zu verbrennen«. Sodann wollte man ihm die Füsse bin- 
pen, aber Lopez rief voller Zorn aus: »Ich glaube nicht an Deinen 
Christus, wenn Du mich bindest. Da nimm das Crucifix ! « Ehe 
der Henker sich versah, hatte er das Bild zu Boden geworfen. Noch 
wenige Augenblicke vor der Hinrichtung fragte ihn der pflicht- 
getreue und diensteifrige Geistliche, ob er nun auch wirklich Reue 
empfände? »Aber Pater«, entgegnete ihm Lopez lebhaft, »lieber 
Pater, meint Ihr, dass dieser Augenblick zum Scherzen sei?« Die 
Absolution wurde ihm wider seinen Willen gegeben, er wurde er- 
würgt und verbrannt und , fügt Llorente hinzu, si le Saint-Office 

ne fait pas de conversions plus sinc^res ^®^). 

Fünf Monate spater fand in Granada ein kleines Auto statt mit 
nur 12 Juden. Auch erschien dort das Bild einer jüdischen Frau, 
welche mit den Herren der Inquisition vielen Verkehr hatte : sie war 
aus Cordova verbannt , dann aus Granada , aus Madrid , aus Ma- 
laga und endete endlich in den geheimsten Kerkern des Tribu- 
nals »e»). 

Im März 1655 erlitt ein Jüngling in dem blühenden Alter von 
20 Jahren, »teniendo poco mas de quatro lustros de edad«, Mar- 
cus de Almeyda , auch Isaac de Almeyda Bernal genannt , in 
San Yago de Gompostella den Tod durch Feuersgewalt. Er war 
ein Verwandter Barrios' und wie dieser und Juan de Morales, 
welcher 1622 den Kriegszug Sebastianls von Portugal beschrieb ^^^), 
in Montilla geboren^'**). 1 Va Monate später, am 3. Mai, hatte 
Abraham Nunez Bernal in Cordova gleiches Schicksal ^'^*). 

Solche Opfer riefen Erzeugnisse derMusen hervor und nament- 
lich die Bernais wurden von ihren vielen Freunden ihres Märtyrer- 
thums wegen besungen und in spanischen Poesien betrauert. Der- 
gestalt ist auch die spanische Literatur durch die Inquisition um 
ein ganzes Buch Poesien, welche Jacob Bernal, ein Verwandter der 
Verbrannten, herausgab, bereichert worden. 

Den Tod der Bernais beklagten : 

Benjamin Dias Patto*) 
in einem, wenn uns der Ausdruck erlaubt ist, kabbalistischen Car- 



*) Ein Samson Gomez Patto gehörte zum Rabbiner- Collegium in 
Jerusalem und approbirte 1705 das von Hiskijah de Silva verfasste Werk 

tein ■'-is. 



261 

men. Dieser vonBarrios sapienlissimo genannte Palto vergleicht den 
engelliaften Geist Abraham Bernal's mit den 1 Classen der En- 
gel ^^'). Wir wagen es nicht, dieses gekünstelte Gedicht zu über- 
setzen und wollen nur des allgemeinen Baues wegen einen Theil 
desselben miltheilen : 

Santo que del mortal velo apartado Kedosim 
De E s t a n t e , o perdurable te juraste , m e d i m 
Angel que en llama al Cielo te elevaste Mal ah im 
Encendido Seraph per lo abrasado, Seraphim 

Glorioso Cherub grande, colocado Cherubim 
Entre luzidas asquas que pisaste, Harmalim 
Hijo de Dios, que firme despreciaste Bene-Elohim 
Humanas glorias, hijas del pecado. 

Patto war Vorsteher der Akademie »Abi Jethomima zu Am- 
sterdam"^') und starb im April 1664 (Nissan 5424). Salomo de 
Oliveira verfasste ihm eine Grabschrift ^'^*). 

David II enriquezPharo, 
1 683 Vorsteher der Wohllhätigkeilsanstalt » Gemilut Chasadim « in 
Amsterdam ^'^^) , weihte dem Andenken Bernal's ein spanisches 
Gedicht, von welchem Barrios einzelne Reihen mit seinem Gedichte 
auf die 7 Madrider Märtyrer (s. S. 264) verwebt''®)*). Sein Sohn 
Abraham Henri quez Pharo, 1683 noch Jüngling, war in den 
talmudischen Schulen Aboab's und Sasportas' gebildet ''''). 

Ferner lieferten Beiträge zu dem poetischen Martyrologium : 
Der S. 252 genannte Hauptmann 

Moses Cohen Peixolo ''^) , 
Isaac Reinoso''^), 
ein Sohn des Doctor Michael und Bruder des Abraham Reinoso, 
David Antunes'***]**), 
Doctor Daniel Arauxo'®'), 
Abraham Gomez de Prado'*^), 
vielleicht ein Verwandter des Doctor 

Juan de Pra do, 
welcher ein Sonett zu Barrios' Flor de Apolo und einige Terzetten 



*) Ostentaciones siete relevantes, 

Opueslas al rigor de la violencia, 
Siete planetas son, pero constantes, 
De la sagrada ley, con tal vehemencia etc. 

**) Einen GabrielAntunes besingt Barrios im Coro de las Musas 339. 



262 

schrieb. Juan de Prado, ein Arzt, war aus der Picardie nach 
Holland übergesiedelt. Er war Meister in falschen Dogmen und 
hatte nicht mehr Religion als seinem Körper eben zusagte. Einer 
Dame hatte er die Ehe versprochen und sie unter verschiedenen 
Vorspiegelungen verführt. Als er auf dem Punkte stand, eine An- 
dere zu heirathen und kaum den Hochzeitswagen bestiegen hatte, 
ging das Pferd mit ihm durch und Prado fand in dem Flusse den 
Lohn für seine Treulosigkeit^*^") ; 

Abraham Castanho'®^), 
Samuel de Crasto^^*), 
der S. 208 genannte, auf der vom Papst Eugen IV. gegründeten 
Universität zu Bordeaux gebildete Doctor 

Joseph Bueno^^^), 

Jonas Abrabanel, 

Eliakim Kastiel^^®) 
und 

Daniel de Ribera, 
welcher Bernal ausser in mehreren spanischen Gedichten, auch in 
einer sapphischen Ode und in zwei anderen lateinischen Gesängen 
betrauertet^''}. 

Wir beschliessen diese Dichter-Reihe mit 
Moses Jeschurun Lobo, 
welcher , wie alle früheren , Bernal in einem spanischen Gedichte 
beklagte ^^*). Moses Jeschurun Lobo, wahrscheinlich ein Bruder 
des Benjamin Jeschurun Lobo, 1683 Schatzmeister der Gesellschaft 
»Onen Daliim« in Amsterdam, und des Joseph Jeschurun Lobo, 
Vorsteher der Amsterdamer Beerdigungsgesellschaft , ist nicht zu 
verwechseln, wie dieses von Wolf ^*''*) gesehen ist, mit 

Moses Jeschurun Ribero, 
auch Gustodio Lobo*) genannt. Custodio Lobo lieferte nach 
Barrios' Zeugniss vorzügliche Poesien , von denen uns folgendes 
Redondill aufbewahrt worden ist : 

Si es hija de Dios, porque 
La ley al hombre da, quando 
Sin ley a la ley faltando, 
Niegala de vidafe?^^") 



*) Ein Custodio Lobo (geb. 1575, gest. 1634) war Ordensbruder und 
Examinator an den militärischen Orden in Lissabon. 



263 "^ 

Er starb in Livorno, wo auch der Dichter 

Samuel Levi Rodrigues, 
welcher unter anderen Poesien auch ein Sonett zum Lobe des gött- 
lichen Gesetzes*) verfasste ^^*) , verschieden ist. Dieser Samuel 
Levi Rodrigues ist, wie wir vermuthen, der Vater des in Amster- 
dam lebenden Rabbiners und Dichters 

Isaac Raphael ben Jehudah Rodrigues, 
wie ihn Wolf nennt, oder Raphael Levi (Jeduhah) , unter wel- 
chem Namen ihn de los Rios aufführt. Von ihm kennt Wolf eine 
spanische Trauerrede auf Benjamin Levi de Vittoria , welche 1719 
in Amsterdam erschienen ist^^^). 

Den Tod der beiden Dichter Custodio Lobo und Samuel Levi 
Rodrigues und anderer Personen , so wie das Hinscheiden der 
Rahel de Chaves, vielleicht eine Schwester des Dichters 

David Chaves^^^) , 
welche in ihrer Jugend sehr schön und im Alter sehr klug gewesen 
sein soll, beklagte Barrios und feierte ihr Andenken ^^*). 

Ueberhaupt hat wohl Niemand mehr der Verstorbenen sich 
angenommen , Niemand mehr seine Freunde und Bekannten , die 
Märtyrer des Judenthums verewigt und der Vergessenheit ent- 
rissen als unser Barrios. 

Auf .den Tod der 1665 verbrannten Abraham Athias**), Ja- 
cob Rodrigues und Rahel Nunez Fernandez verfasste er nicht nur 
ein Klagelied , sondern auch eine allegorische Komödie unter dem 
Titel: »Keine Gewalt gegen Wahrheit, Contra la verdad no hay 
fuer9a «'"'), welche er dem 



*) Quando el Author de la Sabiduria, 

Le dio ser a la luz perfecta y pura, 
Neutralidad confusa, niebia obscura 
Sobre aguas del abismo se esparcia, 

Dividida la sombra, quedo el dia 
_ Obstentando fulgores de hermosura, 

Y si la obscuridad vencer procura 
Luze mejor en la tiniebla fria. 

**) Dieser Abraham Alhias war der Vater des bekannten Buchdruckerei- 
besitzers Joseph Athias in Amsterdam, welchen Barrios als »del Martir 
Abraha m hij facun d 0, de la inglesa impression raro lu- 
ze ro « bezeichnet. 



264 • 

D, Joseph Phelix , 
oder Joseph Milano, wie er in der Ueberschrift seines Sonelts 
auf den Coro de las Musas genannt wird, widmete ^"^j. 

In einem andern Sonett besingt er den glorioso marlirio 
Raphael Gomez Sasedo'^'^j , welcher mit dem durch seine Schön- 
heit alle Frauen berückenden und von Barrios besungenen Haupt- 
mann Alonso de Salsedo und der liebenswürdigen Maria de Salsedo 
verwandt sein könnte'"^). ' 

Zu einer Elegie stimmte ihn der Tod der drei Märtyrer in Se- 
villa : Francisco Lopez , dessen Vater, der Doclor Joseph Lopez in 
Valladolid glänzende Triumphe feierte und später den Feuertod er- 
litt, Manuel Ferro und Clara Nuiiez^^^}. 

Ein grosses Auto mit 118 Verurtheilten fand am 30. Juni 1680 
in Madrid statt. Als in diesem Jahre der geistig und körperlich 
unfähige König Carl II. von Spanien , der Sohn der herrschsüch- 
tigen Oesterreicherin Maria Anna, die junge Maria Luise von Bour- 
bon, die Tochter des Herzogs Philipp von Orleans, als seine Ge- 
mahlin nach der Hauptstadt brachte, war das Gefühl der Nation 
dermassen erstorben , dass man auf das Programm der verschie- 
denen Hochzeitsfeierlichkeiten auch ein grosses Auto setzte. Um 
die französischen Prinzessinnen zu amüsiren, glaubte das spanische 
Volk nichts Besseres wählen zu können , als solche das mensch- 
liche Herz empörende Schauspiele. Schon 1560 war der Elisabeth 
von Valois zu Ehren ein Auto in Toledo und 1 632 zur Feier der 
Niederkunft Elisabeth's von Bourbon ein anderes in der Hauptstadt 
selbst veranstaltet. Maria Louise sah es mit an, musste es an der 
Seite ihres unmännlichen Gemahls mit ansehen, wie Menschen 
dem Scheiterhaufen überliefert, wie unschuldige, den einzigen Gott 
in seiner Einheit verehrenden Judenkinder dem Staube der Erde 
durch Feuersgewalt zurückgegeben wurden. Maria Louise starb, 
ohne je ein Kind unter ihrem Herzen getragen zu haben , in der 
Blüthe ihrer Jugend, und auch Carl schied aus der Welt, ohne einen 
Leibeserben zu hinterlassen, denn seine zweite Ehe mit eiiÄr deut- 
schen Prinzessin blieb ebenfalls ohne Früchte. 

Bei diesem Auto kamen um : Phelipa Lopez Redondo, Leonor 
Pereyra, Louis Saraiva , Caspar de Robles Cardoso, Balthasar 
Lopez Redondo, Simon de Morales und Pedro Visente ^"''). 

Dass auch Miguel oder Daniel Levi de Barrios, wie alsfrom- 



265 

mer Jude und in jüdischen Kreisen er sich nannte, Nachstellungen 
der Inquisition zu erfahren halte, erzählt er selbst freilich nicht, 
nichtsdestoweniger ist es Thatsache, dass er durch das Glaubens- 
gericht veranlasst worden ist, die Halbinsel zu meiden und in an- 
deren duldsameren Gegenden Schutz zu suchen. Gegen -1659 kam 
er als Scheinchrist nach Italien. In Nizza hielt er sich bei seiner 
Tante Sarah , einer Schwester seines Vaters, Gattin des Abraham 
de Torres, einige Zeit auf. Länger verweilte er in Livorno. Erst 
hier gelangte Barrios durch dunkle Wälder zum hellen Lichte, wie 
er seinen Brüdern in Oran schreibt. Seiner Tante Rahel, einer 
andern Schwester seines Vaters, Gemahlin eines Isaac Cohen 
de Sosa, räumt er das Verdienst ein, ihn zuerst im jüdischen 
Gesetze belehrt zu haben***'), durch sie waren die ersten Strahlen 
des göttlichen Lichtes, der Wahrheit und Klarheit in ihn gedrun- 
gen, der von Frauenhand angefachte Funken zündete und erwärmte 
sein Herz. Barrios wurde später im reifern Alter der eifrigsteJude, 
der treuesle Anhänger seiner Religion , von der er sich freilich 
vorher noch einmal, wenn auch nicht ganz, so doch zum Theil 
entfernte. 

Zwischen seinem Aufenthalte in Livorno und seiner gänzlichen 
Niederlassung in Amsterdam liegt eine gewaltige Kluft. Aus irgend 
welchen Gründen Hess er sich durch eitle Versprechungen wie- 
derum verlocken, seinen Glauben zu verleugnen oder wenigstens 
geheim zu halten. Es war dieses während seines mehrjährigen 
Aufenthaltes in Brüssel. 

Ehe wir ihn nach diesem Orte begleiten , müssen wir eine 
kleine Beise nach einem fernen Erdtheile mit ihm machen. 

Schon 1644 haben sich mehrere jüdische Familien aus Bra- 
silien und den Niederlandv^n nach dem von den Holländern er- 
oberten Cayenne (Guyana) begeben und sich in Paramaribo fest- 
gesetzt. Nicht allein diesen neuen Ankömmlingen wurde voll- 
kommener Schutz und Schirm gewährt, sondern auch durch ein 
Erlass der westindischen Compagnie von 1659 allen jüdischen 
Colonisten so bedeutende Vorrechte eingeräumt , dass schon im 
folgenden Jahre eine Anzahl italienischer Juden, 152 an der 
Zahl, sich anschickten, in dem neuen Freiheitslande eine. neue 
Heimath zu suchen. Diese Auswanderer gingen am Trauertage 
den 9. Ab (August) 1660, mit dem Schifte Monte del Cisne unter 



266 

Segel *"^)*). Unter ihnen befand sich auch Miguel de Barrios, be- 
gleitet von seiner Gattin Deborah , der Tochter von Abraham und 
Catalina Vaez aus Algier*"^). 

Erzählt uns der Dichter auch wohl von seiner Abreise, so er- 
fahren wir doch nichts von seinem Aufenthalte auf der Insel und 
von seiner Rückkehr, so dass wir bezweifeln würden, ob er wirk- 
lich dieReise zurückgelegt habe, erführen wir nicht, dass inTabago 
(West-Indien) sein geliebtes Weib durch den Tod von seiner Seite 
gerissen wurde ****). Nach diesem Verluste mag auch er die Rück- 
reise angetreten haben, jedenfalls war er 1663 oder 1664 wieder 
in Europa. Diesesmal nahm er Holland, Brüssel zu seinem Wohn- 
sitze. Er heirathete zum zweiten Male eine Tochter des Isaac und 
der Rahel de Pina, Abigail^^^)**), welche an einem Dienstage, den 
,17. März 1665, Abends 8 Uhr in Amsterdam von einem Sohne 
entbunden wurde **^*^). Die Nachricht von der Geburt dieses Simon 
genannten Sohnes, bei welchem Manuel de Campos und dessen 
Frau Simcha , eine Enkelin des berühmten , früher von uns ge- 
nannten Isaac Usiel Pathenstelle vertraten , empfing der glückliche 
Vater , welcher in diesem Kinde seinen Noah , seine Stütze im 
Alter erblickte, in Brüssel, wo er, wie er sich ausdrückt, entreidolos 
profanes rompia ä sus preceptos sobaranos , unter Götzenbildern 
weilend, den Gesetzen des Höchsten nicht folgte ^^'^j. In dieser 
prächtigen Hauptstadt lebte Barrios bis gegen 1672. Er stand als 
Hauptmann der spanisch- portugiesischen Armee zu dem damali- 
gen Gouverneur von Flandern, D. Antonio Fernandes de Cordova, 
zu D. Francisco de Melo , dem vielseitig gebildeten ausserordent- 
lichen Gesandten der katholischen Majestät am Hofe Carl II. von 
Grossbrittanien , zu vielen adligen Herren und Damen , zu dem 
ganzen Officier-Corps in freundschaftlicher Beziehung und er kann, 
wie seine Poesien und Werke es zeigen , der Dichter der Armee 
par excellence genannt werden. Die Jahre seines Aufenthalts in 
Brüssel sind, wir wollen nicht gerade sagen die glücklichsten, wohl 
aber die ungetrübtesten seines Lebens. In dieser Zeit war sein 



*) Eq Tisa beab (sie) sali de Liorne ano de 1660 con iSä Almas de Israel 
en la nave llamada Monte del Cisne para ir apobiar a Cayana conquista de 
Holandeses en America. 

**) Ein Sonett Barrios' zur Vermählung seiner Schwägerin Bianca mit 
Diego de Rosa findet sich Flor de Apolo 210. 



_1_- 267 

Geist rege und frei und nur seine Producte aus dieser Zeit sind 
von eigentlich poetischem Werth. Sein Flor de Apolo, sein Coro de 
las Musas, seine besten Dramen sind hier entstanden. 

Die Stellung erlaubte es Barrios , von Brüssel aus zuweilen 
kleine Ausflüge nach Rotterdam, Antwerpen, Haag und Amsterdam 
zu machen und auch wohl einige Wochen im Jahre im Kreise seiner 
Familie, -^Dei seiner »sanften und klugen« Abigail zu verbringen, 
welche ihn noch mit einem Töchterchen, Rebecca, beschenkte. 

Diese beiden Kinder bildeten seinen einzigen Trost. Bald 
stand er ganz allein in der Welt da ; alle seine Geschwister lebten 
fern von ihm; seine Eltern verlor er in Einem Jahre: am 16. Che- 
schwan 5430, den 30. October 1670 starb ihm die Mutter, am 
1 1 . Schewat, den 22. Januar 1671 folgte ihr der Vater. Beide star- 
ben in Algier*"*). Auch seine Abigail scheint lange vor ihm heim- 
gegangen zu sein, da er ihrer später nie gedenkt und seine Kinder 
bei den Grosseltern erzogen werden. Bei all' diesem Missgeschick 
hatte er seit seiner 1 674 *) erfolgten Niederlassung in Amsterdam 
mit der grössten Nolh zu kämpfen. 

Miguel de Barrios, der Hauptmann in Brüssel, der Dichter in 
der Armee, und Daniel Levi de Barrios, der bittende und bettelnde 
Poet , Miguel , der freie lockre Geist und Daniel Levi , der gläubige 
Jude, der kabbalistische Versemacher, der Sänger und Lobredner 
jüdischer Akademiker und reicher Juden, Miguel, der Dramatiker 
und Daniel Levi , der religiöse Komödienschreiber , sind so ver- 
schieden, so getheilt, dass man fast glauben könnte, die Person sei 
nicht allein in ihrer religiösen Anschauung, sondern auch in ihrer 
Denk- und Dichtungsweise eine ganz andere geworden. 

Betrachten wir zuerst Barrios als Miguel, als Dichter, als den 
Lyriker und Dramatiker, mit einem Worte die erste Periode seiner 
schriftstellerischen Thätigkeit. 

Hier ist Barrios ganz und gar Dichter und die Poesie ist ihm 
das Höchste, der Inbegriff alles Wissens, die Grundlage aller Wis- 
senschaften. 



*) Nach einzelnen Briefen zu schliessen , liess er sich wohl nicht vor 
Januar 167 4 in Amsterdam nieder. Am 2 0. December 1673 war er noch in 
Brüssel, nachdem er am 28. August desselben Jahres im Haag und am 16. 
September in Amsterdam gewesen war. Am 22. Januar 1674 schrieb er von 
Amsterdam aus. 



268 

»Poesie ist Prophelie, der Poet ist der Prophet«, lautet das 
poetische Glaubensbekenntniss unseres Dichters. Poet und Prophet 
sind die Lieblinge und Schosskinder der höhern Mächte; wie Dieser 
in dem Schutze des höchsten Gottes weilt, so ruht Jener in dem 
Schatten der Fürsten und Könige der Erde. Sowohl Diesem als Je- 
nem ist zu seiner rein geistigen Thäligkeit Frohsinn und Freude erfor- 
derlich : dem Dichter, damit er die idealen Gedanken fasse und ein- 
kleide, dem Propheten, dem Herolde Gottes, um das zu verkünden, 
was in den Visionen sich ihm Göttliches erschlossen hat, dem 
Volke die Zukunft zu enthüllen , die Menschheit mit ihren Vergehen 
und Laslern, ihren Strafen und den Erwartungen einer helleren 
Zeit bekannt zu machen. Der Prophet ist aber auch zugleich 
Poet: der grosse Psalmist , der die Allmacht der Gottheit in der 
Lieblichkeit seiner Verse besungen , war ebensowohl Dichter als 
Seher, Prophet. 

Und was ist die Poesie als solche? Natur. Die Poesie hat keine 
andere Lehrmeisterin als die Natur, keinen anderen Erfinder als 
den höchsten König, als Gott. Der Anfang der Poesie beruht in 
der Natur, nur ihre Vollkommenheit liegt in der Kunst. Man sieht 
leicht ein, dass Barrios diese Grundideen dem Alterthum entlehnt 
hat und nur einen platonischen Gedanken wiederholt. Ist doch 
nach Plato die Poesie nichts anderes, als eine göttliche OfTenbarung, 
das Wesen und das Spiel der Phantasie , ein Etwas , das durch 
menschlichen Fleiss und durch die Kunst nicht erworben werden 
kann. Daher setzt auch die Poesie ein Schaffen und Zeugen aus 
sich selbst voraus, wie dieses Zeugen und Schaffen in den Begrif- 
fen Poet, Poesie selbst liegt*). Das die Welt aus Nichts schaffende 
Wesen, Gott, ist der erste Poet*"^). 

Wie die Malerei gleichsam eine stumme Poesie ist , welche 
ihre Begriffe in der Sprache der Farben ausdrückt, so ist die Poe- 
sie**) selbst eine malende Musik, que en las sombras de sus lineas 



*) Llama el Espanol Hazedor y el Latino Facto r; llama el Griego 
P e t a m y el Hebreo P a y t a n , que es hazedor o compositor de Hymnos , y 
por esto SU propia raiz Piut que significa Verso. 

(Barrios, Prolog zum Coro de las Musas.) 
**) Der Gedanke, »die Poesie ist ein Chamäleon, welches die verschieden- 
sten Farben annimmt«, ist sicher von Barrios nicht zuerst ausgesprochen. 



f 



269 

esparze las luzes de su habilidad, welche in dem Schatten ihrer 
Linien das Licht ihrer Geschicklichkeit ausbreitet. Die Prosa hin- 
gegen ein gefälliger, sanft fliessender Kanal, welcher den Garten 
der Erinnerungen bewässert und als Pflanzen die heilbringendsten 
Beispiele, als Früchte die nützlichsten Lehren erzeugt^*"). 

Es war Barrios ein Leichtes , in seiner wilden Begeisterung 
für die Poesie und Muse den Begriff Muse sogar mit Moses zusam- 
menzubringen. Würde er sich begnügt haben, Moses in den Kreis 
seiner Genossen zu ziehen , Moses als dem göttlichen Sänger einen 
Platz auf dem Parnass anzuweisen — wer möchte ihm das übel 
nehmen? Doch Barrios erstrebt noch etwas mehr: die Muse 
stammt von Moses her, Musa und Moses haben ein und dieselbe 
Wurzel , ein und denselben Begriff, ein und dieselbe Bedeutung. 
Wie Moses durch die pharaonische Tochter aus dem Nil gezogen 
worden, so war auch die Dichtkunst ausMoses, als dem »publica- 
dor de las sacras letras« hervorgegangen und deshalb Musa genannt. 
Die Muse , die Poesie nahm mit allen übrigen Wissenschaften von 
den Israeliten ihren Ausgangspunkt und wenn es in der Schrift 
(Deuteronomium 4, 6) heisst: »Das ist Eure W'eisheit und Euer 
Wissen vor den Augen der Völker«, so ist hiermit auf die allen 
"Wissenschaften zur Grundlage dienende Poesie hingedeutet. 

Wie in vielen anderen , so können wir ihm auch in dieser 
Ansicht nicht folgen und den schwärmenden Dichter nicht begrei- 
fen ; wir wollen sie der Ergründung Anderer überlassen und uns 
zu der Betrachtung seiner vorzüglichsten Werke, des Coro de las 
Musas und des Flor de Apolo wenden. 

Barrios hat sich in dem letztgenannten, 1665 erschienenen 
und dem D. Antonio Fernandez de Cord.ova gewidmeten Flor de 
Apolo***} in allen möglichen Dichtungsarten und oft nicht ohne 
Glück versucht. Ausser 62 Sonetten, zum Theil Gelegenheits- 
gedichten, finden sich in diesem 256 Quartseiten füllenden Werke 
Quintillen, Satiren, Glossen, Terzetten, Dezimen (burlesc. amoros, 
liric), 16 Pinturas und einige recht gute Romanzen, von denen wir 
»Vulcan und Venus«, »Alfeo und Aretusa«, »Polyphem und Gala- 
thea«, »Jupiter und Calisto« und ganz besonders »Holofernes und 
Judith» hervorheben. 

Von den Sonetten mögen folgende hier ihre Stelle finden : 



270 

Sicheres Vertrauen. 

Goliath wähnte leicht, der Philister Riese zu siegen, 

David bewältigte ihn, rollte sein Haupt in den Staub. 
Daniel Hess in der Höhle viel tausend Hymnen erschallen, 

In ihr starben, die ihm wollten bereiten den Tod. 
Gegen den Juden verkündete llaman stolze Befehle, 

Schon war der Galgen hoch, fertig errichtet für ihni 
Aber es kam ganz anders, an seinem eigenen Schlünde 

Musste vollstrecket er fühlen den sträflichen Wunsch. 
Alle menschliche Kraft ist nur ein eitler Schatten, 

Selbst eine Monarchie sinkt, so fest sie auch scheint. 
Machtlos ist sie gegen Verrath, der im Dunkelen schleichet, 

Aber unendlich gross bist Du, erhabener Gott ! 
Nirgends bestehet der Mensch und seine Basis ist nichtig, 

Fest nur stehet allein, wer vertraut auf Dich. *) 

Rahel's Tod. 

Vergoss nicht Jacob um die Rahel Thränen? 
Verblüht die Schönheit ja doch gar zu früh! 
Es schnitt des Todes Arm mit starken Sehnen 
Vom süssen Leben eilein Baume sie. **) 



A la segura confiancja. 

Piensa vencer gigante el Filisteo; 

Vence David, y su cerviz quebranta ; 

En el lago Daniel mil himnos canta, 

Mueren en el quantos le juran reo. 
Promulga el fallo contra Mardoqueo 

Sobervio Aman, patlbulo levanta, 

Y permite el Criador que en su garganta 

Se execute tan bärbaro desseo. 
Tode humano poder es sombra vana, 

La mas incontraslable monarchia 

Se ve sugeta ä la traycion villana. 
infinita de Dies soberania 1 

Pues sin haver seguridad hunoana, 

Vive seguro aquel que en ti confia. 

(Flor de Apolo, 200.) 

A la muerte de Raquel. 

Llora Jacob de su Raquel querida 
La hermosura naarchita en fin temprano, 
Que cortö poderosa y fuerte mano, 
Del arbol enganoso de la vida. 



271 

Blickt hin ! Verwandelt liegt die Purpurrose, 
Die Lebensfrische in den nicht' gen Staub! 
Des schönen Antlitz Gluth zu solchem Loose, 
Zur Erde hingestreckt, der Mutter Raub. 

Freude wandelbar ! Ruhm wie eitel ! 
Genuss verfliegt ! Wer %veiss des Lebens End' ! 
So jung und schon gebeugt des Hauptes Scheitel, 
Durch Dich, o Tod, der grausam Alles trennt. *) 

Täuschung und Enttäuschung. 

Wehe dem Mann, der von Gott in Leichtsinn lenket die Schritte, 

Weh' ihm, wenn sein Herz nimmer vom Schlummer erwacht. 
Wenn in dem Bösen, das nun erfasst, er trotzig verharret. 

Bis seine Sünde ihm eigene Mörderin wird. 
Störrisch in seiner Schuld im ungewissen Genüsse 

Ist der Verräther sein Freund, welcher ihn stürzt in den Tod ; 
Glücklich jedoch ist der, der von Weisheit lässt sich verbieten. 

Was unrecht ist zu thun, wie ihn verlocket die Lust, 
Wie die eitele Welt nach schalem Genüsse sich sehnet. 

Welcher des Lebens Bahn eiligst beschleunigt zum Tod. 

Nur wenige Poesien unseres Dichters sind in dieser natür- 
lichen Einfachheit geschrieben ; die meisten haben einen bomba- 
stisch schwülstigen Stil und unterscheiden sich nicht von dem 
damals herrschenden Geschmack der bereits in Verfall gerathenen 
Literatur. Barrios zeigt sich als der Ireueste Nachahmer Gongora's, 
ihn feiert er neben Virgil, Homer und Tasso als den Fürsten der 
Poesie und weiss seine »Soledades« nicht oft genug zu rühmen**^). 
Alle seine Produete wimmeln von Hyperbeln und mythologischen 
Bildern, sie tragen einen solchen Reichthum des sogenannten Gon- 
gorismus an sich, dass auch die Poesien dieses Juden wie die seines 
Musterbildes Commentare und Erklärungen erforderten. 

Voll von diesem Gongorismus steckt auch sein vorzüglichstes 
Werk, der» Coro de lasMusas, Musenchor«, welcher, dem erwähnten 
D. Francisco de Melo gewidmet, 1672 in Brüssel erschien '**'*'') undvon 



Ve la purpurea rosa convertida 
En cardeno color, en polvo vano, 
Y la gala del cuerpo mas lozano 
Postrada ä tierra, ä tierra reduzida. 

Ay (dize) go?o incierto ! gloria vana ! 
Menlido gusto ! estado nunca fixo ! 



(Flor de Apolo, 199.) 



272 

D. Nicolas de Oliver y Fullana, 
D. Isabeila Gorrea , 

Juan de Faria, 
Antoni o de Castillo, 
Joseph Mi lano, 
deren wir sämmtlich schon früher gedacht haben , besungen wor- 
den ist. Ihnen haben wir noch den Mann anzureihen, welcher durch 
seinen Reichlhum , seine Stellung und seine Kenntniss unter den 
Juden Amsterdams glänzte, 

D. Manuel de Pinto y Ribera, 
dessen Gedicht*) auch von dem Autor erwidert wurde***). Ihm 
sandte Barrios auch ein Räthsel im Reim***). In folgenden Worten 
verewigte der Dichter seinen Freund : 

Herr Manuel de Pinto wohlbekannt, 

Chilueches (?) ist sein Vaterland, 

Mit feinem Geist er den Musen sich neigt 

Und ist des heiligen Aren blühender Zweig. **) 

Der Coro de las Musas zerfällt nach Anzahl der Musen in neun 
Theile. Die himmlische Muse, Urania , besingt in leichten Jamben 
das Universum, Himmel und Erde und das Sternenheer. In geeig- 
neter Weise beschliesst der Dichter diese Muse mit dem 19. Psalm : 

Gottes Ruhm besingen die Himmel 
Und seiner Hände Werk 
Das weite Firmament. 
Es ist Gesetz der Natur, 
Dass ein Tag dem andern verkünd' Sein Wort 
Und die Nacht Seine Weisheit der Nacht. 



Als lyrischen, Idyllen-, Pastoral- und Liebesdichter begegnen 
wir Barrios in den Musen Erato, Euterpe und Polyhymnia. Mirtil, 
Gloris, Nisa und seine Beiisa (Isabel) nebst einigen anderen Damen 



*) Con dulces metros solo tu ä ti solo 

Te excedes en las burlas y er» las veras ; 
Ya en flores en tus pocas primaveras, 
Ya en frutos qua envidiarlos puede Apolo. 

*) Senor Manuel de Pinto esclarecido 

De Chilueches, todo bi^arria, 
Con ingenio sutil las Musas guia, 
Y es del sagrado Aaron rarao florido. 



273 

feiert er in einer grossen Anzahl von »Triumphen«, in einer »Cam- 
pona« besingt er Pan und Syringa , so wie das erste Zusammen- 
treffen Jacobs mit der Rahel. Hochzeitslieder bilden den Inhalt 
der Thalia , den Ton der Elegie stimmt er in der Melpomene an 
und Gedichte moralischer Art machen mit der Calliope, der Muse 
moral, den Schluss. 

Mehr historischen als eigentlich poetischen Werth haben die 
Musen Terpsichore und Giio. Barrios liefert besonders in der ersten 
eine Geschichte Spaniens, seiner Könige und seiner Provinzen, und 
wir glauben auf den besondern Dank der Forscher jüdischer Ge- 
schichte rechnen zu dürfen, wenn wir hier einige der Stellen mit- 
Iheilen , welche die Juden und ihre Zustände auf der Halbinsel 
behandeln. 

In einer Chronologie der ersten Könige von Spanien beginnt 
er nach alter Chronisten Weise mit Japhet und Tubal, und besingt 
auch Sepharad : 

Sepharad se nombro del verbo Hebreo 
Sepher, que es libro, relatar y cuenta ; 
Libro, porque en idioma Chaldeo 
Escrivio como al Orbe Dios suslenta . 
Relatar, porque quanto de Nereo 
Supo, a sa Corte relato opulenta : 

Y cuenta, porque Astronomo erudito, 
Conto las luzes del Celeste escrito. 

Por sola esta razon Hämo el glorioso 
Abdias, Sepharad al clima Hisperio, 
Corao a Francia Sarphat por el famoso 
Sarmotes su primer Monarca serio : 
Fabrico a Zaphra en campo delicioso, 

Y con ciento y ochenta anos de imperio, 
Dexo a su gente el nombre de Tobela, 
Erigiendo a Setubal y a Tudela. 

Er besingt die römischen Kaiser, welche ihre Herrschaft über das 
spanische Reich ausdehnten, geht dann auf die golhisch-spanischen 
Regenten über und bei Reccared angelangt, führt er den Faden der 
Geschichte nach den Chronisten fort : 

El catholico Flavio Recaredo, 
Dezimooctavo Rey del noble Hispano, 
Gon raro triumpho puso ä Francia miedo, 
AI Judio oprimio y al Arriano : 

Kayserling, Sephardim. f8 



274 

Concilio grande celebrö en Toledo : 
Vencio en Navarra al belico Romano : 
Y al segundo Liuva por su muerte 
Dexo el zelo y docel, mas no la suerte. 



Heraclio, emperador dezimosexto 
De Grecia, entonces por la astrologia, 
Previo que de su imperio el fln molesto 
La circuncisa gente causaria : 
Creyo que era el Judio ä su ira expuesto : 
Y fue la de Ismael nacion impia, 
Que negando al Ponlifice de Roma, 
Tomo la secta del falaz Mahoma. 

Ärco embio de paz el receloso 
Heraclio a Sisebuto, que a su ruego 
Contra los Israelitas riguroso, 
Las armas de la Fe desnudo luego *) 



Asturien und Leon erhielten ihren Platz, die castilianische, die öster- 
reichisch-spanische Regentenfamilie, Andalusien, Granada, Murcia, 
Mallorca , Galicien und endlich Lusitanien fanden in Barrios ihren 
Lobredner und Sänger. Aehnlich erhob er in der Clio Rom und 
seine Geschichte , die in seiner Zeit mächtige venetianische Re- 
publik, Mailand, Ferrara, Amsterdam und viele andere Städte. Die 
»berühmte und herzogliche« Stadt Florenz und ihre Vergangenheit 



*) Auf das Liebesverhältniss Alphons VIIL (nicht wie Barrios IX.) zur 
schönen Jüdin deutet er in den folgenden Versen : 

Adelantose contra el Lybio bravo 
Del Nono Alonso audacia no dichosa : 
Ayrole el de Navarra Sancho Octavo ; 
Y rindiole gentil la Hebrea hermosa : 
Con yerros amorosos Key esclavo 
Se olvido en su cadena de su esposa : 
Que las leyes de Amor no guardan leyes, 
Ni los reyes con el parecen reyes. 

Los grandes de su corte ä la Israelita 
Dieron sangriento fin, por el sossiego 
Del regio amante, que con fuer^a invicta 
Apago del Navarro el marclal fuego. 

Diese Geliebte des Königs wird auch in mehreren alt-spanischen Romanzen 
besungen. 



l 



275 • 

wurden von ihm in einem besonderen Bivche verherrlicht*"*), und 
diese Epopöe dem Herzog Gosnie III. am 7. Februar 1674 von Am- 
sterdam aus gewidmet. 

Wird Barrios in der spanischen Literatur als Dichter genannt 
und geschätzt, so hat er es sicherlich nur seinem Coro und den 
darin enthaltenen epischen Stücken zu danken. Wäre er bei 
dieser Dichtungsart, welche durch ihren Charakter schon seinen 
schwülstigen Stil und den Gongorismus verdrängt , stehen geblie- 
ben, so hätte er zuversichtlich bei seinem Fleisse und seinen nicht 
gering anzuschlagenden Kenntnissen und Fähigkeiten viele seiner 
Zeitgenossen überflügelt und den ihm erlheillen Ruhm bedeutend 
vermehrt. 

Sowohl über den seinen Dichterruhm begründenden Coro, 
als über ein anderes aus fünf Gesängen bestehendes Werk »Har- 
monia del Mundo«, dessen 3. Gesang der Dichter im Prolog zum 
Musenchor erwähnt und dessen 4. auf Kosten des Grafen de la 
Torre, welcher ihm zu diesem Zwecke 400 Crusaden übersandt 
hatte, wahrscheinlich ebenfalls in Brüssel gedruckt worden ist****), 
spricht sich Barrios in einem zu Haag den 28. März 1 673 geschriebe- 
nen Briefe an seinen Oheim D. Diego Lopez Nunez weitläufig aus**'^]. 

»Mein lieber Oheim ! Es ist eine Eigenthümlichkeit des Was- 
sers, den Geschmack der Mineralien anzunehmen, welche es auf 
seinem Laufe berührt. Mein Coro de las Musas wird nach den 
verschiedenen Kritiken auch verschiedene Farben bekommen. Die 
Recensenten welche beissen, werden ihn für grün hallen, um ihn 
fressen zu können, und die Kritiker, welche studiren , werden 
einen blauen Schein in ihm erblicken , weil sie neidisch sind. Die 
erste Classe wird mich der Rivalität wegen aus dem Felde schla- 
gen und die zweite ob der mir zugestandenen Siege aus dem Him- 
mel verjagen. Keines der Werke, welche ich je dem Drucke über- 
geben habe, hat so viele Kritiken erfahren als der Coro und die 
unter dem Titel Harmonie del Mundo so eben erschienenen Ge- 
sänge«. 

Ueberblicken wir am Schlüsse der ersten Periode unseres 
Dichters die in derselben entstandenen Producte, so gelangen wir 
zu dem befriedigenden Resultate , dass Barrios , wenn auch nicht 
zu den vorzüglichsten , so doch zu den besseren Dichtern aus der 
Schule Gongora's gehört. Sein »Flor de Apoloa und vor Allem der 
»Coro« sichern ihm einen wohlverdienten Ruhm, seine »Harmonia 



276 

del Mundo« schaffte ihm Gönner und durch seine »Geographie 
der 17 Provinzen Hollands« erlangte er wenigstens die Freund- 
schaft einer hochgestellten Person , des damaligen Gouverneurs 
Flanderns, des Grafen von Monterey, denn ihm vi'idmete er diese 
Schrift und zierte sie mit seinem Namen »Monte Rey con la Corona 
de Apolo«*^^). Derselbe Graf hatte dem armen Poeten, vielleicht 
in Folge der Dedication, das Versprechen gegeben, ihn zum spani- 
schen Consul für Amsterdam zu ernennen. In späteren Jahren er- 
innerte Barrios wohl daran **^), sah aber seinen Wunsch nie erfüllt 
und sagte dem Grafen ziemlich deutlich , dass man auf Fürsten- 
gunst nicht bauen dürfe : 

Kein Mensch darf vertrauen 
Auf das Verheissen irdischer Gunst, 
Nur auf Gott muss man bauen, 
Denn Menschengunst ist Dunst. 

Seine Macht lebt CMig, lebt immer, 
Nicht kommet von Menschen das Gut, 
Nur Er hört auf Jammergewimmer, 
Nur Er verleihet den Muth. *) 

Das Werk, welches die Epoche der rein poetischen Thätigkeit 
Barrios' beschliesst und die Mitte zwischen dieser und der folgen- 
den mit den in dieselbe fallenden vielseitigen Leistungen hält, 
erschien 1673 in Brüssel unter dem Titel »Sol de la Vida«*^"). 
Diese Schrift wurde der D. Catalina von Portugal, Gemahlin Carl II. 
von Grossbritannien gewidmet. Catalina (Catharina) wurde dem 
Könige Carl durch einen portugiesischen Juden in Vorschlag ge- 
brachl*'^^*), und es wäre immer noch eine interessante, an diesem 
Orte unausführbare Untersuchung, in welchem Verhältnisse auch 
der jüdische Dichter zu diesem so oft von ihm besungenen Königs- 
paar stand. 

Welch' sonderbare Bilder entrollt er aber in diesen aus 
einem Gemisch biblischer und philosophischer Ideen entstandenen 
Gedichten vor den Augen seiner königlichen Gönnerin ! Hören wir 
gleich den Anfang: 



No deve confiar hombre ninguno, 
En la promesa del favor humano, 
Sino en el allo rey que siempre es uno. 

Su poder vive eterno y soberano, 
Y no viene del Hombre bien alguno, 
Sin que lo mueva la divina mano. 



277 

»Sag' mir, mit wem Du umgehst und ich will Dir sagen, wer Du bist.« 

Beispiel. 

Adam war der Gnade theilhaftig durch Gott, 
Durch das Weib wurde er zum Tode bestimmt. 

Als Mann imd Frau stand Adam da 
Unter allen Geschöpfen allein. 
Als König der Welt, als Gottes Bild, 
Sollt' im Friedenstempel er sein' 



AZi) 



Barrios speculirt in dem ersten vier Seiten langen Gedichte, 
dessen Anfang wir soeben vernommen , über die Schöpfung des 
ersten Menschenpaars und den Sündenfall und eröffnet seine Be- 
trachtung mit dem von Plato, früher noch von dem Psalmisten 
wenigstens dunkel ausgesprochenen Gedanken, dass Adam als 
Doppelmensch, als Mann und Frau zugleich in die Welt gesetzt sei. 

Auf dieses mehr philosophisches , oder wenn man will , theo- 
logisches Gepräge führende Schriftchen kommen wir in der folgen- 
den Epoche Barrios zurück; hier wollen wir den Verfasser, wel- 
cher in dieser Zeit in steter Unruhe von einem Orte zum andern 
eilte , nach der Stadt führen , welche ihm als Ruhepunkt diente, 
wenn er dort auch nicht, wie viele Andere seines Glaubens, ein 
Eldorado, ein Elysium fand. 

Was trieb denn aber den unglücklichen Fürstensänger von 
Brüssel fort? Nichts anders als eine drohende Gefahr, als die Er- 
haltung seines Lebens ; der Neid , welcher durch seine ausge- 
breitete Bekanntschaft und die Gunst, in der er bei hochgestellten 
Personen und fürstlichen Herren stand, bei seinen »eigenen Leu- 
ten« rege wurde, war das Motiv, dass er die Residenz verliess. 
»Ich habe leider viel Neider«, heisst es in dem bereits erwähnten 
Schreiben an seinen Oheim, »weil der Himmel mir das Glück hat 
zuTheii werden lassen, dass die Fürsten meine Feder begünstigen. 
Diese halten mich für gross ; möchte nur , dass ich es auch in den 
Augen Gottes wäre. Meine Neider beabsichtigten mich in einer 
Nacht zu tödten , aber die Vorsehung gab mirKraft, ihnen zu 
entgehen. Ich fühle eben so wenig die Wunden, welche sie mir 



Era Adan varon y hembra, 
Solo entre los animales, 
Rey del mundo y en el templo 
De la paz, de Dios imagen. 



278 

beibrachten, wie den Verrath, welchen sie an mir üblen; ich rufe 
nicht die Justiz zu Hilfe, weil Gott mit seinem gewaltigen Arm mich 
schlitzt. Es gibt ja auch noch der Angesehenen genug, welche mir 
Buhe verschaffen«*'*^), 

Ist es erlaubt von dem Umgang auf die Persönlichkeit zu 
schliessen, so glauben wir, dass Barrios in seinem äussern 
Auftreten eben so liebenswürdig gewesen , wie er sich in seinen 
Gedichten uns vorstellt und von den fürstlichen Personen , Herren 
wie Damen, recht gern gesehen worden ist. Es wäre überflüssig, 
alle die Grafen und Marquis, Gräfinnen und Marquisen herzu- 
rechnen , welche dieser Dichter während seines Lebens besungen 
hat; ganz besonders gehören zu seinen Gönnern die Glieder der 
mit dem portugiesischen Königshause verwandten Familie Masca- 
renhas , die Grafen de Frontera und de la Torre , welche nach der 
oft genau unterrichteten Fama jüdisches Blut in ihren Adern haben, 
mit anderen Worten von Juden abstammen sollen. Gleich nach 
seiner Bettung, oder wie Barrios sich ausdrückt, nachdem er über 
den Neid und die Lästerer den Sieg davon getragen hatte, richtete 
er an Juan Mascarenhas ein poetisches Schreiben,- in welchem er 
ihn um die Gunst ersucht, sich bei D. Pedro dem Prinz-Begenten 
von Portugal für ihn zu verwenden *^^]. In einem andern Briefe 
vom 20. December 1673"^^*) bezeigt er sowohl dem genannten 
Grafen sein Bedauern über den Tod der Gräfin , wie auch seineui 
Sohne , dem jungen Grafen de la Torre , welchem er 3 Monate 
früher, 16. September 1673 , zu seiner Vermählung mit D. Juana 
de Menesses seinen Glückwunsch*) übersandt hatte '*^^). Als Be- 
weis seiner aufrichtigen Theilnahme richtete Barrios auch an den 
gräflichen Wittwer ein grösseres Gedicht »Soledad funebre«, wel- 
ches Mascarenhas am 1 5. Januar 1 674 in einem sehr verbind- 
lichen Schreiben von Lissabon aus erwiderte**®). 

Sei es , dass die Melo, die Cordova , die Caracena , die Mon- 
terey , die Villa-Flor, die Mascarenhas, der Herzog de Nochera, 



*) Der Anfang dieses sonderbaren Gratulationsschreibens lautet wörtlich : 
»Das beste Bild Gottes ist der Mann mit der Frau ; das beste Bild des Mannes 
ist eine von Gott verliehene Frau. Ew. Hoheit hat in oieiner Herrin D. Juana 
den klarsten Spiegel, in welchem Sie sich selbst schauen können und meine 
Herrin D. Juana hat in Ew. Hoheit den klarsten Spiegel Gottes. Die Welt 
wurde aus dem Nichts geschaffen , der Mann aus der Welt, die Frau aus dem 
Manne.« 



279 

welchen er mit einem besondern poetischen Schriftchen »Corte 
Real« begrUsste"'^), dass alle seine Grafen und Herren ihm vor 
seinen geheimen Feinden nicht hinreichenden Schutz gewähren 
konnten, sei es, dass der nur auf Gott bauende Barrios nicht auf 
Fürstengunst vertrauen wollte, wie er ja auch in seinem Briefe an 
den Oheim ausruft: »Unglücklich der, welcher sich der im Nu 
schwindenden Macht überlässt ! « sei es, dass er wirklich ganz von 
dem Wunsch beseelt war , sich seinem Gotte zu weihen und für 
sein Judenthum Alles zu ertragen : er verliess die Armee, verliess 
als Hauptmann Brüssel und siedelte nach Amsterdam über. 

Barrios wurde nun — wir haben das schon früher hervor- 
gehoben — der eifrigste Jude, der treueste Anhänger des Juden- 
thums. Mit einem Gefühle der Wehmulh Uberschauete er sein 
vergangenes Leben und denkt mitBetrübniss an die Jahre zurück, 
in welchen er ein Anderer gewesen. So heisst es in dem Vor- 
worte zu einem 1677 von ihm in Amsterdam geschriebenen 
frommen Büchlein: »Die Erinnerung an meine Sünden erschreckt 
wie höllische Geister meine Seele, die Du, o Gott, mir ge- 
geben hast. In dem Bewusstsein meiner Schwäche schaudre ich 
zurück vor dem Heiligthum der Gnade und Güte, doch hoffe ich, 
dass die Gerechtigkeit mich nicht ferner als den betrachten wird, 
der ich gewesen. Ich habe jetzt ja Deinen Geist in mir aufgenom- 
men, ich bin ja jetzt ein anderer Mensch geworden «*^^). Aehn- 
liches findet sich auf einem etwas später entstandenen einzelnen 
Blatte: »Ich glaube, dass Deine Gerechtigkeit nicht mit dem 
rechten w ird , der ich gewesen ; jetzt bin ich zu einem anderen 
Menschen bekehrt «*^^). 

Ob der innere Seelenkampf ihn ganz und gar erfasst , ob, 
sagen wir es kurz, selbst auf die Gefahr hin missverstanden zu 
werden , die Vernunft und Vernünftiges verbannende religiöse 
Schwärmerei ihm den Kopf verdreht hat, Barrios ist in der zweiten 
Epoche seines Lebens ein ganz anderer geworden und seine Schrif- 
ten aus dieser Zeit sind die des verworrensten Geistesund des con- 
fusesten Autoren. Er versuchte sich in allem Möglichen : schrieb Ge- 
schichte, behandelte Philosophie im Beim, zeigte sich als poetischer 
Theologe, als Kabbaiist, griff überhaupt zu Allem, wovon er sich 
Nutzen versprach, womit er den Leuten zu gefallen glaubte und blieb 
nur insofern der Poesie treu , als er reiche und gelehrte Juden be- 
sang und seine Glaubensgenossen in Gedichten um Geld und Unter- 



280 

Stützung anging. Man kann wahrlich die späteren Schriften dieses 
unglücklichen, vom Schicksal schwer geprüften Mannes nicht lesen, 
ohne vom geheimen Mitleid bewegt zu werden. Gab es je einen 
Dichter, je einen Mann, der mit dem Mangel zu kämpfen halte und 
so zu sagen von dem lebte, was barmherzige Brüder ihm reichten, 
so war es Daniel Levi de Barrios. 

Man hat und nicht mit Unrecht in neuester Zeit die Frage 
aufgeworfen, woher es wohl käme, dass die späteren Schriften, 
die Opuscula unseres Dichters auch äusserlich das Gepräge der 
grössten Verwirrung an sich tragen? Sein Leben und seine 
bejammernswerthen Verhältnisse allein geben hierauf genügende 
Antwort. Wenn der Mangel sich zeigte unddieNoth am drückend- 
sten war, griff der arme Barrios zur Feder und dichtete, lobte, 
besang , so wenig er auch zum Singen gestimmt war. Dem Einen 
sandte er einen Glückwunsch zur Hochzeit, zum Geburtstag, dem 
Andern bezeigte er sein Beileid, von allen Familienangelegenheiten 
war er genau unterrichtet und Niemand kannte den Stammbaum 
seiner Personen, der Juden in Amsterdam, in London, Livorno und 
Verona besser als Barrios. Schnell stellte er ein Büchelchen oft 
nur aus wenigen Blättern zusammen und erreichte so seinen Zweck. 
Diese einzelnen Pamphlete und fliegenden Blätter, welche er auch 
wohl hin und wieder nochmals überarbeitete, vereinigte er oder 
der Buchhändler zu einem Ganzen und so entstanden die Opuscula. 

Können und dürfen wir auch in diesem Wald von Blättchen 
und Schriftchen nicht so lauge verweilen , wie es unser Wunsch 
wohl wäre, so wollen wir uns doch wenigstens einige Augenblicke 
mit unseren Lesern darin ergehen und ihnen Barrios den Ge- 
schichtschreiber und Barrios den Philosophen und Theologen in 
kurzen Umrissen vorführen. Den Kabbalisten lassen wir bei Seite 
liegen, weil wir in den höheren Regionen nicht Bescheid wissen. 

Den grossen Plan , welchen Menasse ben Israel gefasst hatte, 
eine allgemeine Geschichte der Juden , ein »Historia universal ju- 
dayca« zu schreiben, nahm Barrios wieder auf und trug, wie 
dieser, sich mit der Idee, in fünf Theilen die Geschichte der 
Juden von den jüdischen Kriegen bis zum Jahre 1684 zu liefern. 
Freilich blieb auch er bei der Idee stehen , doch hat er wenig- 
stens die ersten Grundlinien seiner Arbeit entworfen. Der erste 
Theil sollte die allgemeine und besondere Beschreibung des Landes 
umfassen; der zweite Theil die Zeit von Titus bis zuMoharaed; 



281 

der dritte von Mohamed bis Saladin und Gottfried von Bouillon ; 
in dem vierten wollte er Alles berichten, was sich der jüdischen 
Nation in den verschiedenen Königreichen und Staaten bis zu ihrer 
Vertreibung aus Spanien ereignet hat und mit einer speciellen Be- 
trachtung der verschiedenen Synagogen und Gemeinden , welche 
sich nach dieser Vertreibung in allen Theilen der Welt gebildet 
hatten, im fünften Theile das Werk beenden*^**). 

Proben seiner historischen Kenntnisse hatte Barrios allerdings 
in seinem Coro de las Musas niedergelegt, aber einer solchen Arbeit 
war er namentlich in der Zeit, in welcher er den Plan aufgenom- 
men, nicht gewachsen. Von dem besten Willen war er beseelt: 
er wollte zeigen, dass die Juden in allen Verhältnissen mit ihren 
Nebenmenschen in Frieden leben, ihren Fürsten und Regenten treu 
dienen, Wohllhaten mit Dank annehmen, auf den Schlachtfeldern 
tapfer und mulhig kämpfen , auf ihren Wanderungen unermüdlich 
sind , dass sie mit Emsigkeit die Wissenschaften pflegen , auch 
im Reichthum sich zu bewegen und zu benehmen wissen , die 
ihnen anvertrauten Aemter gewissenhaft verwalten und sich gegen 
Fremde eben so nobel und höflich verhalten , wie gegen ihre eige- 
nen Brüder, dass sie von einem solchen innern Adel gehoben 
werden , dass auch der Aermste unter ihnen sich nicht herablässt 
dem Reichen zu dienen und lieber Armuth erträgt als eine 
knechtische Unterwürfigkeit. Für einige dieser Behauptungen 
führt er sodann noch einzelne Belege an, welche, so weit sie die 
Geschichte seinerzeit betreffen, von Werth und dem Historiker 
eine willkommene Gabe sind. Für die Geschichte der Juden des 
17. Jahrhunderts bleibt Barrios eine recht schätzbare Quelle und 
in Nachrichten über die spanisch -portugiesischen Juden ist er 
einzig und zuverlässig. Nur ihm verdanken wir eine sorgfältige 
Geschichte oder genau genommen Memoiren über die Enstehung 
und den Zustand der 15 verschiedenen wissensehaftlichen und 
wohllhätigen jüdischen Anstalten und Brüderschaften Amsterdams, 
wie es denn auch sehr zu bedauern ist, dass seine Geschichte der 
Juden dieser Stadt entweder und wahrscheinlich bloss angefangen 
und nicht vollendet wurde oder verloren gegangen ist*^'). Ganz 
besonderes Verdienst erwarb er sich durch seine zerstreuten bio- 
graphischen Nachrichten und Notizen über Männer und Persön- 
lichkeilen , welche ohne ihn gewiss der gänzlichen Vergessenheit 
anheimgefallen wären , so wie durch seine Relacion de los Poetas 



282 

y Escritores Espanoles de la Nacion Judayca Amslelodama , und 
gern lege ich hier das Bekenntniss ab, dass ohne Hilfe der Schrif- 
ten dieses poetischen Chronisten ich über manche in diesem 
"Werke genannte Person in Dunkel geblieben wäre und manchen 
Mann nie hätte kennen lernen. 

Nach all dem ist Barrios den jüdischen Geschichtschreibern 
mit Fug und Recht anzureihen ; seine scheinbar unbedeutenden 
Mittheilungen enthalten mehr Geschichte, als viele Werke, welche 
diesen Namen führen. Hätte er sich nur von seinen spitzfindigen, 
kabbalistischen Wort- und Wörtererklärungen fern gehalten und 
sich nicht verleiten lassen , Geschichte zu construiren ! Für jeden 
Städtenamen weiss er eine hebräische Wurzel und die Bewohner 
eines jeden Landes müssen einen Mann der Bibel zum Stammvater 
haben. Welches Spiel treibt er nicht mit Amsterdam und anderen 
holländischen Städlenamen ! Die russischen und polnischen Juden 
sollen sogar aus Spanien eingewandert sein ! Barrios ! 

Barrios der Dichter und Historiker, auch Philosoph? Suchen 
und finden wir wohl nicht, wie die erleuchtete Berliner Akademie 
aus dem Dichter Pope einen Metaphysiker hat machen wollen, in 
Barrios ein philosophisches System, so sind doch in seinen Schrif- 
ten einzelne philosophische Ideen zerstreut, welche der Beachtung 
nicht unwerth erscheinen. 

In seinem »Triumphe del Govierno populär« stellt der Dichter 
Untersuchungen an über die verschiedenen Staatsformen und Ver- 
fassungen. Gleich Aristoteles*) unterscheidet er deren drei: die 
monarchische, die Herrschaft eines Einzelnen, die aristokratische, 
die Herrschaft der Besten und die demokratische , wo das Regi- 
ment in den Händen sämmllicher Bürger liegt, ohne Rücksicht auf 
die Vermögensumstände. Neben diesen drei Verfassungen kennt 
er auch noch die Ausartungen , oder wie der Peripatetiker sie 
nennt, die na^exßäaeig der guten Formen. Die Ausartung der 
Monarchie ist die Tyrannei, die willkürliche Herrschaft des Ein- 
zelnen. Monarch ist der, welcher seine eigenen Vortlieile denen 
seiner Untergebenen opfert, der Tyrann hingegen zieht die seinigen 
denen der Unterthanen vor. Moses war ein Monarch , indem er 
Alles, sogar das Leben, der erwählten und seiner Führung über- 



*) Wir erinnern an die ari^otelische ßaadtla, aQiaroxQKxia und rifxo- 
XQKTici mit ihren Ausartungen rvQavi^ig, oXiyaQyCu und örjuoy.Qcnici. 



283 

Sebenen Nation opferte. In des Wortes eigentlicher Bedeutung hat 
die Geschichte nach Barrios' Meinung nur sehr wenige Monarchen 
aufzuweisen ; nur Moses, David, Salomon gelten ihm als wahrhafte 
Monarchen, weil ihre Monarchie auch zugleich Theokratie war und 
nur eine durch die Zügel der Theokratie geleitete Monarchie nicht 
in Tyrannei ausartet. 

Höher als die Monarchie steht ihm die Aristokratie ; sie ist 
gleichsam eine wohltönende Harfe, deren Saiten an den Thron be- 
festigt, zur Harmonie gestimmt werden. Aristokratisch war die 
Verfassung des jüdischen Staates nach der ersten Vertreibung, sie 
war durch die Erwählung der 70 Aeltesten gleichsam von Gott 
selbst eingesetzt. 

Die beste Verfassung ist ihm die Demokratie, in welcher das 
Volk, gleich und frei, sich selbst erhalten, durch Zusammenwirken 
sein Bestes erzielen kann, ohne einer anderen Macht zu bedürfen. 

Wer weiss , ob nicht Barrios , hätte er statt in dem freien 
Amsterdam, in einem monarchischen Staate gelebt, der Aristo- 
kratie das Wort geredet hätte ! Er pries und besang *^^) das Glück 
dieser Handelsstadt und erblickte nur in ihrer demokratischen 
Verfassung den Hebel ihres Glücks und, was ihn besonders in- 
teressirte, die Ursache, dass die Juden dort ungetrübt und in 
Frieden leben konnten. War ja doch selbst Aristoteles nur durch 
die ruhige feste Haltung des dorischen Staatslebens, besonders wie 
es in Sparta war, verfuhrt, die aristokratische Verfassung für die 
beste zu halten und die vollendetste hellenische StaatsTorm, die 
Demokratie, als Ausartung anzusehen. 

Nicht ohne Interesse lassen seine kleinen philosophisch-theo- 
logischen Lehrgedichte Über den freien Willen*^'), über die Har- 
monie und das Verhältniss der Seele*) zum Körper u. A. 

Barrios huldigt übrigens nur insoweit der Philosophie, als 
selbige sich mit seinen streng religiösen , ja mystischen Ansichten 
vereinigen lässt und es ist kein Wunder, dass er auf den aus dem 
»Amsterdamer Judenthume geslossenen Benedito Espinosa«, wel- 



*) Barrios führt in diesem Gedichte die Meinungen der allen Philosophen, 
des Demokrit, Ileraklit, Empedokies, Plato, Aristoteles, Seneca, Thaies, Py- 
thagoras, Ilesiod, Diogenes, Kritias, Cicero, Averroes, auch Virgil an, und de- 
finirt die Seele als Ebenbild Gottes (»De Dlos dibujo«, porque en su mixta 
concordia tiene poder absoluto). 



284 

chen er bei seiner häufigen Anwesenheit im Haag gewiss öfter 
gesehen, als er seine Schriften gelesen hatte und mit dessen 
Gegnern unter den Amsterdamer Rabbinern er im freundschaft- 
lichen Verkehr stand, nicht sehr wohl zu reden war. *) 

Den religiösen Standpunkt Barrios' haben wir oft genug an- 
gedeutet und unsere Leser begreifen den Theologen, ohne dass 
wir näher auf ihn einzugehen für nölhig erachten. Er beweist die 
ewige Verbindlichkeit des mosaischen Gesetzes nach dem Conci- 
liator des Menasse ben Israel, die Unsterblichkeit des israelitischen 
Volkes *^^), und preist in einem langen Gedichte die Kabbala und 
die Engelschaar*^^). Ein grosser Hebräer war Barrios gerade nicht 
Bibelstellen und Citate aus religionsphilosophischen Schriften 
finden sich zwar massenhaft auf jeder Seite — seine ganze Weis- 
heit war aus den Schriften Menasse ben Israel's geschöpft und 
selbst seine Citate sind diesen entnommen. 

So wenig die mystischen Theologen auch mit der Dramaturgie 
liebäugeln und sich mit ihr vereinen, geschweige selbst Dramatiker 
und Komödienschreiber sind, so müssen wir dennoch, ehe wir un- 
seren Barrios entlassen , noch seine dramatischen Leistungen kurz 
betrachten. Auch in seinen Komödien ist Barrios, der Hauptmann, 
von dem spätem Amsterdamer Juden wohl zu unterscheiden. 

Die Zahl seiner grösseren und kleineren Theaterstücke, welche 
wir im Gegensatze zu den religiösen *^^) wohl weltliche nennen 
möchten, beläuft sich auf 9 — 10. Seine drei grösseren Komödien *^'^) 
sind als solche und gegen die der grossen spanischen Dramatiker 
gehalten, von geringem Werth und leiden durchweg an den Fehler 
allzugrosser Weitschweifigkeit; der »Spanier von Oran« ist die 
beste. Durch die in denselben angebrachten häufigen Duelle wird 
der Hauptmann leicht erkannt. Die kleineren Komödien entstan- 
den auf Wunsch seiner fürstlichen Freunde und Gönner zu ver- 
schiedenen feierlichen Gelegenheiten. Während der Anwesenheit 
Carl H. und seiner Gemahlin in Brüssel kam ein Stück von Barrios 



*) Er nennt ihn nur ein einziges Mal (Eternidad de Ja Ley Mosaica, 85) : 
Benedito Espinosa, echado del judaisnao Amstelodamo por sus maias 
opiniones, hizo un libro que al parecer es vaso de oro, pero con el pon?onoso 
licor de que los Judios no tienen obligacion de observar la Ley Mosaica en 
quanto no tienen imperio. — An einer anderen Steile (Corona de Ley, 2) deutet 
er sarkastischer Weise auf ihn hin mit den Worten : » E s p i n o s son los que 
enPrados deimpiedad, dessean luzir con el fuego que los consume«. 



285 

zur Aufführung. Zur Vermühlung des Kaisers Leopold mit'Mar- 
garetha, einer Tochter Philipp IV. von Spanien, traten zwei Hoch- 
zeitskomödien von ihm ans Licht: die eine, welche in dem kö- 
niglichen Palast zu Brüssel zur Aufführung kam, verfasste er auf 
Wunsch der Marquise von Caracena , die andere auf Bestellung 
ihres Gemahls ; sie wurde von verschiedenen spanischen und flan- 
drischen Fürsten aufgeführt"^). 

Seine religiösen Stücke, oder »mosaischen, heiligen Auto's«, 
wie er selber sie nennt, sind in Amsterdam entstanden. Diese für 
verschiedene Akademien entworfenen Dramen wurden vielleicht an 
Jahresfesten mit Musikbegleitung vorgestellt*^^). 

In diesen religiösen Auto's sind nicht selten hebräische und 
spanische Sonette Anderer eingeschoben. So findet sich ein spa- 
nisches Sonett von dem Doctor 

Abraham Michael Gardoso ****) , 
welcher von dem Cardoso gleichen Vornamens, dem Kabbalisten 
und Anhänger Sabbatai Zewi's , w ohl zu unterscheiden , und aller 
Wahrscheinlichkeit nach mit dem S. 194 genannten Leibarzte des 
Dey von Tripolis identisch ist. 

Ein anderes eingeschobenes Sonett hat 

Abraham de Paiva***) 
zum Verfasser. Er lebte zu gleicher Zeit mit Moses Pereyra de 
Paiva , dessen »Noticias dos Judaeos de Cochin« (Amsterstam 
1687) unter dem Titel »Kenniss der Juden von Kuschen« iliS ins 
Judisch-Deutsche übersetzt wurden und mit Jacob Ribero de Paiva, 
dem Verfasser einer spanisch geschriebenen Arithmetik , in Am- 
sterdam*'^). 

Auch 

Jacob Israel Moreno***) 
lieferte ein solches Sonett. Jacob Israel ist der Sohn des am 
2. Februar 1684 in Bayonne verstorbenen Abraham Salom Mo- 
reno , auch Luis de Paz genannt. Jacob halte noch zwei Brüder, 
Moses und David; letzterer wird von Barrios wegen seiner Weisheit 
und talmudischen Kenntnisse gepriesen***). 

Den vollen Druck der Armuth scheint Barrios in den Jahren 
1683 und 84 erfragen zu haben : der grösste Theil seiner Klage- 
briefe und Gedichte stammt aus dieser Zeit. Er erzählt uns selbst, 
dass er von der Gesellschaft »Abi Jethomim« reichlich unter- 
stützt und dass jedes Mitglied derselben ihm ein schützender Engel 



286 

sei**^). Die Teixeiras, welche als schwedische Residenten ein 
ganzes Jahrhundert lang eine bedeutende Stellung einnahmen, 
die Familie Belmonte, deren Glieder wir sogleich näher kennen 
lernen, die reichen Suaso, welche als Barone de Avernas sehr ge- 
achtet waren, wurden von Barrios häufig in Anspruch genommen. 
Kam ein reicher Jude, ein jüdischer Gesandter nach der holländi- 
schen Handelsstadt, so war er sicher, von Barrios mit einem Ge- 
dicht begrüsst zu werden. In diesen Jahren wurden auch seine 
Freunde in Livorno wieder heimgesucht: am 8. April 1683 schrieb 
er dem »reichen, wohlthätigen und vom Grossherzog von Toscana 
geachteten« Abraham de Mora in Livorno. Am 27. Tebet (Januar) 
1 683 ging er den reichen David Abensur, Residenten des Königs 
von Polen, in Hamburg und Tages darauf Gabriel Arias in Livorno 
an. Dem Chacham Abraham Zemach , »diesem honor docto de 
Verona , luz de la hebrayca poesia«*^*^) , welcher die Akademie de 
los Sitibundos in Livorno sehr begünstigte , sandte er ein spani- 
sches Gedicht und war hocherfreut , dieses durch ein hebräisches 
erwidert zu sehen. Im Cheschwan (November) 1 683 schrieb er einem 
Geizhals, bei welchem er weder offene Hand noch willig Ohr fand, 
einen Brief voller Moral und ermahnte ihn mit dem Refrain : 

Haz aquello qua qui sieras 
Haver hecho quando mueras 

Gutes zu thun und nach dem Gesetze zu leben. 

In seiner Dürftigkeit stieg ihm auch einmal der unselige Ge- 
danke auf, es mit Polen zu versuchen — er besang häufig den 
König Johann III. und Hess sich ihm durch Abensur vorstellen — 
und nach London überzusiedeln. In einem Briefe an den Gemeinde- 
vorstand dieser Stadt vom 8. Tischri (September) 1683 — Barrios 
benutzte wohlweislich die von den Juden heilig und furchtbar ge- 
nannten Tage — , beklagte er sich, dass in dem reichen Holland 
er allein arm wäre, dass Niemand ihm einen mitleidigen Blick 
zuwerfe, dass nur seine Geduld ihn noch aufrecht erhalte und 
schliesst , nachdem er sein Herz von Klagen befreit halte , mit der 
ganz ergebensten Bitte , die geehrten Herren möchten doch höflich 
sein und sein Schreiben nicht unbeantwortet lassen. *) 



En mi infeliz estado, no hay alguno 
Que me mire con ojos de clemencia : 
Mas de censura si, donde ninguno 
Me alivia mas que sola mi paciencia : 



287 

Mit dem Jahre 1685 verschwindet Barrios. Keine Stimme 
lasst sich über ihn vernehmen, kein Mensch hält es der Mühe 
werlh , dem armen Poeten in einem Gesang ein Denkmal zu er- 
richten. Dass die 1725 in Haag von einem Barrientos geschriebene 
»Theologia natural« nicht Daniel Levi de Barrios zum Verfasser 
hat, wie Wolf fälschlich behaupte^*") , bedarf kaum einer Er- 
wähnung, ebenso wollen wir es dem verdienstvollen Ticknor zu 
gute halten, dass er ohne irgend welchen Beleg 1690 als dieBlUthe- 
zeit und 1699 als das Todesjahr unseres Dichters angibt***^). Ohne 
Bedenken würden wir das Ende des Jahres 1 684 oder den Anfang 
des folgenden als dieZeit annehmen, in welcher derTod den armen 
Mann von seinen Qualen befreite, nennete nicht Barbosa noch zwei 
Schriftchen unseres Dichters , welche später entstanden sind und 
voraussetzen lassen, dass Barrios 1687 noch gelebt und gedichtet 
habe. Er soll nämlich zur Vermählung des Königs Pedro II. von 
Portugal ein Theaterstück verfasst haben. Pedro, welcher nach 
der Vertreibung des schwachen und ohnmächtigen Affonso erst 
zum Prinz-Regenten und dann zum König ernannt worden war, 
heirathete nach dem Tode seiner ersten Gemahlin die churpfälzi- 
sche Prinzessin Maria Sophia Isabella , deren Frömmigkeit und 
V^erehrung der Jesuiten besonders gerühmt wird. Am 2. Juli 1687 
wurde sie dem königlich portugiesischen Gesandten Manuel Teiles 
da Silva, Marquis de Alegrete, in der Hofcapelle zu Heidelberg an- 
getraut, wonach dieselbe unter Begleitung des Marquis und ihres 
Beichtvaters, des Jesuiten Leopold Fuchs, am 7. Juli zu Wasser nach 
Holland und von da nach Lissabon abreiste **''). Bei ihrer Anwesen- 
heit in Brüssel soll eine auf Wunsch des Manuel Teiles da Silva von 



Quien no me incita quando el importuno 
Trabajo me faliga? Aun la eloquencia 
De mis amigos me fatiga y culpa, 
Sin admitirme prueva, ni disculpa. 

Kahal Kados Ingles ! oye mi queja : 
Mi queja oye o Juizio Parnaseo ! 
Ya que entre escoUos Amsterdam me dexa 
Ya que entre fieras quäl Daniel me veo. 
No a ml canto, cruel cierres la oreja, 
A imitacion del Aspid ; que al Orpheo 
De los Prophetas, imitar procuro, 
Por prender con voz lierna furor duro. 



288 

Barrios unter dem Titel »Dios con nos otros« verfertigte Hochzeits- 
komödie zur Aufführung gekommen und ausserdem ein Epitha- 
lamium aus seiner Feder geflossen sein. Stimmen auch die Facta, 
durch welche diese Producte hervorgerufen sind, mit der Angabe 
Barbosa's tiberein , so möchten wir doch die Echtheit sehr be- 
zweifeln^^*'). 

Die einzige Freude, welche der arme Barrios in seinen letzten 
Lebensjahren noch empfand, bereitete ihm sein Sohn 

Simon Levi de Barrios, 
oderC a niso , wie ihn der fromme Vater nach seinem Ahn benannte. 
Er war wie sein Erzeuger mit einem ausgezeichneten Gedächtnisse 
begabt und machte als Zögling der Akademie »Maskil el Dal« so be- 
deutende Fortschritte , dass er als der Liebling seiner Lehrer galt 
und bald zum Mitgliede der Akademie de los Pintos*) ernannt 
wurde *^'). Aus dem Vortrage, welchen der junge Barrios in seiner 
Akademie hielt, theilte der darüber glückliche Vater in seinem 
Sammelwerke eine Stelle mit*^^). Dass Simon de Barrios auch der 
Poesie nicht abhold war, beweist ein Sonett, in welchem er die 
erste Schrift des Joseph de laVega besungen hat^^^). 

Nicht ohne Grund hat Barrios das freie Amsterdam , in wel- 
chem die mit dem jüdischen Volke verbannte iberische Wissen- 
schaft und Kunst sich wie in einem Brennpunkt sammelte, welches 
durch seine Gelehrtenvereine, seine Akademien, seineBibliolheken, 
seine weltberühmten Druckerwerkstätten der Pflanzgarten jüdi- 
scher Geistesbildung für den ganzen europäischen Norden wurde, 
als das Paradies der Juden , als ein zweites Cordova und Granada 
unaufhörlich besungen und gefeiert. In der zweiten Hälfte des 
M. Jahrhunderts gab es keine Stadt der Welt, in welcher die 
Nachkommen des Hauses Jacob grösseres Glück und grösseres An- 
sehen genossen /als Amsterdam. Ihr Reich thum war so beträcht- 
lich, dass selbst Könige und Fürsten sich ihre Schuldner nennen 
mussten und Monarchen in den prächtigen Häusern der spanisch- 
portugiesischen Juden gern ihr Absteigequartier nahmen. Wer kennt 



*) Diese Akademie wurde von den Brüdern Abraham und David de Pinto 
im Anfange des 17. Jahrhunderts in Rotterdam gegründet und nach dem 1669 
erfolgten Tode des ersten der Gründer durch dessen Söhne Jacob und Isaac 
nach Amsterdam verlegt. Diesem Jacob de Pinto widmete Isaac Gardoso 
(S, 189 ff.) seine »Excelencias y Galunias de los Hebreos«. 



289 ■ 

nicht die TeixeiraS; die Mesquitas, die Grafen von Avernas? Wer 
nicht die durch ihre politische Wirksamkeit berühmten Acostas? 
Wer nicht Miguel Osorio, den Residenten der schwedischen Königin 
in Amsterdam? Waren ja selbst die schwedischen Kronjuwelen 
einem portugiesischen Juden, Jacob Nunez Henriquez, längere Zeit 
verpfändet ! 

Zu den angesehensten , begütertsten , und was wir ganz be- 
sonders hervorheben, gebildetsten und intelligentesten Familien 
aus dieser Zeit gehören die Belmonle. Vater und Söhne pflegten 
mit Emsigkeit die spanische Literatur, Vater, Söhne und Enkel, 
die einflussreichsten Diplomaten , die würdigen Vertreter ihrer 
Nation, der Stolz des Judenthums, waren Schriftsteller und Dich- 
ter und eifrig bemüht, die Wissenschaft und ihre Träger zu fördern 
und ihr einen bleibenden Sitz in ihrer Mitte zu gründen. Diese 
Familie gehört auch zu den ältesten Judenfamilien in Holland. 

Unter den jüdischen Flüchtlingen, welche sich gegen Ende des 
<6. Jahrhunderts in der Inselstadt niedergelassen haben, befand 
sich auch ein Mann, dessen Eltern die Insel mit ihrem immerwähren- 
den Frühling, Madeira, ihre Heimath nannten. Es war dieses 
Jacob Israel Belmonte. 

Sein frommer Sinn war zuerst darauf gerichtet, zehn Männer 
zu vereinen, um in gesetzIicherWeise das Gebet verrichten zu kön- 
nen; er gehört zu den ersten Gründern der Amsterdamer Gemeinde 
und war mit Jacob Tirado und Samuel Palache ihr erster Vorsteher. 
Mit Rohel Jeschurun und Joseph Israel Pereyra entwarf er am 
13. Januar 1614 die ersten 19 Artikel, das erste Statut über den 
neu erworbenen Gottesacker*^*). Jacob Israel Belmonte wird auch 
unter den ersten Juden genannt , welche auf fremden Boden die 
spanische Literatur bebauten und auf fremdem Boden in der Sprache 
des Heimathslandes dichteten. Die Geschichte des seine Leiden 
mit den grellsten Farben malenden Job kleidete er in Verse und 
verfasste ein grösseres Gedicht über den Ursprung der Inquisition 
und die Opfer seines Volkes *®'*). Folgende von Barrios*"^) aus 
diesem Gedichte mitgetheilte Octave möge hier ihre Stelle finden: 

Möcht' doch in dieser Zeit das Volk zu Gott sich wenden, 
Das tief betrübte Volk würde dann auch glücklich sein, *) 



*) Si en esto tiempo el Pueblo ä Dios tornara, 

Fuera el tiempo feliz al Pueblo aflito, 
KayserÜDg, Sephardim. 1 9 



. 290 

Wird dann auch die Zeit des Lohnes Fülle spenden, 

So wird auch mit der Zeit Unheil \md Frevel enden. 

Eine schönere Zeit als je wird dann sich brechen Bahn, 

Die Zeit, von Gott verheissen, wird dann für uns auch nah'n. 

Das Leid', das in der Zeit er uns hat zugefügt, 

Die Zeit und ihr Geschick hat selber es gerügt. *) 

Jacob Israel Belmonte, dessen erste Ehehälfte Esther, die 
zweite Simcha hiess , war der Vater von 8 Söhnen , Alle würdig 
nach einem solchen Vater genannt zu werden: es sind 8 glanzvolle 
Sterne am Firmamenle der Amsterdamer Juden *''*'^) . 1630 ging 
Jacob Israel zu einem besseren Leben über ; seinem Andenken zu 
Ehren gründete Morteira in diesem Jahre eine Akademie*^*). 

Von seinen Söhnen werden uns genannt : 

Benjamin Belmonte. Er gehört zu den ersten in Amster- 
dam geborenen Kindern, welche vorschriftsmässig am 8. Tage be- 
schnitten worden sind. Er war Vorsteher der Gesellschaft »Genü- 
lut Chassadim«*^^). 

Jacob Belmonte, Vorsteher der Akademie »Ez Chajim« 
(Arbol de las Vidas)^^*^). Derselben Gesellschaft Mitglied war 

David Belmonte"*) , welcher 1624 in der Darstellung der 
»sieben Berge« (S. 176) mitwirkte. 

Abraham Belmonte, welchem von Barrios zu der Vermäh- 
lung mit seiner Violante ein Gedicht überreicht wurde. Er ist der 
Stammvater der in der Geschichte bekannten Diplomaten von 
Schoonenberg (Belmonte)"**). 

Joseph Belmonte. Er und seine Frau Lea vermachten 
der Gesellschaft »Gemilut Chassadim« Legate**^). 

Den Musen war wie der Vater geneigt : 
Moses Belmonte. 

Moses legte 1639 den Grund zu der Akademie »Gemilut Chas- 
sadim« und starb in der Blüthe seines Lebens 1647"^). Dieses 
»Haupt der Poesie«, de la Poesia monte, wie Barrios ihn nennt"*), 
schrieb eine »sonora Silva« gegen den Götzendienst, in welcher 
folgender Vers sich findet : 



Y si el tiempo del merito empegara, 
Acabara con tiempo su delito. 
Mas el tiempo traera que nunca para 
El tiempo que proraete Dlos Bendito, 
Porque confiesse el tiempo ä su despecho, 
Los males que con liempo nos ha hecho. 



291 

Si Adam peco y es Dios el agraviado, 
Corao puede ser Dios el castigado?*"*) 

Ob die 1712 erschienene spanische Uebersetzung der Pirke 
Abot*^*) von diesem Moses Belmonle herrührt, müssen wir dahin 
gestellt sein lassen. 

Die bedeudendste und hervorragendste Persönlichkeit ist Jacob 
Israel's Sohn : 

Isaac Nunez*) oder Manuel de Belmonte. 
Gleich seinem Bruder Andreas de Belnionte*^'^) \^nr er Ge- 
neral-Agent und später Resident der katholischen Majestät in Hol- 
land. Als solche beanspruchten sie die allen Residenten zustehen- 
den Privilegien, weiche ihnen auch endlich laut Resolution vom 
25. April 1679 eingeräumt worden sind. Vierzig Jahre lag Manuel 
als treuer Diener seines Königs dem ihm anvertrauten Amte ob 
und trug nicht wenig dazu bei, ein freundschaftliches Verhältniss 
zwischen Spanien und Holland herzustellen und zu erhalten. In 
seinem Amte als Resident folgte ihm sein Neffe Francisco de Xime- 
nez Belmonte und diesem dessen Sohn Manuel de Belmonte *^^). 

Der rege Eifer Manuel's , welcher mit Geronimo Nunez de 
Acosta, auch Moses Curiel genannt, Vertreter der jüdischen Nation 
in Amsterdam gewesen , gibt sich vornehmlich in der Akademie 
kund, w^elche er, angeregt durch die vielen in Holland sich gebil- 
deten derartigen Vereine — in weniger als 30 Jahren sind mehr 
als 30 Dichtergesellschaften errichtet *^^) — 1676 ins Leben rief*^"). 
Wie er selbst dichtete — ein Carmen auf Bernal hat ihn zum Ver- 
fasser*^*) — , so nahm er auch in der von ihm errichteten Akade- 
mie als Preisrichter den ersten Platz ein. 

In der Akademie fungirten neben dem Grafen Manuel de Bel- 
monte als Preisrichter Doctor Isaac de Rocamora und Isaac 
Gom ez de Sosa. 

Isaac de Rocamora 
wurde gegen 1600 in Valencia von jüdischen Eltern geboren und 



♦) Ein Isaac Nuiiez Belmonte lebte in der 2 . Hälfte des 1 8. Jahr- 
hunderts in Smyrna (Ismir). Als diese Stadt durch eine Feuersbrunst ver- 
heert wurde, bereiste Isaac Nunez Italien, um für seine Gemeinde Geld zu 
sammeln. In Ancona approbirte er ein unter dem Titel -iVn t:ip>'' 1776 in 
Livorno erschienenes Werk. Er verfasste auch ^Vtsh isü, einen Comnientar 
zu Maimonides' npThn t'. 

19* 



292 

7um Geistlichen erzogen. Viele Jahre lebte er unter dem Namen 
Fray Vincente de Rocamora als Dominicanermönch und stand bei 
der Kaiserin Maria von Oesterreich , einer spanischen Prinzessin, 
deren Beichtvater er gewesen, in hoher Achtung'*'^^) . i643 trat er 
zu dem Glauben seiner Väter über. Er vollzog mit eigener Hand 
die ihn zum Juden weihende Operation, studirte Medicin und Hess 
sich als Arzt in Amsterdam nieder. Er heirathete Abigail, die 
Tochter eines Moses (Abraham) Toro und zeugte mit ihr 7 Söhne, 
von denen der eine, Salomon, als Arzt in Amsterdam lebte ^'^^j und 
zwei Töchter, welche vor dem Vater die Erde verliessen. Nach 
einer Ehe von 1 9 Jahren starb Abigail und Isaac heirathete zum 
zweiten Male eine Verwandte seiner ersten Frau, Sarah, die Tochter 
Eliahu Toro's, welche 2 Jahre vor ihm heimging. Isaac war Arzt 
und Vorsteher der Gesellschaft »Maskil el Dal«, sowie Vorsteher der 
Gesellschaft »Abi Jethomim«*'*) und starb den 24. Nissan (April) 
1684 in einem Alter von 84 Jahren*'^^). Producte seines poetischen 
Geistes sind uns nicht erhalten. 

Isaac Gomez de Sosa, 
wahrscheinlich der Bruder des 

Benito Gomez de Sosa, 
dessen poetische Begabung Barrios in einem Lobgedichte hervor- 
hebt*'^^) , Hess eine Schrift Saul Levi Morteira's unter dem Titel 
»Divinidad de la Ley« ins Spanische übersetzen *'^'^) und besang 
die spanische Psalmen -Uebersetzung Jacob Jehudah Leon's in 
einem Szeiligen lateinischen Gedichte*'^). Er wird von Barrios 
als grosser lateinischer Dichter gerühmt *'^^) und war Neffe des 
Doctor 

Samuel Serra, 
welcher Gedichte nach Muster desVirgil geschrieben haben soll*®"). 

Mitglieder der von Belmonle errichteten Akademie waren die 
bereits genannten Isabella Correa, Isabella Enriquez, 
Antonio de Castillo u. A., so wie 

Abraham Gomez de Arauxo, 
vielleicht ein Verwandter des S. 261 erwähnten Doctor Daniel 
Arauxo, ein guter Mathematiker, welcher durch seine Räthsel- 
lösungen Aufmerksamkeit auf sich zog. Er war Mitglied der Gesell- 
schaft »Abi Jethomim« und der Akademie »Temime Derech«*®*). 

Als Aventureros der Akademie werden genannt: 



293 

Abraham Henriquez, 
der S. 188 behandelte 

Abraham Gomez de Silveyra, 
Moses Rosa und 
Moses Dias*^*) , 
welcher 1697 in Amsterdam »Meditationes sobre el Genesis« er- 
scheinen liess^*^) , sind vermulhlich dieselben, welche unter dem 
Namen Duarte Lopez Rosa und Alvaro Dias die »Rumbos 
Peligrosos« Joseph de la Vega's besungen haben ^®^). 

Als Mantenedor de la Justa Poetica fungirte Daniel Levi 
de Barrios*^'^). 



Zehntes Capitel. 

Amerika. Daniel Israel Lopez Laguna u. A. Jacob de Castro 

Samiento. Hamburg: Joseph Frances, de Lara. Die Familie 

Leon. Joseph de la Vega. Antonio Joseph. Schluss. 

In diesem Capitel als dem letzten dieser Schrift mögen wir 
wohl unseren Blick nach dem entfernteren Erdtheile, nach Amerika 
wenden. 

Wie innig die Entdeckung dieser neuen Welt mit der Ver- 
treibung der Juden aus Spanien zusammenhängt, wie die von 
dort dem Mutterlande zugeführlen Schätze der spanischen Nation 
und dem spanischen Reiche den Verfall bereiteten , wie wichtig 
Amerika für die Juden der ganzen Welt wurde : das sind That- 
sachen, welche an diesem Orte nicht weiter berührt werden kön- 
nen. Eben so fern liegt uns hier die Erörterung, wann und in 
wie früher Zeit die Juden dort schon eine Heimath fanden und ob 
nicht , trotz des Verbots , dass Mauren und Juden in der neuen 
Welt Schätze suchen sollten, sie dennoch bald nach der Vertrei- 
bung aus der pyrenäischen Halbinsel sich dorthin einschifften. 
Jahrzehende, ja Jahrhunderle verflossen, ehe Amerika das Land 
der freien Auswanderung genannt werden konnte , ehe Amerika 
frei wurde. 



294 

Amerika nicht frei! Der Erdtheil, der heule jedem Gedrück- 
ten und Verfolgten , ja jedem Verbrecher so gastlich Asyl bietet, 
nicht frei ! Dieser Erdtheil , von dessen Bergen für Europa die 
Morgenrölhe einer bessern Zeit aufging, von dem Europa es lernte, 
den Kampf für die Freiheit zu bestehen , welcher Europa anregte, 
das Joch des Absolutismus abzuschütteln und auf Menschenrechte 
zu dringen , nicht frei ! Das Amerika , nach welchem heute jeder 
Lebenssatle, jeder Beschränkte, jeder unter dem Druck nach 
Freiheit seufzende Mann seinen Blick als dem letzten Hoffnungs- 
strahl wirft, auch einst nicht frei! Amerika war lange Zeit mit 
denselben Fesseln belastet und in dieselben Ketten geschlagen, wie 
das Land, dessen Bewohner zurColonisirung undAnsiedlung dort- 
hin geschickt wurden ; der mächtige Spanier hatte auch über diese 
freien Fluren seinen Arm ausgestreckt und seine der Menschheit,- 
verhasste Politik auch dorthin verpflanzt. 

Spanien wollte das Gold der von ihm neu entdeckten Länder, 
um die Erde geniessen zu können, und dafür den armenlndianern, 
den seligen Naturmenschen den Himmel eröffnen und sie zur Be- 
ligion, zur Seligkeit führen. Das stolze Gebäude des Katholicismus 
hatte sich auch dort völlig aufgerichtet und war auch in Amerika, 
das ohne Beligion so frei war, wie Bom frei war, als Brutus noch 
lebte, zu neuem Leben und neuer gefahrvoller Macht gefördert. 
War es doch selbst in Europa im i7. Jahrhundert noch so, als 
wenn der Mann der neuern Zeit, der grosse Entdecker päpstlicher 
Geheimnisse gar nicht gewesen wäre! Wie in den meisten Staaten 
dieses Erdstrichs gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Jesuiten 
upd Ordensbruder, Diplomaten und Bathsherren, Unterweiser und 
Leiter der Fürsten, die Vertreter der Gelehrsamkeit, der Wissen- 
schaft und Literatur waren, so auch in dem vom Mutterlande jeden 
religiösen Eindruck reflectirenden Amerika. Auch dort lehrten die 
Jesuiten , und Bettelmönche hatten sich in dem Gold und Schätze 
reichlich spendenden Süd-Amerika mit dem von Bom angestimm- 
ten, ihnen melodisch klingenden Bufe, Vernichtung der Ketzer 
und Ungläubigen weithin verbreitet und auch der Winkel , wohin 
die Fackel der Erleuchtung noch nicht gedrungen war, sollte nicht 
lange in Finsterniss bleiben ; die Scheiterhaufen der Inquisition 
schafften eine das menschliche Auge blendende Helle. Paramus, 
eine dem Torquemada und Lucero ähnliche Creatur, der sich 
wundert, dass es den halsstarrigen Juden in Mexico trotz aller an- 



295 ■ 

'gewandten Vcrhinderungsmitlel dennoch gelungen sei, ihr Passah- 
opfer (!) schlachten und die Passahfeier begehen zu können, er- 
zählt uns mit vielem Wohlbehagen von dem ersten Auto-da-Fe 
in der neuen Welt, welches 1554, in dem Todesjahre Ferdinand 
Corlez , statt fand. Grosse Tribünen hatte man auf öfFenllichem 
Markte errichtet, mit achtzig unglücklichen Judaisirenden wurde 
der Scheiterhaufen geweiht. Die rohen Indianer fanden Gefallen an 
der von Morgens sechs bis Abends fünf Uhr wahrenden Feier, an 
der festlichen iMusik, an dem Glockengeläule und dem Chorgesang 
der Priester, sie brachen in wildesJauchzen aus und die Anwesen- 
den, welche ähnlicher Feste sich erinnerten, bekannten offen, dass 
dieses Schauspiel weit prächtiger gewesen sei, als viele andere, 
wenn nur der Hof nicht vermisst , wenn nur der Hof auch dabei 
gewesen wäre ! ^^^) 

Mexico war nicht der einzige Ort in Amerika, wo man Juden 
verbrannte; auch Lima, auch Carthagena hatte seine Brandstätteü. 
Am 23. Januar 1639 wurde in Lima ein grosses Auto abgehalten. 
Man führte (53 Anhänger des Judenthums, sämmtlich Portugiesen, 
auf den Markt und M derselben auf den Scheiterhaufen *^'^). Unter 
den Geopferten befand sich auch ein Mann , welcher sehr gelehrt 
war und den unwissenden Scholastikern viel zu schaffen machte. 
Francisco Meldonado de Silva wurde er genannt. Dreizehn Jahre 
verbrachte er im Gefängnisse. Während der ganzen Zeit genoss 
er kein Fleisch , ein wenig Mais bildete seine tägliche Nahrung. 
Er beschnitt sich mit eigener Hand : mit einem stumpfen Messer 
begann er die Operation, mit einer Scheere vollendete er sie; 
Bart und Haupthaar überliess er dem wilden Naturwuchse und 
legte sich als Diener des einzisen Gottes den Namen Heli Na- 
zareno bei. Auch verschiedene Tractate , welche sogar später 
gedruckt sein sollen, entstanden während seiner Gefangenschaft; 
alte künstlich verbundene Blätter dienten ihm als Papier , Dinte 
bereitete er aus Kohlen , der gespitzte Knochen eines Huhnes war 
seine Feder, und trotz dieses schlechten Materials kam seine 
Schrift dem Druck ziemlich gleich. Nach 13jährigen Leiden und 
Qualen endete Silva , der Arzt, auf dem Scheiterhaufen ; während 
des Auto's wüthele ein so furchtbarer Sturm, desgleichen die älte- 
sten Bewohner Lima's'sich nicht zu erinnern wussten*^]. 

Ein anderer Märtyrer endete zu gleicher Zeit in Mexico oder 
ebenfalls in Lima. Es war dieses der Arzt Thomas (Isaac) Tremino 



296 

oder Trebino de Sobremonte aus Medina de Rio seco , eine Stadt, 
welche wegen ihres reichen Handels früher Klein-Indien genannt 
wurde. Nach einem 22jährigen Kerkerleben fand Isaac seinen 
Tod in den Flammen *^^). 

Brasilien, das gesegneteste Reich der Erde, war der ein- 
zige Punkt in der neuen Welt, wo man die Juden , wenigstens 
eine Zeit lang, nicht verbrannte. Brasilien wurde, genau genom- 
men, von Juden zuerst bebaut undcolonisirt, denn Portugal schickte 
jährlich zwei Schiffe mit Verbrechern, Juden und Lustdirnen dahin 
ab und verwies nach diesem Paradiese auch die von der Inqui- 
sition Verurlheilten. Dass die geheimen Juden, die deportirten 
Neuen-Christen, sobald sie den fi'emden Boden betraten, schnell die 
Maske abwarfen und zu dem Glauben ihrer Väter sich wandten, 
war so allgemein, dass schon im Anfange des 17. Jahrhunderts 
das Land von zahlreichen Juden bevölkert war. 

Die Zahl der jüdischen Bevölkerung Brasiliens nahm aber be- 
deutend zu, als es 1624 den Niederländern gelang, ihre Herrschaft 
über Theile dieses Reiches auszubreiten und sich in demselben 
festzusetzen. Auf Einladung der schon ansässigen begaben sich 1642 
600 Amsterdamer Glaubensgenossen mit Moses Raphael de Aguilar 
und Isaac Aboab dorthin. Mit dem Sturze der Niederländer hörte 
auch die Freiheit der mit ihnen verbündeten Juden auf; die meisten 
der Eingewanderten kehrten in die Heimath zurück, aber es fanden 
sich noch immer einzelne ansehnliche Gemeinden auch in diesem 
Lande. 

Jacob LagartewarbrasilianischerChacham*^"), und der Dichter 
Eliahu Machorr 0*^*) 
lebte ebenfalls dort. 

Auch Eliahu's Verwandter 

Abraham Machorro, 
welcher sowohl in der Feder als auf der Flöte tüchtig war, wird 
als Mann , der den Parnass bestieg und dichtete , von Barrios be- 
sungen *^^). Er wird auch mit einem anderen Machorro , Moses, 
als Mitglied der Gesellschaft »Temime Derech« genannt. 

Joseph Pardo , der Sohn David Pardo's und Schwiegersohn 
Saul Levi Morteira's , welcher zuerst als Prediger in Rotterdam, 
dann als Chacham in Guracao fungirte , siedelte 1 683 als solcher 
nach Jamaica über*^'). 

Gleichzeitig mit ihm weilte in dieser Stadt einer der hervor- 



297 

ragendsten Geister, welche das spanisch-portugiesische Geschlecht 
in der Mitte des 17. Jahrhunderts erzeugte: 

Daniel Israel Lopez Laguna*'*). 
Ist auch wohl Leiden und Dulden , Marter und Qual das Loos 
des grössten Theils der Männer gewesen , welche uns bisher be- 
schäftigten, war es ihnen Allen mehr oder weniger beschieden, 
für ihren Glauben, für ihr heiligstes Herzensgut bittere Erfahrungen 
zu machen , so übertrifft doch Laguna sie Alle ; er ist der wan- 
dernde, der ewige Jude in der leibhaften Gestalt. Den grossen 
deutschen Meister neuerer Malerei und Kunst , welcher sich acht- 
zehn Jahre lang nach einem passenden Subject für seinen bei der 
Erstürmung Jerusalems flüchtig gewordenen ewigen Juden umsah 
und doch endlich zur Phantasie , ja wir möchten sagen zur Karri- 
katur greifen musste , weil , kaum sollte man es glauben , sein 
Suchen vergebens war, hätte die Lebensgeschichte unseres Dich- 
ters aus aller Verlegenheit geholfen. Schon in früher Jugend ver- 
folgt und gehetzt, lernte er sie auch kennen die Folterbänke, die 
unterirdischen , grauenhaften Kerker , mit denen seine Stamms- 
genossen einzig und allein ihres Glaubens wegen so vertraut ge- 
worden waren und selbst dann , als er ihr schon durch heimliche 
Flucht entkommen war, selbst dann, als er nicht allein Spanien, 
sondern ganz Europa den Rücken gekehrt hatte, hörte sein Leid 
noch nicht auf und erst mit dem Tode fand er die Ruhe, die er auf 
Erden nicht erlangen konnte. Jamaica war der Ort, wo er wenig- 
stens einen Augenblick der Ruhe genoss und freier aufathmete. 
Nichts hatte er von irdischen Schätzen gerettet, eine Feuersbrunst 
entriss ihm auch das Wenige, was er noch das Seine nennen 
konnte ; arm und verlassen stand er da in einem fremden Lande, 
immer ängstlich um sich blickend, ob auch der Häscher ihn nicht 
verfolge. Die Psalmen boten ihm Trost. Wie Viele vor ihm und 
nach ihm wählte auch er sie für seine Müsse, in ihren Klagen fand 
er Linderung für seinen eigenen Schmerz. Was hätte ihm auch 
wohl als Ralsam für sein verwundetes Herz dienen können , wenn 
nicht die Dichtung dieses göttlichen Sängers, dieses ersten der 
Gefühlsdichter, dieses Königs der Lyriker, wie ein französi- 
scher Musensohn und gewandter Staatsmann unserer Zeit ihn so 
treffend bezeichnet , die Psalmen , die so oft das Herz gerührt und 
die Gedanken mit sich forlgerissen haben I Hat sich doch die Seele 
keines Menschen je in so zarte , so ergreifende , so hinreissende 



298 

Ausdrücke und Gefühle ergossen? Haben doch selbst die geheim- 
sten Seufzer der menschlichen Brust hier ihre Töne und ihre Noten 
auf den Lippen und der Leier des göttlichen Psalmisten ! 

Laguna sang und übersetzte diese Psalmen. Seine üeber- 
setzung gehört vielleicht zu den merkwürdigsten Producten der 
jüdisch-spanischen Literatur: sie war die Frucht einer 23jährigen 
Arbeit und noch 23 andere Jahre vergingen unter Kriegsunruhen und 
Sturmesbrausen, wie es in der Vorrede heisst, ehe er sie seinen 
noch spanisch redenden und betenden Brüdern in die Hände geben 
konnte. Nicht ohne Grund nannte er diese unter Verfolgungen, 
Brand und Stürmen entstandene Uebersetzung sein treues Lebens- 
bild »Espejo fiel de vidas«*^^) , wie sie auch in Wirklichkeit einen 
Blick in sein Inneres, in die Verhältnisse seines ganzen Lebens 
eröffnet. Von seinen Studien , seinen Leiden und der Lage , in 
welcher sein Werk entstand , gibt der Dichter selbst in folgenden 
Zeilen uns Kunde : 

Den Musen war ich geneigt 
Von früher Kindheit an : 
Die Jugend verlebt' ich in Frankreich, 
Wo Gelehrten-Schule mich aufnahm ; 
Künste lernte ich in Spanien 
Und dunkle Kerker kennen. 
Mit Gewalt sprengt' ich die Riegel, 
Entwich der Inquisition, 
Hier auf Jamaica besing ich 
Meines höchsten Gottes Ruhm*). 

Auf den in Laguna's Uebersetzung verwebten Geist und die 
Entstehung derselben spielt Abraham Jacob Enriquez Pimentel, 
einer der angesehensten Männer seiner Zeit , welcher sich in Lon- 
don häuslich niedergelassen hatte, in der Vorrede zum »Espejo« 



A las musas inclinado 
He sido desde mi infancia : 
La adolescencla en la Francia 
Sagrada escuela me ha dado. 
En Espana algo han liraado 
Las artes mi juventud : 
Ojos abriendo en virtud, 
Sali de la Inquisicion : 
Hoy Jamaica en cancion 
Los salmos da ä mi laud. 



299 

folgendermassen an : »Ihn (Laguna) bewegte und erregte der fromme 
Eifer. Da er sah, dass alle unsere Brüder, welche aus Spanien 
und Portugal vor den Verfolgungen so tyrannischer und grausamer 
Staaten fliehen und zu uns nach London kommen , um hier die 
Ruhe zu geniessen, welche man ihnen dort nicht verlieh, gezwun- 
gen sind in spanischer Sprache zu beten , weil sie das heilige he- 
bräische Idiom nicht mehr verstehen , deshalb entschloss er sich 
das göttliche Werk des Psalteriums aus der heiligen Sprache in 
dieses liebliche und klare Spanisch , in diesen geschmackvollen 
und lieblichen Stil , in diese süssen und wohltönenden Verse zu 
übersetzen. Alle Versarten vsandte Laguna in seinem Werke an, 
um sie den hebräischen Tonarten anzupassen , damit sie bei allen 
Gelegenheiten gesungen und gebetet werden können.« 

In dieser Weise lässt sich Pimentel über das Werk vernehmen, 
David Neto, der Londoner Oberrabiner, welcher sich um das jüdi- 
sche Kalenderwesen verdient gemacht und gegen die Inquisition 
eifrig polemisirte, auch einmal wegen des in seinen Reden gewit- 
terten Spinozismus auf kurze Zeit seines geistlichen Amtes entsetzt 
wurde , schrieb ein Encomium zu demselben. Mit vielem Beifall 
w^urde der »Espejo« auch von denMönnern aufgenommen, welche 
selbst dichteten. Folgende Poeten haben Laguna's Uebersetzung 
in Gesängen gefeiert: 

David Chaves (S. 263), 

Abraham Gomez de Silveyra (S. 188), 

^acob Enriquez Pimentel, 

Abraham Pimentel, 

ob dieser mit dem Verfasser des lits nniTD ein und dieselbe Person 

ist, wagen wir nicht zu entscheiden, 

R. Mondejar, 
Nun es deAlmeida, 
dessen Gattin 

D. Manuela Nuiies de Almeida (S. 251), 

Samson Guideon, 

Moses Manuel Fonseca de Pina, 

Abraham Bravo, 

Jacob de Sequeira Sumada, 

vielleicht der Bruder des Isaac de Sequeira Sumada, welcher dem 

erwähnten David Neto eine Leichenrede hielt, 

D. Sara de Fonseca Pinto y Pimentel (S. 251), 



300 

D Bienvenida Cohen Belmonte (S. 251), 
Jacob Lopez Laguna und 
Daniel Lopez Laguna, 
die beiden Söhne unseres Dichters. 

Die meisten der hier Genannten lebten aller Wahrscheinlich- 
keit nach in London. 

Fassen wir die Uebersetzung Laguna's näher ins Auge, so 
müssen wir auch hier bemerken, was wir bei dem Werke David 
Abenatar Melo's hervorzuheben schon Gelegenheit nahmen , dass 
der Uebersetzer den subjectiven Eindrücken nachgab , indem sich 
der Dichter von seinem Hass gegen die Inquisition fortreissen Hess, 
häufig ganze Stellen einschob und Ideen in die Psalmen legte, 
die sich gar nicht darin finden. Dafür ist seine Uebersetzung auch 
sein Lebensbild, das treue Bild seines ganzen an Verfolgungen, 
Kränkungen und Leiden so reichen Lebens. Wer könnte es ihm 
wohl verargep , dass er nicht liebäugelte mit einem Lande , in 
welchem das schrecklichste*) aller Uebel, die Inquisition, ihm 
Frieden und Heimath , Besitz und Ruhe , Glück und Glauben , ja 
Alles nahm, was dem Menschen auf Erden nur genommen werden 
kann ! Wer könnte es ihm verargen , dass er die Klagen frei aus- 
strömen Hess , die seine Brust zusammenpressten und mit den 
Verwünschungen des Psalmisten auch die seinigen gegen die aHer 
Menschlichkeit baaren Verfolger schleuderte! So deutet er im 
10. Psalm auf die Inquisition: 

Warum, o Herr, stehst Du so ferne, 
Wenn klagen wir in Drangsalszeit? 
Dein Mitleid half ja uns so gerne. 
Als Frevler Stolz sich machte breit ! **) 



*) Nach des witzigen Barrios' Meinung gibt es noch ein grösseres üebel — 
ein böses Weib. «Tres son los mayores y particulares martirios de losMo- 
saycos : el de la terrible rauger como de Job, el de la Inquisicion y el del mal 
de piedra. « Zugleich erzählt er, dass ein Gelehrter »el agudo letrado Tenorio 
(Daniel Pereyra), einer der frühesten Juden Amsterdams, eine sehr böse Frau 
gehabt habe. Als dieser einmal einen jungen Wiltwer sagen hörte : Möge 
Niemand in meine Lage kommen ! antwortete Tenorio : Sie sollten nicht so 
traurig sein , wie Viele möchten nicht gern mit Ihnen tauschen a*"^). 

**) Por que Seiior te encubres ä los löjos 

A nuestro ruego en horas de quebranto? 
Piadosos nos aiumbren tus reflejos 
Guando sobervio el malo causa espanto 



301 

Wir sind verfolgt von Tribunalen, 
Von Bosheit heilig noch genannt, 
Verfluchet sei das gottlos Prahlen, 
Sich segnend selbst, end' es in Schand.*) 

An anderen Stellen weist er auf den Zustand hin, in welchem 
das judische Volk in seiner Zeit sich befand und erfleht den gött- 
lichen Schutz : 

Wäre nicht für uns der Herr, 
Spricht zerstreuet Israel, 
Schützt der hohe Gott uns nicht. 
Da der Mensch uns feindet an. **) 

Unser Dichter verstand es nicht allein, seinen Uebersetzungen 
ein seinem Gemüthe entsprechendes Colorit zu geben, sondern auch 
das Versmaass der orientalischen Poesie in einer meisterhaften 
Weise nachzuahmen. Als Probe möge ein Theil des 86. Psalms 
dienen : 

Erhöre, höchster Gott, die Stimm 
Der Klage, Antwort gönne mir. 
Ich furcht', da ich in Noth mich krümm, 
Dass elend ich. Dich, Gott verlier'. 
Bewahre meine trübe Seele, 
Auf dass sie Dein' und meine sei, 
Schütz' Deinen Knecht vor jeder Fehle, 
Der auf Dich harret voller Treu ! ***) 



*) AI pobro, persiguiendole en consejos 

Del tribunal que infieles llaman santo : 
Presa sea el maisin que audaz se alaba, 
Pues aunque el se bendice, en mal se acaba. 

**) Si por uos el Senor no hubiera sido 

Diga agora Israel, pueblo esparcido, 
Si el alto Dios no hiciera por su nombre 
En levantarse contra nos el hombre. 

**) Escucha, Dios supremo, 

La voz de mis clamores y responde ; 
Pues por ser pobre, temo, 
Que el bien al miserable se le esconde ; 
Guarda mi alma por ser tuya y mia*) ; 
Salva ä tu siervo fiel que en \i confia. 



*) In sinuiger Weise amschreibt so der Dichter die Worte des Psalmisten "iJS T'Ort "'S. 



302 

Da ich zum höchsten Namen flehe 
Den ganzen Tag, erbarm' Dich mein ! 
Da ich mit Liebe auf Dich sehe, 
Kehr in die Seele Freude ein. 

Ich ruf in Tagen meiner Nöthen 
Dich an, erfleh' Vertrauen mir, 
Er bleibt Dein Schutz ja, wenn erbeten. 
Nicht aus Dem, der vertrauet Dir, 
Da ja kein andrer Gott Dir gleichet 
Und Alles Deinem Willen weichet. 

Lass auf der Bahn der Wahrheit ziehen 
Mich unter Menschensöhnen stets, 
Denn nie wird aus dem Herzen fliehen 
Vor Dir die Ehrfurcht des Gebets, 
Und meine Lieb', die ewig hält. 
Erhebt Dich, Einziger der Welt. *) 

Die hohe Begabung Laguna's spricht sich besonders in den 
verschiedenartigen Versmaassen aus, welche in seinem Espejo zur 
Anwendung kommen. Silven , Redondillen , Decimen , Terzetten, 
Romanzen und Quintillen lUsst er in der lieblichsten Weise unter 
einander abwechseln. Als seltenen Versuch theiJen wir ein Stück 
des 87. Psalms mit : 

Zählet alle Völker Gott, 
Er in seinem Buche 
Nur verzeichnet 
Die Gesetzestreuen. **) 



Apiadme, pues Hämo 
En tu norabre supremo todo el dia : 
Corona, pues te amo, 
El alma de tu siervo de alegria 

De mi angustia en el dia 
Te llamarö, esperando me respondas : 
Que ä quien en tf confia 
No es posible tu gracia se la escondas, 
Pues no hay Dios en los dioses que te iguale 
Y ä tus obras su engaiio no equivale. 

Cuenta el Senor los pueblos 
Y solo escribe 
En SU libro al perfecto, 
Que en su ley vive. 



303 

Hoch weise 
Der zum Leben berufen, 

Göttlicher 
Glanz, der in seinen Thoren 

Erleuchtet 
Moralische Wissenschaften. 
Alle die im Lob besingen, 
, Ihn in seiner hohen Sphär', 
Werden an dem Thron des hohen 
Weltenkönigs angehört, 

Sänger, wie 
Heil'ge Saitenspieler 

Ruhmesvoll 
In mysteriösen Hymnen 

Besingen, 
Erheben allesammt den Schöpfer. *) 

Wir wissen nicht, ob Daniel Israel Lopez Laguna auf Jamaica 
seine Tage beschloss oder in der Stadt, in welcher sein »Espejo« 
erschien und seine beiden Söhne lebten, und welche auch der 
Mann als Zufluchtsstätte erwählte, dessen hier kurz gedacht wer- 
den soll : 

Jacob de Castro Sarmento. 

In Braganca, der Hauptstadt der nördlichsten portugiesischen 
Provinz Traz-os-Montes, hinler deren Bergen viele der aus Spanien 
vertriebenen Juden Schutz suchten, lebte vor etwa 170 Jahren 
Francisco de Castro Almeyda als verkappter Jude: als Christ in 



Sabido 
Es que äl alli ha nacido, 

Divina 
Goza luz que ilumina 

Morales 
Ciencias en sus portales 

Todos estos loores 
En SU alta esfera 
Logra el trono del alto 
Dios en la tierra. 

Cantores 
Sacros y tanedores 

Gloriosos 
Con hymnos misteriosos 

Le canten 
Y conmigo le alaben. 



304 

Portugal , in der Kirche und auf den öffentlichen Plätzen , als An- 
hänger des Judenthums in seinen geheimen Gemächern und an 
allen Orten , wo es sich Ihun Hess. Mit Violanle, einer Dame aus 
der eben nicht unbekannten Familie de Mesquita, deren Glieder 
wir gegen Ende des 17. Jahrhunderts als Agenten der Herzöge von 
Braunschweig- Lüneburg in Hamburg und Amsterdam antreffen, 
ging er die Ehe ein und zeugte mit ihr unsern Jacob oder Henri- 
quez, wie er, um auch selbst den Schein des Judenthums zu ver- 
meiden , im elterlichen Hause , im katholischen Portugal getauft 
wurde. In der Stadt, in welcher das Stammschloss der jetzigen 
portugiesischen Königs -Familie sich befindet, stand die Wiege 
unseres Jacob, dort wurde er 4 691 geboren. Aus uns unbekann- 
ten Gründen vertauschte Francisco de Castro wenige Jahre nach 
der Geburt seines Sohnes diesen Wohnsitz mit dem kleinen Mer- 
tola. Hier wurde Jacob erzogen , in diesem Dörfchen' empfing er 
den ersten Unterricht. In dem jugendlichen Alter von kaum 
4 7 Jahren bezog er, der Stolz der Eltern , die Universität Evora 
und studirte dort mit besonderer Vorliebe die aristotelische Philo- 
sophie; ein sonst unbekannter Jesuit Diego Martins soll sein Lehrer 
gewesen sein. Jacob lag seinen Studien mit solchem Fleiss ob, 
dass er nicht allein alle seine Mitschüler an Wissen überflügelte, 
sondern auch nach einem dreijährigen Aufenthalte im Jahre 1710 
zum Doctor und Magister promovirt wurde. Hierauf begab sich 
der junge Gelehrte nach Coimbra, um aufWunsch der Ellern oder 
aus eigenem Antriebe Medicin zu studiren ; schon 1617 erlangte er 
die Würde eines Baccalaureus dieser Facultät. Nicht sollte aber 
seines Bleibens noch ferner in der Heimath sein ; Jacob verliess 
das Vaterland. Es dürfte nicht schwer fallen, einen ausreichenden 
Grund für das plötzliche Verschwinden des jungen Doctors aus 
Portugal zu finden. Was anders trieb den heimlich im Juden- 
thum erzogenen und sein Judenthum liebenden Jacob von seinen 
Musensitzen und dem väterlichen Heerd , als der hohe Areopag, 
als das Glaubensgericht, das auch im 18. Jahrhundert noch eifrig 
die Flammen schürte, als die Inquisition, die unersättlich im 
Strafen und Verbrennen war. 

Eins der grossarligsten Schauspiele, ein spectaculum horren- 
dum ac tremendum, wie der Inquisitor PegUa selbst es nennt, wurde 
am 10. Mai 1682 in Lissabon aufgeführt. Bei diesem Auto wurden 
auf dem Schlossplatze verbrannt, weil sie hartnäckig in dem mo- 



305 

saischen Gesetze verharrten, Caspar (Abraham) Lopez Pereira, der 
Sohn des Francisco Lopez Pereira aus Mogadouro, Antonio de Aguilar 
aus Lamilunilla bei Madrid , der Advocat Miguel (Isaac) Henriquez 
de Fonseca aus Avios , sämmtlich in Lissabon ansässig und Pedro 
Serrad, der Sohn eines Apothekers Antonio Serrao, welcher erst 
erdrosselt worden, ehe er mit seiner im Gefängniss verschiedenen 
jungfräulichen Schwester Ignes Duarte und der Isabella de Valle, 
aus der Nähe von Ghaves , den Flammen übergeben wurde. Eine 
27jährige Schwester des geopferten Serrad, ein 72jähiiges Weib, 
Paula de Crasto und der zum zweiten Male dem Judenthume 
verfallene königliche Domünenpächter Simon Henriquez wurden 
als reuige Neue- Christen nach Brasilien exportirt, drei junge 
Mädchen und eine 70jährige Judenfrau zu lebenslänglicher Ce- 
fängnissstrafe und eine grosse Anzahl anderer geheimer Juden zu 
mehrjährigem Caleerendienst verurtheilt*^®). 

Am Weihnachtstage 1 696 verbrannte man in Evora eine Frau, 
weil sie keine Beweise bringen konnte, dass sie nicht Jüdin sei. 
In dem ersten Jahre des 18., des philosophischen Jahrhun- 
derts, wurden in Lissabon an zwei Augusttagen, 11. und 12., 
zwei Auto-da-F6's abgehalten. 

Lissabon hatte wieder am 6. September 1705 sein grosses 
Auto mit 60 Personen, von denen nur ein Mann verbrannt wurde, 
weil er bis zum letzten Momente des Lebens behauptete, der 
Mosaismus sei der reinste Glaube und sein Glaube. Eben so 
viele Personen führte man am 30. Juni 1709, an welchem Tage 
Carl XII. durch den Russen verhindert war, einen Stiefel anziehen 
zu können , auf den Richtplatz : mit 54 reuigen Sündern kehrte 
man in Prozession zurück, nachdem man sechs verbrannt hatte *^^). 
Die Inquisition, welche in demselben Jahre, in welchem Jacob 
de Castro Sarmento, unser jugendlicher Arzt, das Heimathsland 
verliess, einen armen Cleriker verbrannte, weil er Jude war, mag 
auch auf ihn Jagd gemacht haben. Verwandelte sie doch bald 
nach seiner Abreise einen Verwandten seiner Mutler, den Doctor 
Francisco de Mesquita in Asche,, weil er unglücklich in seinen 
Curen war und viel Volk unter die Erde brachte! ^^^) 

Jacob entzog sich dem Kerker und dem Scheiterhaufen durch 
die Flucht und eilte zu seinen Verwandten nach Hamburg oder 
Amsterdam. Da er aber seinen Durst nach Wissen an diesen 
Orten , wo das Element des Handels vorwaltete , nicht stillen 

Kayserliug, Sepiiardim. *0 



306 

konnte, so schlug er seinen Weg nach London ein, nach der Stadt, 
welche wie jetzt , so ganz besonders damals durch ihre Kranken- 
häuser und sonstigen medicinischen Anstalten den Aerzten vielen 
Vorschub leistete. Im Februar 1721 traf Jacob in der Weltstadt 
ein und nahm auch sofort seine medicinischen Studien wieder auf. 
Practisch wie der Engländer ergriff auch er den practischen Theil 
seiner Kunst, studirte Physik, Chemie, experimentirte, trieb che- 
mische Analyse und besuchte die anatomischen Anstalten. Nach 
einem Zeiträume von vier Jahren bestand der in seinem muster- 
haften Fleisse verharrende junge Mann die Prlifungen in der Ana- 
tomie, theoretischen und practischen Medicin und wurde sodann 
als Mitglied des Royal College zugelassen. 1730 trat er wegen 
seiner Erfindung eines Wassers, welches sich als Heilmittel der 
Fieber empfahl , als Fellow of the Royal Society ein und im Juli 
1739 verlieh ihm die Universität Aberdeen ein sehr ehrenhaftes 
Doctor-Diplom.*) 

Wir müssen es den Historiographen der jüdischen Aerzte 
überlassen , den zahlreichen medicinischen Werken Jacob de Ca- 
stro's ihr Augenmerk zuzuwenden und wollen hier nur von seinen 
specifisch jüdischen , in spanischer Sprache abgefassten Schriften 
Notiz nehmen. 

Der Akademiker und practische Arzt eröffnete seine litera- 
rische Laufbahn, wenn wir seine Dissertation ȟber die Inocula- 
tion und Transplantation der Pocken« (28. Juli 1721) abrechnen, 
mit einer religiösen Schrift, einem Erbauungsbuch, wie wir es 
nennen möchten. Fast scheint es , als ob Jacob von seinem Ge- 
wissen getrieben wäre, sein Glaubensbekenntniss abzulegen. Drei 
Reden, dem grossen und mächtigen Gotte Israels, »grande e omni- 
potente Dios de Israel«, gewidmet. Reden »para o dia santo de 
Kipur« erschienen von ihm -5484 (1724) mit dem schönen Martia- 
lischen Epigramm : Ille dolet vere qui sine teste dolet als Motto. 



*) Unter anderm heisst es darin : — »cumque nobis satis superque com- 
pertum sit D. Jacob de Castro Sarmento Medicinae in Universitate Conimbri- 
cens. Portugal. Bachalauruna (sie), CollegüMedicorumLondini et Regiae Socie- 
tatis Socium , non soiiim studiis medicis maxinaa cum laude per complures 
annos incubuisse et iisdem maximos progressus hactenus fecisse , sed eliam 
in omni Medicinae praxi magno Mortalium commodo versatum esse et fuisse. 
Propterea Nos Jacobu? Gordon etc. 



307 -; 

Der fühlende Jude lebt und webt in der Geschichte seines 
Volkes. Jacob de Castro's Liebe zu dem »pueblo escogido« , wel- 
ches er mit Stolz das seine nannte , gibt sich in einer spani- 
schen Romanze kund. Der gelehrte Jacob war auch Dichter und 
verherrlichte die Vergangenheit seines Volkes in Gedichten: »Die 
ausserordentliche Vorsehung, mit welcher der grosse Gott Israels 
sein erwähltes Volk, beschützte, zur Zeit der grössten Betrübniss, 
wie er Mardochai und Esther als Mittel gebrauchte gegen die ver- 
kehrten Anschläge des Tyrannen Haman« besang er in einer 1724 
zu London erschienenen Romanze. 

An dem frischen Grabe eines der grössten, wirksamsten Män- 
ner, welche in der englischen Hauptstadt gelebt haben, stand Jacob 
1728. R. David Neto, der Londoner Oberrabiner, der auch von 
natura naturans und natura naturata zu sprechen verstand, hatte 
der Natur den Tribut gezollt ! Wie sein Sohn Isaac Nelo und der 
Doctor Isaac de Sequeira Samuda , so hielt ihm auch Jacob de 
Castro Sarmento eine Leichenrede, der er den 33. Vers des 26. 
Cap. aus dem 2. B. Mos. als Text zu Grunde legte und welche, 
vielleicht auf vielseitiges Verlangen, mit den beiden anderen 1728 
in London im Druck erschien ^^*). 

Wer wohl ihm die Leichenrede hielt? Er lebte und starb als 
gläubiger Jude in London. 



Von London aus begeben wir uns mit unseren Lesern nach 
der freien deutscheu Inselstadt, nach Hamburg. 

Als der WlUhrich Alba 1 567 seine Gräuelthaten in den Nieder- 
landen verübte und Scenen aufführen Hess, welche dem unglück- 
lichen Amsterdam den Namen Morddam verschafften;, flüchteten 
sich mehrere niederländische Tuchfabrikanten nach Hamburg. 
Gleichzeitig mit ihnen siedelten sich auch einige spanisch-portu- 
giesische Juden dort an. Aber erst zur Zeit , als der eiserne Phi- 
lipp den Thron Portugals mit Spanien vereinte und für die Juden 
des unterjochten Landes die Epoche der Marter und des Feuertodes 
anbrach , begaben sich viele der Auswanderer auf directem Wege 
oder von Holland aus nach der deutschen Reichstadt ; 'als katho- 
lische oder papistische Christen siedelten sie sich an und blieben 
auch mehrere Jahre, ob erkannt oder unerkannt müssen wir dahin 
gestellt sein lassen, in ungestörter Ruhe, Während Isaac der Alte, 

20* 



. 308 

der Jude von Salz-Uflen im Jahre 1583 bei dem hohen Senat Ham- 
burgs die Erlaubniss nachsuchte, ihm und seinen zwölf deutsch- 
polnischen Genossen nur auf zwölf Jahre das Niederlassungsrecht 
zu bewilligen, während dieser arme Perlenhändler dem Senate ge- 
schickt die Rechnung machte, wie durch diese Erlaubniss ohne 
irgend welcheMühe wenigstens 25,000Mark in dieStadtcasse flös- 
sen und dennoch abschläglich beschieden wurde , fühlten sich die 
portugiesischen Glaubensgenossen , ohne Schoss und bedeutende 
Steuern zu zahlen , recht behaglich auf der von ihnen bewohnten 
»Herrlichkeit« und dem »Dreckwall«. Erst 1603 warfen sie die 
Larve ab, sie wurde ihnen vielmehr von den sie hassenden 
Bürgern abgerissen, und sie traten nunmehr auch öffentlich als 
Bekenner des Judenthums auf. Aus den einzelnen Protocollen, 
welche sich aus jener Zeit erhalten haben , ergibt sich ziemlich 
deutlich , dass ganz besonders der Senat die eingewanderten 
Juden zu schützen suchte, wie auch die Bürger sie bedrücken und 
besteuern wollten. Auf wiederholte Vorstellung der letzteren er- 
klärte er am 16. August 1610, dass die Portugiesen die Stadt 
verlassen wollten , wenn sie mit dem angebotenen jährlichen 
Schoss von 900 Mark nicht zufrieden wären und bemerkte zu- 
gleich , »er halte seinem geleisteten Eide und Pflicht nach dafür, 
dass es besser sei solchen Schoss anzunehmen , als die Juden zu 
vertreiben und die Commercia und die Nahrung fast vorsätzlich 
an andere Orte gleichsam mit Gewalt zu verweisen«. Die Bür- 
ger beruhigten sich bei dem wohlweisen Ralh ihrer Väter und 
Vertreter nicht und da sie wohl merkten, dass Senatus es mit den 
Juden halte, so appellirten sie an das Gewissen ihres Magistrats. 
Das Gewissen wollte Senatus nun doch nicht mit religiösen Scru- 
peln , welche mit der Niederlassung der Juden verbunden waren, 
belasten, und so fragte er bei den theologischen Facultäten zu Jena 
und Frankfurt an: ob er die Portugiesen, »unangesehen, dass sie 
der jüdischen Superstition anhängig und zugethan seien , mit 
gutem christlichen Gewissen unter seinem Schutz als incolas be- 
halten , mit ihnen politico conversiren und neben anderen ihren 
Bürgern und Einwohnern Handlung mit denselben üben können?« 
Die beiden Gutachten von Frankfurt und Jena brachten den Trost, 
dass es väterlich und christlich gewesen, die portugiesischen Juden 
bisher geduldet zu haben und dass es ebenso nur väterlich und 
christlich sei, sie ferner zu dulden. Mit diesem Gutachten aus- 



309 

gerüstet, trug der Senat am 7. November 16H der Bürgerschaft 
noch einmal der Juden Sqche vor und die Bürger fasslen endlich 
den Beschluss: »Wofern die Portugiesen als Kaufleute eingezogen 
leben , ohne Aergerniss und Lästerung des Namens Gottes sieh 
verhalten, auch öffentlicher Zusammenkünfte sich enthalten, dass 
sie alsdann ferner gelitten werden sollen«. Die Juden erklärten 
sich damit einverstanden und so erschien denn im Jahre 1612 
das erste öffentliche Document , in welchem sie rechtmässig an- 
erkannt wurden. Es ist nicht zu leugnen , dass die grösste Zahl 
der den Portugiesen gestellten 1 7 Bedingungen von politischer 
Seite betrachtet sehr gelinde gewesen, dennoch glauben wir fest, 
dass der Salz-Ufler Jude und seine Genossen nicht darauf ein- 
gegangeji wären, weil ihnen von vorn herein jede religiöse Freiheit 
genommen war. Nicht genug, dass man ihnen untersagte eine 
Synagoge zu halten, man erlaubte ihnen auch nicht, »ihre Religion 
in dieser Stadt Botmässigkeit durch heimliche und öffentliche Zu- 
sammenkünfte zu exerciien , auch in derselben der Beschneidung 
zu gebrauchen«. Die Portugiesen, in jener Zeit froh einen Winkel 
gefunden zu haben, der ihnen Ruhe und Schutz gewährte, unter- 
warfen sich auch diesen harten Forderungen; hatten sie es ja im 
Heimathslande bis zur Meisterschaft gelernt, solche Verbote zu 
umgehen und sich gewöhnt, die Vorschriften ihrer Religion heim- 
lich zu üben und jeder weltlichen Macht Trotz zu bieten. Wie 
dem auch sei, sie traten aus ihrer Verborgenheit hervor und er- 
schienen überall als solche , die sie wirklich waren. Aus einem 
1612 aufgenommenen Verzeichniss, einer » Rolla der portugiesischen 
Nation oder Nomina der sämmtlichen allhier in Hamburg residi- 
renden und wohnenden Portugiesen« ersehen wir, dass schon 1 612 
125 Personen, die Kinder nicht mitgerechnet, sich als Kaufleute, 
Mäkler, Aerzte, Bäcker u. s. w. in der Stadt befanden und in den 
schönsten und frequenleslen Strassen der Stadt wohnten ^^*). 

Zu den in dieser Rolla genannten Familien gehören ausser 
den Cordosas, Limas, Lopez, Gomes* Costas, Albers und dem welt- 
berühmten ArztRodrigo de Castro, welcher sich schon 1 594 »sammt 
seiner Hausfrau, zween grossen Söhnen und anderen kleinen Kin- 
dern« dort niedergelassen hatte, ein Abraham de Errera , auf 
dessen Namensvetter, den 1631 zu Antwerpen verstorbenen Kab- 
balisten, vonWolf mit Unrecht der Dichterruhm übertragen wird*"*), 
dessen vielleicht ein anderer dieser Familie, 



310 

Isaac de Errera ^^^') 
Iheilhaflig war, so wie ein Diego Carlos, welcher ohne Zweifel zu 
der Familie des von uns S. 212 genannten 

David Cohen Carlos 
zu rechnen ist. 

Hamburg wuchs bald zu einer grossen Gemeinde und ehe 
noch der S. 209 behandelte Pfalzgraf 

Immanuel Rosales 
und sein Bruder, der Diehter des Bocarro, 
J osias Rosales 
Hamburg begrüssten, halten sich dort bereits Synagogen erhoben. 

Die erste Hamburger Synagoge wurde durch die Bemühungen 
Eliahu Aboab's, welcher 1644 in Amsterdam den Psalter neu auf- 
legtet**^), vielleicht auch in dessen Behausung unter dem Namen 
» Talmud Thoracc auf der » Herrlichkeit ft®"^] eingerichtet und zwar 
vor 1626, denn schon in dem Jahre 1627, wo den Juden auch ein 
eigener Kirchhof auf dem Gebiete der Stadt eingeräumt worden, 
beschwerte sich Kaiser Ferdinand H. recht bitter darüber, »dass 
man den Juden eine Synagoge um der Handelsschaft willen con- 
cedire«****^). Die Juden versuchten auch in keiner Weise zu ver- 
bergen, dass sie gottesdienstliche Versammlungen hielten und ihre 
Vertreter erklärten dem Senat ganz offen, »dass ihre Zusammen- 
künfte keine jüdische Synagoge, auch keine üebungen des jüdi- 
schen Gottesdienstes seien , zumal sie darin nicht lehrten , dispu- 
lirten, predigten, noch auch die Sacramenta des alten Testaments 
administrirten, sondern nur das Gesetz Mosis, die Psalmen Davids, 
die Propheten und andere Bücher des alten Testaments lesen und 
beten und auch für die Obrigkeit und die Stadt bitten , daher sei 
solches Thun nicht allein ihren Aufnahmeartikeln nicht zuwider, 
sondern müsse ihnen denen gemäss sogar zugelassen werden, 
wo nicht, so müssten sie ausziehen ^^'^j. Gestützt auf diese Grund- 
sätze und sicher auch der Ueberzeugung lebend , dass ihnen ihr 
Recht bleiben müsse, zeigten sie bald, dass sie sogar noch zwei 
Synagogen besässen , deren eine »KeterThora« durch Abraham 
Aboab, den Vater des grossen Venetianer Rabbiners Samuel Aboab, 
Verfassers der b«ia^ i^m'm'uj, und die andere »Neve Salom« 
durch David de Lima begründet wurde ^••®). Mehrere Jahre 
lang dauerten die Verhandlungen über die Synagogen-Angelegen- 



311 

hoit'j, bis endlich der Senat als Verlheidiger der Juden auflrat 
und nachwies, dass die Juden keine Synagogen, sondern nur 
Schulen hallen, dass sie doch nicht wie das liebe Vieh ohne allen 
Gottesdienst und Religion in der Welt leben könnten, dass man sie 



*) Der Senior Müller, einer der eifrigsten Gegner der Juden, schreibt 
in seinem theologischen Gutachten von 1649: »Es werden ihre Synagogen 
allhier mit silbernen köstlichen Lampen geziert, auf etliche 1000 Rthlr. an 
Werth, darin treiben sie gross Heulen, Plärren, Grunzen, blasen darin die 
Tubas und die Hörner.« 

Aus dem schwarzen gehässigen Bilde, welches der Herr Senior in seineoa 
Gutachten von den portugiesischen Juden entwirft, lässt sich ungefähr auf den 
Zustand schliessen, inweichem sie damals gelebthaben müssen. Müller bemerkt, 
»dass sie sich doch wirklich Rabbinen halten und durch diese die Beschnei- 
dung nicht allein verrichten lassen , sondern auch Christen feierlichst dazu 
einladen und ihnen, wenn sie kommen, Geschenke zum Andenken daran 
geben. Ihr Laubhültenfest halten sie also, dass sie oben auf den Häusern 
Hütten bauen und unter denselben öfTentlich sitzen ; das Purim begehen sie 
mit Gastereien, Tanzen, Springen, Ausfahren, Spaziren und allen Fröhlich- 
keiten. Wenn das Pascha gehalten wird, müssen unsere Bäcker ihnen das 
süsse Brot backen, dabei sich die Juden lustig machen, wie auf dem heiligen 
Geist-Kirchhof in diesem Jahre geschehen. Dahin können auch gezählet 
werden ihre Komödien, die sie öffentlich agiren und Christen lassen zusehen, 
wie in diesem jetzigen Jahre in der Fastenzeit mit grossem Aergerniss und 
Prophanirung der heiligen Passionszeit geschehen ist. Sie beschimpfen das 
Ministerium , nennen die Prediger Pfaffen , schreien ihnen auf den Gassen 
nach und nennen sie ins .\ngesicht Teufel. Sie unterstehen sich mit Geschen- 
ken unterschiedliche Prediger zu bestechen , die sie bald des Tags, bald des 
Nachts senden. Sie forderten die Ministerialen zum Disputiren heraus und 
klagten , dass Niemand unter denselben sei , der sie bestehen könne. Sie ver- 
achten die Ministerialen, dass sie nicht geschickt seien , die Schriften Mosis 
und der Propheten zu verstehen ; ja sie geben das Ministerium fälschlich an 
bei vornehmen Herren dieser Stadt und bei dem ganzen Rath mit schändlichen 
Calumnien. Sie halten christliche Ammen und Mägde in ihren Diensten und 
schänden sie und andere Christenweiber ; sie schreiben Bücher, in denen der 
christlichen Religion zuwider gelehrt wird sive direcle sive oblique und lassen 
diese Bücher hier drucken ; sie treiben an der Christen Sabbath , Fest- und 
Busstagen Handel und Kaufmannschaft und fahren an denselben Tagen mit 
ihren Carossen über der Christen Kirchhöfe, ja sie gehen sogar in die Kirchen, 
bespeien und beschimpfen das Bild des gekreuzigten Christus und treiben 
auch sonsten in der Kirche Gezänk und dergleichen Geschrei; sie begraben 
ihre Todten mit öffentlichen Ceremonien , mit vielen Kutschen und grosser 
Menge zu Fuss. Sie suchen solche, die in hohen Aemtern weltlichen Standes 
sind, mit Geschenken zu corrumpiren. Sie gehen einher, geschmückt mit 
goldenen und silbernen Stücken, mit köstlichen Perlen und Edelgesteinen ; 



312 

nicht bekehren, ihr Gewissen nicht zwingen und ihnen auch nicht 
beweisen könne , in ihren Schulen Lästerworte auszustossen , und 
dass man die Juden nur aus der Stadt hinausjagen und Hamburg 
zu einem Dorfe machen wolle. Der Senat wusste recht wohl, dass 
die Juden seiner Stadt in dem nahe gelegenen Dänemark gern 
aufgenommen würden. That doch Christian IV., welcher 1618 die 
Landeshoheit über Hamburg verloren hatte, Alles, um den Handel 
dieser Stadt zu stürzen I Zu diesem Zwecke legte er nicht allein 
in Glückstadt einen Hafen an , sondern erliess auch an den Vor- 
stand der portugiesischen Gemeinde Amsterdams und vermuthlich 
auch an den des nahen Hamburgs ein sehr wohlwollendes Schrei- 
ben, in welchem er allen jüdischen Colonisten freie ReligionsUbung 
einräumte, wenn sie sich in seinen Landen niederlassen wollten ^^®*). 
Durch ihre politische Macht, ihren ßeichthum und ihren Han- 
delsgeist, wie denn auch bei der Errichtung der Hamburger Bank 
1 623 sich über 40 spanisch-portugiesische Juden als Interessenten 
nachweisen lassen, haben die Juden ihre religiöse Freiheit errungen. 
Hamburg wurde mit seinem »reichen Juden«, wie Manuel Teixeira, 
der Resident der schwedischen Königin schlechthin genannt wurde, 
mit David Abensur, dem Geschlechle Curiel und anderen hochge- 
stellten Personen ein wichtiger Platz der portugiesischen Glaubens- 
genossen, ein Ort, der auch in geistiger Beziehung und wissen- 
schaftlichen Bestrebungen Amsterdam bald nacheiferte. 

Isaac Athias, der Verfasser des »Tesoro de preceptos« wurde 
von Venedig nach der neuen Gemeinde berufen und war der erste 
Rabbiner der dortigen »Talmud Thora«^"*). Als sein Nachfolger im 
Amte und zugleich Chacham der »Keter Thora« wird der Rabbiner 
der kleinen in Glückstadt sich gebildeten Gemeinde, Abraham de 
Fonseca^*"}, welcher am23.Tammus 5435 (Juli 1673) starb und in 
Altena begraben wurde "^^), genannt. Der vorzüglichste und einer 
der frühesten der Hamburger Volkslehrer war David Cohen de 
Lara, der Sohn des zu Amsterdam lebenden 

Isaac Cohen de Lara, 
welcher an der Akademie » de los Pintos « abwechselnd mit dem 



sie speisen auf ihren Hochzeiten aus silbernen Gefässen und setzen dabei eine 
grosse Menge Schüsseln und Confecte auf und endlich fahren sie in solchen 
Carossen, die nur hohen Standespersonen zustehen und gebrauchen J)ei solchen 
Carossen noch oben darein Vorreuter und ein grosses Comitat.« 



313 

den atheistischen Spinozismus bekämpfenden Döctor Isaac Belosinos 
und Isaac de Leon Crato Vorträge hielt und sich als Mitglied der 
»Temime Derech« auszeichnete^'^). Er soll sich im Versemachen 
versucht haben und wie wir nach Barrios vermuthen , gleich sei- 
nem Bruder Abraham Cohen de Lara"*'), nicht allein ein guter 
Prediger, sondern auch ein guter Chasan (Vorsänger) gewesen sein. 
David, in Lissabon oder Amsterdam"**) geboren, empfing in der 
Schule Isaac Usiel's seine Ausbildung und lebte eine Zeit lang in 
Rotterdam und Amsterdam, bis er dem Rufe als Hamburger Rabbi- 
ner folgte"*"). Dieser sehr tolerante Mann , der Freund des Ham- 
burger Predigers Esdras Edzardi , verwandte die von seiner amt- 
lichen Thätigkeit freie Zeit zu seinen gelehrten Studien , als deren 
Frucht besonders sein 1667 zu Hamburg erschienenes rabbinisches 
Wörterbuch nainD ^n3 , an welchem er 40 Jahre lang arbeitete, 
zu betrachten ist. Ausser verschiedenen Schriften des Maimonides 
übersetzte er das Werk ^asn n^u;N"i unter dem Titel »Tratado del 
Temor Divino« ins Spanische. Die Uebersetzung dieses 1674 ver- 
storbenen Gelehrten wurde von dem »Hamburger Camoöns«"*^) 

Joseph Frances 
besungen"*^)*). 



*) Aquel reflejo o rayo cristalino 

Del sol, que os ilumina soberano, 
Con que en la noche del galut tirano, 
A luz de liberal*) abris Camino. 

Aqui como (en) retrato peregrino, 
Doctas le imprimen vuestra pluma y raano, 
Mostrando facil el reaiedio humano 
En cognoscencia dei Temor Divino. 

Este en que el mismo Amor campea tanto, 
En anos mo?o, en ciencias dilatado, 
Gloria os haze ä Israel y al mundo espanto. 

Rico de vuestro ingenio, este tratado 
Como de erario del lenguage sanlo, 
Si era sin precio, mas sera preciado. 

Uebrigens muss Frances auch noch ein grösseres Gedicht an de Lara 
gerichtet haben ; aus seiner »Elogio Apologico ai Haham David Cohen de Lara« 
führt Barrios an folgende 53 Oct. in seiner Schrift »Mediar Estremos« (Am- 
sterdam 1680) 22: 



*) De los Rios 1. c. 566 hat libertad statt liberal ; ihm scheint der Temor Oivino vor- 
gelegen zu haben, während wir das Sonett nach Barrios millheilen. 



314 

Joseph Frances gehört zu dem allen spanischen Geschlechte 
dieses Namens, dessen Glieder sich in der Mitte des i6. Jahrhun- 
derts in Ferrara niedergelassen haben. Dort commentirte 4 552 
ein Joseph Frances die Prüfung der Welt des Jedaja Happenini ^**); 
Samuel Frances lebte in Venedig, woselbst auch 1602 seine he- 
bräischen Schriften erschienen sind. Unser Joseph Frances, wel- 
cher sich sowohl durch seine Religiosität als auch durch seine 
spanischen Gedichte in Hamburg auszeichnete, war in den 80er 
Jahren des 17. Jahrhunderts noch am Leben. Er besang den Tod 
des Märtyrers Bernal's und setzte dem Hamburger Chacham Isaac 
Jeschurnn, dem Verfasser der miTi'in D'^SB nr^ und des moral- 
philosophischen Werkes » Livro da providencia Divina« (1663) ein 
poetisches Epitaphium ^*^). 

In Hamburg, später in Amsterdam und Middelburg lebte : 
Jacob Jehudah Leon^^''). 
Ein von Juden und Christen geachteter Mann, welcher als ge- 
schickter Chacham und Meister in den verschiedenen Wissenschaf- 
ten die ihm in hohem Maasse gewordene Anerkennung verdient"*'^'). 
Seine den Tempel zu Jerusalem darstellenden nnd behandelnden 
Werke übergehen wir an diesem Orte und erwähnen nur seine 
wörtliche Uebersetzung und Erklärung der Psalmen, welche unter 
dem Titel »Alabancas de Santitad« (D•|^^b^^ Tüip) 1671 zu Amster- 
dam ans Licht trat und Isaac Senior Teixeira, dem Residenten der 
schwedischen Königin zu jHamburg gewidmet wurde. Die bereits 
früher genannten 

Jacob de Pina (S. 253), 

Isaac Gomez de Sosa (S. 292), 

Daniel Levi de Barrios und 

Isaac Orobio de Castro 

haben die Uebersetzung Leon's in Gedichten gefeiert. Auch ein 

Verwandter des Uebersetzers 



Amanle el alto del mas baxo mundo, 
Por SU Union y su vinculo camina : 
Y en dulce liga de un Amor profunde, 
De la paz symboliza la doctrina. 
El ente imcomprehensible, y sin segundo, 
Entre los hombres ä habitar se inclina, 
Siendo de su grandeza unico erario, 
Un templo, un sacerdocio, un sanctuario. 



315 

Eliahu Jeduhah Leon 
gab ihm in einem Gesänge Beweise seiner Verehrung"*^). 

Jacob Jeduhah Leon halte einen Sohn'*''') Namens 
Salomon Jeduhah Leon, 
welcher ein eleganter Prediger war und als solcher mit David de 
Pina, David Torres an der »Abi Jethomim« wirkte ^'^*). Salomon 
commentirte in seiner Schrift »Dictamenes de la Prudencia« die 
heiligen Gesänge Salomo's (das hohe Lied) und wurde für diese 
Arbeit von Barrios mit einem »Aplauso armonico« beehrt^''*). 
1703 erschien von ihm eine hebräische Grammatik in spanischer 
Sprache »Principio del Sciencia«. Dem 1708 verstorbenen Salomo 
de Oliveyra hielt er eine 1710 im Druck erschienene Leichen- 
rede ^''®) und zum Lobe seines Meisters Isaac üsiel schrieb dieser 
»agudo Poela« ein spanisches Gedicht"^'^)*). 

Wir nennen hier noch ausser Samuel de Leon, weicher, nach 
dem bilderreichen Barrios , das Süsse der Studien mit dem Honig 
der Beredsamkeit im Munde führte ^^®) , ein hervorragendes Glied 
dieser Familie : 

Immanuel de Leon. 
Dieser in der Mythologie, Poesie und allen schönen Wissenschaften 
wohl bewanderte Mann wurde in Leiria geboren , verbrachte den 
grössten Theil seines Lebens in Flandern und starb in Amsterdam. 
Zur Feier der Vermählung des D. Pedro mit der Prinzessin 
Maria Sophia Isabella dichtete er einen »Triumpho Lusitano« 
(Brüssel 1688), einen Gesang, in welchem er nicht den spanisch- 
türkischen Krieg behandell^^^), sondern von den Fest- und Feier- 
lichkeiten berichtet , welche am Lissaboner Hof vom 1 1 . August 
bis 23. October 1687 statt hatten. In einem andern im Haag am 
20. Februar 1691 der Prinzessin von Savoyen gewidmeten Carmen 
»El Duelo de los aplausos y triumpho de los triumphos« feierte 



Ishac Cherub Celeste es oy, Sol antes : 
Blandio la lan^a y embra^o el escudo 
De la sagrada ley : ä sus amanles 
Su docla compania dar luz pudo, 
Y al Mosayco Jardin plantas fragantes : 
Lo que quiso halia en el glorioso assiento : 
Planto verdades, y cogio victorias 
De los que igualan sus merciiuientos 
En la balan^a fiel de las memorias, 
De la ley pesos, bra^os de sus glorios. 



316 

Leon den Einzug Wilhelm III. von England im Haag. Moralische 
Reden enthält sein 171 2 zu Amsterdam erschienenes Werk »Examen 
de obrigacoens« und ein Räthsel moralischer Tendenz, das »Gryfo 
emblemalico«, womit er Diego de Chaves aufwartete. 

War Immanuel de Leon auch keineswegs Rabbi , wofür ihn 
Wolf ausgibt , so bekannte er sich doch auch nicht zum Christen- 
thum, wieBarbosa wilP^"), indem er ihm zwei Manuscripte unter- 
schiebt, »Yida de S. Maria Magdalena em Roma« und »Colloquio 
do hum peccador a Christo crucificado« , welche sicherlich einen 
andern von den vielen in der spanisch-portugiesischen Literatur 
genannten Leon, Leam, Leao zum Verfasser haben. Unseres Leon's 
letzte Schrift war ohne Zweifel das Hochzeitsgedicht »Certamen de 
las Musas«, mit welchem er den jüdischen Baron D. Francisco 
Lopez Suasso begrüsste. 

Von dem armen Fürstensänger begeben wir uns nach einer 
kurzen Erwähnung des 

Isaac de Silva , 
welcher die Weltschöpfung in einem Gedichte besungen ^^*) und 
vielleicht auch eine spanische Buss-Predigt geschrieben hat**^^), zu 
dem reichen, gelehrten und talentvollen Kaufmann 

Joseph de la Vega, 
wie nach dem Familiennamen der Mutter, oder Joseph Penso, 
wie nach dem Vater er genannt wurde ^^^). Joseph war der zweite 
Sohn des erst im reiferen Alter zum Judenthum zurückgekehrten 
Isaac Penso (S. 214) und wurde, wie de los Bios vermuthet ®'*) , 
in Espejo im Königreich Cordova geboren. Er lebte später in Am- 
sterdam und Antwerpen, nachdem er sich längere Zeit in Italien 
aufgehalten hatte. Hierfür spricht nicht allein der umstand, dass 
er seiner 1 679 verstorbenen Mutter in Livorno eine Grabrede hielt, 
es geht dieses auch aus den Worten Orobio de Castro's hervor. 
Dieser berühmte Arzt und Metaphysiker gibt Joseph das Zeugniss, 
dass er sich von seiner frühesten Jugend auszeichnete »en elogios 
de altos principes de Italia, ya en celebres epitalamios , ya en fu- 
nebres declamaciones« und sich in allen Arten höchst talentvoll 
bewies. Sollte auch Orobio mit seinem Ausspruche nicht auf 
das von dem jungen Mann 1673 erschienene Erstlingsschriftchen 
ÜijüjTü DllB hindeuten , auf die darin enthaltenen Carmina gratu- 
latoria und die hebräische Komödie 1-i'\prir, ""TiDN? Der mit herr- 
lichen Anlagen von der Natur ausgerüstete Joseph, dem ausserdem 



317 

auch die Mittel zu Gebote standen , ohne Störung den Wissen- 
schaften leben za können , schrieb verschiedene historische und 
philosophische Werke und versuchte sich nicht ohne Glück in No- 
vellen und Dichtungen. Eine sehr fruchtbare Zeit dieses äusserst 
productiven Literators war das Jahr 1683. Ausser einer Grabrede, 
welche er seinem am 28. Schewat (Januar) 1683 verschiedenen 
Vater hielt, erschien von ihm zu Amsterdam »La Rosa«, ein 35 
Quartseiten füllendes » Panegyrico sacro« zum Lobe des göttlichen 
Gesetzes, »Triumphes del Aguila y Eclipses de la Luna« an den 
König von Polen gerichtet (126 S. in 4) und das »Leben Adams«. 
Für letztere Arbeit wurde er von Barrios in einem Sonett besun- 
gen. Ihm hat die Biographie des muy erudito Joseph so wohl ge- 
fallen, dass er meinte, Adam müsse in seinem Fleisse eine Welt 
und Eva in seinem Wissen den Himmel schauen ^^^J. Wir glauben 
jedoch, dass Joseph's Biographie des ersten Weltbürgers nicht von 
allen Lesern mit gleichem Beifall aufgenommen wurde, weil es 
schon damals für einen Uebergriff mag gehalten sein , einen bibli- 
schen Stoff zum Thema zu wählen und den Gatten der »schönsten 
aller Frauen« zu behandeln. Gegen die mit Joseph's Leistungen Un- 
zufriedenen und seine Kritiker trat freilich Barrios auf und tröstete 
den AngegrifTenen in einem Sonett, in welchem ersieh der Hoffnung 
hingab , dass die Menschen vor Joseph's Genie sich noch beugen 
müssten*^^). Ob aber dennoch die Anfeindungen seiner Gegner ihn 
nicht zu dem Entschluss geführt haben, Amsterdam zu verlassen? 
Gegen 1^84 siedelte er nach Antwerpen über und schrieb dort das 
»Leben einerFaustina« und das »Leben Joseph's«. Bald nach seiner 
Ankunft in seinem neuen Wohnorte übergab er seine in der Aka- 
demie de los Floridos^^'^) gehaltenen Reden »Discursos academicos 
morales, retoricos y sagrados (Amberes 1 685, 8) dem Drucke. 1 688 
erschienen von ihm unter dem Titel »Confusion de Confusiones« 
Dialoge zwischen einem geschickten Philosophen, einem gebildeten 
Kaufmann und einem gelehrten Actienrilter (accionista) über das 
Actienvvesen und 1693 seine »Ideas posibles« , Ideen, welche er 
als ein sonderbares Bouquet wohlriechender Blumen dem Publicum 
empfahl. Auch Wilhelm 111. von England wurde von Joseph in 
einem »Relrado de la Prudencia y Simulacro de Valor« (Amberes 
1690, 4) gefeiert, ein Beweis, dass er sich auch von den politi- 
schen Wirren der damaligen Zeit nicht fern hielt. 

Mit einer Sammlung Novellen bereicherte Joseph de la Vega 



318 

die spanische Literatur in seinen »gefährlichen Reisen« (Rumbos 
peligrosos). Sie wurden mit ungetheiitem Reifail aufgenommen und 
von vielen früher von uns genannten Dichtern besungen. Diese 
Novellen , drei an der Zahl, entstanden , wie wohl die meisten 
seiner Schriften, in seinen Mussestunden und nach Orobio de 
Castro in der Absicht , sich und Andere zu zerstreuen*). Joseph 
bemühte sich in diesem Novellencyclus mit einer erhabenen , in 
gewisser Weise neuen Schreibart aufzutreten , Niemanden nach- 
zuahmen , damit auch er von Niemanden nachgeahmt werden 
könne. Diese Neuheit der Erfindung hatte jedoch ihre Gefahren 
und der Dichter verliert sich zuweilen in dem Dunkeln und Schwül- 
stigen. In diesen Novellen, welche mit Geist und nach dem Muster 
der italienischen Novellisten geschrieben sind , finden sich auch 
einige recht schöne Romanzen. Feliberto, ein neapolitanischer 
Jüngling, wird in der ersten Erzählung »Freundschaft und Un- 
schuld« angeklagt, seiner Geliebten untreu geworden zu sein ; er 
schleicht sich unter das Fenster seiner Freundin und singt seine 
Rechtfertigung in Versen ab. **) 



*) »Dejando materias mas graves, el insigne Vega discurre en esta que 
da ä la estampa (6 por divertir su änimo ö los de algunos que le persuadieron, 
ä quienes no pudo decentemente negar este honesto divertimiento) con el 
mayor acierto que en semejante asunto viö nuestro siglo« lautet das Urtheil 
Orobio de Castro's. 

»*) Una cosa es ser amante 

Y otra deudor, y es muy cierto 
Que ser amante no puede 
Quien de la deuda esta exento. 

Eneas huye de Elisa, 
De Fedra el falso Teseo ; 
Jason de la hermosa Maga, 
De Olimpia el infiel Vireno. 

Con razon Elisa llora, 
Fedra suspira con celos, 
Medea con ira brama, 
Olimpia gime con ruegos, 

De los cuatro se lamentan, 
Por que son de su honor desenos 

Y juslamente procuran 
Venganzas de sus desprecios. 

Mas 6 de que se queja triste 
Quien falta al conocimiento 
Del que le debe el honor 
Por dicha y no por desvelo? 



319 

Dieser Schriftsteller, dem Gelehrsamkeit, Talent und eine 
wahrhaft schöpferische Imagination nicht abzusprechen ist , voll- 
endete drei andere bereits angefangene Novellen nicht, weil er 
durch den Verlust seines Vaters bestimmt wurde, »u Uorar trage- 
dias verdaderas, mas bien que ä maquinar ideas fabulosas« , ver- 
fasste aber noch, wie er in dem Prolog zu seinem »Rumbos« selbst 
berichtet, verschiedene Busspsalmen und Schriften moral-philoso- 
phischen Inhalts und versichert über 200 Briefe an verschiedene 
Fürsten geschrieben zu haben. 

Joseph de la Vega gehört zu den letzten spanischen Juden, 
welche auf fremden Boden weilend die spanische Poesie pflegten. 

Mit dem Anfange des 18. Jahrhunderts verschwand jede Cul- 
tur, jede Poesie aus dem einst so poetischen Lande : die Schlösser 
und Villen der dichtenden Fürsten waren Ruinen, die Troubadoure 
vergessen, die Dichter ausgestorben, die Leier war verklungen 
und der Parnass öde und leer. Die ritterliche und hochherzige 
Nation musste, weil sie die Scheiterhaufen anzündete, aufweichen 
der Fanatismus ihrer Priester die Ketzer und Juden verbrannte, 
das Joch geduldig hinnehmen, das die politische Gewalt auf ihren 
Nacken legte und es geschehen lassen, dass sie einen Schritt nach 
dem andern hinter den übrigen civilisiiten Nationen Europas zu- 
rUckblieb , dass sie eine Zeit lang ohne Sang , ohne Poesie in Ver- 
kommenheit lebte ^^®). Da wandten sich auch die spanischen Juden 
den Literaturen der Lander zu , in welchen sie in Frieden und 
Ruhe weilten. Wie 

Elieser Uriel Cardoso 
1732 eine holländische Komödie »Het Huwelyk door bedrog« 
schrieb ^^^j , so dichteten andere Juden in französischer und eng- 
lischer Sprache und bauten die Literaturen der Völker an, welche 
ihnen Rechte und Freiheit einräumten. 



Schon halte das 18. Jahrhundert bis zur Hälfte seinen Lauf 
vollbracht, schon war für den grösslen Theil der europäischen 
Welt die Morgenrölhe einer bessern Zeit angebrochen, schon stan- 
den die Männer des freien Denkens und der freien That : Montes- 
quieu, Voltaire, Rousseau, Franklin, Mendelssohn, der grosse 
Friedrich , Lessing , Kant auf dem Welttheater — in Portugal 
schlugen die Flammen der Scheiterhaufen noch lichterloh gen 
Himmel, in diesem Lande verbrannte man noch 1 74ö den grössten 



320 

portugiesischen Dramatiker, den gefeierten Dichter 

Antonio Joseph 
weil er Jude gewesen **°) . 

Keiner hat im grössern Maasse zu dem reichen, mannigfaltigen 
Schatze der portugiesischen Literatur beigetragen, Keiner die por- 
tugiesische Bühne auch nur mit dem vierten Theile dramatischer 
Dichtungen, alle vom höchsten Werth, bereichert und gleichwohl 
ist dieser durch seine Schriften so glänzende, durch sein heroisches 
Sterben unsterblichen Ruhms so würdige Mann, dieser Mann, 
dessen Bühnen -Dichtungen noch heute so manches Auge mit 
Thränen füllen , ist dieser im katholischen Portugal so viel ge- 
nannte Mann allen seinen Glaubensgenossen selbst dem Namen 
nach völlig unbekannt. 

Von seinem Jüngern Leben weiss man wenig mehr als das 
Factum^ dass, nachdem er mit 30 Jahren Witt wer geworden, er für 
die Bühne zu schreiben begann. 

Sein Genie unterwarf sich keinem Gesetze , keiner Regel und 
man könnte fast behaupten, dass er sie zu umgehen sich bemühte. 
Die vortrefflichen Rathschläge, welche sein hoher Beschützer und 
Bewunderer, der Graf de Eryceyra ihm erlheilte, befolgte er 
nicht ; unablässig empfahl dieser ihm Meliere zu lesen und ihm nach- 
zuahmen, aber der einzige Dramatiker Portugals überliess sich 
gänzlich seiner Lust und nahm kein Muslerbild an. Antonio Joseph 
ist ganz Original, er zeichnet mit Geschicklichkeit die Fehler seiner 
Zeitund verstand es, durch seine lebhafte Schilderung das Publicum 
für sich zu gewinnen*"**). 

Mit 35 Jahren trat er in einen Mönchsorden und zwar dem 
Anscheine nach ganz freiwillig und aus Neigung , in Wahrheit 
aber, um wachgewordenen Argwohn einzuschläfern und das Ge- 
rücht seiner Hinneigung zum Judenlhume Lügen zu strafen, 
welches nicht nur durch einige Stellen , sondern gewissermassen 
durch die ganze Haltung seiner Schriften wach geworden. Fast 
ahnte der unglückliche Joseph das Ende , welches ihm bestimmt 
war ! Fügte er doch jedem Bande seiner Werke eine Art Glau- 
bensbekenntniss hinzu und versicherte, dass er an alle die Gott- 
heiten nicht glaube, welche er in seinen Dramen bearbeite. 
Nichts desto weniger wurde er, nachdem er acht Jahre in Brasilien 
gelebt hatte, bei seiner Rückkehr in den Kerker der Inquisition 
gev^'orfen. Zweimal gestand er das ihm zur Last gelegte Verbrechen 



321 

und kam mit einer leichten Strafe und einer strengen Busse davon. 
Nach einem dritten Rückfall — sein Beschützer war inzwischen 
gestorben — wurde er zum Flammentod auf dem Scheiterhaufen 
verurtheilt, nachdem er freiwillig gestanden, er sei zwar sein 
Lebenlang von der Wahrheit des Judenlhums überzeugt gewesen, 
doch sei er erst in seinem 37. .Tahre förmlich dazu übergetreten 
und habe sich in diesem vorgerückten Alter der Beschneidung 
unterworfen. Vor das Tribunal gefordert, redete er die Inquisitoren 
mit folgenden Worten an: »Ich bekenne mich zu einem Glauben, 
von dem Ihr selbst lehret, dass er von Gott gegeben sei. Er 
hat diese Religion einst geliebt. Ich glaube, er lieht sie noch, 
während Ihr glaubt, dass er sie nicht mehr liebe. Und weil Ihr 
dieses glaubt, verdammt Ihr Die zum Feuertode, die überzeugt 
sind , dass Gott noch liebe , was er einst geliebt. Ihr werfet den 
Muhamedanern vor, ihre Religion mit dem Schwerte verbreitet 
zu haben. Ihr habt Recht. Aber verbreitet Ihr die Eurige nicht 
durch Scheiterhaufen? Ihr suchet die Göttlichkeit Eurer Religion 
durch die Ilinweisung auf die Verfolgungen und den Fall der Hei- 
den und auf das vergossene Märlyrerblut als die Ursachen ihres 
Wachsthums zu begründen. Tretet Ihr aber jetzt nicht selber an 
die Stelle Diocietian's und räumt uns Eure Stellen ein? Ach, Ihr 
wollet, wir sollen Christen werden und Ihr verschmähet es selber, 
Christen zu sein? Wenigstens seiet Menschen und behandelt uns, 
als hättet Ihr gar keine Religion Euch zu leiten und gar keine 
Offenbarung zu Eurer Erleuchtung. Hat der Himmel Euch wirk- 
lich also geliebt und begünstigt, Euch die Wahrheit zu offenbaren, 
dann seid Ihr in der That seine bevorzugten Kinder. Aber ziemt 
es den das väterliche Erbe besitzenden Kindern, Diejenigen zu 
hassen , die kein Theil an diesem Erbe haben ! Ueber Geister und 
Herzen zu siegen , ist das charakteristische Zeichen der Wahrheit, 
aber ihren Einfluss durch Strafen, Schaffet und Qualen zu erzwin- 
gen, heissl nur die Ohnmacht der Wahrheit gestehen. W^ird Jemand 
in künftigen Zeiten zu behaupten wagen , dass in der Zeit , in 
der wir leben, die europäischen Nationen gebildet waren, so 
wird man Euch zum Beweise anführen, dass sie Barbaren ge- 
wesen. (C 

Der Biograph, welcher diese Rede mittheilt, gibt auch ein 
minutiösesDetail derCeremonie, welche die Hinrichtung begleitete, 
der er als Augenzeuge beigewohnt zu haben scheint. 

Kayserliag, Sephardim. Sil 



' 322 

»Ich hatte mich angeschickt, sagt er, das Auto-da-Fe mit- 
anzusehen, welches das Volk mit dem Vorgefühl so vieler Lust er- 
wartete. An dem bestimmten Tage durften Frauen in ihrem besten 
Schmuck und mit Juwelen bedeckt an den Fenstern erscheinen. 

Der König Joäo V. kam und die Procession nahm ihren Anfang 
von dem heiligen Offiz nach der Kirche S. Dominicus. Eine grosse 
AnzahlVerbrecher sollten verbrannt werden. Die Meisten, wenn nicht 
Alle, waren Juden. Ich konnte nicht umhin, die Güte dieses Für- 
sten zu bewundern , der sich herabliess diese Sünder anzureden 
und sie zur Reue zu ermahnen. Die Juden blieben hartnäckig, bis 
ihre Frauen und Kinder als Zeugen gegen sie vorgebracht wurden, 
welche das Verbrechen ihres Judenthums bekannt hatten ; mög- 
lich, dass das Geständniss durch Androhung oder Anwendung der 
Tortur abgedrungen worden. Die Väter und Gatten erkannten 
hierauf ihre Irrthümer und flehten die Gnade Sr. Majestät an , die 
auch Vielen nicht versagt wurde. Als aber der König mit der 
äussersten Milde und Güte Antonio Joseph anredete, würdigte 
dieser die Majestät nicht einmal einer Antwort. Gleichwohl ver- 
harrte der König in seinen Bemühungen. Er drang in ihn , er bat 
ihn ernstlich, sich zu bekehren und durch seine Rückkehr an das 
Herz der Kirche sich vor den schrecklichen Qualen zu retten, die 
seiner in der Mitte der Flammen warteten. Die rührendsten Aus- 
drücke wurden angewandt, um die Hartnäckigkeit dieses abge- 
fallenen Priesters zu überwinden. DerKönig versicherte ihn seines 
Schutzes , versprach ihm für seinen Lebensunterhalt durch eine 
reiche Pension zu sorgen, wenn er nur von seinen IrrthUmern sich 
überzeugen und in den Arm der Kirche zurückkehren möchte, die 
ihn als eine liebende, vergebende und gütige Mutter empfangen 
würde. Alle Anwesenden waren von der Güte tief gerührt, die 
der König gegen diesen Elenden an den Tag legte, der lieber leben- 
dig verbrannt werden , als sein Verbrechen gestehen wollte. Ob- 
gleich er bereits über 60 Jahre zurückgelegt hatte , zeigte er doch 
weder Furcht noch Schwäche und behandelte die Mönche mit ver- 
ächtlichem Stillschweigen, die ihm zuriefen, er solle sich bekehren. 
B^vor er verbrannt wurde, riss man ihm die Haut von den Fingern 
und schnitt ihm die Nägel aus, weil er mit diesen verbrecherischer 
Weise die Hostie berührt und entweiht hatte. Er litt diese Marter 
und die schrecklichen Qualen der Flammen ohne etwas Anderes 
zu äussern, als dass es eine Schande sei, einen Mann also zu be- 



323 

handeln, der für die Behauptung des Daseins eines einzigen GoUes 
sterbe. Zuerst versuchte er die Flammen mit einem Tuche abzu- 
wehren , das er in den Händen halle. Aber dieses fing Feuer und 
er verlor fast alles Bewusstsein, als die Menge zu schreien anfing: 
»Barbeao, harbeao« (scheerl ihm den Bart)! Sofort tauchte einer 
der Henker einen langen Besen in eine Mischung von Pech und 
Terpentin, rieb damit seinen ehrwürdigen Bart und zündete ihn an. 
Der alte Sünder verlor darauf alle Besinnung und war bald nichts 
mehr als ein Haufen Asche. « 

Jeder fühlende Mensch war durch eine so schreckliche Hin- 
richtung aufs heftigste bewegt ; das Geschrei des Unglücklichen 
tönte noch lange nachher in den Ohren aller Derjenigen, welche er 
durch die Lebhaftigkeit seines Geistes, durch die Laune seiner dra- 
matischen Personen so oft ergötzt hatte. Man begnügte sich nicht, 
den Dichter des »Aesop«, der »Zaubereien Medea's« im Stillen zu 
beklagen, einige muthvolle Mcinner erhoben laut ihre Stimme, um 
sein Schicksal zu beweinen''**^). 

Der schimpfliehe Tod Antonio Joseph's bekundet der Welt 
die tolle Wulh, mit welcher noch im vergangenen Jahrhundert das 
vielgeprüfte Volk , dem er seiner Geburt und seinem Bekenntnisse 
nach angehörte, in Portugal, in Spanien verfolgt wurde ^*^). 

Die so zähe und lebensfähige jüdische Race gänzlich von der 
Halbinsel zu vertilgen, wollte trotz der massenhaften Auto-da-Fe's, 
welche bis vor 70 Jahren von dem jüdischen Blute sich nährten, 
nicht gelingen, und es ist gewiss, dass bis in die neueste Zeit in 
den Kirchen und Klöstern sich noch Diener fanden , welche dem 
jüdischen Geschlechte entsprossen und im Herzen dem Judenthume 
zugethan waren. Will doch George Borrow noch neuerdings einem 
solchen verkappten Juden begegnet sein, der dem emsigen Bibel- 
colporleur versicherte, sein Grossvater sei ein so vorzüglich heiliger 
Mann gewesen , dass ein Erzbischof in einer bestimmten Nacht 
des Jahres heimlich in sein Haus kam, bloss um das Vergnügen zu 
haben, sein ehrwürdiges Haupt zu küssen und noch jetzt befänden 
sich viele seiner Glaubensgenossen im Besitz hoher kirchlicher 
Würden'^*'*). 

Auch diese Zeiten sind , dem Himmel sei tausend Dank ! — 
vorüber. 

Portugal, wo die Inquisition zuletzt ihre Schrecken und ihren 
menschenmordenden Triumph verloren, bat zuerst wieder Juden 



324 

als Juden in seiner Hauptstadt aufgenommen ; Spanien leidet Juden 
in seinem Reiche; wir schauen hoffnungs- und vertrauensvoll in 
die Zukunft. 

Einst, ja einst werden auch jüdische Dichter und Sänger 
jüdischen Geschlechts in dem Lande des einstigen Glückes ihr 
Lied wieder erklingen und , nicht mehr der trüben Vergangenheit 
gedenkend, spanische Gesänge von ihren Lippen strömen lassen. 
Bis dahin möge das funkelnagelneue spanisch-jüdische Volkslied, 
welches Frankl""^*^) neulich in Constantinopel im Hause einer armen 
Musikantenfamilie hörte, als das modernste gellen, und auch wir 
wollen mit den armen Kindern singen : 

Oracion hagamos Venga el Goel, 
Seamos reunidos todo Israel, 
Y veamos presto binjan Ariel, 
Tornaremos seher por grandi umma 
De todos nombrados bene ruchama. 



Noten. 



1) Erzbischof Julian von Toledo, in der ganzen Geschichte der 
Gothen einer der merkwürdigsten und einflussreichsten Männer. Dass 
er von jüdischer Abkunft gewesen ist, wird von den verschiedenen 
Chronisten berichtet. Der Erste , welcher seiner Erwähnung thut , ist 
Roderich von Toledo im Chronicon Fol. 23*': »In cujus (Erwig) tem- 
pore Julianus episcopus dictus Pomerius extraduceJudaeorum 
ut flores rosarum de inter vepres spinarum productus omnibus mundi 
partibus in doctrina Christi manet praeclarus«. Dasselbe erzählt fast 
mit denselben Worten das Chronicon del Pacense (bei Florez , Espana 
sagrada VIII, 286). Paul de Santa Maria gedenkt JuHans im Scrutin. 
Scripturar, letztes Blatt: »Fuit etiam in hispania tempore Gethorum 
quidam destirpe israelitico nomine Julianus pomerii qui baptizatus 
a beato hillefonso cathedram Toletanae ecclesiae et primatum hispaniae 
obtinuit. De cujus vita gloriosa dominus Rodericus archiepiscopus To- 
letanus in sua compendiosa historia laudabiUter facit memoriam«. Julian 
wurde zu Sevilla geboren und in Toledo erzogen. Er zeichnete sich 
als eifriger Verfolger seiner früheren Glaubensgenossen aus und die 
grausamen Beschlüsse der letzten vier Toled. Concilien sind unter seinem 
Präsidium und auf seinen Wunsch ins Leben gerufen. 

2) Die weitere Ausführung dieser Behauptung wird man in un- 
serer »Geschichte der Juden in Spanien und Portugal« erstem Theile 
»Geschichte der Juden unter den Gothen« finden. 

3) Munk, Notice sur Joseph ben Jehouda (Paris 1842) 62. 

4) Concil. Cojacense Can. VI : Nengunt christiano non muere (more) 
con judios en una casa, nen coma con ellos. 

5) P. Burriel, Memoires pour la vie de St. Ferdinand 416. 

5") Delitzsch, Zur Geschichte der hebr. Poesie (Leipzig 1836) 65. 

6) Reineke Vos (Niedersächs. Text) 4879. 

7) Moses Sephardi in Huesca 1062 geboren, Hess sich in seinem 
44. Jahre, 1 106, in der Kirche seiner Vaterstadt taufen und nahm die 
Namen Petrus und Alfonsus an , letzteren , weil der König Alphons VI. 
von Castilien — nicht Alphons I. von Aragonien , wie Dunlop, Ge- 



326 

schichte der Prosadichlung , deutsch von Liebrecht (BerUn 18S1) 198 
irrthümUch angibt — Pathenstelle bei ihm vertrat. Er verlasste nach 
der T.iufe in hUeinisfeher Sprache die Disciplina clericaUs unter dem 
Titel : Alphonsus de clericaH disciplina, von der es eine altfranzösische 
Uebersetzung gibt, welche in der einen Handschrift betitelt ist : Pro- 
verbes Peres Arfonse, in einer andern aber: Le RomaunzPerez Aunfour 
coment il aprist et chastia son fils. Die discipl. cleric. wurde zum 
ersten Male herausgegeben mit Einleitung und Anmerkungen von Fr. 
W. Valentin Schmidt, Berlin 1827. Nach Tritemius war P. Alphonsus 
auch noch der Verfasser eines anderen Werkes über Philosophie und 
Wissenschaft. Auch als Erdbeschreiber hat er sich einen Namen ge- 
macht. (Serapeum <853. No. 18.) Paul de S. Maria 1. c. letztes Blatt 
gedenkt seiner : »Idem Vincentius barnacensis in sua historia narrat, 
quod fuit in hispania quidam de hoc genere (judaeorum) nomine Petrus 
Alfonsi, qui quendam dialogum solemnem edidit ad fidei catholice de- 
claracöez«. Fernan Perez de Guzmain (Claros varones c. 35, LXXII.) 
besingt ihn in folgender Stanze : 

Aqui conviene que fable 

De Per Alfon un doctor 

Que contra el judaico error 

Fizo un Volumen notable. 

Fu6 esle varon loable 

De los ebreos nascido 

E despues de convertido 

Gristiano muy venerable. 

8) Cerillus wurde vermuthlich erst nach dem Tode des Petrus 
Alphonsus zum Leibarzt des Königs ernannt ; wir erfahren sonst nichts 
über ihn. 

9) Roderig. Tolet. VI, 3 4 : qui satis erat familiaris regi propter 
industriam et scientiam medicinae. 

10) Zuniga, Anales eclesiasticos y seculares (Madrid 17 9 5) I, 47 ff. 
lieber das Epitaphium siehe die Abhandlung von Florez, Espana sagrada,n. 

1 1) Duosque Senecae, unicumque Lucanum 

Facunda loquitur Corduba. Martialis. 

12) Mondejar, Alonso el sabio (Madrid 1777) Fol. 453 f. Prolog zu 
den alphonsinischen Tabellen, mitgelheilt von A. J. de los Bios, Estudios 
sobre los Judios de Espana (Madrid 1848) 272. 

13) Zuniga, 1. c. I, 297, 318. 

14) Zuniga, 1. c. I, 333 : Don Mair, su fisico Judio, a quien por 
el mes de Diciembre hize merced de una casa. 

15) Zuniga, 1. c I, 3 50 : — si los Judios compraren algunas casas 
. . . asi cottiö lo .«iolicn dar por las casas los Cristianos que las avien. 

16) Zuniga, 1. c. : los hijos de cristianos no fuesen lactados por 
mujeres judias, rü los hijos de judios por mujeres cristianas. 

1 7) Von diesem Arzt beiindet sich ein Mscr. im Escurial , »which Mo- 
rejon says, is the first work in Europe on local medicine and medical topo- 
graphy. Piquer regreis it has not been translated from the Hebrew into 
Spanish((fLindo. History of the.?ews of Spain and Portugal (Lond. 1848)111. 



327 

18) Unbegreiflich ist uns, wie Herr Lindo dazu Icommt , diese 
Maria de Molina allenihalben, wo er von ihr spricht, Maria de Pa- 
dilla zu nennen (1. c. H6, 125) und sie mit der 50 Jahre später 
lebenden Crcliebten Don Pedro' s , die er übrigens gar nicht zu kennen 
scheint, zu \erwechseln. 

19) Die Erzählung im Schev.Jeh. (ed. Wiener) 30 ist hier in ein- 
zelnen Punkten ungenau. Es heisst hierin: Don Alphonso, Sohn des 
Königs Don Sancho, während Sancho der Grossvater Alphonso's gewesen 
ist. Zu Vicekonigen wurden, wie Seh. Jeh. richtig angibt, Don Sancho, 
der Sohn der Maria de Molina ,. der Onkel des Königs , und Don Juan 
bestimmt. Nachdem "aber beide an einem Tage im Kriege (gegen die 
Mauren bei Granada im Jahre 1319) gefallen waren , machten sie den 
Don Juan , Sohn des Infanten Don Manuel zum König (Seh. Jeh.). Die- 
ser Juan war nicht der Sohn des D. Juan Manuel, welcher ebenfalls 
die Vormundschaft an sich riss, sondern des D. Juan el Tuerto. 

20) Schev. Jehud. 26. 

21) Despues fiso muchas cantigas de danza e broteras pore Judias 
e Moras. 

22) Man vergleiche unsere Schrift: Moses Mendelssohn's philo- 
sophische und rehgiöse Grundsätze (Leipzig 1856) 138. 

23) Ticknor, Spanish Literature (London 1855) I, 64. 

24) Ueber Alphons de Valladolid : Geiger, jüdische Dichtungen 
der spanischen imd italienischen Schule (Leipzig 1856) 51 f. u. A. Ob 
Alphons 1S!70 geboren und 1349 im Alter von 7 Jahren gestorben sei, 
ist uns noch fraglich. Paul de S. Maria 1. c. erwähnt seiner : — fuit etiam 
in hac regione tempore regis Alfonsi decimi quidam riigr. (magister) 
Alfonsus Burgensis, magnus biblicus ph'us et al' metaphysi- 
cus qui in Ix anno (?) etatis sui fere (!) fidem x^i et sacrorum baptisma 
suscepit. Et consequenter cum esset sacrista ecclesiebaliso- 
letane (Valladolid) pulcra opuscula ad confirmacionem fidei et con- 
firmacionem perfidei judaice in hebraica lingua edidit, quorum 
translaciones in vulgari in domo predicatorum balisoletani 
hodie reperiri possunt. Diese Mss. existirten in dem Archiv der Be- 
nedictiner zu ValladoHd noch zur Zeit Ambrosius' de Morales. Vergl. 
mit den Angaben Paul's de S. Maria Schalsch. Hakabb. (ed. Venedig) 56", 

Eine kurze Charakteristik der Schriften dieses Neophyten gibt Moses 
Cohen Tordesillas(137 5) in der Vorrede zu dem Werke nsilQNn 1T3>(Ms.), 
wo es heisst ; nnisu) (* "oy ■'nsT ^2i^n "«nN 'n i n N iirtu) dnco n:zp 
n^iujön Tin:iT np'Ä) himz 'nco öbbsm -ipn i"^« is> m-i"'ED bnn 
D-^mrisn ü-'-inn la-iT^abn^ "r^nortT pnir riTiia iNipi p-in 
Aehnliches schreibt Moses Cohen ."'öti \nr) mi^n nnsi "^DVI rTiNSria 
in der Vorbemerkung zu § 105, wo von einem Schüler Abner's die 
Rede ist. (Mittheilung Steinschneider's.) 

25) de los Bios, 1. c. 301. 



*) Nach Genesis, XIV, 13 ; eine feine Anspielung auf Abner's Taufe. 



328 

26) Gil ergriff zirr[Vertheidigiing der Juden gegen Gonzalez Marlin 
das Wort, vgl. Schev. Jehud. 32. Auch der Schev.Jehud. 49 genannte 
»Erzbischof«, welcher einen unschuldigen Juden vom Tode rettete, ist 
nach unserm Dafürhalten kein anderer als der Erzbischof Gil. 

27) Ob Carrion sein Geburts- oder nur Wohnort gewesen, lässt 
sich wohl schwerlich ermitteln ; letzteres ist indess wahrscheinlicher, 
wie R. Santob im ersten Verse seines Werkes selbst angibt 

Don Santo 

Judio de Carrion, 

28) In eigenthümlicher Weise will der gelehrte Sanchez den Na- 
men des rabbinischen Troubadours erklären. Seiner Ansicht nach war 
der wirkliche Name desselben gar nicht bekannt ; die Juden hatten, so 
meint Sanchez (Poesias Castillanas anteriores alsiglo XV. [Madrid n7 9] 
I, <80) ihm den Namen gegeben, »a coso por sus virtudes morales y 
literatura, en memoria del aquel otro Rabi JehudaAnasi, conocido entre 
los Judios por Rabi Akados, esto es R. Santo'(. Mögen auch die Juden 
seine Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und seine MoralitUt 
sehr geachtet haben — übrigens war er mit seinen Juden gar nicht 
zufrieden — so haben sie ihn doch gewiss nicht den Heiligen genannt 
und noch viel weniger dem Rabbi Jehudah Hakkadosch gleich gestellt. 
R. Santob mit dem Dichter Don Moses, deniLeibarzt Juan II. (s.S. 53 ff.) 
identificiren zu wollen (Sanchez, 1. c. nach ihm Douce, Dance of Death 
[London t833] 25, welcher Sanchez' Vermuthung schon als Gewiss- 
heit ausgibt und ohne fiedenken niederschreibt: R. Santo was a jew 
and surgeon to Don Pedro [!]. His real name seems to have been Mose, 
buthe calls himself Don Santo, Judio de Carrion) ist eben so falsch, wie 
die Vermuthung Dukes' (Literaturblatt des Orients, XII. [1851] 29) 
ihn unter dem Namen Ephraim ben Sancho*) (Sanci) im Schev. Jehud. 
54 finden zu wollen. M. s. hierüber unsere Notiz in Hirsch, Jeschu- 



*) Es steht meines Erachtens ziemlich fest, dass dieser Eph ra im ein 
Aragonier oder C a t a 1 o n i e r gewesen und mitR. Santob de Carrion 
zugieicherZeit gelebt hat. Was das letztere belrifft, so ergibt sich aus 
Schev. Jehud. 53, dass er die hohe Ehre genoss, von D. Pedro -ftr; nach 
seinem Namen gefragt zu werden. Dieser D. Pedro "(ptn ist kein anderer als 
Pedro IV. von Aragonien, welcher über 50 Jahre (1336 — 1387) regierte, über- 
einstimmend mit Schev. Jeh. 1. c. Kriege gegen die Ungläubigen , die Sara- 
cenen führte und zum Unterschiede von dem damals in Castilien regierenden 
Pedro mit dem Beinamen »der Grausame«, der »Alte« genannt sein mag. Ihn 
sprach Ephraim , dessen Vaterland sich nicht allein aus der Unterredu-ng mit 
dem Könige, sondern und ganz besonders aus dem Namen seines Vaters 
ÄSNtö 1^ ergibt. Als der König ihn nach seinem Namen fragte, antwortete 
er lasNö -ja cji-ien [ühv nach der Amsterdamer Ausgabe des Schev. Jeh. ; 
das hinzugetretene i mag ursprünglich t gewesen sein = taasiü). ijsnü ist das 
alt-catalonische Sanz, welches in der ursprünglichen Form Sanci hiess 
und nur im Volksdiaiect corrumpirt wurde (vergl. Diez, Etymologisches 
Wörterbuch der romanischen Sprachen [Bonn 1853] XI) , wie denn auch der 
Jude dem Könige erwidert: -i^JN'i; ist mein Familienname, eigentlich Sanci 



329 

run III, 158. Vergl. auch Steinschneider , Jewish Litarature (London 
J857) 350, n. 54. 

29) Noch der neueste Bearbeiter der spanischen Literaturgeschichte, 
der verdienstNOlle Ticknor , sagt in seiner History of Spanish Literature 
(London 1855) I, 80 : »Indeed, it is httle to say that few Rabbins of any 
country have given us such quainl and pleasant verses as are contained 
in several parts of these curious counsels of the Jew of Carrion«. 

Dass R. Santob de Carrion nicht der erste Jude gewesen, welcher 
für einen König oder in dessen Auftrage sentenziöse Sprüche verfasste, 
erfaiiren Mir aus der so eben erschienenen trefTHchen Schrift unseres 
Helfl'erich »Raymund Lull und die Anfänge der catalonischen Literatur« 
(Berhn, Springer). D. Jaime I., König von Aragonien und Catalonien 
(1213 — 1276), dessen Vater sich genöthigt sah, den grössten Theil 
der Güter und Einkünfte der Krone den reichen Juden seines Landes 
zu überweisen *) (Schmidt, Geschichte Aragoniens im Mittelalter [Leip- 
zig 1828] 141), gab einem Juden aus Barcelona, Jafuda, den Auftrag, 
einen entsprechenden Auszug von Sprüchwörtern aus arabischen Phi- 
losophen zu fertigen. Diese von Jafuda verfasste Sammlung befindet 
sich handschriftlich auf der Madrider National-Bibliothek : »Jafuda, Judio 
de Barcelona, Dichos y sentencias de Filosofos sacados de libros arabes 
por orden de D. Jaime I. de Aragon y trad"„* en lemosin a. 1385«'. 
Jafuda (Jehudah) ist eine höchst mysteriöse Person , und dürfte es 
schwer fallen , den eigentlichen Namen dieses königlichen Spruch- 
sammlers vollends zu ergründen. Zunächst liegt mit Helfferich, 59, 
an den gewandten Reisenden und arabisirenden Dichter Jehudah ben 
Saiomon al-Charisi zu denken, welcher in der ersten Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts , also gleichzeitig mit D. Jaime blühte und Sentenzen der 
Philosophen »D'^snDlb'^öti ■'nD^Ü« aus dem Arabischen ins Hebräische 
übersetzte. Bei den von HellTerich 52 f. mitgetheilten Sprüchen lassen 
sich, wo nicht die Autoren selbst, denen Jafuda folgte, so doch ver- 
wandte Beziehungen nachweisen. 

30) Dieser Beiname rührt von seiner im liebhchen Thale gelege- 
nen Vilia her. Dort befand sich früher ein der Santa Juliana geweihtes 
Kloster. Aus Santa Juliana wurde später durch Zusammenziehung 
Santa illana, dann Santillana. Florez, Espaiia sagrada, XXVII, 58. Der 
Familienname Santiihano existirt auch unter den spanisch - portugiesi- 
schen Juden noch heute. 

31) Sanchez, 1. c. I, i. 

32) Sanchez, I. c. I, Li. »E aun por tanto los Hebraycos ozan 
afirmar que nosostros no asi bien como ellos podemos sentir el gusto 
de la SU dulceza«. 

33) Sanchez, 1. c. I, 38. 

34) Hirsch, Jeschurun, III, 214. 



*) Als Folge dieser Verpfändungen dürften die vielen Gesetze betrachtet 
werden, welche D. Jaime gegen den Wucher und die übergrossen Zinsen der 
Juden erliess. 



350- 

35) Saüchez, I. c. I, lix. 

36) Pusele »en cuento de tan nobles gentes« por gran trovador. 
Sancliez, 1, c. I, lix. 

37) Sanchez, 1. c. I, 180; Rodr. de Castro, Bibl. espan. (Madrid 
1781) I, 198; Ticknor, 1. c. III, 42 2. 

38) »Nous avons eu occasion« , sagt ein erst jüngst aus Spanien 
zurückgekehrter P^orscher, »de comparer ce manuscr. avec celui qui 
existea Madrid et nous avons trouve que les idees sont bien les meines, 
mais que la forme en est toute ditTerente ; il est donö probable que ces 
deux mss. ont ete ecrits sans que pour la redaction de Tun on se seit 
servi de l'autre, car on ne peut guere attribuer a un erreur de copiste 
la diCference entre les titres, dont Tun dans le mscr. de Madrid porte 
el libro del Rabi Santob et l'autre Consejos y documentos del Judio 
Rabbi Don Santo al Hey Don Pedro«. Heltlerich, Apercu de l'histoire 
des langues neolatines en Espagne (Madrid 1857) 50 f. 

Ein von uns angestellter Vergleich zwischen dem von Ticknor 
nach dem Mscr. im Escurial abgedruckten Text und einer uns von 
unserm lieben Lehrer und Freunde Herrn Dr. Helfferich freundlichst 
übergebenen Abschrift des Mscr. in Madrid ergab, dass einzelne Verse 
des Madrider Mscr. sich in dem des Escurial gar nicht finden. 

39) Schnurrer, Chronik der Seuchen (Tübingen 1823) I, 3 27. 

40) Zunz, Synagogale Poesie des Mittelalters (Berlin 1855) 39 f. 
Interessante Zusammenstellungen und Notizen über diese Epidemie 

finden sich in der jüngst erschienenen, mit Noten bereicherten Ueber- 
setzung des Emek Habacha von Wiener (Leipzig 1858) 186 ff. 

41) Schnurrer, 1. c. I, 334. 

42) Zunz, 1. c. 41. 

43) Wolf, Jahrbuch der Literatur (Wien 1832) LIX, 28. 

44) Zum ersten Male nach dem Mscr. im Escurial vollständig ab- 
gedruckt bei Ticknor, 1. c. III, 422 — 436. 

45) Berachah, hebr. Segensspruch. 

45") Der Dichter w^ählteR. Assa als einen der letzten und bekann- 
testen Amoraim. 

46) Schack, Geschichte der dramatischen Literatur und Kunst in 
Spanien (Berlin 18 45) I, 124, 

47) de los Bios, 1. c. 319, 

48) de los Rios, 1. c. 3 09, 

49) Ad. de Castro, Judios en Espana (Cadiz 1847) 65. Pero es 
cosa averiguada que Rabi Don Santo fue convertido ä la fe de Cristo ; 
puesto que escribio sn verso una doctrina cristiana etc. 

50) Sanchez, I, c, IV, xii. : Repugnabame que un Judio judaizante 
habl. cristianamente, son pues solamente suyas las que tienen por titu- 
los consejos etc, 

51) Sarmiento, Memorias para la historia de la Poesia y Poetas 
Espanoles (Madrid 1775) 191, 

52) Ticknor, 1, c, I, 80: In the Escurial manuscript, contaiüing 
the Verses of the Jew, are other poems, which were at one time attri- 



331 

bii(e(f to him, but wliich it seems probable belong to other, though un- 
kiiowii authors. 

53) Douce, I. c. 25: It may however be doiibted , whether Ihe 
Jew Santo was the author of the Dance of Death , as it is by no means 
iniprobable, (hat it may have been a subsequent werk, added to the 
nrranuscript . 

54) Helfferich, 1. c. 50 : Dans tous les cas ü est certarn que ce 
Rabbi, supposö nienie , qu'il eul embrasse la religion chretienne ne 
pouvait ötre l'auteur de laDoctrina cristiana et de la Danza de laMuerte 
(]ui dans le Mscr. de l'Escurial etc. 

55) Sanchoz, 1. c. IV, xri. meint, »son de uno o mas anonimos 
Cristianos«. 

56) Auch die Kabbalisten bedienten sich häufig dieses Symbols. 
Auf einem Grabsteine in Spons, Miscellan. Erudit. Antiquitt. 7 ist ein 
zur Erde niedergestreckter Körper dargestellt und über ihm ein Schmet- 
terling, der eben dem Munde des Verschiedenen, oder wie Homer sich 
ausdrückt, der Zähne Gehege entkommen ist. 

57) Wolf, 1. c. 30; Ticknor, 1. c. I, 81. 

58) R. Jehudah ben Ascher, nach dem Tode seines grossen Vaters 
zum »maestre universal de Espana« ernannt, töütete sich DuJtn riN U5npb 
ni9 in Toledo. Juchasin, ed. (Amsterdam) I00^ iOT; Schalsch. Ha- 
kabb. 60"; Immanuel Aboab, Nomologia (Amsterdam 1629) 284. 

59) Man vergleiche unsere Abhandlung : Don Pedro und sein 
Schatzmeister Samuel Lewi , in Frankel's Monatsschrift für Geschichte 
u. s. w. VI, 305—381. 

60) Nach de los Rios, 1. c. 32 6 besteht der Prolog nur aus 3 4 Ver- 
sen ; anders die in Prosa verfasste, dem Gedichte vorangeschickte Ein- 
leitung, in welcher es heisst: »el prologo de sus rymas esveynte e 
tres coplas fasta de quiero desir del mundo«. Dieses ist auch 
dem Innern Zusammenhange nach das allein Richtige. 

61) Wir beziehen uns auf die von Dukes 1. c.XII, 30) angeführte 
Stelle aus dem "ilöil "iTliS, 32:SnDDUJ]Tii'nri t3'>'<E)mO''"'UJ ntV 

6P) Diese Stadt, welche unseres Wissens nur einmal und zwar 
an dieser Stelle in jüdischen Schriften vorkommt — in der Abhandlung 
von Zunz über hispanische Ortsnamen (Zeitschrift für die Wissenschaft des 
.ludenthums, I \ 4ft'.) fehlt dieser Name — hiess ursprünglich Virouesca. 
In späterer Zeit trat an die Stelle des V ein B und erst die Castilianer 
veränderten den Namen in Briviesca. So wird er auch am häufigsten 
gefunden. Hierher berief .luan II. 1388 eine Cortes-Versammlung. 

62) R. Samuel Zarza in seinem Werke »Mekor Chajim«, im Aus- 
zuge dem Schev. Jehud. (ed. Wiener) 131 angehängt. 

63) Der von Samuel Zarza 1. c. genannte i>Tü "nu: bn^il 1^ ist 
nicht der Herrscher niiaAT üiTS» lb 1U3N ^ü"^« (^•'i'N;) ts'^bxa von 
Galicien , wie Wiener und vor ihm*iS. Weil übersetzten , sondern der 
von den Chronisten oft genannte Prinz von Gales (Wales [der schwarze 
Prinz]). Die Juden schreiben sf^wölmlich «''"»D'>"bKS för Galicien. 



332 

64) Beer, Philosophie und philosophische Schriftsteller der Juden 

(Leipzig 1852) 80 f. 

65) Aboab, Nomologia, 290. Cardoso, Excelencias de los Hebreos 
(Amsterdam 167 9) 371. 

66) Ayala, Cronica de los Reyes de Castilla (Madrid 1770) II, 27. 
Paul de S. Maria , 1. c. : Rex Henricus secundus .... ipse instituit in 
curiis generahbus quod judei portarent Signum distinclionis in suis 
vestibus. 

67) Paul de S. Maria, 1. c. : Rex Johannes primus , felicis recor- 
dacöis , filius superdicti regis Henrici secundi instituit , quod judei 
nulla haberent publica officia nee jurisdictiones etiam inter se ipsos in 
criminalibus exercerent. Vergl. hiermit das in der Cortes-Versammlung 
zuValladolid erlassene, hierauf Bezug nehmende Gesetz, que no fueran 
los hebreos oficiales del rey , ni sus almojarifes , ni de la reina , ni de 
los infantes , ni de otras personas , ni sus recandadores , ni sus conta- 
dores, ni cogedores. 

68) Schev. Jehud. 88 u. a. a. St. Ayala, 1. c. II, 361 f. 390 f. 
Zuniga, Anales de Sevilla II, 236 if. Paul de S. Maria, 1. c. : Post quem 
regem Johannem regnavit rex Henricus tercius sant. memor. filius ejus 
in anno XI. etatis sue in cujus regni principio ulcionem sanguinis xpi 
(Christi) excitanti multitudo popularis magna et valida contra eos sur- 
rexit et quorum plurimi erant interfecti per totam hispaniam, qui quidem 
tumultus incepit a civitate hispanensi in cujus ecclesia me- 
tropolitana quidam archidiaconus in Irata Simplex et lauda- 
bilis vite cepit praedicare contra errores judeorum et modos eorum 
vivendi enormes et contra sinagoges eorum movit cum sacrorum cano- 
num tenore edificantes ex quo tumultus superdictus incepit inbrevissimo 
tempore per totam hispaniam et ultra usque pereneos et in insulis ma- 
joricarum et Sardine velocissime evolavit. 

69) Lozano, Reyes nuevos de Toledo bei de los Rios, 1. c. 72. 

70) Ibid. 7 6. 

71) Ayala, 1. c. 11, 460. 

72) Juchasin (ed. Amsterdam) 1 34 ; Köre Hadorot (ed. Cassel) 27'. 
Dass R. MairAlguades die Beschuldigung der Vergiftung getroffen habe 
und er der Religionsverhöhnung schuldig befunden worden sei (Jost, 
Geschichte der Israeliten, VII, 56 ; Zunz, 1, c. 47) erzählen die genannten 
Quellen niclrt. Die von Jost citirte Historia de Segovia von Colmenares 
(Madrid 1640) Fol. 3 2 4''berichtet allerdings von der Tortur, welche ein Don 
Mayr (sie) erlitten habe, nennt ihn aber nicht Alguades , so dass dieses 
noch immer ein anderer Leibarzt gleichen Namens sein kann. Schalsch. 
Hakabb. 115' spricht auch nur von Ijb'J^'n NDi^ T^NQ in, eben so 
Emek Habacha (ed. Letteris) 78 ip'i^S'^i« "jn '^Vüln Nsn ^"««73 pH. 
Cardoso I.e. 373 erzählt ebenfalls die Geschichte der Hostienschändung, 
bemerkt aber dabei : Pero los que escrivieron la Coronica deste Rey, y 
de Don Juan el segundo su hijo tio hazen mencion deste successo, ni 
desta muerte como son Alvar Garcia (de S. Maria) Pero Lopes de Ayala, 
y Fernan Perez de Guzman (diese Chrqpik ist nur eine Fortsetzung der 



333 

Alvar Garcia' s) no la escrive Marineo Siculo, ni Vasco, ni Mariana, 
Aulores todos tan graves , solo la ponen aquellos dos poco afficionados 
ä la Nacion Judayca. 

73) Der Herausgeber der Historia de EspanadesP. Mariana (Valencia) 
VI, 265 hatbereits diese Vergiftung für erdichtet erklärt. Enmijuicio, sind 
seine Worte, es una de aquellas calumnias fabulosas que forjo 
el vulgo porelodio que lenian a las cesuras y pertinacia judaica. 

74) Suru;ario de los Reyes de Espana 7 5 : E esto Don Abraham 
Aben Zarzal fue padre deDonMosenAbenZarzal, fisico que es 
agora de nuestro senor el Rey Don Enrique III. 

75) Cancionero de Baena (Madrid 4 851) 230. Die von Rodr. de 
Castro 1. c. I, 297 und nach ihm von de los Rios 1. c. H9 , Ad. de 
Castro I.e. 7 4 dem mitgetheilten Gedichte noch hinzugefügten, in einem 
andern Metrum geschriebenen beiden Verse finden sich im Cancionero 
selbst nicht. Der eine Vers lautet in der Uebersetzung : 

Majestätisch bricht der Löwe furchtlos ein 
In der weiten Ebne schwache Hütte, 
Blickt da funkelnd stumm auf Garten, Feld und Stein 
Nach des stolzen Löwen stolzer Sitte. 
Mächtig öffnet er den Rachen zum Geheul, 
Alles starret, was ihm nahe weilet ; 
Ob der Stimme dröhnet selbst der Pforte Saul' — 
Auch dessen Reich hat Gott ihm zugetheilet. 

76) Cancionero de Baena 668 : De Don Mosse, gurgiano o cirujano 
del rey D. Enrique III. nada sabemos. El nombre de Mosse no deja duda 
alguna de que fue judio u converso. 

77) Cronica de D. Juan II. por Fernan Perez de Guzman (Logrono 
1517) Fol. 35*' : Estando el rey y la reyna y el infante en Ayllon vino 
un frayle etc. 

78) Zurita, Anales de Aragon, III, 55 f. 

79) Alcocer, Historia de Toledo, Fol. 70. 

80) Cronica de D. Juan H, 1 i^. 

81) Die Chronik des D. Juan II. w^urde von Alvar Garcia de S. 
Maria begonnen und von Fernan Perez de Guzman , welcher Garcia's 
Mscr. in dem Monasterium des St. Juan-Ordens , wo Garcia begraben 
worden, selbst sah, später fortgesetzt. 

82) Geffcken, Bildercatechismus des 15. Jahrhunderts (Leipzig 
4855) I, 30. 

83) Ein hebräisches Gedicht (Weinlied zur Purim-Feier) Schelomo 
Halewi's befindet sich in einer Leydener Handschrift, so wie in der 
Bibliothek des jüd.-theologischen Seminars zu Breslau. 

84) Nach der Paul gesetzten, von Florez, Espana sagrada (Madrid 
1771) XXVI, 387, mitgetheilten Grabschrift ist er in dem 83. Jahre 
seines Lebens gestorben : 

Praefectus est ad omnipotentem Deum senex et plenus dierum 
XXIX die Augusti A. D. MCDXXXV, aetatis vero suae LXXXIIT. 

Nach Fernan Perez de Guzman, Generaciones C. XXVI war er 85 Jahre 
alt, als er starb. 



334 • 

85) Hernando de Pulgar, Claros vurones de Espana, 22. 

86) Cronica de D. Juan 11. 7 4*'. 

87) Ibid.; Mariana, Historia general de Espana, l. XXI c. 6. 

88) Florez, Espana sagrada XXVII, 550. 

89) Ticknor, I. c. I, 400. 

89") Alcala hatte bis zu Anfang des i 5. Jahrhunderts eine zientlich 
ansehnUche Jüdische Gemeinde. Zur Zeit Maimonides' lebte dort Mar 
Isaac als Rabbiner ; in gleicher Stellung lebte daselbst R. Menachem 
ben Serach wohl über 40 Jahre. R. Isaac ben Scheschet correspondirte 
mit einem Abraham Alcachli aus Alcala. Vgl. Zunz, Zeitschrift für die 
-Wissenschaft des Judenthums, 138. 

90) Adonai, Gott; Aljama, Judenstadt; Barcelay wird von 
Pidal nach Castro mit »Teufel« erklärt, wahrscheinlich ist es der Name 
eines Juden, welcher 14 82 irgend eines Verbrechens wegen in Vittoria 
gefänglich eingezogen wurde. Vgl. Lindo 1. c. 2 59 ; Kohanim. Prie- 
ster; Sopherim, Schreiber; Meschumad, Täufling; Scham- 
m e SS, Synagogendiener ; Hiimasch, gewöhnliche Bezeichnung für 
die 5 Bücher Moses ; P y s m o n , Hymne ; das spanische h u y n n a, wel- 
ches Pidal nicht zuerklären wjisste, ist ohne Zweifel das hebr. fiinn, 
ein Gebet ; Zedakah, Almosen; Tefillah, Gebet. 

91) Haefele, Der Cardinal Ximenes (Tübingen 1844) 279. 

92) Bernaldez , Historia de los Reyes catoHcos , c. XLIII. MS. bei 
Prescott, Ilistory of the reign of Ferdinand and Isabella (London 1838) 
I, 357. 

93) Llorente, Histoire critique de l'lnquisition d'Espagne (Paris 
1817) l, XXIV. 

94) Bernaldez, 1. c. bei Prescott, 1. c. I, 353. 

95) Montoro Poesias Varias Ms. AI rey D. Fernando el catolico 
sobre el robo de Carmona : 

Si hablo con osadia 
Es por ver de cada dia 
Lo que jjijo Salomon. 
Si quisiereis perdonarme 
Seguireis la via usada etc. 

Vergl. Canc. de Baena, die gelehrte Einleitung Pidal's XXXIV ff. 

96) Die Bruchstücke des Ezekielos abgedruckt bei Delitzsch I. c, 
Dübner u. A. 

97) Aus eiriem Titel seines berühmten Dialogs , wieder gedruckt 
zu Medina del Campo 1 569 : Dialogo hecho por el famoso autor Rodrlgo 
de Cota, eltio, natural de Toledo ergibt sich, dass Toledo sein 
Geburtsort gewesen ist. Vgl. Puibusque, Histoire comparee des lit- 
teratures espagnole et francaise (Paris 1843) I, 436. 

98) Cancionero de Baena , Einleitung XXXVII. 

99) Ibid. — Por vos non querer dejaV 

De ser ropero. 

iOO) Ibid., Einleitung XXXVH. 



335 

101) Usque, Consola^oes, luitgetheilt in englischer Ueberselzung 
von Lindo, 1. c. 250. 

102) Mitgetheiit von Ad. de Castro, 1. c. U9 ff. 

103) Mitgetheiit von Ad. de Castro, 1. c, 4 13 ff. : La entrada de 
estos jueces en Sevilla i la conspiracion maquinada por los judios para 
deslruirlos se leen en iin MS. de aquel tiempo i de incierto autor. 

104) Bernaldez, Historia de los Reyes Catölicos Fernando y Isabel, 
WS. c. XLIV. bei Ad. de Castro, 1. c. H5. 

105) Llorente, 1. c. I, 4 60. 

106) Ad. de Castro, Protestantes Espanoles (Cadiz 4 851) 245. 

107) Llorente, 1. c. I, 189 ff. 

108) de los Rios, l c. 155. 

109) Dieser geistreiche Gedanke wurde unseres Wissens von un- 
serm trefflichen Zunz (Zur Literatur und Geschichte [Berlin 1848 ]526) 
zuerst ausgesprochen. Der Wiener Dichter Ludwig August Frankl hat 
ihn später (wahrscheinlich nach Zunz) in einem schönen Gedicht ver- 
arbeitet (Frankl, Nach der Zerstörung [Wien 1856] 27 ff.). 

110) Peter Martyr d'Angleria legatio Babyl. 1. 3 p. 426, (ed. 1574) 
bei Zunz, Synagogale Poesie, 52. 

111) Llorente, 1. c. I, 261. 

112) Bekanntlich finden sich über die Zahl der Ausgewanderten 
die verschiedensten Angaben. Die von uns angenommene Zahl gibt 
Jachia 1. c. 115* an. Bei Abrabanel sind 300,000, bei Aboab (1. c. 
290] 420,000 Seelen, bei Cardoso 1. c. 383 120,000 Familien mit 
400,000 Seelen, bei Luzatto (Discorso circa il stato degl' Hebrei [Venet. 
1635] 87) Va Million angegeben. Die höchste Zahl, 800,000 Seelen, hat 
Mariana. Ygl. Cassel , Encyklopädie von Ersch und Gruber II, XXVII, 
225, Note 19. 

113) Cassel, 1. c. 200. 

114) Aboab, l. c. 295. Gonzalo de Illescas , Historia Pontifical y 
Calholica (Barcelona 1606) Fol. 109^ 

Illescas spricht sich über die Vertreibung der Juden und ihre 
Wanderungen folgendennassen aus : 

Estando pues los glorioses Principes en su nueva villa de Sancta Fe 
(Granada), libraron y pronunciaron, ultimo dia delmes deMar\"o 
del felice ano de noventa y dos, una ley y pragmatica universal, por la 
quäl rnandaron , que dentro de los quatro meses primeros siguientes 
Abril, Mayo, Junio , hasta el postrero dia de Julio, saliessen fuera de 
sus Reynos todos los .ludios con sus mugeres, hijos , criados y escla- 
vos , que no fuessen Christianos : y que no parassen ni boluiessen 
jamas a ellos , de vivienda ni de posada , so pena de muerte y contis- 
cacion de todos sus bienes. Y porque no pareciesse tyrana , y que se 
hazia esto por tomarles lo que tenian , dioseles a los tales Judios facul- 
tad y libre poder , para que en estos quatro meses vendiessen sus ha- 
ziendas a quien bien vislo les fuesse. Y que pudiessen lleuarlas fuera 
destos reynos : con tanto que guardassen las leyes, que vedan sacar 



— _ 336 — 

algunas mercaderias. Con esta sancta y rigurosa ley salieron de Ca- 
slilla passadas de veynle y quatro mil familias y casas de 
Judios. Vendieron todo lo que lenian, y si passauan la mar 
pagauan dos ducados al Rey por cabega. Fueron se muchos 
dellos a Portugal,, de donde despues aca tambien los han echado. 
Otros sefueron a Francia, Ilalia, Flandes y Alemana. 
Y aun yo conoci en Roma alguno que auia sido vezino de 
Toledo. Passaron se muy muchos a Constantinopla, SaJ- 
loniqueoTessalonica, alCayro, ya Berber! a. Lleuaron 
de aca nuestra lengua, y toda via la guardan, y usan 
della de buena gana, y es cierto que en las ciudades de Saloni- 
que, Constantinopla , Alexandria, y en el Cayro , y en otras ciudades 
de contratacion y en Venecia, no compran, nivenden, ni ne- 
gocian en otra lengua sino en Espanol. Y yo conosci en 
Venecia judios de Salonique liartos, qui hablauan Ca- 
stellano, con Serbien mogos, tambieijy mejorque yo. 
Es grandissimo el prouecho que el gran Turco siente desta geste 
por los tributos que le pagan, y ansi dizen , que Bayazetes, que 
vivia quando estos Judlos se fueron a sus tierras , solia dezir: yo 
nose, como los Reyes de Espana son tan sabios, pues 
tenian en su tierra tales esclauos como estosJudios, y 
losecharon della. — 

115) Diese nach Einigen von dem Cardinal Siliceo verfassten 
Briefe finden sich bei de los Rios, 1. c. 204 f , Ad. de Castro, 1. c. 1 38 ff. 
Beide Historiker bringen noch zwei andere in der Sprache verschiedene, 
im Inhalt aber ganz gleiche Documente bei. Es ist lächerlich, wenn Lindo 
1. c. 2 98 hier mit seiner sonst nur zu sehr vermissten Kenntniss der 
jüdischen Literatur auftritt und die zehn Generationen der spanischen 
Rabbinen aufzählt, um die Unächtheit dieser handschriftlich in dem 
Archiv der Kathedrale zu Toledo aufbewahrten Briefe zu beweisen. 
Diese Mühe hat Herr Lindo dem principe Chamorro zu danken! 

116) Schev. Jehud. 91. 

117) Bartholomäus Senarega, de rebus Genuensibus bei Muratorii 
Script, rer. ital. XXIV, 531. Vgl. Prescott 1. c. I, 231. Wiener hat die 
Stelle nach dem lateinischen Text mitgetheilt (Emek habacha, deutsche 
Uebersetzung, 199 n. 233*). 

Die Leiden der aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden kön- 
nen wir an diesem Orte nicht ausführlich behandeln. Sie werden ge- 
schildert von Zacuto in Juchasin , Jachia , 1. c. ; Samuel Usque, Conso- 
lacoes, Abrabanel, »geschmacklos aber mit glühender morgenländischer 
Phantasie«, wie Jost (1. c. VII, 89) sich auszudrücken beliebt, in der 
Vorrede zu den Commentaren ; Elia Capsali in Seder Eliahu , fragmen- 
tarisch zum ersten Male veröffentlicht als Beilage zur deutschen Ueber- 
setzung des Emek Habacha von Wiener (16 — 22) ; Jehudah Hayut in 
der Vorrede zu seinem Werke Minchath Jehudah (Köre Hadorot 30") ; 
Schev. Jehud. , Hieronimus Osorius , De Rebus Emanuelis üb. I und 
verschiedenen Zeitgenossen. 



337 

118) Wolf, Actenstücke zur Geschichte der Juden, in Steinschnei- 
der's hebräische BibHographie No. I, 17. 

119) Ranke, Die römischen Päpste (Berlin 18 54) I, 48. 

120) Schev. Jehud. 92; Schalsch. Hakabb. H6. 

121) Eine genaue Angabe der Quellen und ausführliche Behand- 
lung in unserer »Geschichte der Juden in Spanien und Portugal«. 

122) Aboab, I.e. 300. Vgl. unsere Abhandlung : Immanuel Aboab 
und seine Nomologie, in Hirsch, Jeschurun, IV, 566 fl". 

123) Schnurrer, l.'c. II, 42. 

124) Emek Ilabacha 88 ; Schalsch. Hakabb. HS. 

125) Possunt habere characterem sed non rem sacramenti .... 
Omnes litterati et ego insapientior omnibus monstravi plurimas aucto- 
ritates et jura, quod non poterant cogi ad suscipiendam christianitatem 
quae vult et petit libertatem et non violentiam, et licet ista non fuerit 
precisa, scilicet cum pugionibus in pectora , satis dum violentia fuit. 
Episcop. Silv. Sentent. in Symmicta Lusitana vol. 31 f. 70 ; bei Her- 
culano, Inquisicäo em Portugal (Lisboa 1854) I, 121. 

126) Schev. Jehud. 93. 

127) Patrem filium adducentem, cooperto capite in Signum maxi- 
mae tristitiae et doloris ad pillam baptismatis, protestando et Deum in 
teslem recipiendo, quod volebant mori in lege Moyse. Episcop. Silv. 
Sentent. 1. c. 

128) Multos vidi per capillos adductos ad pillam. Episcop. Silv. 
Sentent. 1. c. Emek Habacha 89 u. a. m. 

129) Os actos que se acabavam de practicar eram nao so uma 
affronta ao christianisrao, Herculano 1. c. 128. 

130) Von jüdischen Quellen erwähnen des Aufstandes in Lissabon 
Schalsch. Hakabb. 1 16% Schev. Jehud. 93 f., Emek Habacha 90. 

131) Acenheiro , Chronicas dos Reis de Portugal, (Lisboa 182 4) 
333. Der beiden Dominicaner gedenken auch die jüdischen Quellen, 
ohne sie namhaft zu machen. '% 

132) In der Klageschrift der Juden an Paul III. (Symmict. Lusit. 
vol. 31 f. 5) werden 4000 Todte angegeben, eben so Schalsch. Hakab. 
und Em. Habach., Schev. Jehud. hat 3000 . Andere Geschichtschreiber 
aus jener Zeit nehmen nur 2000 an. 

133) Der König hatte Commissarien nach der Stadt geschickt, 
kam aber nicht selbst, wie es im Schev. Jehud. heissl. 

134) Acenheiro 1. c. Figueiredo, Synops. Chronol. I, 162 f., bei 
Herculano 1. c. 151. 

135) Llorente, 1. c. I, 334, 345 ff. 

136) Buxtorf, Synag. Judaic. c. 21. 

137) Puibusque , Histoire comparee des Utteratures espagnole et 
fran^aise, (Paris 1843) I, 14. 

138) Bouterwek, Geschichte der spanischen Poesie, (GÖttingen 
4804) HI, 13. 

139) Sachs, Rehgiöse Poesie derJuden in Spanien, (Berlin 1 845) 142. 

Kuyserling, Sepiiardim. %% 



338 ■ 

140) Lindo, 1. c. 337. 

141) Ranke, I. c. II, 256 ff. 

142) Lessing, Sämmtliche Schriften (in der Lachmann' sehen Aus- 
gabe) III, 366 f. 

143) Ueber dieses Bibelwerk vgl. Clement, Bibliotheque curieuse 
historique et critique, (Göttingen 1752) III, 446 — 48 ; Le Long, Biblioth. 
sacr. 364 ff.; Castro, 1. c. I, 40« fT. ; Wolf, BibUolh. hebraea. De 
Rossi, De typograph. hebraeo-ferrarensi , Cap. YI. u. A. 

144) Barbosa, Bibliolhecalusitana, (Lisboan47) 111,671 nennt ihn 
Salusque (sie) Lusitano, »nome afTectado com que encubrio o proprio^. 
Wolf, 1. c. III, 1025, lY, 973 und III, 300 ; Delitzsch, 1. c. 70. Die- 
selbe Person führt Barbosa (1. c. III, 700) nochmals an unter dem 
Namen Seleuco Lusitano mit dem Zusätze : Esto Author que declarou 
a Na§ao, e ocultou o nome , foy igualmente perito na lingua Italiana e 
Castelhana vertendo daquella nesta Sonetos etc. Yenezia 1567. 4. 

Der gelehrte Antonio Ribeiro dos Santos (Memorias de Litteratura 
portugueza, [Lisboa 1792] II, 3 60) meint, dass SalomonUsqueder 
Vater von Abraham und Samuel Usque gewesen sei: »Salomao üsque 
Pai e seus filhos Abrahao e Samuel Usque«. 

145) Sachs, I. c. 142. 

146) Yelasquez, Geschichte der spanischen Dichtkunst , deutsch 
von Dieze, (Göttingen 17.69) 286. 

1.47) Prescott, History of Philipp the Second, (London I 855) I, 27 1 . 

148) Kampen, Geschichte der Niederlande, (Hamburg 183 1)1,326. 

149) Ranke, 1. c. I, 310. 

150) Llorente, 1. c. II, 370. 

151) Llorente, 1. c. II, 150. 

152) Llorente, 1. c. II, 3 40. 

153) Llorente, 1. c. II, 340, 347. 

154) Llorente, 1. c. II, 371. 

155) Hortos suos ei spectaculo Nero obtulerat. Tacitus, Annal. 
XV, 44. 

156) Ciriense ludicrum edebat habitu aurigae permixtus plebi vel 
curriculo insistens ; ibid. 

157) Barbosa, 1. c. II, 749. 

158) Unter dem Namen Juan ist er bekannter, daher auch Wolf, 
I.e. III, 361 : »Jochanan Pinto Delgado«. Steinschneider (JewisliLiterature 
[London 1857] 235) führt ihn (nach De Rossi, Dizion. storic, deutsch 
von Hamberger [Leipzig 1 839] 265) unter »Juan (not Moses, why not?) 
Delgado Pinto« an. Ad. de Castro nennt ihn (1. c. 193) Juan, doch 
einige Zeilen nachher irrthümlich Jose. 

159) Pius Y. wurde zu Bosco unfern Alessandria geboren (Emek 
Habacha 130, Ranke, 1. c. I, 356). Schalsch. Hakabb. H7'' nimmt 
fälschlich Alessandria als Beinamen ; eben so falsch ist die Jahresan- 
gabe ; Paul IV. starb 9. December 1565, Pius V. Wahl fand 8. Januar 
1566 statt. 

160) Ranke, 1. c. I, 371. 



339 

161) Emek Habacha 132. 

162) Emek Hiü)acha «49. 

163) Barbosa, 1. c. II, 722. 

164) Ticknor, 1. c. II, 46 : Luis de Leon had a Hebrew Soul and 
kindles his enthousiasm almost always from Ihe Jewish scriptures. 

165) Exposifio Threnarum, id est Lamentatio Hieremiae. Nie. 
Anton. Bibl. Hisp. II, 179. 

166) de losRios, 1. c. 510. 

167) Ad. de Castro, 1. c. 193. 

168) Ticknor, 1. c. II, 46 n. 15. 

169) Barrios, Relac. de los Poelas Espanoles, 54. 

1 70) So Barbosa und nach ihm Ticknor ; nicht Paris, wie de los Bios 
meint. Das Exemplar , welches de los Bios und wie er vermuthet auch 
Rodr. de Castro (1. c. I, 510) benutzte, hat weder Angabe des Druck- 
orts noch Jahres. 

171) Barbosa, 1. c. II, 3 93. 

172) Poema composto em Outava Rima de que era o argumento : 
A violento irrup^äo feita peles Inglezes no ano 1596 etc. Barbosa, 
1. c. II, 393. 

173) Koenen , Geschiedenis der Joden in Nederland , (Utrecht 
1843) 128 f. 

174) Kampen, I. c. I, 327. 

175) Kampen, 1. c. I, 328 f., 349. 

176) Koenen, 1. c. 132. 

177) Barrios, Casa de Jacob, 5 hat en el ano Judayco de 5350 que 
corresponde al de 1593 (mussheissen 1590) de laChristiandad, so auch 
Wagenaar, Beschrijving van Amsterdam, VIII, 127, bei Koenen, 
1. c. 142. 

178) Barrios, Casa de Jacob, 6 f. 

179) Barrios, Relac. de los Poetas 53. Tirado war kein Dichter, 
wie Wolf, 1. c. III, 533 meint. 

180) Barrios, Casa de Jacob, 10; Maskil elDal, 133. Koenen^ 
1. c. 186. 

181) Barrios, Insigne Jesiba de los Pintos, 4 ; Wolf, 1. c. III, 
205, 177. 

182) Barrios, Relac. de los Poetas, 53 : 

Infernales espiritus quebranta 

David Abenatar Melo harmonioso 

Traductor del Psalterio misierioso. 

Arbol de las Vidas 93 : 

David Abenatar Melo 
Pasma iras, hiere sobervias 
Con el harpa de su voz, 
Y el canlo de su prudencia. 

183) Wolf, L c. III, 177, 1068. 

184) LeLong in seiner Bibliotheca sacra thut dieser Uebersetzung 
kerne Erwähniuig, führt jedoch in den' addendis ad biblioth sacr. 

n* 



340 

1208, col. i ein Psalterium hispanice a quodam Judaeo salt. ab Hispa- 
nia, anno 1628, an, welches aller Wahrscheinlichkeit nach die Ueber- 
setzung Melo's und vielleicht eine von ihm selbst besorgte zweite Aus- 
gabe ist. 

185) Ad. de Castro, Protestantes espanoles, 3 00. 

186) Barrios, Insigne Jesiba de los Pintos, 2; Arbol de las 
Vidas, 82. 

187) Barrios, Keter Sehern Tob, 152. 

188) Barrios, Triumpho del Govierno Populär, 70 f. Mit un- 
serm Antonio Alvares Soares lebte zu gleicher Zeit ein anderer Dichter 
gleichen Namens, welcher ebenfalls nach Flandern auswanderte, 
aber erst im Jahre 4 630. (Da der unserige sich bei der Einweihung 
der ersten Synagoge, also 1607 schon in Amsterdam befand, so 
kann es unmöglich derselbe sein.) Jener wurde in Lissabon geboren, 
verstand die meisten europäischen Sprachen und war als lyrischer 
Dichter von den grössten italienischen und spanischen Dichtern verehrt. 
1628 erschienen von ihm in Lissabon »Rimas Varias«. Nie. Anton., 
1. c. I, 75. Cordeiro, Elog. dos Poet. Portug. Est. 32. Barbosa, L c. 
I, 202. 

189) Barrios, Casa de Jacob, 18 ; Relac. de los Poetas, 54 : 

Paulo de Pina a Beigas Horizontes 
Dialogo instruye de sagiados monles. 

Wolf, 1. c. I, 1014 (wo statt Dina »Pina« zu lesen ist); III, 909, 
988. Wie Wolf macht auch Castro aus einer Person zwei: »llohel 
Jeschurun« (1. c. 541), »Paulo de Pina« (1. c. 628). Nach de los Bios, 
l. c. 498 ist »Paulo de Dina« (Wolf, Castro) Verfasser talmudischer 
Tractate(!). 

190) Barrios, Gemil. Chassadim, 51. 

191) Barrios, Aumento de Israel, 42. Koenen, 1. c. 339 f. 

192) Barrios, Casa de Jacob, 24. In einem uns vorliegenden 
Manuscripte wird der »Dialogo de los siete Montes« fälschlich dem Saul 
Levi Morteira zugeschrieben. 

Den Freunden der romanischen Literatur wird hoCfentUch kein 
unangenehmer Dienst erwiesen, wenn wir den Anfang dieses Dialogs 
nach dem Mscr. mittheilen : 

Setim. Quäo bem aventurado, e quäo ditoso 

Mii vezes com rezäo pode chamarse, 

que hum so Dio comfesa hua so essencia. 
G e r i s i m. Quanto ditoso e bem aventurado 

Pode chamarse aquele que medila 

Na Ley sancta d'el Dio noites e dias. 
Nebo. Quäo bem aventurados 

Estantes era tua casa Adonay sancto 

Louvando o sancto nome de continuo. 
Hör. Muitas vezes benditoe venturoso 

povo aquem so mente he consedido, 

Chamarse povo de Adonay bendito. 



341 

C a r m e 1. bem a\ enlurado e saocto povo 

Qiie Adonay Sebaot seo Dio se chama. 
Setim. Salem alechem Nebo, Hor e Carrael. 

Cartnel. Alechem Salom Olivedo, e Gerisim. 

Nebo. A este Kahal Kados seiamos vindos 

Todos muy para bem, por par de todos. 
Sinai. Este sem falta he o lugar sagrado, 

Que a minha terra elegeo para esta Junta 

Dos fillios sete que acordar deseia 

Muilos estäo ia qua, näo fuy primeiro, 

Adonay imachem Irmäos. 
Gerisim. Jebareheha Adonay Sinai divino. 
Sinai. Hum falta ainda dos sete. 

Car mel. Si falta o monte sancto de Sion. 

Hor. Redemidos a Sion läo presto venha 

Como Sion anos vira. 
Sion. Tardava 

Pois iuntos ia os seis Irmäos esperäo. 
Gerisim. Vleste em fim Sion e a vinda tua 

Fes entre nos o nuniero perfeito. 

Sodann beginnt Sion : 

Irmäos caros, caros companheiros 
A quem dolou el Dio omnipotente 
De privilegios mil, de mil favores 
Desde nosso principio e nascimento 
Em principio dos dias etc. 

193) Cardoso, 1, c. 3 63 ; Barrios, Govierno Populär Judayco, 43 , 
Casa de Jacob, <8. Gewiss lag auch Zunz diese Tamar Barrocas im 
Sinn, wenn er (Synagogale Poesie, 340) sagt: »In Lissabon ging man 
(1 603) nicht so weit, man verbrannte nur eine Frau«. 

194) Barrios, Triumpho del Govierno Populär, 74 fiF. 

195) Barrios, Triumpho etc. 76: 

En el ano de mil y de seyscientos 

Y tres, ä tres de Agosto, Ia severa 
Inquisicion levanta horrible hoguera etc. 

196) Barrios, Triumpho etc. 77 ; Relac. de los Poetas, 54 : 

Ezechiel Rosa bolon Aonio 
Respiro Ia fragancia de Latonio, 

Y las semanas de Daniel declara. 
De Ia sciencia Astrologica luz clara. 

197) Barrios, Aumento de Israel, 36. 

198) Barrios, Maskll el Dal, HO : 

De Ia mosayca ley o arbol de vidas 
Se ve Samuel de Rosa (h)olor fragante. 

Relac. de los Poetas, 54 : 

Su hijo Samuel Rosa haze fragancia 
Del Rosal de su historia A Ia elegancia 
En Ia espada Narvays, por dar congoja 
Con una ü marte, al sol con mucha hoja. 

199) Barrios, Aumento de Israel, 36. 

200) Aboah, Nomologia, 300. Früher hielten wir Jacob Usiel irr- 



— 342 

thümlich für einen Jüngern Bruder des Baruch ben Usiel. Vgl. Hirsch 
Jeschurun, III, 82 Note und Carmoly's Notiz III, 157. 

201) Aboab, I. c. 300. 

202) Barrios lieferte eine Biographie Isaac Usiel' s. 

203) Wolf, 1. c. II, H21. Köre Hadorot an mehreren Stellen. 

204) Rodr. de Castro zeigt bei Jacob Usiel die ganze Fülle seiner 
Gelehrsamkeit. Hören wir seine eigenen Worte : »Jacob ben Usiel unos 
de los mas sabios de la Persia, floreciö en el Africa y fue 
Maestre en Fez del R. Ishak Alphasi reparador de la Academia 
de Cordova como refiere Imanuel Aboab, Nomologia 273. Fue Doctor 
en Medicina y escribio en lengua espanola un Poema 
her Ol CO en alabanza de David, que se imprimio en Ve- 
neciaenelanodel624«. R. Isaac Alphasi ging von Fez, seinem 
Wohnorte, daher al Fasi, in seinem 45. Jahre nach Cordova und wurde 
später Rabbiner der »ansehnhchen , in jedem Sinne bedeutenden Ge- 
meinde Lucena« (Sachs 1. c. 257 Note), woselbst er an einem Sabbath 
i i Jjar 4863 (H 03) im 9 0. Jahre seines Alters starb und neben seinem 
Vorgänger, dem grossen Poeten R. Isaac ben Giat (Gajat) begraben 
wurde (Nomol. 273). Castro hat also denselben Jacob Usiel, welcher 
162 4 zu Venedig sein Heldengedicht drucken Hess, zum Lehrer des 
Mannes gemacht, welcher H03 c. 520 Jahre früher zu Lucena gestor- 
ben war! Das ist Jost's Autorität I 

205) Ticknor, 1. c. H, 442 Note. 

205") Benjamin de Tudela (ed. Asher) 11, 281. 

206) David, Poema Heroico por Doctor Jacob Usiel, cum licentia 
Superiorum , Venet. (Barezzo Barezzi) 1624, 4. 

207) Nicht Hornem , wie bei de Lara in einem Aufsatz : »Antonio 
Joseph, the Portuguese dramatist« (Asmonean) , abgedruckt : JewishChro- 
nicle (London 1855) No. 29, deutsch: Hirsch, Jeschurun I, 598. 

208) Zunz, Synagogale Poesie, 342. 

209) Barbosa, 1. c. I, 298. »Neste Auto (S.Mail 624) se queimärao 
tres clerigos, entre ellesoDoutor infeliz, Leute daUniver- 
sidade, hörnern de muitas letras«. Bei diesem Auto wurden 
auch drei Körbe voll Bücher (3 canastras de livros , cubertas com sa- 
marras) den Flammen übergeben. Historia da Inquisigao em Portugal, 
(Lisboa 1845) 265. 

210) Wolf, 1. c. HI, 519 : teste R. Jacob Aboab in literis ad B. 
Ungerum datis quibus etiam teslatur , MSS. ejus nonnulla tum Medic. 
tum Philosophie, argumenti apud heredes exstare. Carmoly (Histoire 
des Medecins juifs, [Bruxelles 18 44] I, 246) versichert : Ce poeme 
espagnol nous a engage il y a quelques annees a rechercher les autres 
ouvrages que le docteur Jacob Usiel a laisse inedits , mais nous les 
avons cherches en vain dans un grand nombre de Biblioth^ques. II 
parait qu'ils ont ete tous transportes en Orient apres la mort del'auteur. 

211) Barbosa, 1. c. I, 178. 

212) Barbosa, L c. IH, 439 ; Nicol. Anton. 1. c. H, 80. 

2 1 3) Thomas de Pinedo, Stephanus de Urbibus (Amsterdam 1678), 



343 

507 : vir in Hispaiiiae rebus doctus, sed qui Latinas, Hebraeas et Grae- 
cas Literas niinquam salutaverat, 

214) Cardoso, Agiolog. Lusitan., III, 72. 

215) Macabeo, XV, 9 : Mira de Celorico el alta cumbre etc. 

216) Barbosa, 1. c. III, 48 6 macht Silveyra zum »maestre de cos- 
mografiu dos niocos iidalgos que frequentavao o Palacio«. Richtiger Nie 
Anton., 1. c. II, 1 1 6 : In Mätritensi curia per vicennium integrum prae- 
cepta discipuhs tradidit. 

217) El Macabeo, Poema Heroico de Miguel de Silveyra, Napoles, 
(Egidio Longo) <638. 4. Madrid, (Franc. Martins) 1731. 's. Noch ein 
anderes Werk wird ihm von Barbosa 1. c. zugeschrieben: Vida de Elio 
Sejano, composta em Francez por Pedro Matheo, Chronisto de Luiz XIII. 
Barcelona, (Sebast. de Carmillos) I62I. 4. 

218) Barbosa, 1. c. setzt seinen Tod 1636 , aber in der Erlaub- 
niss sein Buch drucken zu dürfen, ist von ihm noch als lebende Perscn 
die Rede, Ticknor, 1. c. II, 451, n. 5. 

219) Velasquez, (Dieze) 1. c. 395. 

220) Ticknor, 1. c. II, 451. 

221) Pinedo, 1. c. 532, n. 72. Ueber Pinedo selbst vergl. un- 
sere: »Thomas de Pinedo , eine Biographie« in Frankel's Monatsschrift 
YII, 191 ff. 

222) Der Macabeo befindet sich in der k. k. Hofbibliothek zu 
Wien. Trotz des freundlichen Entgegenkommens des trefflichen Fer- 
dinand Wolf konnte uns das Werk nicht zur Benutzung gestellt werden. 

223) de los Bios, 1. c. 537. 

224) Silva, Pohl. General de Espana, 166 : canoro cisne de la 
Europa bien conocido por su Poema heroico del Macabeo. 

225) Velasquez, (Dieze) 1. c. 396; Ticknor, 1. c. II, 451. 

226) Barrios , Relac. de los Poetas , 57 : Entre otras celebres 
Poesias el Doctor Miguel de Silveyra hizo el Poema de los Machabeos, 
Jacob üsiel, el de David, y Antonio Enriquez Gomez el de Sanson. 

227) Barbosa, 1. c. I, 2 ; Barrios, Relac. de los Poetas, 60. 

228) Menasse ben Israel, Spes Israelis (ed. Amsterdam) c. 26 : 

229) Barrios, Relac. de los Poetas, 58. Ausführlicher in unserer 
Reiseskizze »Pedro Teixeira«, als Einleitung zu Benjamin's »Acht Jahre 
in Asien und Afrika« (Hannover 1858). 

230) Bekanntlich standen die auf der Universität Padua Medicin 
studirenden jüdischen Jünglinge unter dem Schutze des Venelianischen 
Senats. 

231) Fantin Desodoards, Histoire d'ftalie, VII, 17. 

232) Gregorio Leti, Ital. Reg. 53 5. 

233) Nicht wie Jost (Geschichte der Israeliten, VIH, 2 46) mit 
Basnage (Histoire des Juifs, IX, 737) meint: »Cardoso (dessen philo- 
sophische Fähigkeiten nicht glänzen, aber doch dem Zwecke genügend 
waren) wohnte in Verona (richtiger 1. c. VIII, 289 in Venedig und Ve- 
rona) , seine Schriften aber erschienen 1673 in Amsterdam». Ausser 



344 

seinen Poesien Hess er nur sein Werk Excelencias, wahrscheinlich der 
Censur wegen, in Amsterdam bei David de Castro Tartas 5439 = i 679 
(nicht 1673 wie Jost angibt) drucken; seine übrigen Schriften fanden 
in Madrid und Venedig ihre Verleger. Vgl. Note 238. 

234) Leo, Geschichte der Italienischen Staaten, (Hamburg 1830) 
V, 686. 

235) Nach Wolf, 1. c. III, 612 lebte er noch im Jahre 1681 . 

236) Barrios, Relac. de los Poetas, 55 f. 

237) Zacuti Lusitani Medicorum princip. Historia, II, 4. 4. 

238) Isaac Cardoso hat häufige Verwech'Selung mit anderen 
Aerzten gleichen Vor- und Zunamens, Fernando Cardoso, welche 
auch zu gleicher Zeit mit ihm in Spanien lebten, erfahren. Diese 
Verwechselung kam besonders einem Fernando Cardoso , welcher zu 
Lissabon geboren (selbst de los Rios 1. c. 563 verfällt noch in den 
Irrthum, Lissabon als den Geburtsort unseres Cardoso anzugeben ; eben 
so Lindo, 1. c. 367) und 1608 gestorben war (Barbosa, 1. c. II, 52 ; 
Nicol. Anton. 1. c. I, 292) , sehr zu Statten, denn ausser den beiden 
von ihm wirklich verfassten medicinischen Schriften werden ihm von 
Barbosa auch noch zwei Manuscripte über Themata zugeschrieben, 
welche von unserem Cardoso behandelt worden sind. Nach dessen An- 
gabe enthält das eine Manuscript eine Abhandlung über den Vesuv 
(Discurso del Vesuvio), das andere das Leben des Lopc de Vega Carpio 
(Vida de Lope de Vega Carpio). Was nun das erste betrifft, so bezwei- 
feln wir sehr, ob dieser 1608 verstorbene Fernando Cardoso dasselbe 
Thema bearbeitete, welches 2 5 Jahre später unser Cardoso auf Ver- 
anlassung des 1631 stattgefundenen furchtbaren Brandes zum Gegen- 
stand seiner Untersuchung machte, und betreff des Lebens Lope de 
Vega's ist wohl nicht anzunehmen, dass schon 28 Jahre vor dem Tode 
des grossen Dichters — so lange müsste es wenigstens sein — Jemand 
sein Leben zu beschreiben unternommen hätte. Wir wären daher wohl 
geneigt, diese beiden Manuscripte als mit den beiden im Druck erschie- 
nenen Schriften unseres Cardoso verwechselt oder gar untergeschoben 
zu betrachten, letzteres um so mehr, da einerseits Barbosa den Ort nicht 
nennt, wo sich diese Manuscripte befinden, was sonst in nicht wenigen 
Fällen von ihm geschieht, andererseits Abr. Mercklin, welcher Fernando 
Cardoso und die beiden von ihm verfassten Schriften in dem Linden. Re- 
novat. (Nürnberg 1 68 6) 27 4, 1 anführt, ihrer mit keiner Silbe gedenkt. 
Doch sollten auch sie vielleicht unserem Cardoso gehören? Carmoly 
(l. c.) spricht von trailes inedits dignes d'ötre plus connus. 

Der Vollständigkeit wegen halten wir es nicht für überflüssig, die 
in spanischer und lateinischer Sprache geschriebenen Werke Cardoso' s 
der Reihe nach hier folgen zu lassen : 

1 ) Discurso sobre el monte Vesuvio etc. , Madrid , Fr. Martins 
1632. 

2) Origen y restauracion del Mundo, Madrid 1633. 

3) De Febri syncopali noviter discussa etc., Madrid 1634, 4. 

4) Panegyrico y excelencias del color verde etc., 3Iadrid 1635. 



345 

5) Oracion funebre en la muerte de Lope de Vega Carpio, Ma- 
drid, Gonzales Wwe. 163-5. 

6) Utilidades del aqua y de la nieve etc., Madrid, Martins Wwe. 
1637. 

7) Si el parte de 13 e 14 Mezes es natural y legitimo, Madrid 
1640, Fol. 

8) Philosophia libera in Septem libris etc., Venet. Bertani1673, 
Fol. 

9) Las Excelencias (y calumnias) de los Hebreos , Amsterdam, 
David de Castro Tartas, 1679, 4. 

10) Varias Poesias, Amsterdam 1680, 8. 

239) Barrios, Relac. de los Poetas, 56: Su hermano Abraham 
Cardoso, Medico del Rey de Tripol, formö el libro de la Escala de Jacob, 
y otras obras que le acreditan de gran Poeta, Jaxam y Cabalista (S. 285). 

240) Ad. de Castro, 1. c. 200 f . ; de los Rios, 1. c. 553 f. 

240"*) Nach Simon Hechheimer (üeber Moses Mendelssohn's Tod 
[Wien und Leipzig 1786] 71) soll die Uebersetzung selbst nicht Men- 
delssohn, sondern seinen Freund Marcus Herz, den bekannten Schüler 
Kant's und Gatten der ihrer Schönheit wegen vielbesuchten Henriette 
Herz zum Verfasser haben. Vergl. Carmoly's Notiz in Kobak's Jeschu- 
run n, 67. 

241) Moses Mendelssohn wurde geboren 1729 und starb 4. Ja- 
nuar 1786. Menasse ben Israel geboren 1 604, starb (nachKönig) 1 659. 

242) Phocilide , poeta grego vertido en Castelhana y illustrado 
con var. not. 

243) Mitgetheilt von de los Rios, 1. c. 549. 

244) Dieser Mann verdient eine ausführliche Behandlung. Carmoly 
hat in seiner Histoire deMedecins juifs eine Biographie Montalto's, die des 
Interessanten nicht wenig bietet. Er fand unter Anderen inBassompierre, 
Histoires etc., das Todesjahr M's. angegeben. Wie Carmoly dazukommt, 
ist leicht erklärlich, er benutzte Basnage (I.e. XI c. xxi) ; aber Basnage? 
Bassompierre erwähnt Montalto's mit keiner Silbe, und auch Basnage hat 
die Notiz über den Tod des Leibarztes nur in Barrios gefunden. Bei 
Barrios (Vida de IsaacUsiel, 37 f.) heisst es : »Saul Levi Morte(i)ra, que 
»de Itaha passo a Francia con Ehahu Montallo, insigne Medico de Hen- 
»riqueQuarto, y de Maria deMedicis, Reyes de Francia y de Navarra. Ella 
»quedo biuda, y su hijo Luis Decimotercio en el arlo de 1615 casö con 
»Dona Ana de Austria que passo ä Francia quando la Princesa Dona 
»Isabel de Borbon ä Espana para ser esposa del Rey Phelipe Quarto. 
»Acompanola toda la Corte Franca hasta Irun : y ä la buelta del 
»Viage en las ci udade s de Tours fallecio el referid o Me- 
»dicoa16. deFebrerode 1616. La Rey na Mariade Me- 
»dicis lo mando embalsamar: y en una embarcacion que partio 
»del Nantes trajeron su cuerpo al Bet-Ha-Hajim del Kahal Kados Amste- 
»lodamo acompaaado de su hijo Mosseh, del Doctor Josua de Luna su 
»tio , V del referido Saul Levi Morteira«. Barrios gibt keine Quelle für 



346 

seine Erzählung an. Wir glauben , dass Basnage durch eine falsche 
Combinalion auf Bassompierre geführt ist. Derselbe Barrios erzählt 
nämlich wenige Seiten früher von einem reichen Manuel Pimentel, 
welcher mit Heinrich IV. Schach zu spielen pflegte und schliesst mit 
den Worten: »Refierelo Monsieur de Bassumpierre en el libro que 
intitulo Jornal de su Vida«. Nun meinte Basnage, dass in diesem 
Werke auch der Tod Montalto's müsse erwähnt sein und citirte lustig 
darauf los. Uebrigens hat schon Wolf (1. c. III, 1 4) ehrlich bekannt : 
n n Video. Dass Herr Dr. Carmoly neben Elie Montalto auch noch 
einen Elia Antalti, »savantMedecin aVenise, dont Leon 
de Modene (Ari Noham, G6) celebrelascience etlesvertus« 
anführt (Histoire des Medecins juifs , 170) , ist menschlicher Irrthum, 
wozu Carmoly nur durch die hebräischen Wörter iübt23i< rr^^N gekommen 
ist. An der citirten Stelle des Ari Noham heisst es : inN"in!: '^lüOI 

■^3 , i^ipib rTTvnn ■^i-i'^aü tia-^ isbm (sie) (*'!t:bt3DN jt'^n S 

Von einem sonst unbekannten Arzte würden solche Ausdrücke gewiss 
nicht gebraucht sein. Montalto lebte früher in Livorno (s. o. S. 17 6), 
hatte sich sodann nach Venedig und erst später nach Paris begeben. 

245) Ueber Morteira vergl. Barrios, Corona de Ley, 6, Tora Or, 2 1 . 
Vida de Isaac Usiel, 38 u. a St. 

246) Jellinek, Orient 1847, Literaturblatt No. 17. 

247) Auto-da-Fe celebrado en la ciudad de Logrono en los Dias 
de 7 y 8 de Noviembre del ano de 1610 (Madrid 1820, 12.) 20. 

248) Llorente, 1. c. HI, 464. 

249) Auto de la Fe celebrado en Madrid 1632 (Madrid 1632. 
4. 24 BU.). Vgl. hiermit Llorente, 1. c. III, 465. Llorente scheint das 
eben citirte sehr seltene Schriftchen nicht benutzt zu haben. 

250] Auto etc. 14*. Llorente, 1. c, nennt sie Isabel Martinez 
(statt Nunez) Albarez. 

251) Llorente, 1. c. HI, 466. 

252) Llorente, 1. c. III, 467. 

253) Cardoso, h c. 363; Barrios, Govierno Populär Judayco, 43. 
D.Jose de Pellicier in den Avisos de 2. August 1644 (bei Ad. de Castro 
1. c. 212) nennt ihn D. Francisco de Vera, hijo de D. Lope de 
Vera. Nach Cardoso hiess er D. Lope und war der Sohn eines D.Fer- 
nando. Cardoso ist wahrscheinlich die eigentliche Quelle für diese Er- 
zählung , wie wir aus seinen Worten »Tambien fue admirable en 
nuestros tiempos etc. « vermuthen. 



*) Herr Dr. Steinschneider, welchen wir ersuchten, wahrend seiner An- 
wesenheit in Oxford in dem dort handschriftlich vorhandenen Exemplare des 
Ari Noham die betreffende Steile nachzusehen, theilte uns (U. Juli 1 858) brieflich 
mit .... In der HS. des Ari Noham (Cod. Reggio 34, geschrieben von Reggio 
selbst mit Anmerkungen) C. 25. f. il^ steht deutlich y: iüVküs-;« n'^n 'i. 



347 

254) Nicht Chimenta, wie bei Barrios 1. c. zu lesen ist. 

254") Antonio Enriquez Gomez (hizo) el Romance que de- 
canta el Martiro de DonLope de Vera. Barrios, Relac. de los Poelas, 57. 
Vgl. Govierno pop. Judayco. 45. 

255) Wie Cardoso 1. c. 32 i f. auch Sal. de Oliveyra in der 
üeberschrifl zu der hebräischen Elegi§ (Scharsch. Gabi. 52*') , (statt 
nnSi) ri'Tirr t2a;ü, welches ungefähr dem December 4 647 entspricht. 
Nach Barrios, Govierno pop. Judayco, 44, endete er am 23. Septem- 
ber 1647, daher auch bei Zunz, Synagogale Poesie, 343: »am <3. 
(müsste*heissen 23.) September 1647 wurde in Lissabon Isaac de Ca- 
stro Tartas verbrannt«. 

Die Hisloria da Inquisi^ao, 271 lässt Tartas in dem Auto vom 
4 5. December 4 647 umkommen: Morreo queimado vivo por herege, 
i Francez natural da Gascunha. Mit ihm starben noch 5 andere 
Personen, 60 wurden mit Strafen belegt. 

256) Cardoso, 1. c. 325. 

256*) -iihn ONMiNn i-iüösp i-t ph::"' e-'ssi TÄhsn d'^n^Nn »■'n ny-iÄ hu 

nnöD pT IN'-) mN-1 rrür: 
.131 in"'bN3 uiN r\'2'b'2 nbs» 

Sal. de Oliveyra, Scharsch. Gabi. 52^ ff. 

257) Barrios, Corona de Ley, 9 ; Sahare Sedek (2) IV. 

258) Barrios, (J) Onem Dallim, 85. 

259) Der Titel dieser Uebersetzung ist : Psalterio de David , en 
Hebraico dicho Thehilim, trasladado con toda fidelidad verbo de verbo 
del hebraico y repartido, como se debe leer en cada hora del mes, segun 
uso de los Antiguos, por el Doctor Efraim Bueno y Jona Abrabanel ; 
Amsterdam 54 4 (4 650). 

260) Koenen, I. c. 4 87. Barrios, Relac. de los Poetas, 54 : 

El Doctor Joseph Bueno con la planta 
Del Sol, SU frente en Helicon levanta. 

261) Barrios, Relac. de los Poetas, 54. 

262) Barbosa, 1. c. III, 277 , filho de Pays Portuguezes e nacido 
em a cidade de Anveres. Nie. Anton. 1. c. I, 268 ; Wolf, 1. c. III, 875 
bemerkt : »Judaeus Lusitanus Amslelod. pro certe mihi confirmavit 
auctorem fuisse Judaeum«. Nach Lindo, 1. c. 368 diente Gomez in der 
Armee und erlangte zu Evora die medicinische Doctorwürde. (Nach 
welcher Quelle ?) 

263) De pestilenciae curatione method. traslatio, in qua causae, 
Signa praeambula, medicamina ante provida etc. Antwerpen 4 603. 4. 
Löwen 4 637. 8. Antwerpen, Cnobar 4 643. 4. Im letzteren Verlag er- 
schien auch sein metrischer Commentar. 

263") Barbosa, 1. c. 355. Die Ode befindet sich vermuthhch im 
Werke Gomez' selbst. 



348 

264) Diess sein vollständiger Name. Barbosa (1. c. 1,691) führt 
ihn unter Diego de Rosales an , Wolf als Jacob Rosales, Immanuel Ro- 
sales, Immanuel Frances u. a., vgl. 1. c. I, 615; III, 528, 508, 878 ; 
IV, 872, 947. Carmoly (1. c. 177) vermuthet irrthiimlich , dass Im- 
manuel der ihm in der Taufe beigelegte Name sei. Barrios, (Historia 
Univers. Judayca 6) nennt ihn »Doctor Emanuel Rosales, Conde Pala- 
tino por el Germano Emperador«. De Rossi, I. c. 279 imter Jacob 
Rosales. 

265) Nicht Joseph, wie de los Rios, 1. c. 568 irrthiimlich angibt. 
265*) Josiahu Rosales, hermano del DoctorRosales que f»e Conde 

Palatino, compuso enOctava rima los Anef aleucis que intitulo 
de Bocarro. Barrios, Relac. de los Poetas, 56. Sollte Barrios hier 
nicht etwa an dieAnacephalaeosis des Bruders gedacht haben? 

266) Delitzsch, 1. c. 76. 

267) Barrios, Relac. de los Poetas, 58 : El Poeta y Doctor Mor- 
dochai Barrocas etc. 

268) Wolf, 1. c. IV, 8 08. 

269) Bald wird er David de Pina , bald David Zarphati , bald mit 
seinem vollständigen Namen David Zarphati de Pina genannt. Wolf 
(1. c. III, 206, 207) trennt mit Unrecht David Zarphati von David de Pina. 

270) Wolf, 1. c. III, 81, 236. 

271) Barrios, Abi Jethomim (3). 

272) Barrios, Abi Jethomim (3). 

273) Barrios, Vida de Isaac Usiel, 49. 

274) Barrios, Abi Jethomim (3). 

275) Wolf, 1. c. III, 81, 23 6. 

276) Barrios, Temime Derech, 7. 

277) Barrios, Abi Jethomim (3) ; Arbol de las Vidas 91 : 

David de Pina 



De Abi Jethomim Idea. 

Oracion Panegyrica de Abi Jethomim, 24. 

278) Barrios, Govierno Pop. Judayco, 33. 

279) Barrios, Abi Jethomim, 41. 

280) Barrios, Aumento de Israel en luzes de la ley divina, 1 9 : 

Como David alcangas la Corona, 
Y como Apolo curas la dolencia. 

281) Barrios, Vida de Isaac Usiel, 40 f. 

282) Barrios, Triumpho del Govierno Populär, 1 4 f. 

283) Barrios, Corona de Ley, 8, 10. 

284) Wolf, 1. c. III, 206. 

285) Schlegel , Geschichte der alten und neuen Literatur, (Berlin 
1841) 319. 

286) So Ad. de Castro, 1. c. 188 , de los Rios, 1. c. 570. Nach 
Nie. Anton., 1. c. II, 317 und Barbosa, 1. c. I, 297, war er ein gebo- 
rener Portugiese. 

287) Sicherlich irrt Barbosa , wenn er sagt : em Franca foy 



349 

Cavalleiro da Orden de S. Miguel, da dieses nur ein spanischer 
Orden ist. 

288) Llorenle, 1. c. III, 474. Ad. de Castro, 1. c. 188; de los 
Rios, 1. c. 571. 

289) Wolf, (I.e. III, 129) lässt den armen Enriquez Gomez selbst 
in den Flammen umkommen : Scripsit in Inquisitionis carcere unde 
protractus deinde et flammis religionis causa datus fuit. 

290) Ad. de Castro 1. c. 189. 

291) Äcademias Morales de las Musas, Bordeos (de la Court) 
1642; Madrid 1660. 4. (diese beiden Ausgaben befinden sich nach 
freundlicher Mittheilung Ferdinand Wolfs in der k. k. Hofbibliothek zu 
Wien); Barcelona 1701. 

291*) Antonio Enriquez Gomez ist ein verpestender Politiker »Po- 
litico contagioso« und entwickelt in seiner »politica«, welche er unüber- 
legter Weise noch »angelica« nennt, sehr corrupte Ideen. Das Werk 
wurde in Portugal verboten ; Barrabas will nichtsdestoweniger die 
Schriften dieses portugiesischen Autors bei seinem Prinzen einführen. 
Eine schlechte Empfehlung! Es gibt nicht noch einmal einen Mann mit 
so vielen Orden und so grosser Unordnung. welches Raisonnement, 
welches Geschrei um Nichts ! — Kein Jahr vergeht , wo Gomez nicht 
mit irgend einer Schrift hervortritt und an Mängeln fehlt es in allen 
seinen Werken nicht. Vergl. Note 301. Francisco Man. de Mello, Apo- 
log. Dialog., 419, bei Oliveyra, Memorias de Portugal, (la Haye 1743) 
I, 366. 

292) Samson Nazareno, Poema heroico, Roham (Maurry) 1656. 4. 
Als Verfasser dieses Gedichtes erwähnt ihn Barrios Relac. de los 
Poetas 57. Vergl. Note 226. 

293) Ticknor, 1. c. II, 442. 

294) La Culpa del primer Peregrino , Roham 1644. 4. Madrid 
1735. pp. 176. 

295) de los Rios, 1. c. 587. 

296) Luis dado etc. Paris (Baudry) 1645. 4. pp. 151. Gomez' 
Torre de Babylonia erschien Roham 1647 ; Madrid 1670. 

296*) Mehrere Komödien unseres Gomez verschafften sich unter 
einem fremden Namen Eingang in Spanien und versuchten ihr Glück 
unter der Firma eines Geistlichen »Fernando de Zarate«. Zarate wurde 
nun lange Zeit für einen spanischen Theaterdichter gehalten und erst 
die gelehrten spanischen Uebersetzer der spanischen Literaturgeschichte 
Ticknor's, Gayangos und Vedia (Madrid 1854) weisen (III, 459) nach, 
dass ein Zarate als Dramatiker gar nicht existirt und mit Gomez ein und 
dieselbe Person ist. »Von einem Komödienschreiber Fernando de Za- 
rate wissen wir nichts. Gab es auch wohl einen Schriftsteller dieses 
Namens — er war Augustinermönch und Doctor der Theologie an der 
Universität Osuna und wird von Nie. Anton, und Baena (Hijos de 
Madrid II, 38) citirt — so war er doch nicht allein kein Komödien- 
Schreiber, sondern blühte auch viel früher als Enriquez Gomez«. 



350 

297) Gomez eigenen Worten zufolge sollten seine Komödien in 
2 Bänden erscheinen : de breve se daran ä la imprenta en dos volu- 
menes. 4 Stücke (No. 14 — 17) wurden mit den Academias Morales 
1642 zusammen gedruckt. 

298) Diese Komödie befindet sich mit Angabe des Verfassers in 
einer Sammlung s. 1. e. a. in 4. pp. 223 — 243. Zum Schluss sagt 
D. Rodrigo : 

»No ay contra ei honor poder 
Es titulo verdadero.« 

299) Eine Komödie (Purimspiel) unter dem Titel »Aman y Mar- 
dochay« wurde ohne Angabe des Verfassers durch Isaac de Abraham 
Cohen de Lara 1699 in Amsterdam neu aufgelegt und David de Souza 
Brito gewidmet. Die Hauptpersonen dieser Komödie sind : Ahasveros, 
Esther, Mardochay,Harbona, Aman, Supsay (j^nsDN), sein Sohn, Zeres, 
seine Gemahlin, deren Tochter , Con Areas (OS'ID) , ein vornehmer 
Perser, ein singender Pastetenbäcker, Sänger u. A. Ob dieses Stück 
das von Gomez versprochene ist, wagen wir nicht zu entscheiden. 

300) -El color verde, Madrid (Wwe. Martins) 1637. 8. 

301) Der Titel der ed. princ, (Pamplona 1641, 4) , welcher auch 
das Bild Richelieu' s mit der Unterschrift »Semperldem«, sein Wappen und 
sein Stammbaum beigegeben sind, führt den Titel Epitome Genea- 
log i c o del Eminentissimo Cardenal Duque de Richelieu y Discursos 
Polilicos sobre algunas acciones de sa vida und weicht von dem der 
2. Ausgabe (Pamplona 1642, 16) so sehr ab, dass man diese für eine 
besondere Schrift hallen könnte. Er lautet El Politico Chris tian is- 
simo discursos etc. Villa-Real wird auf beiden Titeln Capitän ge- 
nannt. 

Antonio Henriquez Gomez eManoel Fernandez Villa- 
Real forao dous Portuguezes enxertados em Gallos. Foraö homems de 
muitos discursos e engenho posto que Arcades ambos, como disse Vir- 
gilio, porque o primeiro que he Autor da Politica Angelica sobre 
ter engenho he desaproveitado e fantastico como se ve nos (em os) 
mais livros que publicou, e senaö vejasena miscellano do Siglo Pita- 
gorico; e o segundo que heautor do Politico Christian issimo, 
cerra melhor o abobedo (abobado?) dos seus discursos, nao sendo como 
alguns que cozem sem dar no na hnha, cujos arrezoados se se pucha 
por elles depois de feitos tudo fica descosido. mesmo pouco mais ou 
menos foi no L u i s a D e o d a t o de Ant. Henriq. e quäl eile por for§a 
quiz fazer Semuel sendo nao so Christao velho , mas Christianissimo. 
Franc. Manuel de Mello, Apol. Dial. 443 f. 

302) Barbosa, 1. c. III, 264. 

302*) Sahio a morrer (1. Decbr. 1652) Manoel Fernandez Villa- 
Real , Capitäo e Consul-geral de Portugal em Paris, homem de bom 
entendimento , e que escreveo em differentes objectos. Historia da In- 
quisigäo 271 . Barbosa, 1. c. III, 264 setzt seinen Tod auf den 1 0. October. 

303) Schlegel, 1. c. 330 f. 

304) Jahrbücher der Literatur (Wien 1822) XIX, 22. 



351 

305) Cicero deOfficiis, III, 2J • Jahrbücher der Literatur, XIX, 26. 

306) Diese uns vorliegende Komödie {{6 Bil. in i.) wurde in 
Vailadolid s.a. gedruckt und befindet sich nebst anderen unseres Dca- 
matiicers in einer Sammlung, welche aus dem Nachlasse Tieck's an die 
k. Bibliothek in Berlin übergegangen ist. 

307) La prudente Abigail, Valencia 1762. 4. pp. 1 — 28. 

308) Jahrbücher der Literatur (Wien 1822) XIX, 21 f. 

309) El Siglo Pitagorico Roham, 1644. 4. Bruselas 1727. 4. 

310) Ticknor, 1. c. III, 68. 

311) de los Bios, 1. c. 607. 

312) Barbosa, 1. c. 659. 

313) Barrios, Coro de las Musas, 609 ff. 

314) Barrios, Relac. de los Poetas, 58 ; Coro de las Musas, 226. 
314") Koenen, 1. c. 450. 

315) Wolf, 1. c. III, 212. 

316) Barrios, Sol de la Vida, 94, 95. 

317) Barrios, Relac. de los Poetas, 59. 

318) Barbosa, 1. c. II, 925: igualmente instruida na intelligencia 
das linguas mais polidas da Europa, como versada em todas as Artes 
liberaes. 

319) Barrios, Sol de la Vida, 64. 

320) Ersch und Gruber, Encyclopädie 1. Sect. 19.Theil, S. 371. 

321) El Pastor Fido, Poema de Bapt. Guarini, traduzido de Ita- 
liano en metro Espanol y illustrado con reflexiones por Dona Isab. 
Correa, Amsterdam (Ravenstein) 1694. 8. Diese Ausgabe führt Barbosa 
1. c. II, 9 25 an. Dieze — Vellasquez 1. c. 491 halte eine andere Aus- 
gabe vor sich, Antwerpen (Verdussen) 1694. 8, der auch die Widmung 
an Belmonte vorgedruckt ist, so dass diese als die ed. princ. be- 
trachtet werden kann. Ticknor, 1. c. III, 46, n. 23, kennt eine 
3. Ausgabe, Antwerpen 1694. 12. Drei Auflagen in einem Jahre! 

322) de los Bios, 1. c. 638. 

323) Dieze bei Vellasquez, 1. c. 491. 

324) Ticknor, 1. c. HI, 46, n. 23. 

325) Barrios, Relac. de los Poelas, 59: D. Isabel Correa tiene 
hecho un libro de varias Poesias. 

326) Barrios, Relac. de los Poetas, 56. 

327) Barrios, Sol de la Vida, 63. 

328) Barrios, Sol de la Vida, 64. 

329) Barrios, Relac. de los Poetas, 56, 57. 

330) de los Rios, I.e. 629. 

331) Barrios, Relac. de los Poetas, 58 : . . . . Su (Fullana) Te- 
niente Capitan D. Joseph Semah (Arias) que despues tuvo el puesto de 
Capitan. 

332) de los Rios, 1. c. 513. 

333) Barrios, Flor de Apolo, 165. 

334) Repuesta de Josepho contra Apion Alexandrino traduzid. 
por Joseph Semah Arias. Amsterdam 1687. 4. 



352 

335) Barrios, Relac. de los Poetas, 54 : 

Por David HuzieldeAvelar luze 
Lo que en Hispano de Philon traduze. 

336) Wolf, 1. c. II. 

337) Barrios, Relac. de los Poetas, 57; Keter Sehern Tob, <50. 

338) Barrios, Coro de las Musas, 2 2 6. 

339) Barrios, Coro de las Musas, 612. 

340) Barrios, Relac. de los Poetas, 58. 

341) Barrios, Relac. de los Poetas, 60. Ilustrola con sus raros 
enigmas Jacob Gas telo muy perito en las artes liberales; 
Coro de las Musas: D. Antonio de Castillo perito en las 
artes liberales y sublime en eltocar la bihuela. 

342) Barrios, Coro de las Musas, 336. 

343) Barrios, Relac. de los Poetas, 54 : 

Jacob de Pina en quanto verso imprime 
Realsa lo agudo, lo yocoso exprime. 
Con ei nouibre deManueldePina. . . . 

344) Nicht Hispanus, wie Wolf, 1. c. III, 521 angibt. 

345) Barbosa, l. c. III, 34t. 

346) Ibid. : näo sendo menos est imav. por la suavidadeda voz com 
que cantava. Vergl. auch Barrios, Coro de las Musas, 505 , wo er ihn 
in der Ueberschrift den Poeta -f musico excelente nennt. 

347) Wolf, 1. c. IV, 870. Auch de los Bios, 1. c. 568 nennt die 
Poesien Jacob de Pina's wie Wolf. 

348) Irrthümlich gibt Barbosa, 1. c. Olando (!) als Druckort an ; 
richtig Wolf ülyssipon. Im Jahre des Druckes und Format des Werkes 
stimmen Wolf und Barbosa überein, t 656. 8. Auf diese Poesien deutet 
auch Barrios hin (Relac. de los Poetas, 54) : Con el nombre de Manuel 
de Pina imprimio un libro de varias Poesias . . . 

349) Barrios, Relac. de los Poetas, 55: . . . y despues entre 
otras hizo una rara cancion en la muerte del Jaxan (sie) Saul Levi 
Morteira. 

350) Barrios, Govierno Populär Judayco, 45. (Das Gedicht be- 
findet sich in dem Exemplar der Hamburger Stadt-Bibliothek) . 

351) Wolf, 1. c. III, 521. 

352) Barrios, Luzes de la ley divina, 32. 

353) Barrios, Relac. de los Poetas, 59, 54. 

354) Barrios, Luzes de la ley divina, 2. 

355) Barrios, Lamentacion Funebre im Coro de las Musas, 2 66 ff., 
abgedruckt mit verschiedenen Zusätzen im Sammelwerk , Maskil el Dal, 
151 : Mi insigne Aguelo Abraham Levi Caniso. 

355") Nach Barbosa (I.e. III, 464) war Simon de Barrios in Villa- 
Flor geboren. 

356) Barrios nennt seinen Vater bald Simon , bald Jacob Levi, 
Lamentacion etc. 152 : 

Fuiste ö Simon de voz, y fama oida 
Y como Yacob tienes oy reposo . . . 



353 

357) Barrios, Coro de las Musas, 334 ff. 

358) Ibid. 354 f.: 

No pudo el Portugues que horrores vierte 
Rendir tu brio en militar campana : 
No pudo el mar con horrida guadaiia 
Cortar ö hermano el hiio de tu suerte. 

No pudo el Catalan con mano fuerte, 
Triuniphar de tu valor 

359) Barrios, Sol de la Vida, 61. 

360) Barrios in einem poetischen Briefe vom \0. Elul 5442 =s 
August 1 68 2 hinter Arbol de las Vidas (2) : 

Murio en tni patria rigurosa 

Mis bermanos Francisco, Antonio y Clara. 

361) Ibid. 

362) Ibid. (2) : 

Tarabien mi hermana Bianca en Lisia biuda 
De SU Ambrosio, con hijos peregrina, 
De una ä otra vida en Amsterdam se muda. 

363) Barrios in einem Sonett an seine Schwester Judith, dessen 
Anfang ist : 

En el aSo de mil y de seiscientos 

Y ochenta y quatro, ä dies de Mar^o trista 
Hasla tu cora^on el luto viste, 

Y lastiman al ayre tus lamentos. 

364) Barrios, poetischer Brief (s. Note 360) (2) : 

Elieu Vaez mi cuiiado de preclara 
Fama : biuda mihermana Ester lo Uora 
De cinco flores eniutada Aurora. 

Vergl. ein Sonett von Barrios : A mi sobrino Abraham Vaez huer- 
fano de mi buen cunado Eliahu Yaez. 

364') Coro de las Musas <96, 138 das Akrostichon, \i\ (vgl. 
Note 370). 

365) Das Leben Barrios' ist bis jetzt noch nie bearbeitet. Was 
Barbosa, Nie. Anton., "Wolf u. A. darüber haben, ist sehr unbedeutend 
und die späteren Bearbeiter de los Bios, Castro haben nur aus diesen 
Quellen geschöpft. Mit wenigen Worten gedenkt seiner: Basnage, 
1. c. 1. IX, c. 36; Hartmann in der Encyklopädie von Ersch und 
Gruber, 7. Theil ; Jost, 1. c. VIII, 26f ; Koenen, 1. c. 340 f. Eine noch 
kürzere Mittheilung gibt Lindo, 1. c. 370, Ihn nennen auch Zunz in 
Benjamin de Tudela (ed. Asher) II, 287; Steinschneider, Jewisch 
literature 252, Delitzsch u. A. Heinemann führt ihn in der Zeitschrift 
Jedidja einmal unter dem Namen Burrios, wenn uns unser Gedächlniss 
nicht trügt, als — Feldmarschall an. 

366) Llorente, 1. c. HI, 471. 

367) Llorente, 1. c. HI, 472 f. 

368) Llorente, 1. c. III, 473. 

369) Nie. Anton., 1. c. I, 493. 

370) Barrios, Govierno Populär Judayco, 46:Mideudo Marcos 

KayscrÜDg, Sephardini. 23 



354 

de Almeyda alias Ishac de Almeyda Bemal , natural demipatria 
Montilla. 

371) Barrios, Govierno Populär Judayco, 46, Diese Märtyrer 
erwähnt auch Zunz, Synagogale Poesie, 345. Zunz irrt aber, wenn er 
aus diesen beiden Personen drei macht]: »Abraham Nunez Bernal, sein 
Vetter Isaac de Almeida Bernal und ein Jüngling von 20 Jahren, Na- 
mens Almeida«. Es waren in der WirkUchkeit nur zwei. Zunz, wel- 
cher das alias übersehen hat (s. Note 370), wurde in seiner Annahme 
durch Barrios' Worte »y de estos tres Martires etc.« bestärkt; als drit- 
ten rechnet Barrios den früher genannten Isaac de Castro Tartas. Vgl. 
auch Relac. de los Poetas, 57 : ». . . . celebran los martirios de Ishac 
Tartas, de Abraham Nunez Bernal y de mi deudo Ishac de Almeyda«. 
Auch war letzterer nicht ein Vetter, wie Zunz meint, Abraham 
Bernal' s, sondern ein V e 1 1 e r , Verwandter »deudo« Barrios'. 

372) Barrios, Triumphe del Govierno Populär, 50. 

373) Barrios, Abi Jethomim (3) : 

AI gran Benjamin Patto, cuya vida, 
Obscurecio violencia lurainosa, 
Su ciencia con virtudes aplaudida. 

374) Ohveyra, Scharsch. Gabi. 64. 

375) Barrios, Gemilut Chassadim 53, 70. 
37G) Barrios, Luzes de la ley divina, i \ . 

377] Barrios, Arbol de las vidas, 200. Maskil el Dal 144 : 
Abraham Henriquez Pharo 
Docto, elegante y jarifo. 
Conceptua en lo que arguye 
Con labios de silogismos. 

378) Barrios, Relac. de los Poetas, 57; vgl. Note 336 (Wolf, 
1. c. II, 800). 

379) Ibid. 

380) Ibid. 

381) Wolf, 1. c. III, 212. 

382) Wolf, 1. c. III, 179. 

382') Barrios, Coro de las Musas, 355 ff. 588 ff. 

383) W^olf, 1. c. III, 63. 

384) Wolf, 1. c. III, 1126. 

385) Barrios, Relac. de los Poetas, 57 ; Koenen, 1. c. 433. 

386) Wolf, 1. c. III, 117. . 

387) Wolf, 1. c. III, 213. 

388) Wolf, 1. c. III, 763. 

389) Ibid. 

390) Barrios, Relac. de los Poetas, 56: Custodio Lobo (alias 
Moses Jesurun Ribero) hizo conceptuosas Poesias. 

391) Barrios, Tora Or, 47. 

392) Wolf, 1. c. III, 615. de los Bios, 1. c. 550. (De Vittoria 
nannten sich die Nachkommen des S. 168 erwähnten Uri Levi.) 

393) de los Rios, 1. c. 628 Note. 

394) Barrios, Aumento de Israel, 20. 



355 — 

395) Barrios, Govierno Populär Judayco, 46. 

396) Barrios, Coro de las Musas, 2 25. Diese Komödie ist in der BibL 
Hulsiana (Haag 1730) IV, 391 mit dem Druckorte Amsterdam aufgeführt. 

397) Barrios, Triumphal Carro (8), 

398) Barrios, Flor de Apolo, 249, 250. 

399) Barrios, Govierno populär Judayco, 45 (''). 

400) Ibid. ; Llorente redet (1. c. IV, 3 f.) von 8 Juden, welche 
Lei diesem Auto umkamen. 

401) Barrios in dem »Triumphal Carro« überschriebenen Briefe: 
{<) <. Yo 

Busque en Liorne, de mi patria ausenle, 
Que comprö con mi sangre ser su amante, 
Y oy con su luz no hay sombra que me espante. 
(2) 6. A mi tia Raquel Cohen de Sosa, 

Devo la primer luz de la ley pura. 

402) Koenen, 1. c. 283 ; Barrios in einem Gedichte gegen Ende 
der Opuscula. Irrthümlich gibt Koenen die Zahl der von Livorno aus- 
gewanderten Juden auf \ 12 statt 152 an. 

403) Barrios, Maskil el Dal 146: 

A Debora hija atenta 
Del serio Abraham Vaez 
Y de Daniel Levi 
De Barrios luz nupcial. 

Seine Schwiegermutter Catalina nennt er Aumento de Israel 20 : 
Mi suegra Catalina espiro .... 

404) Barrios in dem Triumphal Carro überschriebenen Brief: 
(2) 4. Murio en Tabago Debora mi esposa. 

405) Ibid. : 

(2) 5. Raquel con mi Senor Isaac de Pina 
in einer Note setzt der Dichter erklärend hinzu Suegro y suegra. Isaac 
de Pina war 1683 schon verstorben (Maskil el Dal 126). Eben so gibt 
er den Namen seiner zweiten Frau hier an : 

Con mis dos hijos y consorte (Simon, Rebeca; Abigail). 

406) Barrios, Vida de Isaac Usiel, 52 ... . aSimxa, esposa de 
Manuel de Carapos, escrivi este Sonelo con la memoria de ser mi 
hijo Simon el primer Judio Espanol que nacio en sus manos Martes ä 
17 Margo, h los ocho de la Noche en el aiio de 1665. 

407) Ibid. La feliz nueva de su nacimiento me fue a Bruselas. 

408) Barrios, Lament, Funebre (hinter Maskil el Dal 252) : 

Sara Levi mi madre ä Dios se ausenta 
A la dos de la tarde en Jueves triste, 
Que fue ä treynta de Octubre, en luz que viste 
Ano de mil seyscientos y setenta : 
Tu (el padre) en la Jovial Aurora que se cuenta 
Veynle y dos del siguiente Henero 

Triumphal Carro: 

(2) 4. Murio 

En Argel mi querida Madre Sara 
Y mi padre. 

23* 



356 

409) Barrios, Meirat Henajim, 68. 

410) Ibid. 67 f. Vgl. Prolog zum Coro de las Musas. 

411) Flor de Apolo por el Capitan Don Miguel de Barrios, Bruse- 
las. (Baltazar Vivien) 1665. 4. Eine nähere Inhaltsangabe dieses Wer- 
kes inSteinschneider's hebr. Bibliographie No. I. 23. (Statt 82 Sonette 
muss es 62 heissen). 

412) Barrios, Flor de Apolo, 6 ; Coro de las Musas, 222. 
412*) Befremdend ist, wenn selbst de Rossi 1. c. 53 schreibt; 

»Sein Coro de las Musas , in Amsterdam (muss heissen Brüssel) 1672 
gedruckt, enthält Dichtungen in verschiedenem Versmaass und mannig- 
fachen Inhalts, und war schon 1665 in Brüssel im Flor de Apolo er- 
schienen, in welchem (?) ausserdem Lobreden, Gesänge und Lustspiele 
gesammelt sind«. Barrios nahm den Flor de Apolo zum Theil in seinem 
Coro als »Musica de Apolo« auf; die Dichtungen des Coro waren bis 
1 672 noch nirgends erschienen. Sicherlich hat de Rossi weder das eine 
noch das andere Werk Barrios in Händen gehabt. 

413) Barrios, Coro de las Musas, 223. 

414) Barrios, Sol de laYida, (99). Vgl. Panegyrico härm. etc. (2). 

415) Historia y Descripcion de la Celebre y Ducal Ciudad de 
Florencia, por el Capitan D. Miguel de Barrios ; diese erst 1674 ge- 
druckte Epopöe befindet sich mit Sol de la Yida (Bruselas 1673) in 
euiem Bande. 

416) Harmonia del Mundo , von Barrios genannt im Prolog zum 
Coro (10) , Coro de las Musas 209, 210, 215. Einige Verse aus dem 
ersten Gesänge 216 f . ; Sol de la Vida 72 f. Der Dichter verweist auch 
sonst häufig auf dieses uns unbekannte Werk , welches Wolf 1. c. III, 
2 1 4 Imperio de Dios en la Harmonia del Mundo betitelt und weder ihm 
noch Barbosa 1. c. III, 464 vorgelegen zu haben scheint. Uebrigens 
bestand die Harmonia del Mundo nicht aus 4 Gesängen , wie Barbosa 
angibt, sondern aus 5 ; der 5. Coro wurde unter dem Titel Elisio dem 
Marquis von Frontera gewidmet. Vgl. Sol de la Vida 66. 

417) Barrios, Sol de la Vida, 50 ff. 

418) Barrios, Coro de las Musas, 205. 

419) Barrios, Aumento de Israel, (s. p.) : »AI excelentissimo Conde 
de Monterrey«. 

420) Sol de la Vida , dirigido a la sacra y real Magestad de Dona 
Catalina de Portugal, Reyna de la Gran Bretana por el Capitan D. Miguel 
de Barrios. Bruselas (Jacob van Velsen) 1673. 8. 

420") Lindo, 1. c. 3 48. 

421) Barrios, Sol de la Vida, 1 . 

422) Ibid. 56. Vergl. auch 58, ein Traumbild «uAa noche antes 
qua me hirieran«. 

423) Ibid. 66. 

424) Ibid. 89. 

425) Ibid. 83, 91. 

426) Soledad funebre, 55—92 (das Gedicht selbst von 67 an) be- 
findet sich mit Sol de la Vida in einem Bande. 



357 

427) Corte Real Genealogica y Panegyrica etc. por el Capitan 
D. Miguel de Barries, i — 16 (Fin.) mit Sol de la Vida in einem Bande. 

428) Mediar Estremos i . 

429) Carga de Mosseh , dirigela al S. Dios de Israel su humilde 
siervo Daniel Levi de Barrios. 

430) Historia Universal Judayca por D. Miguel de Barrios \ — 26. 

431) Historia del pueblo Hebreo Amstelodamo, Triumphe del Go- 
vierno Populär 58. 

432) Ausser in verschiedenen Gedichten auch in einer besonderen 
Schrift : Luna opulenta de Holanda , en nubes que el Amor manda, 
Amsterdam (D. Tartas) 1680. 8. 32 Seiten. 

433) Del libre Alvedrio in Sol de la Vida 1—25. Wolf führt sie 
(1. c. III, 21i) irrthümhch als besondere Schrift an. 

434) Eternidad de la ley de Mosseh, in den Opuscul. 2. Hälfte 
pag. 39 — 88. Metros Nobles, Amsterdams, a. , in welcher Schrift 
sich eine alaban^a und eine alaban^a jocosa a la eternidad de la ley 
santissima, so wie ein Triumpho ä la immortalidad del pueblo de Israel 
befindet. 

435) Triumphal Carro de la mayor perfeccion in einem kleinen 
und einem grössern aus 92 Octaven bestehenden Gesang (im Druck 
vollendet 4. Tischri 5443). Zu seinen kabbalistischen Schriften sind 
zu rechnen : Zodiaco del Sol divino , ein Gedicht in 5 Octaven, in wel- 
chem die 12 Engel mit den 12 Stämmen und den 12 Himmelszeichen 
correspondiren ; Estatua de Nabuchodonosor (Poesie und Prosa) ; Me- 
diar Estremos, Amsterdam (Jacob van Velsen) 5437 = 1677 und das 
Manuscript, welches Barbosa (1. c. III, 464) unter dem Titel Atlas 
Celeste aufführt und aus folgenden Discursos bestehen soll : Conoci- 
miento de Dios. Claridad de la divina Presciencia. Yerdadera Theologia. 
Sonora alaban^a del maravilloso prototypo. Camino del Evo en los 
passos de la Eternidad. Tridente de los Mundos Angelico, Esferico y 
Elemental en la divina mano. Caroza de Ezechiel en Zodiaco intelleclual 
con el Emperio y glorioso Sol. Vision serafica en el principio de la 
Creacion. Amor Angelico y Animastico etc. 

436) Sagt Delitzsch 1. c, 77 : »Barrios schrieb mehrere national- 
jüdische Dramen«, so hat er sicher nur seine von uns religiös genann- 
ten Autos oder Komödien im Auge. 

437) Barrios' Komödien: Pedir Favor al Contrario (1 — 55), El 
Canto junto alElcanto (1 — 42) und El Espanol deOran (49 — 107) sind 
seinem Flor de Apolo angehängt , nicht aber dem Coro de las Musas, 
wie Ticknor 1. c. II, 385 n. 18 irrthümlich angibt. In derselben Note 
redet er von 2 Ausgaben des Coro 1665 und 1672, welches gewiss 
auf Verwechselung mit dem Flor de Apolo beruht. Auch Ticknor fand 
die Komödien nur in dem letztgenannten Werke, wie wir aus seinem Zu- 
sätze sehen : »In my copy, whichis of the firs t edition — 1665«, in 
welchem Jahre der Coro de las Musas noch nicht gedruckt worden war. 
In dem von Ticknor benutzten Exemplar befinden sich von der Hand 
des früheren Besitzers, des englischen Dichters und spanischen Reisen- 



358 

denSouthey, folgende Worte : »Among IheLandsowneMSS. is a volume 
of i)oeins by this author, who being a New Christian was happy enough 
to gel into a country where he could profess himself a Jew«. lieber 
seuie Komödie »Contra la verdad no hay fuer^a« siehe S. 263. Einer 
seiner Komödien »El despertador del Mmido« gedenkt er Sol de la Vida 
96 ; ibid. 49 seines »Theatro Universal«. Wolf nennt »Nubes no ofen- 
den el sol«. 

438) Vgl. Coro de las Musas, 3—42; 297 — 3<2: 313—329. 

439) Tora Or, Auto Mosayco 29 — 52 ; Meirat Henaim 72 — 96 ; 
Maskil el Dal 125 ff. 

440) Barrios, Tora Or, 39. 

441) Ibid. 4 0. 

442) Wolf, I. c. IV, 925 ; III, 805 ; IV, 873. 

443) Barrios, Tora Or, 42. 

444) Barrios Gedichte, Casa de los Vivos und al virtuoso David 
Salom Mareno gegen Ende der Opuscula. In dem letztangeführten Ge- 
dichte nennt er David »honor del Talmud«. Vgl. Arbol de lasVidas, 99 : 
David Salem Moreno es blanco de la sapientia. 

445) Barrios, Abi Jethomim 35. 

446) Barrios, Aumento de Israel, s. p. ; Arbol de las Vidas, 84. 

447) Wolf, 1. c. IV, 812. Der vollständige Titel ist: Theologia 
Natural contra los Athios, Epicureos y Sectarios de tiempo por D. Is. 
Barrientos. Hagae 1725. 

448) Ticknor, l. c. II, 385 ; III, 471 im Index s. v. 

449) Lipowsky, Peter der Zweite, (München 1818) 68 ff. 

450) Barbosa, 1. c. 464 : Epithalamio regio a la feliz union del 
invicto D. Pedro II. de Portugal con la inclita Maria Sofia etc. Amster- 
dam s. a. 4. Dios con nos otros. Representase en el nombre del Ex- 
cellentissimo Senor Manuel Teiles da Silva etc. a la inclita Maria Sofia 
Isabel, digna esposa del invencible D. Pedro IL, Hey de Portugal. Am- 
sterdam s. a. 8. 

Barbosa führt noch ausserdem als von Barrios verfasste Schrif- 
ten an : 

Palacio de la Sabiduria, Panegyrico a o Conde de Villa-Flor 

D. Sancho sobre a Victoria do Amexial. Amsterd. (Jacob van 

Velsen) 1673. 4. 
Poesias famosas y Comedias. Anveres (Verdussen) 1674. 4. 
Arbol floridodenoche.Amsterd.(Tartas)1 680.8. Prosa U.Poesien. 
Discurso politico sobre los adversios y prosperos sucessos de 

las Provincias unidas, desde 23 de Marco de 1672 hasta 12 

de Setiembre de 1 673 s. a. e. 1. 
Aplauso metrico por las dos celebres vitorias que luve a 7 y 

14 de Junio deste ano de 1673 la armada de los altos y po- 

derosos Estados de las Provincias por su dignissimo y vigi- 

lante Estador y Capitan General de mar y tierra el serenissimo 
b Senor Guilhelmo Henrique de Nassau, Principe de Orange. 

Amsterdam s. a. 8. 



. 359 

In der bibliotheca Hulsiana (382, 389) finden sich noch folgende 
von Barbosa nicht verzeichnete Schriften : 

Atlas Angeüco de la Gran Breiana, declaracion k el Rey Ja- 

cobo II., Prosas y versos. 
Historia Real de la Gran Bretana. Amsterdam. 

451) Barrios, Maskil el Dal, 110. Keter Schem Tob, 152. Jesiba 
de los Pintos (4). 

452) Barrios, Govierno Populär Judayco, 26. Vgl. Tora Or, 43. 

453) de los Bios, 1. c. 634 n. 3. 

454) Barrios, Triumpho del Govierno Populär, 61, 62, 63 : 

La isla de Madera fue tu Oriente, 
Jacob Israel ! gran Belmonte I 

Gemilut Chassadim, 51 ; Bikur Cholim, 83. 

455) Barrios, Relac. de los Poetas, 53 : 

Contra la Inquisicion Jacob Belmonte 
Un canto tira del Castalio Monte, 
Y comico la Historia de Job canta. 

^riumpho del Govierno Populär, 63 : 

La Comedia de Job sonoro hazes. 
Ibid. 76: Con semejante consideracion Jacob Israel Bel- 
monte dixoen laOctava 97. del Canto quehizoalorigen 
de la Inquisicion y destierros de la Gente Hebrea. 

456) Barrios, Triumphal Carro : Glosa de la Octava que hizo 
Jacob Israel Belmonte. 

457) Barrios, Triumpho del Govierno populär, 63 : 

— Ocho prisiones tlenes de tu esposa, 
En ocho hijüs que en la ley rehazes. 

458) Barrios, Resit Jokma, 1 59 : 

La primer Yesiba fundo Morteira 
Quando* Jacob Belmonte sepultura 
Tiene *5390. 

459) Barrios, Triumpho del Govierno Populär, 64; Gemilut Chas- 
sadim 7 1 . 

460) Barrios, Arbol de las Yidas, 61, 97. 

461) Ibid. 82. 

461*) Koenen, 1. c. 208 : Der eigentüche Name des ersten Herrn 
von Schoonenberg war Jacob de Abraham Belmonte. 

462) Barrios, Gemilut Chassadim, 64. 

463) Ibid. 51. 

464) Ibid. 58. Vgl. Arbol de las Vidas, 82. 

465) Barrios, Relac. de los Poetas, 56. 

466) Wolf, 1. c. IV, 906. 

467) Barrios, Historia Universal Judayca, 21. Koenen, 1. c. 184. 
(Barrios sagt nicht , dass Andreas der Bruder Manuel's gewesen sei.) 

468) Koenen, 1. c. 207. 

469) de Vries, Geschiedenis der Nederduitsche Dichlkunde, (Am- 
sterdam 1810) H, 8. 



360 

470) Barrios, Relac. de los Poetas, 60, 

471) Wolf, 1. c. m, 606. 

472) Barrios, Relac. de los Poetas, 60 ; Aumento de Israel, 37 ff. 

473) Barrios, Maskil el Dal, UO : 

Salomoh de Rocamora 
Sobresale entre Doclores. 

474) Barrios , Oracion Panegyrico de Abi Jethomim, 3 \ ; Maskil 
el Dal 106, 108. 

475) Barrios in einem Gedichte gegen Ende der Opuscula (Ham- 
burger Exemplar) , überschrieben: Fallecimiento del famosoDoctorlsaac 
de Rocamora a 24 de Nisan do 5444. 

476) Barrios, Sol de la Vida, 49 : Solo tu con poetica energia etc. 

477) Barrios, Luzes de la ley divina, 4. 

478) Wolf, 1. c. m, 559. 

479) Barrios, Relac. de los Poetas, 60. 

480) Ibid. : Sosa . . . sobrino del Doctor Samuel Serra que imitö 
a Virgilio en la Poesia Latina , welches Wolf 1. c. III, 559 übersetzt: 
Eum (Sosam) iit nepotem D. Samuelis Serra, qui Virgilium wtino 
carmine imitatus est, laudat etc. Hieraus macht Fürst, Bibliotheca Ju- 
daica, I, 339 : Er war Enkel (muss heissen Neffe) des Samuel Serra 
und grosser lateinischer Dichter, Nach ahmer Yirgil's. Hätte Fürst 
sich die Mühe gegeben, Wolf 1. c. III, H20 nachzuschlagen: »Eum ut 
imitatorem Virgilis in carmine latino laudat«, so würde er richtig über- 
setzt haben. 

481) Barrios, Relac. de los Poetas, 60 ; Temime Derech, YI, (8) . 

Es Abraham Gomez de Araujo (Arauxo), atento 
Aritmelico, docto y tan agudo, 
Que del Enigma cala el pensamiento, 
Y es de la Jeslba precioso escudo. 

482) Barrios, Relac. de los Poetas, 60. 

483) Wolf, 1. c. m, 749. < 

484) de los Rios, 1. c. 634, n. 3. 

485) Barrios, Relac. de los Poetas, 60. 

486) Paramus, De origine et progressu Inquisitionis, Fol. 242. 

487) Llorente, 1. c. HI, 469. 

488) Cardoso, 1. c. 323 f. 

489) Barrios, Govierno Populär Judayco , 43 ; Barrios nennt ihn 
fremino und lässt ihn in Lima umkommen; nach Cardoso, 1. c. 323, 
hiess er Trebino imd starb in Mexico. Barrios scheint überhaupt Tre- 
biiio und Silva verwechselt zu haben. 

490) Barrios, Arbol de las Vidas, 87. 

491) Nicht Menchorro, wie bei de los Rios, 1. c. 568 ; Barrios, 
Relac. de los Poetas, 58 : 

Eliahu Machorro de apolinea cumbre, 
A Holanda y ä Brasil dio clara lumbre 

492) Barrios in einem Sonett (Ende der Opuscula [Hamburg]) : 



. . 361 

Con la flauta de Thalia 
Machorro eleva al Parnasso 
En el poetica passo, 
Que da vozes de energia. 

493) Barrios, Arbol de las Vidas, 82. 

494) Mestre Prophiat Duran, der unter dem Namen Efodi be- 
kannte Autor , führte nach seinem Wohn- oder Geburtsorte auch den 
Namen Laguna. Vgl. Zunz , Zur Geschichte mid Literatur, 462 und 
besonders Note m. 

495) Gedruckt zuLondon 5480(D'>Vnn 'tu) n20, nicht 1742, wie 
de Rossi u. A. angeben. Dieses Dichters gedenkt auch Puiybianch, Die 
entlarvte Inquisition, deutsch von Walton (Weimar 1817) 153 f. 

496) de los Rios, L c. 628. 

497) Barrios, Triumpho del Govierno Populär, 71 ; Maskil el 
Dal, 133. 

498) Geddes, View of the Court of Inquisition of Portugal, in 
dessen Miscellaneous Tracts (London 1702) 417 — 448. Geddes wohnte 
diesem Auto als Augenzeuge bei. Hiernach ist zu berichtigen Zunz, 
Synagogale Poesie, 347. Vgl. auch Barrios, Govierno Populär Judayco, 47. 

499) Historia da Inquisicao en Portugal, 276, 278, 304. 

500) Ibid. 280. 

501) Barbosa, 1. c. II, 469 IT. A. Ribeiro dos Santos war im 
Besitz eines Exemplars der Leichenrede und wussle von noch zwei an- 
deren, welche sich bei seinen Freunden , dem Bischof von Beja und 
einem Professor Gorrea da Silva befanden. Vgl. Memorias de Littera- 
tura Portugueza, IV, 330 Note. 

502) Reils , Beiträge zur ältesten Geschichte der Juden in Ham- 
burg in der »Zeitschrift des Hamburger Geschichls-Vereins«, II, 367 IT. 

503) Wolf, 1. c. HI, 43. Erera, Lusitanus (I, 66, Hispanus) de 
quo lege rhythmos aliquotHispanicos in Barrios Ilistor. Univ. 
Judaic. 20 — auch im 2. Theil zählt er Abraham Cohen Herera unter 
die spanischen Dichter auf — . Man sucht jedoch vergebens nach des 
Kabbalisten spanischen Versen. Herera's Poesie liegt in WolPs Un- 
kenntniss der spanischen Grammatik. Bei Barrios helsst es nämlich an 
der von Wolf citirten Stelle: .... »Herrera, cuya vida canta este 
Soneto«; nun hat W. canta auf Herera bezogen, währendes zu 
Soneto gehört, »dessen Leben dieses Sonett besingt«. 

503*) Barrios, Relac. de los Poetas, 54 : 

Isaac de Herrera canta en su corriente. 

504) Wolf, 1. c. I, 148. 

505) Barrios, Vida de Isaac Usiel, 44. 

506) Zeitschrift des Hamburger Geschichts-Vereins, II, 394. 

507) Ibid. II, 396. 

508) Barrios, Vida de Isaac Usiel, 44: »Neve Salom« con Lima 
se adulgava. David de Lima ohne Zweifel dem Gründer der Synagoge 
widmete Isaac Cohen de Lara , Prediger an derselben , sein Werk »Te- 
mor Divino«. 



362 

508') Koenen, 1. c. 430. 

509) Barrios, Vida de Isaac Usiel, i3. 

510) Ibid. 44 ; Maskil el Dal J 10 : 

De Abraham de Fonseca Jaxam raro 
En la Corte qua el Albis (Elbe) riega undoso, etc. 

511) Wolf, 1. c. I, 96: obiit a. 435. 23 Tammus die Jovis i. e. 
A. C. 1671 (muss heissen 1675) 27. Julii, quod ex monumento ejus 
sepulchrali apud Altonavienses apparet. 

512) Barrios, Jesiba de los Pintos (3). Temime Derech YII. Arbol 
de las Yidas 9 4. 

513) Barrios, Arbol de las Vidas, 94. Maskil el Dal 110: 

Abraham Cohen de Lara del sagrado 
Puebio, Jazan en Amsterdam se ostenta. 

514) Keineswegs aber in Hamburg, wie bei Reils, Zeitschrift etc. 

II, 394 Note zu lesen ist. Auch glauben wir nicht, dass de Lara's Vater 
Hamburger Kaufmann gewesen , sonst würde er wohl in der Rolle der 
portugiesischen Juden verzeichnet sein, da er ja vor 1603 dort ge- 
wohnt haben soll. 

515) Barrios, Vida de Isaac Usiel, 45; Wolf, 1. c. I, 316 ff., 

III, 198 f. 

516) Barrios, Mediar Estremos, 22. 

517) Ibid. Vgl. de los Bios, 1. c. 566. 

518) Köre Ha-Dorot 22"; Wolf, 1. c. I, 555. 

519) Barrios, Relac. de los Poetas, 57: 

Joseph Frances armado de conceptos 
Guardo del Pindo harmonicos preceptos. 

Ilustro al Puebio Hebreo Hamburgues con su exemplar observancia mo- 
sayca y con sus poeticas expresiones. 

520) De los Rios verwechselt Jacob Jehudah Leon mit »Leon He- 
breo« — wie er Jacob Jehudah auch einige Male nennt — dem Sohne 
Isaac Abravanel's, dem Verfasser der Dialoghi del amore. 

521) Barrios, Jesiba de los Pintos (2). Vida de Isaac Usiel 48. 
Vgl. auch Wolf, 1. c. I, 593 ; HI, 459 ff. Koenen, 1. c. 337. Memor. 
de Litteratura Portugueza, III, 250 f., 279 ff., Basnage u. A. 

522) Wolf, 1. c. m, 96. 

523) Barrios, Aumento de Israel (s. p.) : 

Del sabio Rey tulosignePadre espejo, 
AI templo pinta. 

Surenhus, Praefat. ad Mischnam, 2. 

524) Barrios, Maskil el Dal, 144 : 

Salomo Jehudah Leon, 

Pedricador aplaudido, 

En la jiista literaria 

Se arma de agudos caprichos. 

Arbol de las Vidas, 93 : 

Con pavilo de elegancia 
Da lumbre de su agudeza. 



363 

525) Barrios, Aumento de Israel (s. p.) : *", - 

Los cantares mas celebres declaras 
De tal concepto, y tal inteligencia, 
Que nueve S a 1 o m o n te ve la ciencia 
YJuda, Leon clara de sus aras. 

526) Wolf, 1. c. III, 1041. 

527) Barrios, Vida de Isaac Usiel, 40 f. 

528) Barrios, Arbol de las Vidas, 92 : 

Samuel de Leon perece 
Leon, que en su boca ensena 
EI panal de los estudios 
Con la miel de la eloquencia. 

529) Wolf, 1. c. III, 877 : Triumphe etc. Carmen hispanicum in 
bella inter Hispanos et Turcos gesta. 

530) Barbosa, 1. c. III, 293. 

531) Barrios, Relac. de los Poetas, 57 : 

Isaac de Silva con pritnor facundo 
Canto en ei Pindo la creacion de! Mundo. 

532) Wolf, 1. c. III, 608. 

533) Ibid. IV, 451, 458; III, 395, 417 f. 

534) de los Bios, l. c. 636. 

535) Barrios, Aumento de Israel en luzes de la ley divina, 47 : 
Digno elogio al muy erudito Sr. Josseph (sie) Penso, en su ponderada 
y descripta Vida de Adam: 

Fabrica el Architeclo sin segundo 
A su imagen el hombre con tal buelo (vuelo), 
Que al hombre la muger es breve cielo 

Y el hombre ä la mager pequeno mundo. 
Tu lo imitas con genio tan fecundo, 

Que escrito de tu pluma, y de tu zelo 
Adam goza su mundo en tu desvelo, 

Y Eva su cielo en tu saber facundo. 



536) Ibid. 18: Soneto contra la envidia y en favor de la tem- 
plada prudencia del peritissimo Sr. Joseph Penso, Escritor acertado de 
la Historia de Adam. 

537) Wir vermuthen , dass »de los Floridos« der Name der von 
Belmonte gestifteten Akademie (s. S. 291) und Joseph Penso ihr Mit- 
glied gewesen ist. Barrios sagt von Penso (Arbol de las Vidas, 90) : 

Elegante Joseph Penso 
Pasmo de las Academias, 
Libra sus libros de Zoylos, 
Dando en forma sus materias. 

Con fragrancia de conceptos 
Flor de la elegancia seria, 
En la planta de la ley 
Tiene su mejor carrcra. 

538) Helfferich , Der Protestantismus in Spanien zur Zeit der Re- 
formation, in Geizer' s Protest. Monatsbl. 1856, VIII, 133. 



364 

539) Witsen-Geysbeek , Woordenboek der Nederduitsche Dich- 
ters, (Amsterdam 1822) II, 28. 

240) Nach einem Aufsatze: »Antonio Joseph« (Note 207). Es ist 
zu bedauern, dass de Lara durchaus keine Quellen angegeben hat. 

541) Denis, Resume de l'histoire litteraire du Portugal (Paris 
4826) 432 ff. 

542) Ibid. 433. 

543) Portugal Pittoresco (Lisboa «847) III, 270. 

544) Borrow, Bible in Spain (London 1843), I, 232 ff. 

545) Frankl, Nach Jerusalem ! (Leipzig 1858) I, 234 ff. 



Register der Personennamen. 



(Die Namen der Dichter sind mit Cursir-, die der Märtyrer mit fetter Schrift gedruckt.) 



A. 

Aben Alfange, 7. 

Abendana, David, s. Ant. Lop. Pereyra. 

Abendana, Manuel, 168. 

Abenhuacar, Sanouel, H. 

Abensur, David, 286, 312. 

Abner, s. Alphons de Valladolid. 

Aboab, Abraham, 310. 

Aboab, Eliahu, 310. 

Aboab, Jacob, 182. 

Aboab, Isaac, 118,180. 

Aboab, Isaac, 213, 250,262, 296. 

Aboab, Samuel, 310. 

Abrabanel, Ephraim, 175. 

Abrabanel, Jonas, 206, 262. 

Abrabanel, Joseph, 206. 

Abrabanel, Isaac, 118. 

Abryon, 7. 

Abudiente, Moses Gideon, 176. 

Acosla, Catalina de, 203. 

Acosla, Duarle Nun. de, 229. 

Acosta, Geron, Nun. de, 291. 

Acosta, Luis de, 203. 

Aguilar, Antonio de, 305. 

Aguilar, David Usiel de, 252, 

Aguilar, Moses Raphael de, 213, 296. 

Alarcou, Lope de Vera y, s. Vera. 

Albo, Joseph, 56. 

Alcala, Rabbiner von, 74, 

Alguades, M., 53, 332. 



Almeida, Manuela Nun. de, 251,299. 
Almeida, Marcus de, s. Bemal. 
Almeida, Nun. de, 299. 
Aluncawi, Ephraim, 114. 
Alvarez, Isab. Nun., 203. 
Andrade, Francisco de, 203. 
Antunes, David, 261. 
Arauxo, Abraham Goraez de, 292. 
Arauxo, Daniel, 261 . 
Arias, Gabriel, 286. 
Arias, Joseph S., 251. 
Assencion, Diego de la, 176. 
Atliias, Abraham, 263. 
Athias, Joseph, 263. 
Alhias, Isaac, 312. 
Ayllon, Augustin de, 152. 
Aylloii, Paul de, 152. 

B. 

Baena, Francisco de, 70. 
Baena, Juan Alfonso de, 69. 
Baez, Hernan, 202. 
Barrios, Miguel (DanielLevi) de, 256 u.ö. 
Barrios, Simon Levi de, 288. 
Barrocas, Mard., 211. 
Barrocas, Tamar, 177. 
Basurto, Diego Uenriquez, 243 f., 
Belmonte, Abraham, 290. 
Belmonle Andreas de, 291. 
Belmonte, Benjamin, 177, 290. 
Belmonte, Bievenida Cohen, 251. 



366 



Belmonte, David, 176, 290. 

Belmonte, Franc, de Ximenez, 291. 

Belmonte, Jacob, 290. 

Belmonte, Jacob Israel, 289. 

JBelmonte, Joseph, 290. 

Belmonte, Isaac Nun., 291. 

Belmonte, Manuel de, 229, 247, 291. 

Belmonte, Moses, 290. 

Belosinos, Isaac, 313. 

Benvenlste, Vidal, 56, 

Berab, Joseph, 114. 

Bernal, Abraham Nun., 260. 

Bernal, Jacob, 260. 

Bernal, Marcus (Isaac) de Almeida, 

260. 

Bonrgogne, Maria de, 151. 
Bravo, Abraham, 299. 
Bueno, Ephraim, 206. 
Bueno, Joseph, 206, 208, 262. 
Burgos, Paul de, s. Santa Maria. 

c. 

Campanion, Isaac, 57. 
Campos, Manuel de, 266. 
Caniso, Abraham Levi, 257. 
Caniso, Simon Levi, s. Barrios. 
Cardoso, Abraham, 194. 
Cardoso, Abraham Michael, 285. 
Cardoso, Elieser üsiel, 319. 
Cardoso, Gaspar de Robles, 264. 
Cardoso, Isaac, 183, 189 ff. 
Cardoso, Simon Nun., 259. 
Carlos, David Cohen, 212, 310. 
Carlos, Diego, 310. 
Carrion, Santob de, 19 ff. 
Carthagena, Alonso de, s. Santa Maria. 
Casas, Pedro de las, 152. 
Castanho, Abraham, 262. 
Castillo, Antonio (Jacob) de, 253, 272, 

292. 
Castro, Orobio de, s. Orobio. 
Castro, Rodrigo de, 309. 
Castra Sarmento, Jacob de, 303 ff. 
Castro Tartas, David de, 206, 
Castro Tartas, Isaac de, 204 ff. 
Cerillus, 8. 
Chaves, David, 263, 299. 



Chaves, Diego de, 316. 

Chaves, Rahel de, 263. 

Copia, Sarah, 141. 

Correa, Isabelia (Rebecca), 246(1., 27f, 

292. 
Cota, Rodrigo, 92. 
Crasto, Paula de, 3. 
Crasto, Samuel de, 262. 
Crato, Isaac de Leon, 318, 
Curiel, Moses, s. Geron. de Acosta. 

D. 

Daniel Jehudah, s. Oliver y Fullana. 

Delgado, Gongalo, 163. 

Delgado, Mose« Pinto, 1 53 ff. 

Dias, Moses (Alvares), 293. 

Dios-Ayuda, Samuel, 77. 

Dormido, Aron, 253. 

Duran, 57. !/. 

Ecija, Yus. de, 1 4. 
Enriquez, Antonio, s. Gomez. 
Enriquez, Isabella, 191, 250 f., 292. 
Errera, Abraham de, 309. 
Errera, Isaac de, 310. 
Escudero, LoreuQO, 255 ff. 
Espana, Juan de, 76. 
Espinosa, Bened., 284. 

F. 

Faria, Juan de, 2 53, 272. 
Fernandes, Alph. Sem., 78. 
Fernaiules , Manuel de Villa-Real^ 

s. Villa-Real. 
Fernandez, Rahel Nun., 263. 
Ferro, Manuel, 264. 
Ferrus, Pero, 73. 
Fonseca, Abraham de, 176, 312. 
Fonseca, David de, 176. 
Fonseca, Miguel Henriquez de, 305. 
FonsecaPintoy Pimentel,S&r.äe,'25i ,299. 
Fonseca dePina, Mos. Man., 299. 
Frances, Immanuel, s. Rosales. 
Frames, Joseph, 212, 313 f. 
Franco, Abraham, 168. 
Fullana, Nicolas de Oliver y, s. Oliver. 



367 



G. 

Gomez , Antonio Enriquez , 97, 1 

186, 204, 216 u. ö. 
Gomez, Emanuel, 209. 
Gratiano, Lazaro, 141. 
Guideon, San:ison, 299. 
Gutierrez, Pedro, 152. 

II. 

Haro, David de, 1 76. 
Henriquez, Abraham, 293. 
Henriquez, Jacob Nun., 289. 
Henriquez, Simon, 305. 
Hernandez, Pedro, 152. 
Hidalgo, Diego Beitran, 184 ff. 
llonicm, Antonio, 181, 
Hörnern, Gaspar Lopez, 167. 
Hörnern, Manuel Lopez, 167. 

I. 

Jafuda, 329. 

Jerena, Garcia Fernand, de, 94. 

Jeschurun, David, 17 7. 

Jescburun, Isaac, 314. 

Jeschurun, Rohel, s. Paul de Pina. 

Joseph, Antonio, 320. 

Israel, Abraham, s. Escudero. 

Israel, Menasse ben, s. Menasse. 

Juan de Espafia, s. Espaila. 

Juan de Valladolid, s. Valladolid. 

K. 

Kastiel, Eljakim, 262. 

L. 

Lagarte, Jacob, 296. '^»"*»i 

Laguna, Daniel Lopez, 300. "" 
Laguna, Daniel Israel Lopez, 251,2 
Laguna, Jacob Lopez, 300. 
Lara, Abraham Cohen de, 313. 
Lara, David Cohen de, 312. 
Lara, Diego de, 152. 
Lara, Isaac Cohen de, 312 f. 
Lara, Manuel de, 252. 
Leon, Eliahu Jehud., 315. 
Leon, Jacob Jehud., 254, 314. 



Leon, Immanuel de, 345. 
Leon, Isabella de, 152. 
80, Leon, Juan de, 152. 

Leon, Saiomon Jehud., 315. 

Leon, Samuel, 315. 

Levi, Aron, 168. 

Levi, Raph., s. Isaac Raphael Rodrigues. 

Levi, Uri, 168. 

Lew!, Samuel, 33. 

Lima, David de, 310. 

Lobato, Diego Gomez (Abr. Cohen) 1 76. 

Lobalo, Isaac Cohen, 176. 

Lobo, Benjamin Jeschurun, 262. 

Lobo, Cuslodio, s. Ribero. 

Lobo, Joseph Jeschurun, 262. 

Lobo, Moses Jeschurun, 262. 

Lopez, .\ntonio, s. Pereyra. 

Lopez, Balthasar, 259. 

Lopez, Francisco, 264. 

Lopez, Joseph, 264. 

Luzzatto, Marcus, 255. 

M. 

Machorro, Abraham, 296. 

Machorro, Eliahu, 296. 

Machorro, Moses, 296. 

Mcldonado de Silva, Franc, de, 295, 

Melo, Abraham Abenatar, 175. 

Meto, David Abenatar, 169 ff. 

Melo, Emanuel Abenatar, 175, 

Menasse ben Israel, 197 ff., 280. 

Mendelssohn, Moses, 138, 171, 197 ff. 

Mendes, Christoval (Mard.), 168. 

Mendes, Diego, 132. 

Mendes, Francisco (Isaac), 168. 

Mendes, Manuel, 132. 
^»'^^Mendez, Catalina, 203. 

•' Mendez, Isaac, 253. 
97. Mendez, Violante Nun., 203. 

üttesquifa, Francisco de, 305. 

Mesquita, Juan de, 253. 

Milano, Joseph, s. Phelix. 

Modena, Leon de, 141. 

Mondejar, R., 299. 

Montalto, Elias, 176, 201. 

Montoro, Anton de^ 85. 

Mora, Abraham de, 2S6. 



368 



Morales, Simon de, 264. 
Moreno, Abraham Salom., 285. 
Moreno, Jacob Israel, 285. 
Morteira, Saal Levi, 201, 206, 254. 
Mosca (o), Jehud., \\. 

Nasi, David, 245. 
Nasi, Garcia, 139. 
Nehemiah, Immanuel, 208. 
Neto, David, 299, 307. 
Nelo, Isaac, 307. 
Niinez, Bealriz, 202. 
Niifiez, Clara, 264. 
Nuilez, Diego Lopez, 275. 
Nuiiez, Helena, 203. 

O. 

Oliver y Fullana, Nicol. de, 245, 272. 
Oliveyra, Salom. de, 206, 261, 315. 
Orohio de Castro, 252, 314, 316 ff. 
Osorio, Miguel, 289. 

P. 

Paiva, Abraham de, 285. 
Paiva, Jacob Ribero de. 285. 
Paiva, Moses Pereyra de, 285. 
Palache, Samuel, 166, 169, 289. 
Pardo, David, 1 69, 201 , 21 3. 
Pardo, Joseph, 169, 213, 296. 
Patto, Benjamin Dias, 260. 
Pallo, Samson Goraez, 260. 
Peixoto, Moses Cohen, 252, 261. 
Penso, Joseph, s. de la Vega. 
Penso, Isaac, 213. 
Peregrino, Abraham, s. Escudero. 
Peres, Diego, 131. 
Pereyra, Antonio Lopez, 167 f. 
Pereyra, Daniel, 300. 
Pereyra, Francisco Nun., 167. 
Pereyra, Caspar Lopez, 305. 
Pereyra, Joseph Israel, 289. 
Pereyra, Justa Lopez, 167. 
Pereyra, Leonor, 264. 
Pereyra, Manuel, 167. 
Pereyra, Maria Nun., 167. 
Pereyra, Moses de Paiva, s. Paiva. 



Pharo, Abraham Henriquez, 261. 

Pharo, David Henriquez, 261. 

Pharo, Joseph de, 176. 

Phelix, Joseph, 264, 272. 

Picho, Yus., 51. 

Pimentel, Abraham, 299. 

Pimentel, Abraham Jac. Enriq., 298. 

Pimentel, Georg, 252. 

Pimentel, Jacob Enriquez, 299. 

Pimentel, Manuel, 252, 346. 

Pimentel, Sara de Fonseca, Pinto y, 

s. Fonseca. 
Pimentel, Simon, 252. 
Pina, David Zarphali de, 212 ff. 
Pina, Jacob de, s. Manuel de Pina. 
Pina, Josua Zarphali, 213. 
Pina, Isaac de, 266. 
Pina, Manuel de, 204, 253 f. 
Pina, Margaretha de, 253. 
Pina, Moses Man. Fonseca de, s. Fonseca. 
Pina, Paul de, 175 f., 178,. 289. 
Pina, Sebastian Francisco de, 255. 
Pinedo, Thomas de, 182, 185. 
Pinhel, Bento, 140. 
Pinhel, Duarle, 140. 
Pinto, Abraham de, 288.' 
Pinto, Jacob de, 288. 
Pinto y Ribera, Manuel de, 272, 
Prado, Abraham Gomez de, 261 . 
Prado, Juan de, 261 f. 
Puerto, Jacob Lopez, 257. 

4||uaresma, Jorge, 203. 
R. 

Redondo, Balthasar Lopez, 264. 
Redoiido, Phelipa Lopez, 264. 
Reinoso, Isaac, 261. 
Ribera, Daniel de, 262. 
Ribera, Pinto y, s. Pinto. 
Ribero, Moses Jeschurun, 262. 
Rocamora, Isaac de, 291 f. 
Rocamora, Salomon de, 292. 
Rodrigues, Jacob, 263. 
Rodrigues, Isaac Raphael, 263. 
Rodrigues, Samuel Levi, 263. 



369 



Rodriguez, Anna, 203. 
Rodriguez, Beatriz, 202. 
Rodriguez, Leonor, 202. 
Rodriguez, Manuel, 209. 
Rodriguez, Mayor, ^6^. 
Rodriguez, Miguel, 203. 
Rosa, Diego de, 266. 
Rosa, Ezechiel (Ruy Lopez), -178. 
Rosa, Moses (Duarte Lopez), 293. 
Rosa, Samuel, 178. 
Rosales, Immanuel, 209 ff., 310. 
Rosales, Josias, 211, 310. 

. s. 

Salsedo, Alonso de, 264. 

Salsedo, Maria de, 264. 

Salsedo, Raphael Gomez de, 264. 

Samuda, Jacob de Sequeira, 299. 

Samuda, Isaac de Sequeira, 299, 307. 

Samuel, 13. 

Samuel, Hannagid, 43. 

Samuel Lewi, s. Lewi. 

Sanchez, Isabella, 132. 

Sancho, Ephraim ben, 328. 

Sanla-F6, Francisco de, 152. 

8anta-Fe, Juan de, 152. 

Santa-Maria, Alonso de, 67. 

Sanla-Maria, AIvar^Garcia de, 63. 

Santa-Maria, Paul de, 61 . 

Santob de Carrion, s. Carrion. 

Saraiva, Louis, 264. 

Schelomo Halewi, s. Paul de S. Maria. 

Sephardi, Moses, 8, 17. 

Serra, Samuel, 292. 

Serräo, Pedro, 305. 

Serräo, Thomas, 132. 

Silva, Hiskijah de, 260. 

Silva, Isaac de, 316. 

Silva, Meldonado, s. Meldonado. 

Silveyra, Abr. Gomez de, 188, 293, 

299. 
Silveyra, Miguel de, 180, 182 ff. 
Soares, Anton. Alvar, 175. 
Sobremonte, Tremiiio de, s. Tre- 

mino. 
Sosa, Benito Gomez de, 292. 
Sosa, Isaac Cohen de, 265. 

Kayserling, Sephardim. 



Sosa, Isaac Gomez de, 292. 
Suasso, Francisco Lopez, 316. 
Suson, Diego de, 103. 

T. 

Teixeira, Isaac Senior, 314. 
Teixeira, Manuel, 312. 
Teixeira, Pedro, 188 f. 
Tenorio, s. Daniel Pereyra. 
Tirado, Jacob, 169, 289. 
Tordesillas, Moses Cohen, 327. 
Toro, Eliahu, 292. 
Toro, Moses, 292. 
Torres, Abraham, 265. 
Torres, David Nunes, 254, 315. 
Tremifio de Sobremonte, 295. 

ü. 

Ulloa, Josua, 176. 

Ungenannter Dichter, 97. 

Usiel, Jacob, 180 f. 

Usiel, Jehudah, 181. 

Usiel, Joseph, 180. 

Usiel, Isaac, 169, 180, 213, 313, 315. 

Usiel, Samuel, 180. 

Usiel, Schemtob, 180. 

Usque, Abraham, 140. 

Usque, Selomo, 141, 162. 

Usque, Samuel, 96, 140. 

V. 

Vaez, Abraham, 258. 

Vaez, Eliahu, 258. 

Valdecagnas, Luis de, 152. 

Valencia, Diego de, 75. 

Valladolid, Juan de, 93. 

Valle, Isabella de, 305. 

Vega, G. de, 203, 

Vega, Joseph de la, 214, 238, 316 ff. 

Vera y Alarcon, Lope de, 203. 

Villanueva, Diego Enriquez, 216. 

Villa-Real, Manuel Fernand, de, 229. 

Visente, Pedro, 264. 

Viltoria, Benjamin Levi de, 263. 



X. 

Xuarez, Albert, 152. 



24 



370 



Z. 

Zacuto Lusitano, 194, 2 09, 210. 
ZagdeMelea, H. 
Zahalon, Abraham, 156. 
Zarphati, Aron, 212. 



Zarphali, David, s. Pina. 
Zarphati, Vidal, 212, 
Zarza, Samuel, 48. 
Zarzal, Abraham, 84. 
Zarzal, Moses, 53. 
Zemacb, Abraham, 286. 



Druck von Breitkopf und Härte! in Leipzii 



Berichtigungen. 



i 


7 V. 


0. 


7 


21 V. 


0. 


40 


3 V. 


u. 


52 


18 V. 


0. 


76 


22 V, 


0. 


107 


2 V. 


0. 


110 


19 V. 


o. 


H9 


13 V. 


0. 


H9 


24 V. 


0. 



Seite Zeile stall: zu leseo : 

den der 

ein nolhwendiges Uebel eines nothwendigen Uebels 

nyn syn 

es er 

Diejo Diego 

Alah und dem AlJahundden 

bedeckt beladen 

missbeliebige miss liebige 

nach überschritten ist einzuschalten : »gegen eine Steuer von 
acht Crusaden« 
M9 26 V. o. sind die Worte: »gegen eine Steuer von acht Crusaden« zu 

streichen 
141 4 V. 0. Es Er 

152 14 V. 0. nach Leon ist ein Punkt zu setzen und nach Sanchez »und« 

einzuschalten 
161 7 v.o. geslürzest gestürzet 

165 5 V. o. ins i n 

173 3 V. u. vido o id o 

178 14 v.o. portugiesischen fremdartigen 

251 17 V. u. Fullano F' u 1 1 a n a 

255 4 v.o. Jeduhah Jehudah 

261 21 v.o. nach Sohn ist einzuschalten » o de r Bruder « 
264 5 v.o. Sasedo Salsedo 

280 2 v.u. des Landes d es gelo b t en L a n d es 

299 3 v.u. Sumada Samuda 

299 4 v.u. Sumada Samuda 

315 1 V. 0. Jeduhah Jehudah 

315 4 V. 0. Jeduhah Jehudah 



3m aSerlaflc bon ^crittanil SHcnÖelSfO^n in öeipjig ftnb ferner erfc^iencn: 

5Dtt§ öuc^ kt SBeltmeB^eit, ober Xiic Ccbrcn Ircc bcircutcui(|tctt pljilo- 
fapljcn ailtv 3eitctt. ©argeftcUt für bie ©ebilbeteu be6 beutfd^en 
SSoIfe«. 2 2;^eile. 1851. 3 2;^lr. 15 ^Igr.; cart. 3 2;^lr. 22V2 9lgr. 

Elegant Extracts from the luost celebrated British Poets. 

By Dr. Gleim. 1856. 3n Seinlüanbbanb mit ©olbfc^ii. 1 %^\x. 

ÄaDfcrIinjj, Dr. M., ^doftz ittcntjcl«f0l)n'« pl)ilofcjp|)ifd)c müf rcli- 
giöfc ©runJrfd^c mit ^inblicf auf Sefjtng bargeftellt. ^th^t e. 5ln- 
^nug , einige bi6 je^t ungebrucfte S3riefe 9Jlofe§ 9Jlenbelöfo^n'§ ent» 
^alteiib. 1856. , 22% 9^gr. 

Mirabeau, sur Moses Mendelssohn et sur la reforme politiqae 
desjuifs. Nouv. edit. 1853. 18 9lgr. 

SSttCCft, Sharon ©ug., ®aflt0fop|)tc otftt Vit irc|)v*c t>on Iren ftculrcn 
tftvZafd. 2%\)üU. 3 2;^Ir. 20 9lgr.; iußeinlüanbbanb 4^^lr. 

^ic 3erftörung ber ^i(iiit Serufalcm unter %\M. ^m Sefer aller ©taube 
bargefteUt nac^ g-IabiuS Sofep^ua. 1851. 25 9lgr. 




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